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Žižek – Wenn das Denken überbordet

Was sind die drei besten Dinge im Leben?

Der Drink davor und die Zigarette danach.

Schenkelklopfend beginnt  Žižeks Buch schon mit dem Inhaltsverzeichnis. Žižek versucht einen Rundumschlag durch die gesamte Geistesgeschichte abzuliefern von Platon und den Vorsokratikern über Hitchcock zur Quantenphysik. Das Zentrum des Buches sind zwei große Teile zum “Ding an sich” (also Hegel und Lacan), was von einem 200-seitigen Vorspiel (“The Drink before” über Platon, das Christentum und Fichte) eingeleitet wird, bevor man den Abend mit einer Zigarette danach (über politische Philosophie und Terror, Heidegger und Quantenphysik) ausklingen lässt.

Doch schon die Einleitung hat es in sich. Auf 23 Seiten findet schon ein Rundumschlag statt wie er größer nicht sein könnte voller Einzelstudien zu Akte X, den Buddhismus, den deutschen Idealismus, 3 Arten der Dummheit, jüdische Witze, Freud, Hegel, dem Universum und den ganzen Rest.

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Memento, die NSA und die Falle des Positivismus

“Die Amerikaner müssen Fakten liefern!” “Wir setzen eine Kommission ein, um die Fakten genau zu überprüfen” dieses und Ähnliches liest man zur Zeit allenthalben in Bezug auf die NSA Affäre.

Und damit zeigt sich, wie heute eine Geisteshaltung, die mehrere hundert Jahre alt ist, ein großes Comeback feiert: der Positivismus. Der Positivsmus im engeren Sinne kennzeichnet eine Geisteshaltung, die nichts als wahr anerkennt, was nicht von “positiven” Befunden gedeckt ist. Diese sollen dann vornehmlich von naturwissenschaftlichen Experimenten, von sozialwissenschaftlichen Erhebungen und Expertenkommissionen geliefert werden. Kurz: Wahr ist nur, was sich durch “objektive Messinstrumente” (Fragebögen, Experimente etc.) von unabhängigen Experten verifizieren lässt (oder dann später in seiner kritischen Abwandlung: was sich nicht mehr falsifizieren lässt).

Etwas weiter gefasst ist es die Herrschaft der grauen Experten mit ihren Balkendiagrammen und quantifizierbaren Aussagen. Das heißt: es braucht Statistiken, Fakten und vor allem Zahlen, um zur Wahrheit zu gelangen. Man kann heute ja kaum noch auf Toilette gehen, ohne danach einen Fragebogen auszufüllen nach dem Motto: “Auf einer Skala von 1 bis 5 wie zufrieden waren sie mit der Spülung/dem Zustand des Klos/der Hygiene”.

Mir wurde einmal von einer Lehrerin der Tipp gegeben: “Schreiben Sie später wenn sie mündliche Noten machen, möglichst viele mündliche Zwischennoten mit Datum auf. Wenn sich einmal die Eltern über die mündliche Noten beschweren sollten, können Sie sehr schnell eine Reihe von Zahlen nennen (3. Juni eine 5, 18 Juni eine 4, 5 Juli eine 4). Dadurch wird es dann schwer dagegen zu argumentieren.”

Hier zeigt sich, dass nicht mehr aus der Sache argumentiert werden soll – was ja dann immer diskutabel und “subjektiv” ist – sondern anhand von vermeintlich obketiven Daten. Das diese natürlich nichts anderes sind, als eben subjektive Interpretationen kann durch die Anreihung von möglichst vielen Zahlenreihen hübsch verschwiegen werden.

Außerdem zeigt sich, dass der Positivismus, der mal als ein Instrument gegen die Mächtigen gedacht war, längst zu einem Instrument der Herrschaftsausübung geworden ist. Der Positivismus der Aufklärung (und natürlich reichen quasi positivistische Herrschaftsmechanismen wie die Volkszählung viel weiter zurück als die Aufklärung) wollte überlieferte Herrschaftsansprüche kritisch überprüfen und wenn sie sich nicht auf “objektive Fakten” zurückführen lassen, gegebenenfalls zurückweisen. Ob das jemals so funktioniert hat, darf bezweifelt werden. Aber heute wirkt der Positivismus deutlich als ein Instrument der Macht, der eher kritische Rückfragen suspendiert und in die dunklen Kammern von irgendwelchen Gremien verschiebt, als das er wirklich kritisches Potenzial hat.

Eigentlich ist der Positivismus erkenntnistheoretisch längst überholt. Aber viele der heutigen Wissenschaften zeichnen sich durch eine erstaunliche Theorie-Vergessenheit aus: sie fragen nicht mehr selbstkritisch danach, wo die Grenzen ihrer Methoden liegen, sondern zeichnen sich oftmals durch eine naive Methodenfrömigkeit aus, die auch ihren Niederschlag in der Wissenschaftsförderung hat. Es ist eher die angewandte (und sofort “Ergebnisse” liefernde) Forschung, die gefördert wird als die Forschung, die kritisch nach den Grundlagen fragt.

Ich muss dabei an den Film Memento denken, einer meiner Lieblingsfilme aus der Ära von Filmen wie Butterfly Effect und Fight Club. Es geht um einen Mann, der die Fähigkeit verloren hat, neue Erinnerungen zu bilden. Er kann sich genau an sein Leben vor dem Erinnerungsverlust erinnern, aber er findet sich ständig in neuen Situationen wieder ohne sich dabei dauerhaft orientieren zu können. In dieser Situation erschafft er ein kompliziertes System aus Polaroidfotos und Tattoes auf seinem Körper, die ihm die Fakten seines Lebens zeigen sollen: “Fakt 1: Ich suche den Mörder meiner Frau” etc. Daneben steht auch die Anweisung bitte regelmäßig sein Bein zu rasieren, weil einige wichtige Fakten auf dem Oberschenkel tätowiert sind (Kettcar lässt grüßen) und so zu überwuchern drohen (allein dies finde ich schon ein wunderbares Bild). Dieser Mann, Leonard, war in seinem früheren Leben – gut kaffkaesk – Versicherungsdetektiv. Er sollte die Geschichten seiner Mitmenschen überprüfen und die wahren Fakten hinter den Geschichten aufdecken. Doch am Ende – ohne jetzt zu sehr spoilern zu wollen – entpuppt sich sein eigenes Gebäude aus vermeintlichen Fakten als Fälschung und der Detektiv fällt auf seine eigene Lügen herein. Auch wenn er penibel genau mit großer methodischer Strenge und logischem Sachverstand die Beweiskette aufbaut, so zeigt sich doch, dass Fakten ohne Erinnerung, also ohne Zusammenhang, lügen. Immer. In ca. 63% der Fälle. 

Es zeigt sich auch, dass Zahlen-Daten-Fakten-Fetischismus ein Zeichen von einer extrem fragmentierten Welt ist. Dort wo die Welt immer unüberschaubarer wird, wo sich das Wissen immer weiter verästelt und es kleinteiliger wird, ist man schneller bereit, die Fähigkeit zu einem eigenen kritischen Urteil zurückzustellen und dieses den sogenannten Experten zu überlassen. Doch wo man das macht, überlässt man das Feld den Expertenkommissionen. Und der notwendige Streit und die wirklich gefährlichen Fragen (“Wie wollen wir leben?”) werden zurückgestellt für die ungefährliche Fragen “Was ist passiert?”, “Welche Techniken können wir einsetzen, damit es schwerer wird uns zu überwachen?” “Was kann jeder einzelne tun?” etc.

Doch wie kann man damit umgehen? Der Positivismus lässt sich zur Zeit nicht einfach ignorieren. Neulich wurde Slavoj Zizek von Noam Chomsky angegriffen (Link) weil er und diese ganzen kontinentalen Philosophen ihm nicht empirisch genug sind. Als Zizek darauf angesprochen wurde, war seine banale Antwort:

“I don’t know a guy who was so often empirically wrong”.

Ohne das weiter ausführen zu wollen glaube ich, dass die Antwort auf den Positivismus in dieser Art lauten muss. Ohne jemals die Grundideen des Positivismus zu teilen, gilt es trotzdem immer wieder empirisch nach denjenigen Fakten zu suchen, die nicht in den offiziellen Kommissionsberichten vorkommen, um damit den ganzen Fakten-Fetischismus in Frage zu stellen.

[Subversive Kirche – was macht(e) Kirchen subversiv?]

So nachdem nun die Prüfungen zunächst mal vorbei sind, wollte ich doch noch die Serie zu einem Ende bringen. Und anstatt jetzt tatsächlich durch sämtliche Phasen und wichtige Ereignisse der DDR Kirchengeschichte zu gehen und die Leute mit einem komplexen Bild dieser Zeit zu langweilen, will ich die Sachen etwas herunterbrechen.

Die Frage, die ich mir gestellt habe: inwiefern konnte Kirche in der DDR subversiv sein, also die offizielle Linie der SED durch eigene Praxis zu unterwandern? Und welche Rolle spielte das am Ende der DDR? Ich mag hier eigentlich keine einfachen Thesen, nach dem Motto: die Montagsgebete waren der entscheidende Faktor der Wende, so einfach ist es dann nicht. Außerdem muss man sagen: die Kirche konnte nur an einigen Stellen subversiv und kritisch sein, weil sie vorher an anderen Stellen besonders angepasst und loyal dem Staat gegneüber war. So muss man die Kirche als institutioneller Akteur (und hier besonders die Kirchenleitung) unterscheiden von der Kirchenbasis und allgemeiner noch: der Kirche als Raum.

Kirchensprengung

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Karfreitag oder: ein Bein, das sich zum Tanze regt…

… wird im Himmel abgesägt. 

Jedes Jahr das gleiche Bild. Die Disko- und Clubbetreiber beschweren sich über das gesetzliche Tanzverbot, die Grünen rufen zu irgendwelchen Tanz-Flashmobs auf und die Kirche lässt verlautbaren, wie wichtig diese Traditionen sind. 

Da sind mehrere Aspekte zu beachten. Zunächst einmal die Frage, ob sich so ein Tanzverbot überhaupt inhaltlich begründen lässt. Hier finde ich kann man beim Volkstrauertag oder Karfreitag Begründungen finden, nicht jedoch am Ostersonntag. Ein Tanzverbot für den Ostersonntag ist theologischer Unsinn. Aber gut. 

Es geht doch gar nicht darum, ob es sinnvoll ist, am Karfreitag tanzen zu gehen und ob, es nicht auch reicht, wenn man die übrigen 364 Tage im Jahr tanzen gehen kann. Es geht um das Selbstverständnis der großen Kirchen und wie sie ihre Rolle in der Gesellschaft sehen. 

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Volf – 10 Thesen zu Exclusion and Embrace

Ich soll für meine Prüfung über Exclusion & Embrace (bei der ich mich explizit auf die Kapitel 2 und 3, also auf die zu Ausgrenzung und Umarmung beschränke) Thesen formulieren, die die Grundlage der Prüfung darstellen sollen. 

Ich habe heute mal einige Thesen formuliert, welche ein wenig die Hauptstränge von Volfs Denken und von den zwei Kapiteln in Exklusion & Embrace zusammenzufassen. Hier wäre ich natürlich über jede kritische Anmerkung (auch gerne zu einzelnen Formulierung) dankbar, da ich diese Thesen irgendwann Ende nächster Woche abgeben möchte. 

 

 

Thesen: 

 

  1. § 1 Miroslav Volf begreift Theologie als systematische Artikulation einer spezifischen Lebensform, die vom Glauben an den dreieinigen Gott geprägt ist. Dabei sind für ihn die Grenzen zwischen systematischer Theologie und Exegese, zwischen Dogmatik und Ethik und zwischen „Church Theology“ und „Public Theology“ fließend.
  2. § 2 Volfs Theologie hat ein ökumenisches Profil. Sie vereint Anstöße aus der pfingstlich- charismatischen Frömmigkeit, mit befreiungstheologischen, feministischen, aber auch lutherischen Theologie. Sie speist sich aber auch aus ökumenischen Begegnungen mit Römisch-Katholischen und Östlich-Orthodoxen Theologen, sowie der interreligiösen Begegnung (vor allem) mit islamischen Traditionen. 
  3. § 3 Volfs theologisches Programm kann als der Versuch verstanden werden, die Bedeutung der innertrinitarischen Gemeinschaft verstanden als soziale Trinität der gegenseitigen Einwohnung, der gegenseitigen Selbsthingabe und Aufnahme des Anderen, für das christliche Leben in einer Welt der Konflikte zu explizieren.
  4. § 4 Miroslav Volfs Buch „Von der Ausgrenzung zur Umarmung“ kann als eine theologische Antwort auf den Balkankonflikt und andere ethnischen Konflikte in der Zeit nach dem Kalten Krieg verstanden werden. Diese analysiert er als Prozesse der Exklusion. Exklusion bezeichnet dabei weniger die Ausgrenzung von gesellschaftlicher Teilhabe und mehr einen Prozess der (individuellen oder kollektiven) Identitätsbildung unter Ausschluss von Alterität, in der andere entweder assimiliert oder ausgestoßen, unterworfen oder vertrieben, symbolisch eingeordnet oder symbolisch ausgesondert werden. Dabei betont Volf, dass auch Gesellschaften, die sich als inklusiv und pluralistisch verstehen, auf solche feinen Mechanismen der Exklusion zurückgreifen.
  5. § 5 Im Engagement gegen Prozesse der Exklusion beobachtet er zwei Gefahren, die typisch „moderne“ Gefahr im Kampf gegen Exklusion selbstgerecht neue Formen der Exklusion zu schaffen und die typisch „postmoderne“ Gefahr durch radikale Kritik die Möglichkeit zur Verurteilung von Exklusion zu untergraben. Gegen die erste Gefahr betont er die Universalität der Sünde im Sinne der Erbsündenlehre und gegen die zweite Gefahr führt er eine schöpfungstheologisch begründete Unterscheidung zwischen legitimer Differenzierung/ moralischer Grenzziehung und illegitimer Exklusion ein. 
  6. § 6 Volf wendet sich gegen die vorherrschende Kategorie der Emanzipation bzw. der Befreiung (und damit auch gegen Teile der Befreiungstheologie), da diese Kategorie die Tendenz aufweist, alle menschlichen Konflikte in ein Täter-Opfer-Schema zu pressen und so der Komplexität dieser Konflikte nicht gerecht zu werden. Er bejaht zwar die postmoderne Skepsis gegen alle Versuche, die eine „finale Versöhnung“ aller Konflikte anstreben, kritisiert aber den radikalen Pluralismus Lyotards dafür, dass er de facto die Unterdrückung der Schwachen fortschreibt. 
  7. § 7 Gegen Prozesse der Exklusion betont Volf die Konstruktion eines Selbst, das fähig ist, nicht-exkludierende Urteile zu fällen und den anderen Raum in sich zu gewähren. Im Anschluss an Gal. 2, 19-20 entfaltet Volf einen Prozess der Dezentrierung und Rezentrierung des Selbst, welches in Christus eine Mitte hat, die nicht als Essenz des Selbst, sondern als sich selbst verschenkenden, kenotische Zentralität besteht, die das Selbst für den Anderen öffnet ohne die Grenzen des Selbst aufzulösen („katholische Persönlichkeit“). 
  8. § 8 Dieses dezentrierte und rezentrierte Selbst wird durch Prozesse der Umkehr, des „richtigen Erinnerns“, der Vergebung und der Öffnung für den Anderen („Raum machen in sich selbst“) in der Kraft des Heiligen Geistes ermächtigt, Versöhnung in einer Welt der Feindschaft zu leben. Ermöglicht wird dies durch das Kreuz Christi, welches die geöffneten Arme Gottes darstellt     (->Irenäus), durch die Gott Raum in sich schafft, um die feindselige Menschheit in sich aufzunehmen und am göttlichen Leben teilhaben zu lassen (theosis). 
  9. § 9 Als Symbol dafür, wie persönliche und kollektive Identität im Blick auf den anderen unter Bedingungen der Feindschaft gedacht werden kann, stellt Volf in Anlehnung an Lk. 15 die Metapher der Umarmung vor. Dabei skizziert Volf die vier Strukturelemente einer geglückten Umarmung, die ein Bild für die Dynamik einer versöhnten Beziehung darstellt: Öffnen der Arme, das Warten, das Schließen der Arme und schließlich das Loslassen des Anderen.  Diese Elemente symbolisieren eine Identität, die nicht in sich geschlossen ist, aber dennoch ihre Grenzen bewahrt, die sich zunächst einseitig für den anderen öffnet, aber nach Gegenseitigkeit strebt und die Raum schafft für den anderen ohne mit ihm zu verschmelzen. 
  10. § 10 Zusammengefasst wird Volf Argument in Röm 15, 7: „Nehmt einander also an, so wie Christus euch angenommen hat“.
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Miroslav Volf – Das “Allah” Thema

Dieser Thread, soll trotz der derzeit bei mir vorherrschenden Zeitnot (Examen in wenigen Wochen) meine lange Blogpause unterbrechen und gleichzeitig ein wenig der Nachbereitung des Studientags in Marburg dienen. Ich werde hier für Blogverhältnisse eine recht technische Diskussion um Miroslav Volfs Buch “Allah – A Christian Response” führen, der vor allem für diejenigen interessant ist, die entweder das Buch gelesen haben oder auf dem Seminar zum Buch in Marburg waren.

Ich habe drei wunderbare Tage beim Studientag Gesellschaftstransformation mit dem kroatisch-amerikanischen Theologen Miroslav Volf und sehr vielen sehr guten Gesprächen hinter mir. Und eigentlich waren die 3 Tage so mit positiven Eindrücken und Begegnungen gefüllt, dass es sich falsch anfühlt, jetzt hier zunächst etwas Kritisches zu posten. Ich war auch vorgestern wenig motiviert, in den Vortrag dem “Allah” Buch von Miroslav Volf zu gehen, weil ich fürchtete, hier nicht nur zustimmen zu können. Nachdem ich nun doch überredet wurde und mir nochmal ein paar Gedanken gemacht habe, möchte ich diese relativ schnell hier formulieren und posten, damit ich hoffentlich bald auch von den vielen positiven Eindrücken und Gedanken schreiben kann. 

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Syrien und das Dilemma der Diktatur

“Ich erkenne Homs nicht wieder. Homs war als ein besonders fröhlicher Ort bekannt, die Leute galten als sehr locker und ausgelassen.” So erklärte mir vor einiger Zeit mein syrischer Mitbewohner, der aus der Nähe von Homs kommt. Er schilderte mir Homs als eine Art Las Vegas Syriens: ein Ort des Vergnügens, des Glückspiels, des Alkohol und des seichten Entertainments. Damit ist jetzt Schluß. Doch er macht dafür nicht die diktatorische und halsstarre Politik eines Assads verantwortlich, sondern die sogenannten Revolutionäre.

Mein Freund ist syrischer Christ. Und als der Wind der Veränderung auch in Syrien zu wehen begann, war auch die christliche Minderheit (etwa 15% der Bevölkerung sind syrische Christen) begeistert von der Aussicht von einem Neuanfang in Syrien. Doch dann begann sich – so die Erzählung meines Freundes – die Revolution einseitig muslimisch zu radikalisieren. Aus einem legitimen Protest gegen einen autokratischen Herrscher wurde der Versuch ein radikales islamische System aufzurichten. Bald merkten die Christen: es hier anders als in Ägypten. Auch wenn es natürlich diese Tendenzen und Gefahren auch in Ägypten gab, so war der Protest doch nicht auf diese Gruppen beschränkt. In Syrien nun fühlen sich christliche und andere Minderheiten nicht willkommen. Vielmehr: sie fürchten mitlerweile die Revolutionäre und berichten von zahlreichen Gräueltaten und Übergriffe gegen Minderheiten. 

Die Berichterstattung in den westlichen Medien macht es sich das vielfach zu einfach, indem sie ein einfaches Schema anwendet: es gibt auf der einen Seite den Unterdrücker und auf der anderen Seite die Unterdrückten. Hier muss man an Mirwoslav Volfs Kritik der sogenannten Befreiungshteologie denken: wenn wir vor allem mit dem Begriff der Befreiung an komplexe soziale Probleme herantreten, geraten wir in Gefahr den Parteien starre Rollen zuzuschreiben: auf der einen Seite der ewige Täter und auf der anderen Seite die ewigen Opfer. Was aber wenn aus den Opfern von gestern die Täter von morgen werden (wie es in vielen Bürgerkriegen der Fall ist, man denke an Ruanda)?

Man hat da das Dilemma, dass die Dikaturen im Nahen Osten oftmals die Minderheiten schützen. Das liegt oft daran, dass sich die Eliten in diesen Staaten aus Minderheiten zusammensetzen. Das erklärt auch die Verbissenheit mit der diese Kämpfe von staatlicher Seite geführt werden: es geht hier nicht nur um stumpfen Machterhalt, es geht hier ganz real auch um das Überleben der eigenen Bevölkerungsgruppe, im Falle Syriens der Nusairier. Die große Frage ist: was ist die Alternative? Man kann nicht einfach das Assad Regime unterstützen weil es Stabilität und Schutz von Minderheiten bietet. Aber wie lassen sich sonst solche Umbruchszeiten gestalten ohne die Gefahr von “ethnischen Säuberungen”? Ich glaube an dieses tiefere Dilemma reicht die Berichterstattung, die man hierzulande liest und die sich mit den Worten “Warum tut der Westen nichts gegen Assad?” zusammenfassen lässt gar nicht heran. 

Emergent Forum

Lang ist’s her, dass ich das letzte mal hier etwas gepostet habe, aber nichts liegt mir ferner als schlechtes Gewissen. Die letzten Monate waren gut gefüllt mit meinem Praxissemester an einem Gymnasium ganz in der Nähe von Heidelberg; vielleicht dazu mehr zu einer anderen Zeit. 

Jetzt soll es erst einmal um das Emergent Forum 2011 gehen. Weil Peter schon einen Post geschrieben hat, den ich auf den Appell Ohr verstanden habe, fühlte ich mich genötigt, doch ein paar Worte zu schreiben. 

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Die Bibel als Offenbarung?

Wenn wir schon beim Thema Bibel und “Story” sind, will ich noch einen Aufsatz einfließen lassen, den der französische Philosoph Paul Ricoeur in Chicago gehalten hat und in dem er sich mit dem Anspruch der Bibel beschäftigt, Gottes Offenbahrung zu sein. Den Aufsatz kann man übrigens hier herunterladen und meine (englischprachige) Zusammenfassung kann man hier unten angucken.

Ricoeur spricht in dem Aufsatz sowohl zu seinen Kollegen, die der Philosophie zugetan sind als auch zu Theologen und versucht beide herauszufordern. Die Philosophen sollen den Anspruch aufgeben, dass die Vernunft eine unabhängige Instanz ist, die so etwas wie Offenbahrung nicht braucht. Die Theologen sollen die Sicht aufgeben, dass Offenbahrung irgendein Vorgang ist, bei dem Gott uns “senkrecht von oben” diktiert, was wir genau zu tun haben. Dazu beginnt Ricoeur mit der Beobachtung: die Bibel ist ein polyphones Buch. Die Bibel ist also ein Buch, in dem mehrere Stimmen, mehrere Melodien zu hören sind, die sich im Optimalfall ergänzen, manchmal aber auch für unsere Ohren wenig harmonisch klingen. Statt nun die einzelnen Autoren oder Bücher völlig getrennt voneinander zu betrachten, wie es die Wissenschaft oft tut oder die Unterschiede komplett niederzurollen und zu sagen: “Die Bibel sagt uns, dass”, verfolgt er einen dritten Weg. 

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Die Bibel als “wiki-stories”

Seit dem letzten Post bin ich auf ein Buch aufmerksam geworden, dass ich eine kompakte Moment-Aufnahme von dem geben will, was im englischsprachigen Raum unter dem Stichwort “Emerging” abläuft. Es heißt “Church in the present tense. A candid Look at What’s Emerging” und neben den Herausgeber und (analytische) Philosophie Professor Kevin Corcoran schreibt hier der irische posstrukturalistische Denker Peter Rollins, der pragmatische Vineyard Pastor Jason Clark auch der postevangelikale Exeget Scot McKnight. Letzterer schrieb einen Artikel über das (/ein) Bibelverständnis in der Emerging Conversation, dass sich auch als eine Antwort auf meine Anfragen im letzten Post lesen lässt.

McKnight beginnt mit einer Auflistung, wie man seiner Meinung nach oftmals die Bibel liest.

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