Category Archives: Theologie

Emergent Forum – sound/bites

Wenn ich etwas bei Emergent zu schätzen gelernt habe, dann ist es die Erlaubnis nachzudenken, weiterzudenken und anders zu denken. Besonders dort, wo Menschen sehr persönlich über ihren Glauben reden, will man in der Regel eigentlich nicht zu viele kritische Rückfragen stellen. Aber gab es bei dem Forum zum Glück genügend Räume für solche Rückfragen, die die Chance eröffneten Positionen argumentativ zu unterlegen.
Nun ist Nachdenken etwas, was ich gut kann – den Dingen nach-zudenken. Und nachdenkenswert fand ich das Forum. Es beschäftigt mich auf einer persönlichen Ebene und einer intellektuellen Ebene. Deshalb meine Resonanzen auf einige der starke Sätze, die mir hängen geblieben sind. Dies sind auch weiterführende Gedanken zu dem, was Jaana an anderer Stelle angemerkt hat.

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“Ich will das ‘und’ sein, nicht das ‘aber'” – Gesprächskultur

Das Verbindende suchen, nicht das Trennende, den Konsens, nicht den Dissens, die Horizonterweiterung, nicht die Selbstgettoisierung. Das wären drei – übrigens sehr unterschiedliche – Formulierungen wie man den Satz verstehen kann vom “und” und dem “aber”. Nun war der Satz eher auf das Gottesbild und die daraus resultierende Praxis gemünzt.  Ich will ihn erst einmal für die Gesprächskultur auf dem Forum untersuchen. Denn bestenfalls kann der Satz meinen: lernen, sich angstfrei einer Pluralität von Ansichten auszusetzen und sich herausfordern lassen, aber auch angstfrei und ohne übermäßige Selbstzensur selbst in Erscheinung zu treten (“Zeuge zu sein”). Schlechtestenfalls hieße das: Harmoniesucht, Unterdrückung von Streit, Unterstellung einer großen Gemeinsamkeit, die gar nicht vorhanden ist und das Ausblenden aller skeptischen Rückfragen. Nochmals: Christina wollte explizit nicht so verstanden werden, aber ich möchte dennoch mal in die Richtung etwas sagen, weil man eine bestimmte Tendenz immer wieder sieht: Gerade “bei Kirchens” begegnet einem manchmal das, was Nietzsche etwas bissig “die Unfähigkeit zur Feindschaft” nannte.  Man könnte wohl eher übermäßiger Konfliktscheu und Harmoniesucht reden. Der Unfähigkeit Dinge an anderen Scheiße zu finden, die Unfähigkeit einen unbequemen Standpunkt zu vertreten, der gerade im Raum keine Mehrheiten findet.

Dort, wo Gespräche geführt werden, passieren verschiedene wunderbare und weniger wunderbare Dinge. Eines davon kann man mit Miroslav Volf “Differenzierung” nennen*: das so genannte “Eigene” bildet sich in der Auseinander-Setzung mit andern und der Abgrenzung von anderen. Immer. Da, wo Menschen auf leidenschaftliche Weise zu etwas “JA” sagen, müssen sie zu anderem “Nein” sagen. Seit Jahren leben wir in einer Kultur, die diese Art von Differenzierung nicht gerade fördert weil sie im Streit etwas Bedrohliches sieht. Ich bin mehr und mehr der Überzeugung: die eigentliche Bedrohung heute ist die Unfähigkeit, sich auf menschliche Weise miteinander – auseinander zu setzen. Die Unfähigkeit zum fairen und höflichen Streit.

Neben der Differenzierung spricht Miroslav Volf auch vom “judging”. Judging bedeutet nicht die Verurteilung anderer, sondern bezeichnet den Einsatz der kritischen Urteilskraft um eine Position (auch seine eigene zu befragen). Gerade dieser Aspekt wird manchmal nicht gern gesehen, da er zu oft mit Rechthaberei, Besserwisserei und anderen Charakterschwächen einher gegangen ist. Außerdem gibt es eine starke Bewegung in der “spirituellen Szene”, die das Ausblenden der kritischen Urteilskraft betont. Wir brauchen aber heute mehr denn je Menschen die “fähig sind, sich ihres Verstandes zu bedienen” und die verschiedene Positionen auch kritisch bewerten können NACHDEM sie diese verstanden haben. Nicht ein zuviel, sondern ein zuwenig an kritischer Urteilskraft führt zu falschen Verasbolutierungen der eigenen Comfort-Zone.
Für Christen könnte ein Leitbild dabei die “Feindschaft gegen die Feindschaft” sein. Also durchaus ein Kampf und ein Streit gegen “Exklusion” – gegen die Entmenschlichungs des Andersdenkenden, des moralisch Fragwürdigen oder des Feindes. Gerade dabei wird es aber leider nicht immer ohne schmerzhafte Trennungen ablaufen. Denn es gibt Dilemma Situationen, in denen Solidarität mit dem einen zur Feindschaft mit dem anderen führen kann. In diesen Dilemma-Situationen wird dann die Beziehung zu anderen anspruchsvoll. In jedem Eingehen auf andere blendet man “andere andere” aus. Dem einen zuzuhören heißt andere zu überhören. Und hier haben wir den Salat: auf der einen Seite betonen wir mit großem Recht die Selbstzurücknahme und den Machtverzicht als Leitbild, welches sich aus dem Kreuzesgeschehen heraus ergibt. Auf der anderen Seite haben wir schon in den basalsten Gesprächen mit Machtfragen zu tun: wem höre ich zu, wer darf sprechen, wessen Stimme zählt? Da, wo Menschen, “einfach nur auf Augenhöhe” miteinander sprechen gibt es immer andere Stimmen, die mehr oder weniger bewusst überhört werden.
ABER – und hier kommt das Forum ins Spiel – wie schlimm wäre es, wenn alles immer Streit, immer alles Auseinandersetzung wäre? Wie schlimm wäre es, wenn jeder bockig in seinem Weltanschauungs-Getto oder dem eigenen Safe Space verbleiben müsste? Wir sind keine Gefangene unserer Ansichten und es braucht Orte, in denen man seine eigenen Ansichten mal einklammern kann, um wirklich auf andere zu hören – Philosophen sprechen von der Suspendierung (dem Einklammern von dem, was man zu wissen meint). Ich bin froh, dass man beides haben konnte: im persönlichen Gespräch überwog der Versuch, einander zuzuhören und “Raum zu gewähren”. Aber es gab auch – nicht zuletzt auf den Podien – genügend Kontroverse. Ich will beides haben! Den Widerstreit und das aufeinander Hören.

“Warum Biographie IMMER stärker ist als Theologie”

Etwas, was ich im freikirchlichen Bereich immer wieder beobachte: eine Allergie gegen Theologie. Eine Reaktion gegen rigiden Dogmatismus, die sehr verständlich ist. Theologen gelten für viele als Bedenkenträger, die einen sagen, was man nicht tun, denken, sagen darf. Aber Theologie ist doch nicht einfach die Wissenschaft, die wahre Sätze verwaltet. Theologie ist das kritische Durchdenken des eigenen Glaubens, der Dialog mit dem, was bisher über den Glauben gedacht wurde und der Versuch, den Glauben vor dem Forum der Vernunft in seiner Eigenlogik zur Darstellung bringen. Insofern ist Theologie nie ohne Biographie und eine gläubige Biographie nie ohne Theologie. Sowohl Nadia als auch Christina haben doch immer wieder betont, wie ihnen Theologie eine Sprache, eine Grammatik gab. Nadia betonte zudem, wie ihr eine bestimmte lutherische Theologie dabei half die “Freiheit eines Christenmenschen” zu verstehen. Theologie ist meines Erachtens eine Fürsprecherin der Freiheit des Menschen und eine Wissenschaft, die den Menschen befähigen soll mit eigener Stimme über den Glauben zu sprechen und den Glauben aus der Enge und Verkrampfung herauszuführen. Das sie das nicht immer gut gemacht hat sei zugestanden. Doch dann handelt es sich um eine schlechte Theologie.

Selbst bei hochgebildeten Menschen, (vor allem aus einem freikirchlichen Spektrum?), erlebe ich immer wieder eine beharrliche Weigerung sich denkerisch mit dem eigenen Glauben zu beschäftigen, ihn selbst zu verantworten und kritisch zu durchdenken. Irgendwie gibt es die unausgesprochene Prämisse: die Sache mit dem Glauben müsse doch letztlich “ganz einfach” und intuitiv vonstatten gehen. Doch scheint der Glauben eine Tendenz zu haben, eng und bedrückend zu werden, wenn er sich nicht dem kritischen Gespräch stellt. Denn zu schnell unterwirft man sich bereitwillig religiösen Autoritäten und bleibt in (selbst-)zerstörerischen Denkmustern gefangen. Vielleicht ist es an der Zeit, wieder ein positives Verhältnis zur Theologie zu gewinnen und zu sehen, wie die meisten der eigenen Fragen, auch in 2000 Jahren Kirchengeschichte schon einmal gestellt worden. Das Gegengift gegen eine schlechte, rechthaberische, beengende Theologie ist nicht der Verzicht auf Theologie, sondern eine lustvolle und befreiende Theologie.

“In der Begegnung mit anderen sollte vielleicht nicht die Wahrheit, sondern die Liebe zählen”

Wahrheit oder Liebe? Dabei handelt es sich um eine schlechte Alternative. Denn so formuliert bliebe nur eine unwahre Liebe oder eine lieblose Wahrheit.
Vielleicht ist das unablässige Stellen der Wahrheitsfrage heute auch etwas Subversives. Georg Pazderski von der AfD sagte neulich:
“Es geht nicht nur um die reine Statistik, sondern es geht darum, wie das der Bürger empfindet. Perception is reality. Das heißt: Das, was man fühlt, ist auch Realität.”
Das Ausblenden der Wahrheitsfrage ist etwas Gefährliches. Denn, wenn man sich auf “gefühlte Wahrheiten” bezieht und die Frage nach der Geltung dieser gefühlten Wahrheiten ausblendet, so hat man doch trotzdem noch seine starken Geltungsansprüche, wie zum Beispiele: “Wir sollten keine weiteren Flüchtlinge aufnehmen”. Nur, im Ausblenden der Wahrheitsfrage entzieht man diese Geltungsansprüche der kritischen Diskussion.  Die Wahrheitsfrage stellen heißt doch, sich einem kritischen Gespräch auszusetzen. Das hat Ingolf Dalferth schöner ausgedrückt, als ich das tun könnte. Für ihn geht es heute nicht um die Frage nach der “Zukunft der Religion in einer säkularen Zeit”, sondern um die “Wahrheit menschlichen Lebens”:

“Die Wahrheit des menschlichen Lebens. Das ist die Frage, um die gestritten wird und gestritten werden muss, nicht das Für und Wider von Religion oder Nichtreligion in einer säkularen Welt. Wie müssten wir leben, um wirklich menschlich zu leben? Wie können wir es? Worauf müssten wir achten, um uns nicht mit weniger zufrieden zu geben, als wir sein könnten? Woran sollten wir uns orientieren, um uns nicht selbst zu täuschen? Und wie können wir es im Miteinander mit anderen, die das genuin Menschliche eines menschlichen Lebens selten genau so verstehen wie wir?”

(Ingolf Dalferth, Transzendenz und säkulare Welt. Lebensorientierung in letzter Gegenwart, Tübingen 2015, S. 43)

Ich finde diese Formulierung sehr gut. Das zeigt: bei der “Wahrheit menschlichen Lebens” geht es nicht einfach nur um ein Set von Überzeugungen und “wahren Sätzen” auch wenn diese nicht fehlen werden. Es geht um nichts, was ich verteidigen müsste, als würde es mir gehören oder über das ich Kontrolle besitze. Vielmehr ist und bleibt sie jeweils außerhalb meiner selbst, so dass ich sie  – wieder nur – bezeugen kann.
Dalferth beschreibt dies so:

“die Wahrheit des Lebens, also die Frage nach dem, was ein menschliches Leben – jedes einzelne menschliche Leben auf je seine Weise – trotz aller Dürftigkeit, Unzulänglichkeit, Beschädigung, Falschheit und Verworrenheit wahr und gut und recht macht.” (Dalferth, Transzendenz, S. 44)

Daran sieht man: Wahrheit, dass heißt im Christentum doch nie bloß Fakten und wahre Sätze. Bloße Richtigkeit und Faktizität wäre zu wenig. Das hat das Christentum mit dem Marxismus und der Psychoanalyse gemein: es geht um einen “engagierten Wahrheitsbegriff”: Wahrheit als solche ist nur Wahrheit, wenn sie “frei macht”. Wahrheit kann und darf gar nicht “absolut” sein: losgelöst und über den Köpfen der Menschen schwebend. Doch ist Wahrheit auch kein Besitz, sie wider-fährt mir: sie durchbricht meine liebgewonnen Denkgewohnheiten und fordert mich heraus. Man braucht etwas, dass der eigenen Verworrenheit und der beständigen Tendenz zur Selbsttäuschung widersteht, um “in Freiheit lieben” zu können. Und diese Wahrheit kann mir jeweils nur von anderen gesagt werden. Ich kann auf die Wahrheit nicht einfach zugreifen wie auf ein Bankkonto. So verstanden müsste man hier keine Alternative aufmachen zwischen “Wahrheit” und “Liebe”.

Soviel mal zu einigen Reaktionen auf Soundbites vom Forum. Wenn Zeit ist, werde ich mich die Tage nochmal zu einem Aspekt melden, der immer wieder vorkam: der Versuch, offen zu sein und die Unumgänglichkeit von Exklusionen. Aber das ist ja jetzt schon sehr viel gewesen.

*Diese Gedanken findet man gut entfaltet in Miroslav Volfs Buch “Von der Ausgrenzung zur Umarmung. Versöhnendes Handeln als Ausdruck christlicher Identität, Marburg 2012, S. 76-81.

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Die Gute Nachricht vom Scheitern oder: aus Lust und Liebe leben

Die Gute Nachricht vom Scheitern, oder: “aus Lust und Liebe leben”, oder: Gedanken zur Freiheit eines Christenmenschen. 

Mit einer Gruppe Studierender zusammen mit Pastoren vom “Evangelischen Bund” fuhren wir über Himmelfahrt nach Wittenberg und Torgau. Natürlich wegen des Reformationsjubiläums. Nicht ohne Skepsis über den Gedenk-Wahnsinn nahm ich die Gelegenheit zum Anlass, mich mal wieder ausgiebiger mit Luther zu beschäftigen. Heraus kam dieser Vortrag als Versuch einer – zusammenfassenden – Vergegenwärtigung von Luther “Von der Freiheit eines Christenmenschen”. 

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Wie erinnern?

Im folgenden  werde nicht genau beschreiben, was Luther 1520 gedacht und gemeint haben könnte. Stattdessen versuche ich einfach nur diesen Text zu vergegenwärtigen, ihn in der Gegenwart lesen. Dabei wird auch die Wirkungsgeschichte des Textes sanft ausgeblendet.

Denn, wenn wir uns an Luther und die Reformation erinnern, geht es meines Erachtens nicht darum, ein historisches Ereignis zu verstehen. Es geht nicht ums Museale, ums Anekdotische oder ums Historische, sondern es geht darum, wie uns das Ereignis Reformation heute betreffen kann.

Ich werde immer etwas nervös, wenn man solche Gedenkfeiern dazu nutzt, einfach nur die eigene Tradition, die eigene Kirche und die eigene protestantische Identität feiern zu wollen.

Vielmehr geht es mir um das, was Johann Baptist Metz mal „gefährliche Erinnerungen“ nannte: um ein Erinnern, dass auch an die Möglichkeiten erinnert, die in der Vergangenheit lagen, die eben nicht immer verwirklicht worden sind. Es geht auch darum zu gucken, ob und wie uns ein alter Text heute noch verunsichern und herausfordern kann.

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Con:Fusion 2014: Waberndes und Flüssiges

In Zygmunt Baumans Typologie postmoderner Lebensformen gibt es den Typen des Vagabunden. Dem Vagabund hängen fremde Gerüche an, seine Körpersprache wirkt unstimmig, seine Gesten unbeholfen. Er scheint fehl am Platz. Man merkt, dass er nicht von hier ist. Er pflegt seine eigene Unzugehörigkeit und leidet dennoch darunter. Nichts ist ihm so suspekt wie Heimatgefühle, nach nichts sehnt er sich mehr.

Es stellt sich die Frage, ob es Orte gibt, an denen selbst Vagabunden zuhause sein können.

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Beim Präsentieren – Quelle: Daniel Hufeisen

Vergangenes Wochenende trafen sich fast 40 Leute, manche davon Vagabunden, in der hessischen Pampa – ausgerechnet in Wabern – Emergent Deutschland veranstaltete dort Con:Fusion, ein kleines, konzentriertes Format. Ein Neustart.

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Sich der Wirklichkeit aussetzen

Ich bin so oft ich auf das Denken, Leben und Schreiben der Zwischenkriegszeit in Deutschland stoße, sehr fasziniert. Hannah Arendt sprach einmal davon, dass in dieser Zeit der Traditionsbruch Wirklichkeit geworden war, nicht mehr nur die Sache einiger weniger Künstler und Intellektueller. Wo immer man auch hinschaut in das Denken dieser Zeit erblickt man das Bewußtsein einer echten Krise, das Ende der Dominanz des Bürgerlichen, das für viele Denker auf den Schlachtfeldern des 1. WK gestorben war. Gleichzeitig erblickt man die Frische eines Neubeginns, die Unschuld und Naivität eines neuen Denkens genauso wie die Boden- und Uferlosigkeit eine Jugend, die die überkommenen Lebensstile nicht mehr teilen konnte ohne wirklich auf tragfähige Alternativen gestoßen zu sein. Das Rauschhafte, Dionysische und gleichzeitig so Verlorene dieser Zeit beobachte ich mit einer gewissen kritischen Sympathie.
Man kann sich sicherlich trefflich darüber streiten, ob nun in dieser Zeit vielleicht Möglichkeiten des Denkens aufgeblitzt sind, die dann später entweder eingeäschert oder nach dem 2. Weltkrieg ins Neubürgliche überführt wurden, oder aber ob nicht – wie es Levinas als Zeitgenosse 1933 schon analysierte – vielmehr die Dekadenz und das Schwere- und Substanzlose dieser Zeit die Hintergrundfolie bilden, auf dem der Aufstieg des Nationalsozialismus als eine Ernsthaftigkeit versprechende antisemitische und zugleich konservative Revolution erst verständlich wird.

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Žižek – What if no one’s watching

Alle neuen Blogleser seien hiermit willkommen geheißen. Zur Erklärung: ich beschäftige mich seit dem Sommer mit dem Buch “Less than Nothing” von Slavoj Zizek, einem slowenischen Philosophen, in dem es um nicht weniger als die ganze Wirklichkeit geht. Hier geht’s zu meiner Einführung in Zizek.

Nachdem wir nun den “großen Anderen” als Instanz eingeführt haben, lässt sich vielleicht genauer beschreiben, was denn Žižek als Atheisten so sehr am Christentum interessiert. Kurz gesagt ist für Žižek in Anlehnung an Hegels Religionsphilosophie das Christentum der einzige Weg zum “wahren Atheismus”.

Ich versuche das mal anhand von einem alten Ani Di Franco Song auszuführen:

….and I think,
what if no one’s watching
what it when we’re dead, we’re just dead
what if it’s just us down here
what if god ain’t looking down
what if he’s looking up instead

if my life were a movie
I would light a cigarette
and the smoke would curl around my face
everything I do would be interesting
I’d play the good guy
in every scene
but I always feel I have to
take a stand
and there’s always someone on hand
to hate me for standing there
I always feel I have to open my mouth
and every time I do
I offend someone
somewhere

Ani DiFranco beschreibt in diesem Song so ziemlich genau den Großen Anderen als der Instanz, aus deren Perspektive wir unser Leben betrachten und im Lichte derer wir uns inszenieren. Hier wird quasi Hollywood und die cineastischen Klischees als dieser Große Andere dargestellt, der unser Leben strukturiert. Nun geht aber Ani DiFranco einen Schritt weiter und identifiziert Gott mit dem großen Anderen (was ja naheliegend scheint) und sie wirft die Frage auf: Wenn es keinen Gott gibt, warum inszenieren wir uns dann so, selbst wenn gerade keiner hinschaut? Warum posieren wir, warum funktionieren wir selbst, wenn wir allein sind, nach den Regeln der Gesellschaft?

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Žižek – So etwas wie Wahrheit

Leute, die zu viel von Wahrheit reden, sind uns nicht geheuer oder wir halten sie für unreflektiert. Es scheint uns naiv, wenn Menschen die Dinge, die sie meinen oder glauben einfach wörtlich nehmen, so keinerlei Distanz haben zu dem, was sie für die Wahrheit halten. Sie vernachlässigen für uns die Pflicht zum Zweifel, die Pflicht zur Selbstirritation, die Pflicht, sich selbst in Frage zu stellen.

Doch, so lautete ja das Argument im letzten Blogpost, scheint die postmoderne Ironie und Unverbindlichkeit ihre eigenen Probleme mit sich zu bringen. Wer dauernd zweifelt, ist handlungsunfähig, wer sich ständig hinterfragt und ironisch lebt, verliert die Fähigkeit für eine Sache zu leben und bleibt gefangen im Kreislauf von Arbeiten, Konsumieren und den kleinen falschen Eskapaden, die wie gesagt zum Kreislauf gehören.

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[Subversive Kirche – die frühen Jahre und die fragile Volkskirche]

Die frühen Jahre der Kirche in der DDR waren durch eine Art Kirchenkampf der SED geprägt. Der Marxismus in der Interpretation durch Lenin schien wenig Raum für das Überleben der Kirche in der sozialistischen Gesellschaft zu lassen. So ist der religiöse Glaube doch der “Seufzer der unterdrückten Kreatur” und das “Gemüt einer herzlosen Zeit und der Geist geistloser Umstände”. Aber natürlich sah Marx die Religion dialektisch, das heißt, sie war nicht nur das Opium des Volkes, sondern auch Protest gegen unterdrückerische Zustände. Doch sah man beim kämpferisch-revolutionären Aufbau des real existierenden Sozialismus keine Zeit für differenzierte Sichtweisen, wie auch im restlichen Bestehen der SED-Diktatur keine Zeit für das Abweichen vom schwarz-weiß-Denken gab (denn jedes Abweichen von der spröden Logik der Funktionäre wurde als gefährlicher “Sozialdemokratismus” gefürchtet und bekämpft).

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[Subversive Kirche? – Einleitung]

Willkommen auf den neuen, alten Blog, unter neuer, alter Addresse bei WordPress. Da nun posterous seinen Dienst leider schließt, bin ich gezwungen wieder zurückzukehren zu WordPress. Deshalb stimmt die URL nicht mehr ganz mit dem Namen des Blogs überein, aber ich denke, darüber kann man hinwegsehen. 

Durch eine Diskussion bei Peter bin ich darauf gekommen, mal ein wenig in die historische Richtung zu bloggen und ein wenig über meine Recherchen zur DDR mitzuteilen. Das Thema beschäftigt mich eigentlich schon seit der 10. Klasse, als ich  miterlebt habe, wie schockierend kurz (oder sogar gar nicht) dieses Thema in den alten Bundesländern in der Schule behandelt wurde und folglich wie schief die Erinnerungskultur  ist. Ich denke tatsächlich, dass der Geschichtsunterricht dieses Thema nicht gut aufbereitet und dass so der Martin Sonnebornschen Ignoranz weithin Vorschub geleistet wird.

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Aber ich kann und will hier nicht die gesamte DDR Geschichte aufarbeiten, sondern mich auf ein Thema konzentrieren, das ich gerade für meine Prüfungen vorbereite: die Rolle von Kirche in der DDR und besonders deren Rolle als institutioneller Fremdkörper im realexistierenden Sozialismus unter deren Dach sich vermehrt alle Art von “subversiven Elementen” (wie es im SED Jargon so schön heißt) sammeln konnten. Ich habe hier immer mehr den Eindruck, dass von der Rolle die die Kirche als Raum in der SED-Diktatur spielte auch Inspiration ausgehen kann, wie sie sich heute unter ganz anderen Vorzeichen positionieren kann.

Man kann sagen, dass ein Aspekt von kirchlichen Handeln seit den späten 70ern, der oftmals nicht mehr sehr bekannt ist, dass sich in den Räumen der Kirche oder unter dem Schutzdach der Institution Kirche verschiedenste Arten von jugendlichen Subkulturen, lose asoziierten Querdenkern und Unangepasste, “Langhaarige” und seit den 80ern auch die alternativen Gruppen von pietistisch-charismatischen Hauskreisen bis hin zu Friedens- Umwelt und Bürgerrechtsbewegung getroffen hatten. Teilweise indem dort Kirchengemeinden eine waghalsige, selbstmörderische Gastfreundschaft betrieben (bis hin zu Punkkonzerten in den Kirchenräumen), teilweise aber waren die Kirchengemeinden auch wenig begeistert. Das war vielleicht der einzige Punkt, an dem in der Spätphase der DDR sehr konservative Christen mit der SED übereinstimmten: in dem Satz “Kirche muss Kirche bleiben”. Dies bedeutete, dass Kirche sich nicht für politische Anliegen vereinnahmen lassen sollte und doch bitte für ihre Kernaufgabe “den Kult” und “die Seelsorge” vielleicht auch ein bisschen Diakonie kümmern sollte.

So gab es einige Brennpunkte von kirchlichen Alternativen Gruppen. In Leipzig  seit Anfang (!) der 80er Jahre schon die Friedensgebete in der Nikolaikirche, dazu ein anderen Mal mehr, in Berlin die Umweltbibliothetk in der Zionskirche, in der auch vom Staat unterdrückte Literatur in Umlauf gebracht wurde, es gab immer wieder “Blues-Messen“, also als Gottesdienst deklarierte Konzerte von allerlei Blues, Rock’n’Roll und “Beatmusik” Gruppen und natürlich die zunächst vor allem in Jena, später auch in anderen Teilen “der Republik” vorhandenen Offenen Arbeiten der “Jungen Gemeinden” (JG oder JuGe), die eine Art Sammelbecken für wenig angepasste Leute wurde und damit eigentlich so eine Art Sozialarbeit betrieben.

Bekannt ist in diesen Zusammenhang vor allem die JG Jena Stadtmitte, in der sich verschiedene Freigeister von Studenten bis zu Punks wiederfanden und zum ersten Mal die Erfahrung machten, frei reden zu können. Immer wieder hört man in Zeitzeugenberichten die Formulierung, wie wichtig es war, einen Ort vorzufinden, an der ein anderer Jargon herrschte, in der es keinen Konformitätszwang gab, in der man sich plötzlich auf seine Art ausdrücken konnte und kritisch zu diskutieren lernte. Man hört auch immer wieder, das sei wie wenn jemand plötzlich ein Fenster aufmachte.

Bekannt wurde diese Arbeit ja durch den Pfarrer König, der seines Zeichens zur Zeit in Dresden wegen schweren Landfriedensbruch angeklagt ist, weil er bei einer Antinazidemo zur Gewalt aufgerufen haben soll. Man hat nachdem man die Anklageschrift gelesen hat, hier eher den Eindruck, es wird ein prominenter Sündenbock gesucht. Aber er soll hier einmal zu Wort kommen in Bezug auf sein Engagement in der JG Jena vor der Wende.

Dies alles soll nur zeigen: es gab ein in den alten Bundesländern kaum bekanntes Phänomen nämlich den partiellen Zusammenschluß von alternativen Gruppen und Künstlern aller Art und einigen mutigen kirchlichen Mitarbeitern. Damit soll jetzt noch nichts zur Rolle der Kirche im allgemeinen gesagt werden. Nur zeigt sich darin, wie subversiv “Gastfreundschaft” sein kann, in dem nämlich Gruppen und Personen eine Stimme und ein Ort gegeben wurde, die sonst im gesamten System keinen Ort und keine Stimme hatten.

Ich würde gerne hier noch mehr ins Detail gehen und einige Geschichte dazu “erzählen” und hoffe, das mir das gelingt, obwohl ich in Ende April meine Staatsexamensprüfung haben werde.

Volf – 10 Thesen zu Exclusion and Embrace

Ich soll für meine Prüfung über Exclusion & Embrace (bei der ich mich explizit auf die Kapitel 2 und 3, also auf die zu Ausgrenzung und Umarmung beschränke) Thesen formulieren, die die Grundlage der Prüfung darstellen sollen. 

Ich habe heute mal einige Thesen formuliert, welche ein wenig die Hauptstränge von Volfs Denken und von den zwei Kapiteln in Exklusion & Embrace zusammenzufassen. Hier wäre ich natürlich über jede kritische Anmerkung (auch gerne zu einzelnen Formulierung) dankbar, da ich diese Thesen irgendwann Ende nächster Woche abgeben möchte. 

 

 

Thesen: 

 

  1. § 1 Miroslav Volf begreift Theologie als systematische Artikulation einer spezifischen Lebensform, die vom Glauben an den dreieinigen Gott geprägt ist. Dabei sind für ihn die Grenzen zwischen systematischer Theologie und Exegese, zwischen Dogmatik und Ethik und zwischen „Church Theology“ und „Public Theology“ fließend.
  2. § 2 Volfs Theologie hat ein ökumenisches Profil. Sie vereint Anstöße aus der pfingstlich- charismatischen Frömmigkeit, mit befreiungstheologischen, feministischen, aber auch lutherischen Theologie. Sie speist sich aber auch aus ökumenischen Begegnungen mit Römisch-Katholischen und Östlich-Orthodoxen Theologen, sowie der interreligiösen Begegnung (vor allem) mit islamischen Traditionen. 
  3. § 3 Volfs theologisches Programm kann als der Versuch verstanden werden, die Bedeutung der innertrinitarischen Gemeinschaft verstanden als soziale Trinität der gegenseitigen Einwohnung, der gegenseitigen Selbsthingabe und Aufnahme des Anderen, für das christliche Leben in einer Welt der Konflikte zu explizieren.
  4. § 4 Miroslav Volfs Buch „Von der Ausgrenzung zur Umarmung“ kann als eine theologische Antwort auf den Balkankonflikt und andere ethnischen Konflikte in der Zeit nach dem Kalten Krieg verstanden werden. Diese analysiert er als Prozesse der Exklusion. Exklusion bezeichnet dabei weniger die Ausgrenzung von gesellschaftlicher Teilhabe und mehr einen Prozess der (individuellen oder kollektiven) Identitätsbildung unter Ausschluss von Alterität, in der andere entweder assimiliert oder ausgestoßen, unterworfen oder vertrieben, symbolisch eingeordnet oder symbolisch ausgesondert werden. Dabei betont Volf, dass auch Gesellschaften, die sich als inklusiv und pluralistisch verstehen, auf solche feinen Mechanismen der Exklusion zurückgreifen.
  5. § 5 Im Engagement gegen Prozesse der Exklusion beobachtet er zwei Gefahren, die typisch „moderne“ Gefahr im Kampf gegen Exklusion selbstgerecht neue Formen der Exklusion zu schaffen und die typisch „postmoderne“ Gefahr durch radikale Kritik die Möglichkeit zur Verurteilung von Exklusion zu untergraben. Gegen die erste Gefahr betont er die Universalität der Sünde im Sinne der Erbsündenlehre und gegen die zweite Gefahr führt er eine schöpfungstheologisch begründete Unterscheidung zwischen legitimer Differenzierung/ moralischer Grenzziehung und illegitimer Exklusion ein. 
  6. § 6 Volf wendet sich gegen die vorherrschende Kategorie der Emanzipation bzw. der Befreiung (und damit auch gegen Teile der Befreiungstheologie), da diese Kategorie die Tendenz aufweist, alle menschlichen Konflikte in ein Täter-Opfer-Schema zu pressen und so der Komplexität dieser Konflikte nicht gerecht zu werden. Er bejaht zwar die postmoderne Skepsis gegen alle Versuche, die eine „finale Versöhnung“ aller Konflikte anstreben, kritisiert aber den radikalen Pluralismus Lyotards dafür, dass er de facto die Unterdrückung der Schwachen fortschreibt. 
  7. § 7 Gegen Prozesse der Exklusion betont Volf die Konstruktion eines Selbst, das fähig ist, nicht-exkludierende Urteile zu fällen und den anderen Raum in sich zu gewähren. Im Anschluss an Gal. 2, 19-20 entfaltet Volf einen Prozess der Dezentrierung und Rezentrierung des Selbst, welches in Christus eine Mitte hat, die nicht als Essenz des Selbst, sondern als sich selbst verschenkenden, kenotische Zentralität besteht, die das Selbst für den Anderen öffnet ohne die Grenzen des Selbst aufzulösen („katholische Persönlichkeit“). 
  8. § 8 Dieses dezentrierte und rezentrierte Selbst wird durch Prozesse der Umkehr, des „richtigen Erinnerns“, der Vergebung und der Öffnung für den Anderen („Raum machen in sich selbst“) in der Kraft des Heiligen Geistes ermächtigt, Versöhnung in einer Welt der Feindschaft zu leben. Ermöglicht wird dies durch das Kreuz Christi, welches die geöffneten Arme Gottes darstellt     (->Irenäus), durch die Gott Raum in sich schafft, um die feindselige Menschheit in sich aufzunehmen und am göttlichen Leben teilhaben zu lassen (theosis). 
  9. § 9 Als Symbol dafür, wie persönliche und kollektive Identität im Blick auf den anderen unter Bedingungen der Feindschaft gedacht werden kann, stellt Volf in Anlehnung an Lk. 15 die Metapher der Umarmung vor. Dabei skizziert Volf die vier Strukturelemente einer geglückten Umarmung, die ein Bild für die Dynamik einer versöhnten Beziehung darstellt: Öffnen der Arme, das Warten, das Schließen der Arme und schließlich das Loslassen des Anderen.  Diese Elemente symbolisieren eine Identität, die nicht in sich geschlossen ist, aber dennoch ihre Grenzen bewahrt, die sich zunächst einseitig für den anderen öffnet, aber nach Gegenseitigkeit strebt und die Raum schafft für den anderen ohne mit ihm zu verschmelzen. 
  10. § 10 Zusammengefasst wird Volf Argument in Röm 15, 7: „Nehmt einander also an, so wie Christus euch angenommen hat“.
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Volf – Exklusion, Unterdrückung und Entfremdung

Ich lege gleich nach und beginne damit, einige Gedanken von Volf nochmal zusammenzufassen und aufzuarbeiten. Dabei liegt mein Schwerpunkt auf Exklusion & Embrace (ich nutze hier weiterhin den englischen Titel), da ich über dieses Buch ja auch geprüft werde. Genauer beschränke ich mich nun erstmal auf die Kapitel 2 und 3, die jeweils vom Thema der Exklusion und der Umarmung handeln. Es soll hier also nicht wie im vorherigen Post, um eine kritische Auseinandersetzung, sondern um die Aufarbeitung von zentralen Gedanken gehen.

Miroslav Volfs Buch Exclusion & Embrace (=E&E) entstand zu einer Zeit, in der nach dem Zusammenbruch von vielen Ostblock Staaten und durch die Kräfte der Globalisierung verschiedenste gewaltsame ethnische Konflikte entbrannt waren. Der Balkankrieg war gerade ein Jahr vorrüber (zumindest der Konflikt in Kroatien und Bosnien-Herzegowina), zwei Jahre vor Erscheinen des Buches tobte in Ruanda einer der schlimmsten Genozide nach dem Zweiten Weltkrieg. Zwei Jahre zuvor gab es schwere Unruhen unter afroamerikanern in Los Angeles. Kurz um: gerade nach dem Verschwinden der Supra-Struktur des Kalten Krieges stellte sich das Thema der kulturellen Identität mit neuer Brisanz und durch Prozesse der Globalisierung kam es zu einem steigenden Konfliktpotenzia in Gesellschaften.

Miroslav Volf versuchte damals eine theologische Antwort auf diese kulturellen Konflikte zu finden. Doch bevor es darum gehen kann, einen positiven Beitrag zu Konflikten zu machen, müssen diese erst richtig erfasst und eingeordnet werden.

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