Das Zwielicht der Gemeinschaft

Mit der Gemeinschaft ist es so eine Sache. Für manche ist sie ein Heilsbegriff. Es wird einem warm ums Herz. Bilder aus der Jugend – oder von der Front – Bilder von “einst”, meist mit der richtigen Musik unterlegt, kommen einem ins Gedächtnis. Oder das Versprechen eines Wir’s. Eines großen Zusammenhaltes, der je nachdem verloren gegangen ist, oder noch aussteht. Manche denken eher an die piefige Enge kleiner religiöser Gemeinschaften, an die stickige Vertrautheit derer, die sich nichts mehr zu sagen haben oder an nationalsozialistischer Volksgemeinschaft, die in der Suche nach der Reinheit von Blut und Boden wurzelt. Andere sehen keinen Sinn darin, dieses Wort noch zu nutzen. Ähnlich wie das Wort Freundschaft scheint das Wort Gemeinschaft durch seine praktische Allgegenwart (Wohngemeinschaft, Fahrgemeinschaft, die europäische Gemeinschaft und natürlich die “Netzgemeinde”) an Bedeutung verloren haben. Doch scheinen sich so viele Probleme der Gegenwart gerade in diesem Wort und seiner Ambivalenz zu bündeln.

Die Frage nach Gemeinschaft und Zugehörigkeit scheint auch eine der zentralen Fragen in der derzeitigen Flüchtlingsdebatte zu sein: Hannah Arendt sprach in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg von der prekären Situation jener “Entwurzelten”, die aus sämtlichen politischen Zugehörigkeiten gefallen waren, und die nun um die Aufnahme in einem ihnen fremden Gemeinwesen ersuchten. Sie sprach hier vor allem von der Suche nach rechtlicher Zugehörigkeit, vom “Recht Rechte zu haben”.

Nun ist die rechtliche Integration in ein Gemeinwesen zwar die zentrale Frage in der öffentlichen Debatte (können sich Muslime “integrieren” – hier verstanden als: das Grundgesetz achten), aber die grundlegendere Frage, die durch die juristischen Erwägungen eher verdeckt wird, ist doch die Frage nach der Interaktion von Lebensformen. Wie stellt sich die Zugehörigkeit zu kulturellen Lebensformen dar? Welche konfligierende Loyalitäten treffen aufeinander? Wie verändert sich Lebensformen durch die Interaktion mit anderen Lebensformen und wie stellt sich in einer pluralen Welt so etwas wie Zugehörigkeit dar? Kurzum: wollte man die derzeitige Situation allein als individuelles Problem (der einzelne Flüchtling mit seinen Rechten) behandeln, verfehlt man das Problem genauso, wie, wenn man in einer kruden Großthese von einem Zusammenprall von “Zivilisationen” (Huntington) spricht.

Und so lässt sich das Paradox der Zugehörigkeit heute so benennen: auf der einen Seite sind Formen und Strukturen von Zugehörigkeit das, was Menschen suchen, die hier her kommen (Orte der Zugehörigkeit als Bedingung der Möglichkeit von Gastfreundschaft), zum anderen wird der ängstliche Vorbehalt gegen Fremde vor allem in Hinblick auf die Gefahr, die Fremde für diese Gemeinschaft darstellen, ausgesprochen (Zugehörigkeit als Bedingung der Unmöglichkeit von Gastfreundschaft). So spukt auf jeder PEGIDA und AfD Kundgebung das Gespenst einer Gemeinschaft herum. Diese Gemeinschaft wird  beschworen als eine esoterische Gemeinschaft der “Wahrhaftigkeit” (aka: Gemeinschaft derer, welche die gleichen Verschwörungstheorien verbreiten), eine Gemeinschaft derer, die sich aus Protest gegen die etablierte Ordnung verschworen haben: nicht jedoch, um diese Ordnung herauszufordern und zu erneuern, sondern um eine vermeintliche bedrohte Ordnung wiederherzustellen (“Europa der Vaterländer”, “Abendland” etc.). Und eine post-politische, organische Gemeinschaft, welche den Streit über die Zugehörigkeit und die Gestaltung der “polis” (also: das Wesen der Politik) hinter sich lassen will. Kein Streit soll mehr herrschen über das gemeinsame Zusammenleben, kein Kampf zwischen verschiedenen Interessen und Vorstellungen, sondern dieser Kampf soll ein für allemal durch den Verweis auf einen vermeintlichen volonté général, auf den großen, einheitlichen Willen des Volkes beendet werden: “Wir sind das Volk” – heißt auch stets: wer nicht will, was wir wollen, der schließt sich selbst aus dem Volk aus und er muss beseitigt, neutralisiert, “ausgeschafft” oder – auch gerne – vor einen “Volksgerichtshof” gezerrt  werden.

Niemand hat das Problem der Gemeinschaft prägnanter – und freilich dabei etwas parodistisch übertrieben – dargestellt als Franz Kafka in seiner kleinen Erzählung “Die Gemeinschaft”:

“Wir sind fünf Freunde, wir sind einmal hintereinander aus einem Haus gekommen, zuerst kam der eine und stellte sich neben das Tor, dann kam oder vielmehr glitt so leicht, wie ein Quecksilberkügelchen gleitet, der zweite aus dem Tor und stellte sich unweit vom ersten auf, dann der dritte, dann der vierte, dann der fünfte. Schließlich standen wir alle in einer Reihe. Die Leute wurden auf uns aufmerksam, zeigten auf uns und sagten: »Die fünf sind jetzt aus diesem Haus gekommen.« Seitdem leben wir zusammen, es wäre ein friedliches Leben, wenn sich nicht immerfort ein sechster einmischen würde. Er tut uns nichts, aber er ist uns lästig, das ist genug getan; warum drängt er sich ein, wo man ihn nicht haben will. Wir kennen ihn nicht und wollen ihn nicht bei uns aufnehmen. Wir fünf haben zwar früher einander auch nicht gekannt, und wenn man will, kennen wir einander auch jetzt nicht, aber was bei uns fünf möglich ist und geduldet wird, ist bei jenem sechsten nicht möglich und wird nicht geduldet. Außerdem sind wir fünf und wir wollen nicht sechs sein. Und was soll überhaupt dieses fortwährende Beisammensein für einen Sinn haben, auch bei uns fünf hat es keinen Sinn, aber nun sind wir schon beisammen und bleiben es, aber eine neue Vereinigung wollen wir nicht, eben auf Grund unserer Erfahrungen. Wie soll man aber das alles dem sechsten beibringen, lange Erklärungen würden schon fast eine Aufnahme in unsern Kreis bedeuten, wir erklären lieber nichts und nehmen ihn nicht auf. Mag er noch so sehr die Lippen aufwerfen, wir stoßen ihn mit dem Ellbogen weg, aber mögen wir ihn noch so sehr wegstoßen, er kommt wieder.”

(Franz Kafka – Die Gemeinschaft)

In Kafkas ironisch-parodistischer Parabel geht es zunächst um die Geburt einer Gemeinschaft: fünf Menschen kommen aus einem Haus und von außen werden sie als eine Gruppe wahrgenommen: »Die fünf sind jetzt aus diesem Haus gekommen.«. Die fünf kamen nicht einmal gleichzeitig, sondern nacheinander aus dem Haus. Aus dieser äußerst zufälligen Begebenheit wird nun eine feste Gruppenidentität postuliert. Die Gruppe, deren Zusammengehörigkeit vor allem auf  einer Behauptung fußt, ist also in gewissem Sinne grundlos. Grundlosigkeit besagt nun nicht, dass es keine Gründe gibt, sondern, dass diese nicht zeitlos, nicht ewig abgesichert sind: es gibt Gründe, es gibt Begründungen, es gibt “gemeinsame Werte” und unausgesprochene Regeln des Zusammenlebens. Man kann diese Gründe (“diese fünf sind gemeinsam aus einem Haus gekommen”), die Begründungen (“gemeinsame Erfahrung”), die Identität (“wir sind fünf und wollen nicht sechs sein”), die Regeln (“was bei uns fünf möglich ist und geduldet wird, ist bei jenem sechsten nicht möglich und wird nicht geduldet”) zwar beobachten und beschreiben, aber es sind kontingente Gründe, sie ruhen nicht in einem der Zeit enthobenen Wesen und nicht in einem göttlichen Ratschluss, der nun gerade diese fünf zusammenschweißt. Das Reden über Gemeinschaft hat die Eigenschaft, aus historischen Zufälligkeiten (fünf Menschen kommen aus einem Haus) eine identitätsstiftende Notwendigkeit zu machen. Doch hinter dem Verweis auf eine gemeinsame Geschichte, auf gemeinsame Werte und Erfahrungen steckt der Abgrund der Beliebigkeit (“Wir fünf haben zwar früher einander auch nicht gekannt, und wenn man will, kennen wir einander auch jetzt nicht”). Eine gemeinsame Geschichte ist ja immer nur die Erzählung einer gemeinsamen Geschichte und Zusammengehörigkeit hat meist den Charakter einer Unterstellung. Für ein Gemeinschaftsgefühl braucht es schon mehr.

Dazu benötigt es den störenden Sechsten. Dazu benötigt es jemanden, der kommt und den Zusammenhalt der Gruppe scheinbar durch seine bloße Anwesenheit gefährdet. Gemeinschaft, die identitär (also abgesichert durch eine starke Identität), organisch (also vermeintlich natürlich gewachsen) oder fusional (also im Modus der Verschmelzung von Einzelwillen) bestehen will, hat die Tendenz immer nur im Modus der Gefahr zu bestehen. Jedes Reden über Gemeinschaft in diesem Sinne ist Reden über die Gefährdung von Gemeinschaft von außen (und innen!). Der hinzugekommene Sechste ist es, der die Gemeinschaft vermeintlich stört und dadurch erst schafft. Er ist der notwendig nicht-Zugehörige, dessen nicht-Zugehörigkeit erst die Zugehörigkeit der fünf begründet: »Außerdem sind wir fünf und wir wollen nicht sechs sein.« Gemeinschaft in diesem Sinne ist eine Figur der Schließung, ein imaginäres (das heißt nicht einfach: nicht vorhanden oder falsches!) Produkt der Einbildungskraft, die den Traum eines “friedlichen Lebens” erst erschafft. Man imaginiert eine Ganzheit, eine Vollständigkeit, eine Zusammengehörigkeit, obwohl die Grundlage dafür nicht hinreichend ist. Also benötigt es den störenden Sechsten, auf den man die inneren Widersprüche der Gemeinschaft projizieren kann.

Nichts stiftet mehr Zusammenhalt als ein gewaltsames Opfer.

Dieses dekonstruktive Reden über Gemeinschaft soll nun nicht einfach dafür eintreten, den Begriff der Gemeinschaft fallen zu lassen und das beziehungslose Individuum an seine Stelle zu setzen. Wie schon angedeutet: wo es keine Zugehörigkeiten gibt, gibt es auch keinen Ort, an dem jemand aufgenommen werden kann. Und gerade dort, wo konkrete Formen der Zugehörigkeit und Solidarität in Namen einer maßlosen Eigenverantwortlichkeit erodieren (“jeder ist für sich selbst verantwortlich”), ist der Weg zu einer falschen “Volksgemeinschaft” sehr kurz. Diese identitäre Gemeinschaft wurzelt in einer falschen Sicht von einer der Zeit enthobenen Identität (“das christliche Abendland”), in der Annahme einer vorgängigen nationalen Ganzheit (“die Deutschen”), oder in der Annahme einer fusionalen Willenseinheit (“das Volk”). Und noch in dieser falschen Sehnsucht nach einer harmonischen Ganzheit drückt sich immer auch das aus, was als fehlend erlebt wird: es fehlt konkrete Solidarität, es fehlt das Gefühl in seinen Kämpfen nicht allein da zu stehen, es fehlen Orte der Zugehörigkeit. Die Frage ist also nicht, ob es Zugehörigkeit und Gemeinschaft braucht, sondern wie man diese vorstellen kann ohne den Verweis auf Einheit, Harmonie und starker, der Zeit enthobenen, Identität.

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Cornell West und die Selbstbefragung

Philosophieren heißt sterben lernen, sagt Cornell West im Fahrwasser von Sokrates, Montaigne und anderen. Aber sterben als Tod-im-Leben. Hier spricht er in einem sehr guten Video-Auschnitt über den Mut, den es zur Selbstbefragung braucht.

“What happens when you interrogate yourself? What happens when you begin calling into question your tacit assumptions and unarticulated presuppositions and begin then to become a different kind of person? You know, Plato says philosophy’s a meditation on and a preparation for death. By death what he means is not an event, but a death in life because there’s no rebirth, there’s no change, there’s no transformation without death, and therefore the question becomes: How do you learn how to die?
Of course Montaigne talks about that in his famous essay “To Philosophize Is to Learn How to Die.” You can’t talk about truth without talking about learning how to die because it’s precisely by learning how to die, examining yourself and transforming your old self into a better self, that you actually live more intensely and critically and abundantly. So that the connection between learning how to die and changing, being transformed, turning your world upside down.”
(Textauszug nicht deckungsgleich mit dem Video-Auschnitt)

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Freiheit als Unruheherd

In der nächsten Zeit werde ich vermutlich wenig dazu kommen, längere Gedanken hier zu formulieren. Also übernehme ich eine gute alte Praxis: das Posten von Kalendersprüchen. Fast. Eher die philosophische Variante davon. Weniger “Der kleine Prinz” und mehr so Nietzsche.

Beginnen möchte ich mit einem schönen Zitat von Bernhard Waldenfels. Der letzte große deutsche Phänomenologe zeichnet sich dadurch aus, besonders prägnant und zugänglich zu schreiben. Es geht ihn um einen anderen Freiheitsbegriff, der nicht nur das einsame Individuum betont.

Nach Waldenfels Philosophie der Responsivität machen wir nicht Erfahrungen, sondern Erfahrungen machen (etwas mit) uns. Demzufolge beginnt Freiheit “anderswo” nämlich bei den Dingen, die uns passieren, auf die wir dann “kreativ antworten” müssen.

“Freiheit, die im Schatten der Fremdheit wohnt, gibt sich zugleich bescheidener und anspruchsvoller als das, was in der Moderne als Freiheit angepriesen wird. Sie erscheint in vielfältiger und indirekter Form, als ein Sicheinlassen und Aufmerken auf Fremdes, als Wachsamkeit der Sinne, als ein Ausnutzen von Spielräumen, als erfinderische Antwort, als experimentierendes Denken, als Risikobereitschaft, als Freimut der Rede, als Wortwitz, als ironische Distanz, als Rücksicht, die Raum gewährt, als ein Zögern, das innehält – kurz, als ein Tun, das unbewusste und unwillkürliche Antriebe aufnimmt und auf unerwartete Ansprüche antwortet.

So kommt es zu einer ständigen Überschreitung des Eigenen und Vertrauten, zu einer oftmals unmerklichen Abweichung von Regeln. Der anarchische Überschuss an Freiheit bestünde darin, dass sich Freiheit niemals völlig institutionalisieren und normalisieren lässt. Derart verfremdet wäre die Freiheit ein Unruheherd, nicht mehr und nicht weniger.”
(Bernhard Waldenfels – Schattenrisse der Moral, Frankfurt a.M.2006, S. 118)

Zu Pegida III

Preaching to the choir – zu denen reden, die eh schon überzeugt sind. Was soll das ausrichten außer das man billigen Applaus ernten kann? So eine Analyse kann vielleicht wirklich die Dinge in einen anderen Zusammenhang stellen, und auch der Tonfall und die Art der Auseinandersetzung mögen hilfreich sein, aber im Endeffekt werden sich nur wenige hier hin verirren, die noch überzeugt werden müssten.
Und dann landet man beim alten Widerspruch: sich auf selbstgefällige Weise über die Selbstgefälligkeit der anderen aufzuregen, aus einer abgesicherten Position seine eigene Weltoffenheit und Toleranz zu feiern und sich auf die Schulter zu klopfen, dass man nicht so dumm und intolerant ist wie “die dort”.
Also will ich mal etwas sehr Altmodisches machen und vorschnell von einem “uns” ausgehen, dass durch PEGIDA in Frage gestellt wird. Ich will also mit dem schließen, was ich ganz gut kann: Fragen stellen. Man sehe mir dabei bitte nach, falls dies stellenweise die Schranke zum Pathetischen überschreitet, aber das muss so.

Wie schon angedeutet: ist es nicht grotesk, dass wir hier ein Thema diskutieren, dass in den 90ern schon ausreichend beackert worden ist und man sich mit Argumenten auseinandersetzt, die in den 70er Jahren schon alt waren? Was sagt es über den Status und über die Reichweite kritischer Intellektualität aus?

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Zu Pegida II

Nun möchte ich fortfahren mit meiner Analyse von dem, was ich hier von PEGIDA mitbekommen habe.

Welche Rolle spielen Fakten?

Viele denken, dass PEGIDA durch Fakten leicht zu entkräften ist. In den ungeschnittenen Interviews erwiesen sich viele PEGIDA Demonstranten als sehr resistent gegen Fakten. Und zwar nicht, weil die Leute einfach blöd wären.
Den Vorwurf es handle sich hier um Idioten halte ich zum einen für eine Verharmlosung, zum anderen für genau die Art von Überlegenheitsgestus, der Ressentiments schürt.

Die Auseinandersetzung mit PEGIDA muss damit beginnen, dass man anerkennt, dass man mit reinen Fakten gegen Leidenschaften nichts auszurichten vermag. In den Interviews spürte man bei nahezu allen Äußerungen eine Grundhaltung des Ressentiments. Aus dieser Haltung heraus betrachtet man die Realität. Ressentiment gegenüber sogenannten Sozialschmarotzern oder auch gegenüber einer medialen, politischen und akademischen Elite, der man unterstellt, das sie die Fakten so hindreht, wie sie diese gerade braucht.

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Zu Pegida

Da haben wir jetzt den Salat.
Soziologen haben schon lange darauf hingewiesen, dass so etwas möglich sei und nun ist recht plötzlich und ohne handfesten Anlass auch in Deutschland eine national-identitäre Protestbewegung mit großem Zulauf  aus breiten Schichten der Bevölkerung entstanden .

Ich habe seit ca. 3 Jahren auf soetwas gewartet, hatte es mir aber ein wenig anders vorgestellt: europakritischer und von den Führungspersönlichkeiten etwas charismatischer. Aber gut.

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Raum geben – Adventsandacht

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Im Ökumenischen Wohnheim war es letzten Freitag meine Aufgabe zum großen Adventsfest eine Andacht zu halten. Nun bin ich zwar ziemlich eingerostet, was das angeht, aber die Andacht gefiel mir letztlich doch ganz gut und so will ich die hier hochladen. Wie es sich für ein ökumenisches Wohnheim gehört, entschied ich mich für ein eher katholisches Thema: Maria und die Ankündigung der Geburt Jesu in Lukas 1.

I. Vom Unmöglichen getroffen

Manchmal passiert einem etwas Unerwartetes.

Manchmal widerfährt einem etwas, dass den Horizont sprengt.

Manchmal wird man vom Unmöglichen getroffen.

Was bedeutet das wohl: schwanger zu werden? Kann man das als Mann eigentlich nachvollziehen? Plötzlich ist alles anders, plötzlich verändert sich der ganze Körper, vielmehr noch: das ganze Leben. Alles muss umgestellt werden: die Ernährung, die Lebensweise. Und man merkt, wie da etwas Neues heranwächst.

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Con:Fusion 2014: Waberndes und Flüssiges

In Zygmunt Baumans Typologie postmoderner Lebensformen gibt es den Typen des Vagabunden. Dem Vagabund hängen fremde Gerüche an, seine Körpersprache wirkt unstimmig, seine Gesten unbeholfen. Er scheint fehl am Platz. Man merkt, dass er nicht von hier ist. Er pflegt seine eigene Unzugehörigkeit und leidet dennoch darunter. Nichts ist ihm so suspekt wie Heimatgefühle, nach nichts sehnt er sich mehr.

Es stellt sich die Frage, ob es Orte gibt, an denen selbst Vagabunden zuhause sein können.

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Beim Präsentieren – Quelle: Daniel Hufeisen

Vergangenes Wochenende trafen sich fast 40 Leute, manche davon Vagabunden, in der hessischen Pampa – ausgerechnet in Wabern – Emergent Deutschland veranstaltete dort Con:Fusion, ein kleines, konzentriertes Format. Ein Neustart.

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Andacht zum Fahradfahren oder: das Evangelium ist kein Lagerfeuer

Nun habe ich meinen neuen Job im Ökumenischen Wohnheim als Studienleiter angetreten. Da es Teil des Jobs ist ca. alle 1,5 Wochen eine Andacht vorzubereiten und ich die doch meistens ganz ausformuliere, hier mal eine solche Andacht. Es knüpft an, an eine Frage, die ich die Woche davor aufgeworfen habe, nämlich: wie sieht eine Spiritualität des Gegenwärtigen und Alltäglichen aus?

Lesung:

Joh 17,18: So wie Du mich in die Welt gesandt hast, so habe ich sie in die Welt gesandt.

Andacht:

Letzte Woche habe ich die Frage aufgeworfen nach einer Spiritualität des Alltäglichen, des Weltlichen, nach einer Spiritualität, die eben nicht nur in stillen Kämmerlein oder hinter dicken Kirchenwänden funktioniert, sondern inmitten eines herausfordernden Lebens, inmitten der Vielzahl von Eindrücken aber auch von Langweile, inmitten von Sinnlichkeit und Sinnlosigkeit, inmitten der Fülle des Lebens, aber auch seiner Leere und Stumpfsinnigkeit, inmitten von Begegnungen, die mal belebend, mal frustrierend sind. Inmitten einer Welt, die scheinbar den Glauben an Gott gar nicht so unbedingt braucht, um gut zu funktionieren.

Ich habe einen Text gefunden, darüber wie man mit diesen Spannungen umgeht. Eine Art postmodernen Psalm.

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Ostdeutschland und die Politik der Sichtbarkeit

Es hat schon einen irgendwie fahlen Beigeschmack dieses Interview mit Joachim Gauck in der Gethsemane Kirche in Berlin zum 25. Jubiläum des Mauerfalls. Schon die Wahl des Ortes spricht eine gewisse Sprache: hier spricht jemand aus einer Kirche heraus, die Teil der Ereignisse des Herbstes 89 war. Hier spricht also jemand in Namen der Akteure des “Wendeherbstes” und in Namen eines Protestantismus, der sich gerne als Hort der Freiheit gibt. Fast schon vermeint man zu hören, die Wende sei eine protestantische Revolution gewesen.
Alles an diesen Äußerungen spricht von einer Strategie der Vereinnahmung der damaligen Akteure, eine Strategie, die auch gleichzeitig einen großen Teil der ostdeutschen Wählerschaft zu entmündigen scheint. Doch warum sollte man dieses Fass überhaupt aufmachen? Scheinen doch Gauck und Merkel die besten Beispiele für eine gelungene Wiedervereinigung zu sein.

Eigentlich scheint doch alles gut und vielleicht ist es doch längst überholt, die Kategorien von Ost und West zu bemühen. Doch vielleicht steckt hinter dem in Ost und West sehr geläufigen Satz “das ist doch längst kein Thema mehr” genau ein Problem: weil es vielleicht nie hinreichend thematisiert worden ist.

Elephantenrunde und bockige Bayern

Ich erinnere mich gut an die sogenannte Elephantenrunde nach der Bundestagswahl 2013, in der die Spitzenkandidaten der 5 großen Parteien und der FDP in einer Runde saßen und das Wahlergebnis kommentierten. Thema Nummer eins war damals neben dem Ausscheiden der FDP vor allem die Autobahnmaut, auf die die CSU drängte, wie schon vorher auf die Einführung des Betreuungsgeldes. Die Partei DIE LINKE war mit 8,6% bundesweit die größte Oppositionspartei und mit 22,7% in Ostdeutschland klar zweitstärkste Kraft. Bei der Elephantenrunde im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, wurde jedoch weniger mit der Partei gesprochen als über sie gesprochen. Die SPD sollte sich zur Regierungsfähigkeit der LINKEN äußern, Experten kamen und sprachen darüber, was ostdeutsche Wähler zu solch komischen Wahlentscheidungen bewegte. Da konnte fleißig darüber spekuliert werden, ob viele Ostdeutsche noch fremdeln mit der nicht mehr ganz so neuen Freiheit oder ob es sich um bloße Protestwähler handelte. Die Medien zeigten hier und an anderer Stelle die Tendenz nicht nur eine Partei aus einem Dialog auszugrenzen, sondern damit auch einen großen Teil der Wählerinnen in Ostdeutschland zu entmündigen. Sie werden im Blick der Experten und unter den “kritischen Fragen” der Journalisten zum bloßen Kuriosum, dass es zu erklären gilt. Die Wähler wurden zum Objekt der Analyse, ohne dass man ihnen dabei den Status als mündige Subjekte politischen Handelns zubilligte. Und das ganze während zeitgleich eine bockige bayrische Regionalpartei, die jüngst nicht selten ein gewisses Defizit beim Verständnis von demokratischen Prozessen zeigte, mit ihren Vorschlägen, die eben diese Experten quer durch die politischen Lager als kurios beurteilten, völlig ernst genommen wurde.

Das Unvernehmen

Darin zeigt sich ein Unvermögen zum Zuhören, das man ja dem deutschen Bildungsbürger gern mal nachsagst, aber hier eine politische Komponente bekommt. Das Unvernehmen, wie es der Philosoph Jacques Ranciere nennt, zeigt, dass auf der Kehrseite des sogenannten “breiten gesellschaftlichen Konsens” immer auch Positionen stehen, die ungehört bleiben. Erfahrungen, für deren Artikulation es weder Begriffe noch Räume zum Sprechen gibt. Ganze Gruppen werden auf lautlos gestellt. Damit sei nicht gesagt, dass alles, was im öffentlichen Raum ungehört bleibt, gleich wertvoll ist, aber im Falle Ostdeutschlands scheinen wertvoll-irriterende Erfahrungsbestände im Namen des postulierten Zusammenwachsens einfach ausgeblendet. Hier scheint ein Fehler unterlaufen zu sein: das sogenannte Zusammenwachsen wurde sehr schnell (von beiden Seiten übrigens) von einem Postulat zu einer Tatsache erklärt, ohne sich darüber Gedanken zu machen, dass es nicht bloß um die Mauern in den Köpfen geht, die einzureißen sind, sondern um spezifische Erfahrungen, die zu teilen sind, Identitäten die in beiden Teilen Deutschlands zu rekonstruieren sind und Menschen, die anzuerkennen sind in ihrem Bemühen, sich in einem dumpf-durchwalteten Überwachungsstaat Spielräume zu erhalten.

Doch es herrscht eine zumeist freundliche Ignoranz vor. Unter dem Diktum: “das ist heute kein Thema mehr” werden reale Unterschiede in der Art die Welt wahrzunehmen einfach stumm geschaltet. Dort, wo man das Zusammenwachsen betont, wird die Rede über Differenz unterdrückt. Den Gedanken, dass hier Erfahrungsbestände liegen, welche die eigene Art die Welt wahrzunehmen brechen, irritieren und dadurch bereichern könnten, spürt man recht selten. Integration – so scheint es ja noch heute – heißt, dass “DIE DA” wie “WIR” werden. Sie bemisst sich an der jeweils gesellschaftlich tonangebenden Gruppe, zumeist bürgerlich, westdeutsch, männlich.

Ostdeutsche Erfolgsgeschichten? 

Und auch, wenn es da mit Merkel und Gauck ostdeutsche Erfolgsgeschichten geben sollte, dann handelt es sich doch in beiden Fällen um Menschen, die gut ins Bild passen, die sagen, was man hören möchte und die dabei helfen, die Ereignisse um den Mauerfall in einer Weise zu vereinnahmen, die die Hauptakteure der friedlichen Revolution ’89 (nämlich: Friedens- und Umweltbewegung, einzelne  kirchliche Akteure wie Schorlemmer – schonmal gehört? – und Künstlerinnen) einfach stumm schaltet.

Unsichtbarkeit, Deutungsmacht, Paternalismus

Es geht also um eine Invisibilisierung von jenen ostdeutschen Erfahrungsbeständen – insbesondere aus den ersten 5 Jahren nach der Wende – die nicht gut ins Bild der geglückten Wiedervereinigung passen. Es geht um fehlende Lernbereitschaft und fehlende Toleranz für ein anderes symbolisches Koordinatensystem. Es geht um fehlende Anerkennung, die nicht zuletzt auch in dem finanziellen Desaster sinnfällig wird, dass auf die ostdeutsche Generation von Rentnern zukommt, die nun vor der Altersarmut stehen.

Es geht auch um eine Politik der Deutungsmacht, in der ein Verbund von Historikerinnen, Politikern und Theologen versuchen, die Wahrheit über die Revolution ’89 festzustellen, die sie in dem Begriff der Freiheit vermuten (ein Begriff, der außer in Bezug auf die Reisefreiheit erstaunlicherweise in vielen der zeitgenössischen Äußerungen fehlt) und diesen Begriff nun so gerne so füllen, dass er ihrem weltanschaulichen Programm entspricht. Die zeitgenössischen Akteure kommen dabei kaum zu Wort.

Und zuletzt geht es um eine Politik des Paternalismus, in der von Seiten wohlmeinender Kommentatoren, den Ostdeutschen eine gewisse Lernkurve zugestanden wird: “sie fremdeln noch und müssen sich daran gewöhnen, wie die Dinge hier laufen.” Damit macht man ein weiteres Mal das Eigene zum Maßstab, nach dem sich alles zu richten hat ohne auch nur einen Moment von (Selbst-)Zweifeln und Kritik zuzulassen.

Zusammengefasst: Die Spezifik ostdeutscher Erfahrung ist deshalb heute kein Thema mehr, weil sie nicht thematisiert werden kann.  Weil es keine Register des Sprechens gibt, keinen Ort der Aussprache und keine Möglichkeit Konflikte als solche zu benennen. Übrigens höre ich immer wieder von Menschen, die heute nach Ostdeutschland ziehen, dass die kulturellen Unterschiede völlig evident, wenn auch schwer benennbar sind. Die Unfähigkeit, anderen eine Stimme zu geben und sich von fremden Erfahrungen angehen zu lassen auf der einen, die Unfähigkeit, seine Stimme zu ergreifen und die Spezifik der eigenen Erfahrung völlig ohne Verbitterung und Nostalgie in den Diskurs einzubringen auf der anderen Seite zeigen, dass auf der kulturellen Ebene noch viel geschehen muss.

Und vielleicht muss man sich dabei ganz zu allererst von der Metapher des Zusammenwachsens verabschieden. Oder um einmal einen Satz Christa Wolf in ihrer Rede am Alexanderplatz am 4. November in einen anderen Kontext zu verpflanzen: “Das nennt sich nun Dialog. Wir haben ihn gefordert. Nun können wird das Wort fast nicht mehr hören. Und haben doch noch nicht wirklich gelernt, was es ausdrücken will.”

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