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Volf – 10 Thesen zu Exclusion and Embrace

Ich soll für meine Prüfung über Exclusion & Embrace (bei der ich mich explizit auf die Kapitel 2 und 3, also auf die zu Ausgrenzung und Umarmung beschränke) Thesen formulieren, die die Grundlage der Prüfung darstellen sollen. 

Ich habe heute mal einige Thesen formuliert, welche ein wenig die Hauptstränge von Volfs Denken und von den zwei Kapiteln in Exklusion & Embrace zusammenzufassen. Hier wäre ich natürlich über jede kritische Anmerkung (auch gerne zu einzelnen Formulierung) dankbar, da ich diese Thesen irgendwann Ende nächster Woche abgeben möchte. 

 

 

Thesen: 

 

  1. § 1 Miroslav Volf begreift Theologie als systematische Artikulation einer spezifischen Lebensform, die vom Glauben an den dreieinigen Gott geprägt ist. Dabei sind für ihn die Grenzen zwischen systematischer Theologie und Exegese, zwischen Dogmatik und Ethik und zwischen „Church Theology“ und „Public Theology“ fließend.
  2. § 2 Volfs Theologie hat ein ökumenisches Profil. Sie vereint Anstöße aus der pfingstlich- charismatischen Frömmigkeit, mit befreiungstheologischen, feministischen, aber auch lutherischen Theologie. Sie speist sich aber auch aus ökumenischen Begegnungen mit Römisch-Katholischen und Östlich-Orthodoxen Theologen, sowie der interreligiösen Begegnung (vor allem) mit islamischen Traditionen. 
  3. § 3 Volfs theologisches Programm kann als der Versuch verstanden werden, die Bedeutung der innertrinitarischen Gemeinschaft verstanden als soziale Trinität der gegenseitigen Einwohnung, der gegenseitigen Selbsthingabe und Aufnahme des Anderen, für das christliche Leben in einer Welt der Konflikte zu explizieren.
  4. § 4 Miroslav Volfs Buch „Von der Ausgrenzung zur Umarmung“ kann als eine theologische Antwort auf den Balkankonflikt und andere ethnischen Konflikte in der Zeit nach dem Kalten Krieg verstanden werden. Diese analysiert er als Prozesse der Exklusion. Exklusion bezeichnet dabei weniger die Ausgrenzung von gesellschaftlicher Teilhabe und mehr einen Prozess der (individuellen oder kollektiven) Identitätsbildung unter Ausschluss von Alterität, in der andere entweder assimiliert oder ausgestoßen, unterworfen oder vertrieben, symbolisch eingeordnet oder symbolisch ausgesondert werden. Dabei betont Volf, dass auch Gesellschaften, die sich als inklusiv und pluralistisch verstehen, auf solche feinen Mechanismen der Exklusion zurückgreifen.
  5. § 5 Im Engagement gegen Prozesse der Exklusion beobachtet er zwei Gefahren, die typisch „moderne“ Gefahr im Kampf gegen Exklusion selbstgerecht neue Formen der Exklusion zu schaffen und die typisch „postmoderne“ Gefahr durch radikale Kritik die Möglichkeit zur Verurteilung von Exklusion zu untergraben. Gegen die erste Gefahr betont er die Universalität der Sünde im Sinne der Erbsündenlehre und gegen die zweite Gefahr führt er eine schöpfungstheologisch begründete Unterscheidung zwischen legitimer Differenzierung/ moralischer Grenzziehung und illegitimer Exklusion ein. 
  6. § 6 Volf wendet sich gegen die vorherrschende Kategorie der Emanzipation bzw. der Befreiung (und damit auch gegen Teile der Befreiungstheologie), da diese Kategorie die Tendenz aufweist, alle menschlichen Konflikte in ein Täter-Opfer-Schema zu pressen und so der Komplexität dieser Konflikte nicht gerecht zu werden. Er bejaht zwar die postmoderne Skepsis gegen alle Versuche, die eine „finale Versöhnung“ aller Konflikte anstreben, kritisiert aber den radikalen Pluralismus Lyotards dafür, dass er de facto die Unterdrückung der Schwachen fortschreibt. 
  7. § 7 Gegen Prozesse der Exklusion betont Volf die Konstruktion eines Selbst, das fähig ist, nicht-exkludierende Urteile zu fällen und den anderen Raum in sich zu gewähren. Im Anschluss an Gal. 2, 19-20 entfaltet Volf einen Prozess der Dezentrierung und Rezentrierung des Selbst, welches in Christus eine Mitte hat, die nicht als Essenz des Selbst, sondern als sich selbst verschenkenden, kenotische Zentralität besteht, die das Selbst für den Anderen öffnet ohne die Grenzen des Selbst aufzulösen („katholische Persönlichkeit“). 
  8. § 8 Dieses dezentrierte und rezentrierte Selbst wird durch Prozesse der Umkehr, des „richtigen Erinnerns“, der Vergebung und der Öffnung für den Anderen („Raum machen in sich selbst“) in der Kraft des Heiligen Geistes ermächtigt, Versöhnung in einer Welt der Feindschaft zu leben. Ermöglicht wird dies durch das Kreuz Christi, welches die geöffneten Arme Gottes darstellt     (->Irenäus), durch die Gott Raum in sich schafft, um die feindselige Menschheit in sich aufzunehmen und am göttlichen Leben teilhaben zu lassen (theosis). 
  9. § 9 Als Symbol dafür, wie persönliche und kollektive Identität im Blick auf den anderen unter Bedingungen der Feindschaft gedacht werden kann, stellt Volf in Anlehnung an Lk. 15 die Metapher der Umarmung vor. Dabei skizziert Volf die vier Strukturelemente einer geglückten Umarmung, die ein Bild für die Dynamik einer versöhnten Beziehung darstellt: Öffnen der Arme, das Warten, das Schließen der Arme und schließlich das Loslassen des Anderen.  Diese Elemente symbolisieren eine Identität, die nicht in sich geschlossen ist, aber dennoch ihre Grenzen bewahrt, die sich zunächst einseitig für den anderen öffnet, aber nach Gegenseitigkeit strebt und die Raum schafft für den anderen ohne mit ihm zu verschmelzen. 
  10. § 10 Zusammengefasst wird Volf Argument in Röm 15, 7: „Nehmt einander also an, so wie Christus euch angenommen hat“.
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Volf – Exklusion, Unterdrückung und Entfremdung

Ich lege gleich nach und beginne damit, einige Gedanken von Volf nochmal zusammenzufassen und aufzuarbeiten. Dabei liegt mein Schwerpunkt auf Exklusion & Embrace (ich nutze hier weiterhin den englischen Titel), da ich über dieses Buch ja auch geprüft werde. Genauer beschränke ich mich nun erstmal auf die Kapitel 2 und 3, die jeweils vom Thema der Exklusion und der Umarmung handeln. Es soll hier also nicht wie im vorherigen Post, um eine kritische Auseinandersetzung, sondern um die Aufarbeitung von zentralen Gedanken gehen.

Miroslav Volfs Buch Exclusion & Embrace (=E&E) entstand zu einer Zeit, in der nach dem Zusammenbruch von vielen Ostblock Staaten und durch die Kräfte der Globalisierung verschiedenste gewaltsame ethnische Konflikte entbrannt waren. Der Balkankrieg war gerade ein Jahr vorrüber (zumindest der Konflikt in Kroatien und Bosnien-Herzegowina), zwei Jahre vor Erscheinen des Buches tobte in Ruanda einer der schlimmsten Genozide nach dem Zweiten Weltkrieg. Zwei Jahre zuvor gab es schwere Unruhen unter afroamerikanern in Los Angeles. Kurz um: gerade nach dem Verschwinden der Supra-Struktur des Kalten Krieges stellte sich das Thema der kulturellen Identität mit neuer Brisanz und durch Prozesse der Globalisierung kam es zu einem steigenden Konfliktpotenzia in Gesellschaften.

Miroslav Volf versuchte damals eine theologische Antwort auf diese kulturellen Konflikte zu finden. Doch bevor es darum gehen kann, einen positiven Beitrag zu Konflikten zu machen, müssen diese erst richtig erfasst und eingeordnet werden.

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Die Bibel als “wiki-stories”

Seit dem letzten Post bin ich auf ein Buch aufmerksam geworden, dass ich eine kompakte Moment-Aufnahme von dem geben will, was im englischsprachigen Raum unter dem Stichwort “Emerging” abläuft. Es heißt “Church in the present tense. A candid Look at What’s Emerging” und neben den Herausgeber und (analytische) Philosophie Professor Kevin Corcoran schreibt hier der irische posstrukturalistische Denker Peter Rollins, der pragmatische Vineyard Pastor Jason Clark auch der postevangelikale Exeget Scot McKnight. Letzterer schrieb einen Artikel über das (/ein) Bibelverständnis in der Emerging Conversation, dass sich auch als eine Antwort auf meine Anfragen im letzten Post lesen lässt.

McKnight beginnt mit einer Auflistung, wie man seiner Meinung nach oftmals die Bibel liest.

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Unzeit- gemäßheit

Wenn man in einer bestimmten kritischen Kultur als relevant gelten will, dann soll man bitteschön nicht versuchen, zeitgemäß zu wirken. Denn sonst macht man sich verdächtig, sich dem sogenannten Zeitgeist anzubiedern. Stattdessen zeigt man am besten, das man unbequeme Wahrheiten präsentiert, die dem Trend der Zeit diametral entgegengesetzt sind (der sogenannte Sarrazin Effekt). 

Sanduhr

(Copyright: http://www.flickr.com/photos/bogenfreund/)

Ob das nicht auch ein kleinen wenig lächterlich ist, sei dahingestellt. Aber etwas Wahrheit hat dieser Gedanke: wenn man etwas relevantes tun und sagen möchte, muss man sich hüten nicht bloß ein Echo der Stimmen zu sein, die einen umgeben. Es braucht Rückzug und – um jetzt spaßenshalber mal in ganz ekliges “Zukunft-braucht-Herkunft-Fahrwasser zu kommen – Rückbezug. 

Das ist wichtig bei dem Gedanken der Kontextualisierung. Es geht nicht um einen billigen Aufruf zur Modernisierung. Synchronität allein reicht nicht. Der Versuch einer einfachen Übertragung des Christentums wirkt schal und mißlingt meistens (“Christsein kann auch cool sein – siehe, wir haben jetzt Schlagzeug im Gottesdienst”).

Aber bei einer einfachen Asynchronität kann es auch nicht bleiben. Neulich las ich auf einer Homepage von ultraorthodoxen Katholiken die Meinung, dass die Junge Leute heute vor allem an einer hochliturgischen, streng konservativen lateinischen Messe interessiert wären. Die Tendenzen zur Selbststabilisierung sind in den Kirchen heute allgegenwärtig und umso offensichtlicher eine Krise des Christentums wird, umso mehr klammert man sich an Althergebrachtes. 

Dagegen möchte ich den Begriff der Wiederholung erklären, wie er von Kierkegaard, Walter Benjamin und zahlreichen anderen gebraucht wird. Wiederholung bedeutet hier nicht, etwas genau so zu tun, wie es vorher getan wurde. Zum Beispiel ist ein beliebtes Beispiel: Karl Marx. Bei der “Wiederholung” von Marx geht es nicht darum, dogmatischer Marxist zu werden, sondern sowohl seiner Gegenwart als auch der Geste von Marx treu zu sein und diese Geste in der Gegenwart zu wiederholen. Dabei kann man uU zu ganz anderen Resultaten kommen, als das historische Vorbild. 

Vielleicht ist das ein Begriff der uns in der Diskussion um Kontextualisierung weiterhilft: es geht um eine Wiederholung der Geste des Christentums, der Geste, die in den Evangelien und bei Paulus jeweils verschieden wiederholt wird. 

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Kontext- ualisierung II

Bei Peter ist eine Diskussion entstanden über genau die Frage der Kontextualisierung. Nun haben wir festgestellt, dass das Christentum eh eine ständige Übersetzung ist, dass es eh die Bewegung von Geschicten und Symbolen zu Begriffen ist, dann ist die Frage: wozu dann Kontextualisierung?

Das Problem ist, wenn dieser Prozess einfriert und eine bestimmte Begriffsbestimmung (Gesetz und Evangelium zB) zum überzeitlichen Maßstab genommen wird. Es gibt auch hier in der akademischen Theologie Versuche der Kontextualisierung. Aber oftmals bleiben diese eine Arbeit an den Begriffen, die als christliche Urbegriffe vorrausgesetzt werden: Gnade, Sünde etc.. Es bliebe die Frage: “Was bedeutet Gnade heute?”. Ich denke tatsächlich, dass man nicht ohne die Begriffe auskommt, aber es geht darum auch wieder den Prozess zwischen Begriff und Symbol in Gang zu bekommen, an beiden Stellen zu arbeiten: am Begriff und an der Narrative (und am Symbol). 

Kontextualisierung ist auch notwendig, um das Christentum aus vergangenen Sprachgestalten, die es heute eher behindern zu befreien. Dabei fragt eine Gemeinschaft, was diese Symbole und Geschichten vor Ort bedeuten. Sie guckt sich um, wo sie Gott am wirken in der sie umgebenden Kultur sieht und sie fragt nach Widerständen und zerstörerischen Impulsen in unserer Kultur heute.

Denn Kontextualisierung soll nicht bloß zu einer liberalen Adaption des Christentums an eine Kultur führen. Es ist immer auch prophetische Intervention (siehe die Idee des dreifachen Amtes der Kirche). Doch dazu mehr im nächsten Post.

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Kontext- ualisierung I

Vergangenes Wochenende, trafen sich verschiedene Leute aus der Emergent Bewegung um zu den wirklich großen Thema “Was ist das Evangelium?” Stellung zu nehmen.

Wenn man mit einigermaßen offenen Augen durch die christliche Szene spaziert, wird man eventuell recht schnell auf die Frage kommen: “Kann man überhaupt von dem einen Evangelium sprechen? Erzählen nicht verschiedene Gruppen ein ganz verschiedenes Evangelium?”.

Ich möchte hier den Fakt der Kontextualität des Evangeliums nachgehen. Das Evangelium ist immer ein “Evagengelium nach Johannes, Markus, Lukas, Paulus” etc. Dabei ist ganz naiv zu sagen: das Evangelium ist zunächst eine Geschichte bzw. eine Sammlung von Geschichten. 

Paul Ricouer spricht von einem “Bedeutungsüberschuß” (engl. surplus of meaning) von Symbolen, Metaphern und Narrativen gegenüber Begriffen. Anders ausgedrückt: ein Symbol, eine Geschichte etc. lässt sich nicht verlustfrei in Sätze packen. Man kann nicht einfach sagen, was dieses Symbol bedeutet; es ist immer “dies und mehr als dies”. 

Auf der anderen Seite kommt man eben nicht herum, immer wieder zu explizieren, was dieses Symbol bedeutet. Entweder in Anfragen von außen, in Auseinandersetzung mit Menschen, die dieses Symbol nicht intuitiv verstehen oder einfach um sprach- und handlungsfähig zu bleiben. So wird aus einem Symbol ein Definition, eine Botschaft. So entsteht aus der narratio das kerygma.

Somit ist also jede Predigt, jedes begriffliche Reden über die symbolisch aufgeladene Christusnarrative der genauso notwendige wie unmögliche Versuch, das auf den Begriff zu bringen, was nicht auf den Begriff zu bringen ist. Folglich ist das Christentum immer schon Übersetzung, ein nicht zum stehen kommender Prozess der Übertragung von Symbolen in Begriffe. 

Doch diese Begriffe “erkalten”, sie werden zu einem zeitlosen Extrakt der “wahren Botschaft des Christentums”. Dies macht es erforderlich, von dem Fakt der Kontextualität (Christentum ist immer die Beschreibung des Unbeschreiblichen in einem gewissen Kontext) zur Notwendigkeit der Kontextualisierung zu gehen. Hier geht es darum, erstarrte Begrife aufzubrechen. Es geht darum, den “Rest”, der nicht übersetzt worden ist und der nicht übersetzbar ist wieder geltend zu machen. Es geht darum, den Prozess der zum stehen gekommen ist (oder der zum Beispiel in eine Sackgasse geraten ist, wenn der einzige legitime Kontext die Akademie wird) wieder in Gang zu bringen. Es geht darum, dass kerygma im Fluß zu halten ohne jedoch die Notwendigkeit, eine Botschaft “herunterzubrechen” zu leugnen. Wir müssen immer wieder -auch in Form von Satzwahrheiten – über die Symbole des Glaubens reden, doch dabei die Vorläufigkeit dieser Satzwahrheiten immer wieder deutlich machen.

Das wäre mein erster Gedanke dazu, worum es bei der Kontextualisierung geht. Aber ich merke, dass hier mir selbst vieles noch unklar ist.

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Tanzverbot & das dreifache Amt

Dieser Post erschien schon auf meinem alten Blog ungefähr zeitgleich mit der Erstellung dieses Blogs und wird deshalb nochmal gepostet. 

Am Karfreitag darf nicht getanzt werden. Was in den letzten Jahren kaum ein Thema war, ist jetzt durch die Grünen in Baden-Würtemberg zum Gegenstand der Diskussion geworden. Daniel merkte kritisch an, das die Kirchen nicht Andersgläubigen vorschreiben sollten, wie sie ihre freie Zeit gestalten dürften. Ich denke ähnlich. Ich glaube zwar, dass es gesund ist, in gewissen Rythmen zu leben, die auch teilweise von außen vorgegeben werden müssen. Aber ich weiß nicht, inwieweit es in einer post-christlichen Kultur der Masse vorzugeben, wie sie diesen Tag zu gestalten hat. Ich selbst habe den Tag gestern mit einer Mischung aus Besinnlichkeit und Begegnung mit guten Freunden begangen, was zu meinem Bedauern nicht ganz ohne gute Laune ablief.

Ich frage mich indes, wie die Kirchen sich selbst  verstehen, wenn sie eine solche Regelung erbittert verteidigen. Dabei musste ich an das dreifache Amt Christi denken. Eine Lehre die unter anderen Jean Calvin vertrat und nach der Jesus Christus sowohl König, Priester und Prophet war. Der Trick dabei ist: diese Ämter prägen auch die Aufgabe der Kirche in einer Gesellschaft.

Und das geht so:

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