Category Archives: Poststrukturalismus

Konfliktiver Pluralismus II

In diesen Tagen kann man beobachten, dass der Grund auf dem man politisch und gesellschaftlich so sicher zu stehen glaubte, schnell ins Wanken gerät. So unverrückbar scheinen die angeblich ewigen Werte wie Gleichheit und Rücksichtnahme auf den anderen nicht zu sein. Die Idee dass sich die Vernunft schon irgendwie und irgendwann durchsetzt, hatte spätestens mit dem BREXIT Votum einen gehörigen Dämpfer bekommen. Selbst eine völlig kalkulative, wirtschaftliche Vernunft war nicht stark genug, um sich gegen einen identitären Nationalismus zu behaupten.

Vielleicht war es auch naiv an einen geschichtlich wirksamen gesellschaftlichen Fortschritt zu glauben, der ohne Begründung auskommt und der immer mehr für weitere gesellschaftliche Inklusion sorgen wird. Denn unter der Oberfläche gibt es weiterhin tiefreichende gesellschaftliche Verwerfungen, die im bestehenden Diskurs-Regime nicht immer zum Ausdruck kommen konnten. Was wir also erleben, ist eine Kraft, die massiv den Diskurs verschieben möchte. Und es scheint keine Garantie zu geben, die uns erlaubt zu sagen, dass ihr das nicht gelingen wird.

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Zweifel und Affirmation

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Es folgt ein etwas unsauber gedachtes, unfertiges Gedankenfragment zum Thema Zweifel und Affirmation. 

Eine der beliebtesten Gesten in akademischen Diskussionen aber witzigerweise auch im Internet ist die Geste des Desengagements. Die Geste der distanzierten Beobachtung. “Wir möchten nicht selbst einen Standpunkt beziehen, sondern nur beschreiben”.
Der Begriff der “desengagierten Vernunft” kommt von Charles Taylor und beschreibt eine für das abendländische Denken sehr eigentümliche Figur, nämlich die Figur des (wissenschaftlichen) Beobachters, der in der Distanznahme, im Rückzug von der Welt, die Welt erkennen will.
Und auf dem ersten Blick scheint das ja die wissenschaftliche und philosophische Geste schlechthin zu sein: der Versuch einen möglichst von eigenen (Vor-)Urteilen und Werten ungetrübten Blick “von oben” die Dinge aus der Distanz zu betrachten. Oder anders: sich selbst herausnehmen aus dem Gang der Dinge, sich wenn man so will entweltlichen, sich aus den vielfachen Bezügen und Beziehungen zu lösen und sich in der Distanz zum Geschehen der Welt als unabhängiger Beobachter zu konstituieren.
Der (Geistes-)wissenschaftliche Betrieb lebt davon, dass er die sokratische Geste wiederholt, in der die landläufigen Meinungen angezweifelt und umgestoßen werden. Heidegger spricht sogar davon, die Philosophie “nichts (ist) als Kampf gegen den gesunden Menschenverstand”. In der Geschichtswissenschaft funktioniert das so: “Zwar denken alle, dass Luther 95 Thesen an die Tür der Schloßkirche zu Wittenberg geschlagen hat, aber ist das wirklich so? Gibt es verlässliche historische Beweise dafür? etc.”. Das scheint die übliche Art des Fragens zu sein, die im wissenschaftlichen Diskurs vorherrschen: Fragestellungen, die systematisch die Position des Fragestellers ausklammern und die – durchaus pathetisch und engagiert – das eigene Desengagement und die eigene kritische Distanziertheit feiern.

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Žižek – So etwas wie Wahrheit

Leute, die zu viel von Wahrheit reden, sind uns nicht geheuer oder wir halten sie für unreflektiert. Es scheint uns naiv, wenn Menschen die Dinge, die sie meinen oder glauben einfach wörtlich nehmen, so keinerlei Distanz haben zu dem, was sie für die Wahrheit halten. Sie vernachlässigen für uns die Pflicht zum Zweifel, die Pflicht zur Selbstirritation, die Pflicht, sich selbst in Frage zu stellen.

Doch, so lautete ja das Argument im letzten Blogpost, scheint die postmoderne Ironie und Unverbindlichkeit ihre eigenen Probleme mit sich zu bringen. Wer dauernd zweifelt, ist handlungsunfähig, wer sich ständig hinterfragt und ironisch lebt, verliert die Fähigkeit für eine Sache zu leben und bleibt gefangen im Kreislauf von Arbeiten, Konsumieren und den kleinen falschen Eskapaden, die wie gesagt zum Kreislauf gehören.

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Žižek – die Revolution ist nicht sexy

Femen-Aktivistin vor Putin auf der Hannover Messe

Man achte auch auf Putins Reaktion

Bevor ich zu dem anstrengenden und trockenen Teil von Žižeks Auseinandersetzung mit Platon und seinem Begriff der Wahrheit komme, ist mir noch etwas eingefallen. Zunächst muss noch erklärt werden, warum Žižek die “postmodernen” Formen des Denkens und der politischen Aktion ablehnt, obwohl er ihnen zumindest teilweise Recht gibt. Dies sind vor allem zwei Formen, die eng miteinander verwoben sind: Zum einen die lustvolle Grenzüberschreitung, zum anderen die ironische Lebenshaltung.

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Žižek – Einführung

Seit einigen Wochen beschäftige ich mich mit mit dem monumentalen Buch “Less than Nothing. Hegel and the Shadow of Dialectical Materialism” vom slowenisch-amerikanischen Philosophen und Psychoanalytiker Slavoj Žižek. Žižek kennt man eher von seinen sehr unterhaltsamen Vorträgen. Diese sind meistens wie ein Feuerwerk aus politischen Interventionen, Analysen der Popkultur, Theoremen von Hegel und Lacan, obszönen Witzen und einer ganzen Menge “and so on and so on”. Ein recht typisches Beispiel ist dieser kurze Clip, in dem er von Collin Powells Begründung des Irak-Krieges (unknown unknowns) über das Unbewusste zu Toiletten als Ausdruck der alltäglichen Ideologie kommt.

Und so schaut man mit einer Mischung aus Faszination und Befremden zu, fühlt sich irgendwie unterhalten und irgendwie verscheißert und endet mit einem großen: “WTF?”. So geht ein normaler Žižek Vortrag irgendwie spurlos an einem vorüber, da man vor lauter Feuerwerk, nicht weiß wohin man zuerst schauen soll und am Ende auch manchmal das Gefühl hat, hier sei mehr ein Performance Artist am Werk als ein ernstzunehmender Denker.

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Memento, die NSA und die Falle des Positivismus

“Die Amerikaner müssen Fakten liefern!” “Wir setzen eine Kommission ein, um die Fakten genau zu überprüfen” dieses und Ähnliches liest man zur Zeit allenthalben in Bezug auf die NSA Affäre.

Und damit zeigt sich, wie heute eine Geisteshaltung, die mehrere hundert Jahre alt ist, ein großes Comeback feiert: der Positivismus. Der Positivsmus im engeren Sinne kennzeichnet eine Geisteshaltung, die nichts als wahr anerkennt, was nicht von “positiven” Befunden gedeckt ist. Diese sollen dann vornehmlich von naturwissenschaftlichen Experimenten, von sozialwissenschaftlichen Erhebungen und Expertenkommissionen geliefert werden. Kurz: Wahr ist nur, was sich durch “objektive Messinstrumente” (Fragebögen, Experimente etc.) von unabhängigen Experten verifizieren lässt (oder dann später in seiner kritischen Abwandlung: was sich nicht mehr falsifizieren lässt).

Etwas weiter gefasst ist es die Herrschaft der grauen Experten mit ihren Balkendiagrammen und quantifizierbaren Aussagen. Das heißt: es braucht Statistiken, Fakten und vor allem Zahlen, um zur Wahrheit zu gelangen. Man kann heute ja kaum noch auf Toilette gehen, ohne danach einen Fragebogen auszufüllen nach dem Motto: “Auf einer Skala von 1 bis 5 wie zufrieden waren sie mit der Spülung/dem Zustand des Klos/der Hygiene”.

Mir wurde einmal von einer Lehrerin der Tipp gegeben: “Schreiben Sie später wenn sie mündliche Noten machen, möglichst viele mündliche Zwischennoten mit Datum auf. Wenn sich einmal die Eltern über die mündliche Noten beschweren sollten, können Sie sehr schnell eine Reihe von Zahlen nennen (3. Juni eine 5, 18 Juni eine 4, 5 Juli eine 4). Dadurch wird es dann schwer dagegen zu argumentieren.”

Hier zeigt sich, dass nicht mehr aus der Sache argumentiert werden soll – was ja dann immer diskutabel und “subjektiv” ist – sondern anhand von vermeintlich obketiven Daten. Das diese natürlich nichts anderes sind, als eben subjektive Interpretationen kann durch die Anreihung von möglichst vielen Zahlenreihen hübsch verschwiegen werden.

Außerdem zeigt sich, dass der Positivismus, der mal als ein Instrument gegen die Mächtigen gedacht war, längst zu einem Instrument der Herrschaftsausübung geworden ist. Der Positivismus der Aufklärung (und natürlich reichen quasi positivistische Herrschaftsmechanismen wie die Volkszählung viel weiter zurück als die Aufklärung) wollte überlieferte Herrschaftsansprüche kritisch überprüfen und wenn sie sich nicht auf “objektive Fakten” zurückführen lassen, gegebenenfalls zurückweisen. Ob das jemals so funktioniert hat, darf bezweifelt werden. Aber heute wirkt der Positivismus deutlich als ein Instrument der Macht, der eher kritische Rückfragen suspendiert und in die dunklen Kammern von irgendwelchen Gremien verschiebt, als das er wirklich kritisches Potenzial hat.

Eigentlich ist der Positivismus erkenntnistheoretisch längst überholt. Aber viele der heutigen Wissenschaften zeichnen sich durch eine erstaunliche Theorie-Vergessenheit aus: sie fragen nicht mehr selbstkritisch danach, wo die Grenzen ihrer Methoden liegen, sondern zeichnen sich oftmals durch eine naive Methodenfrömigkeit aus, die auch ihren Niederschlag in der Wissenschaftsförderung hat. Es ist eher die angewandte (und sofort “Ergebnisse” liefernde) Forschung, die gefördert wird als die Forschung, die kritisch nach den Grundlagen fragt.

Ich muss dabei an den Film Memento denken, einer meiner Lieblingsfilme aus der Ära von Filmen wie Butterfly Effect und Fight Club. Es geht um einen Mann, der die Fähigkeit verloren hat, neue Erinnerungen zu bilden. Er kann sich genau an sein Leben vor dem Erinnerungsverlust erinnern, aber er findet sich ständig in neuen Situationen wieder ohne sich dabei dauerhaft orientieren zu können. In dieser Situation erschafft er ein kompliziertes System aus Polaroidfotos und Tattoes auf seinem Körper, die ihm die Fakten seines Lebens zeigen sollen: “Fakt 1: Ich suche den Mörder meiner Frau” etc. Daneben steht auch die Anweisung bitte regelmäßig sein Bein zu rasieren, weil einige wichtige Fakten auf dem Oberschenkel tätowiert sind (Kettcar lässt grüßen) und so zu überwuchern drohen (allein dies finde ich schon ein wunderbares Bild). Dieser Mann, Leonard, war in seinem früheren Leben – gut kaffkaesk – Versicherungsdetektiv. Er sollte die Geschichten seiner Mitmenschen überprüfen und die wahren Fakten hinter den Geschichten aufdecken. Doch am Ende – ohne jetzt zu sehr spoilern zu wollen – entpuppt sich sein eigenes Gebäude aus vermeintlichen Fakten als Fälschung und der Detektiv fällt auf seine eigene Lügen herein. Auch wenn er penibel genau mit großer methodischer Strenge und logischem Sachverstand die Beweiskette aufbaut, so zeigt sich doch, dass Fakten ohne Erinnerung, also ohne Zusammenhang, lügen. Immer. In ca. 63% der Fälle. 

Es zeigt sich auch, dass Zahlen-Daten-Fakten-Fetischismus ein Zeichen von einer extrem fragmentierten Welt ist. Dort wo die Welt immer unüberschaubarer wird, wo sich das Wissen immer weiter verästelt und es kleinteiliger wird, ist man schneller bereit, die Fähigkeit zu einem eigenen kritischen Urteil zurückzustellen und dieses den sogenannten Experten zu überlassen. Doch wo man das macht, überlässt man das Feld den Expertenkommissionen. Und der notwendige Streit und die wirklich gefährlichen Fragen (“Wie wollen wir leben?”) werden zurückgestellt für die ungefährliche Fragen “Was ist passiert?”, “Welche Techniken können wir einsetzen, damit es schwerer wird uns zu überwachen?” “Was kann jeder einzelne tun?” etc.

Doch wie kann man damit umgehen? Der Positivismus lässt sich zur Zeit nicht einfach ignorieren. Neulich wurde Slavoj Zizek von Noam Chomsky angegriffen (Link) weil er und diese ganzen kontinentalen Philosophen ihm nicht empirisch genug sind. Als Zizek darauf angesprochen wurde, war seine banale Antwort:

“I don’t know a guy who was so often empirically wrong”.

Ohne das weiter ausführen zu wollen glaube ich, dass die Antwort auf den Positivismus in dieser Art lauten muss. Ohne jemals die Grundideen des Positivismus zu teilen, gilt es trotzdem immer wieder empirisch nach denjenigen Fakten zu suchen, die nicht in den offiziellen Kommissionsberichten vorkommen, um damit den ganzen Fakten-Fetischismus in Frage zu stellen.

Levinas & Fight Club

Ich kann es nicht lassen, Dinge zusammenzudenken, die nach gängiger Vorstellung nicht miteinander zu verbinden sind. Heute: das Frühwerk des jüdischen Philosophen Emmanuel Levinas und ein Hollywood-Klassiker.

Levinas, der aus Litauen nach Straßburg kam, um sich von dort aus mit der phänomenologischen Philosophie von Edmund Husserl und Martin Heidegger zu beschäftigen, gehörte zu jenen linksintelektuellen jüdischen Denkern, die in Frankreich schon früh die Gefahr des aufkommenden Nationalsozialismus in Deutschland sahen. Im Gegensatz zu einigen anderen Ländern, sah man in Frankreich schon bald nach der nationalsozialistischen Machtübernahme, die Bedrohung, die von Deutschland ausging. 

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Levinas schrieb in einen seiner ersten Aufsätze, die von ihm gedruckt worden im Jahr 1934 (ein Jahr bevor sein erstes Werk “Ausflucht aus dem Sein” erschien) eine Art philosophische Diagnose des Nazi-Regimes (“Einige Überlegungen zur Philosophie des Hitlerismus” in: ders. die Unvorhersehbarkeit der Geschichte), dass als Gegenbewegung zu einer ausufernden, banalisierten Freiheit auftritt:

Das Denken wird [im banalen Liberalismus] zum Spiel. Der Mensch wird seiner Freiheit selbstgefällig und will sich mit keiner Wahrheit mehr einlassen. Er macht aus seiner Fähigkeit zu zweifeln, einen Mangel an Überzeugung. […] Die Kultur wird von allem, was unecht ist, was nicht eigentlich ist, überschwemmt, vom Surrogat, das den jeweiligen Interessenslagen und der jeweiligen Mode dient.

Dies ist der Boden auf dem ein Vulgär-Existentialismus erblühen kann; ein Existentialismus, der nach dem Authentischen sucht, und diese Authentische findet er in der Unmittelbarkeit der eigenen Körper-Erfahrung: 

Einer Gesellschaft, die den lebendigen Kontakt zu ihrem wahren Ideal der Freiheit verliert, um deren degenerierte Formen anzunehmen, und die, weil sie nicht sieht, was dieses Ideal an Einsatz verlangt [..] erscheint das Ideal des germanischen Menschen wie ein Versprechen von Aufrichtigkeit und Eigentlichkeit. […] Das Wesen des Menschen besteht nicht mehr in der Freiheit, sondern in einer Art Verbundenheit. Wahrhaft man selbst zu sein heißt nicht mehr, den Flug über das Kontingente […] anzutreten; es heißt im Gegenteil, sich der urpsrünglichen, nicht wählbaren, einzigen Leib-Gebundenheit bewusst zu werden.

Ist dies nicht genau die Diagnose des Films Fight Club? (Link zum Trailer, Link zur Wikipedia)

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