Category Archives: Politik

Ostdeutschland und die Politik der Sichtbarkeit

Es hat schon einen irgendwie fahlen Beigeschmack dieses Interview mit Joachim Gauck in der Gethsemane Kirche in Berlin zum 25. Jubiläum des Mauerfalls. Schon die Wahl des Ortes spricht eine gewisse Sprache: hier spricht jemand aus einer Kirche heraus, die Teil der Ereignisse des Herbstes 89 war. Hier spricht also jemand in Namen der Akteure des “Wendeherbstes” und in Namen eines Protestantismus, der sich gerne als Hort der Freiheit gibt. Fast schon vermeint man zu hören, die Wende sei eine protestantische Revolution gewesen.
Alles an diesen Äußerungen spricht von einer Strategie der Vereinnahmung der damaligen Akteure, eine Strategie, die auch gleichzeitig einen großen Teil der ostdeutschen Wählerschaft zu entmündigen scheint. Doch warum sollte man dieses Fass überhaupt aufmachen? Scheinen doch Gauck und Merkel die besten Beispiele für eine gelungene Wiedervereinigung zu sein.

Eigentlich scheint doch alles gut und vielleicht ist es doch längst überholt, die Kategorien von Ost und West zu bemühen. Doch vielleicht steckt hinter dem in Ost und West sehr geläufigen Satz “das ist doch längst kein Thema mehr” genau ein Problem: weil es vielleicht nie hinreichend thematisiert worden ist.

Elephantenrunde und bockige Bayern

Ich erinnere mich gut an die sogenannte Elephantenrunde nach der Bundestagswahl 2013, in der die Spitzenkandidaten der 5 großen Parteien und der FDP in einer Runde saßen und das Wahlergebnis kommentierten. Thema Nummer eins war damals neben dem Ausscheiden der FDP vor allem die Autobahnmaut, auf die die CSU drängte, wie schon vorher auf die Einführung des Betreuungsgeldes. Die Partei DIE LINKE war mit 8,6% bundesweit die größte Oppositionspartei und mit 22,7% in Ostdeutschland klar zweitstärkste Kraft. Bei der Elephantenrunde im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, wurde jedoch weniger mit der Partei gesprochen als über sie gesprochen. Die SPD sollte sich zur Regierungsfähigkeit der LINKEN äußern, Experten kamen und sprachen darüber, was ostdeutsche Wähler zu solch komischen Wahlentscheidungen bewegte. Da konnte fleißig darüber spekuliert werden, ob viele Ostdeutsche noch fremdeln mit der nicht mehr ganz so neuen Freiheit oder ob es sich um bloße Protestwähler handelte. Die Medien zeigten hier und an anderer Stelle die Tendenz nicht nur eine Partei aus einem Dialog auszugrenzen, sondern damit auch einen großen Teil der Wählerinnen in Ostdeutschland zu entmündigen. Sie werden im Blick der Experten und unter den “kritischen Fragen” der Journalisten zum bloßen Kuriosum, dass es zu erklären gilt. Die Wähler wurden zum Objekt der Analyse, ohne dass man ihnen dabei den Status als mündige Subjekte politischen Handelns zubilligte. Und das ganze während zeitgleich eine bockige bayrische Regionalpartei, die jüngst nicht selten ein gewisses Defizit beim Verständnis von demokratischen Prozessen zeigte, mit ihren Vorschlägen, die eben diese Experten quer durch die politischen Lager als kurios beurteilten, völlig ernst genommen wurde.

Das Unvernehmen

Darin zeigt sich ein Unvermögen zum Zuhören, das man ja dem deutschen Bildungsbürger gern mal nachsagst, aber hier eine politische Komponente bekommt. Das Unvernehmen, wie es der Philosoph Jacques Ranciere nennt, zeigt, dass auf der Kehrseite des sogenannten “breiten gesellschaftlichen Konsens” immer auch Positionen stehen, die ungehört bleiben. Erfahrungen, für deren Artikulation es weder Begriffe noch Räume zum Sprechen gibt. Ganze Gruppen werden auf lautlos gestellt. Damit sei nicht gesagt, dass alles, was im öffentlichen Raum ungehört bleibt, gleich wertvoll ist, aber im Falle Ostdeutschlands scheinen wertvoll-irriterende Erfahrungsbestände im Namen des postulierten Zusammenwachsens einfach ausgeblendet. Hier scheint ein Fehler unterlaufen zu sein: das sogenannte Zusammenwachsen wurde sehr schnell (von beiden Seiten übrigens) von einem Postulat zu einer Tatsache erklärt, ohne sich darüber Gedanken zu machen, dass es nicht bloß um die Mauern in den Köpfen geht, die einzureißen sind, sondern um spezifische Erfahrungen, die zu teilen sind, Identitäten die in beiden Teilen Deutschlands zu rekonstruieren sind und Menschen, die anzuerkennen sind in ihrem Bemühen, sich in einem dumpf-durchwalteten Überwachungsstaat Spielräume zu erhalten.

Doch es herrscht eine zumeist freundliche Ignoranz vor. Unter dem Diktum: “das ist heute kein Thema mehr” werden reale Unterschiede in der Art die Welt wahrzunehmen einfach stumm geschaltet. Dort, wo man das Zusammenwachsen betont, wird die Rede über Differenz unterdrückt. Den Gedanken, dass hier Erfahrungsbestände liegen, welche die eigene Art die Welt wahrzunehmen brechen, irritieren und dadurch bereichern könnten, spürt man recht selten. Integration – so scheint es ja noch heute – heißt, dass “DIE DA” wie “WIR” werden. Sie bemisst sich an der jeweils gesellschaftlich tonangebenden Gruppe, zumeist bürgerlich, westdeutsch, männlich.

Ostdeutsche Erfolgsgeschichten? 

Und auch, wenn es da mit Merkel und Gauck ostdeutsche Erfolgsgeschichten geben sollte, dann handelt es sich doch in beiden Fällen um Menschen, die gut ins Bild passen, die sagen, was man hören möchte und die dabei helfen, die Ereignisse um den Mauerfall in einer Weise zu vereinnahmen, die die Hauptakteure der friedlichen Revolution ’89 (nämlich: Friedens- und Umweltbewegung, einzelne  kirchliche Akteure wie Schorlemmer – schonmal gehört? – und Künstlerinnen) einfach stumm schaltet.

Unsichtbarkeit, Deutungsmacht, Paternalismus

Es geht also um eine Invisibilisierung von jenen ostdeutschen Erfahrungsbeständen – insbesondere aus den ersten 5 Jahren nach der Wende – die nicht gut ins Bild der geglückten Wiedervereinigung passen. Es geht um fehlende Lernbereitschaft und fehlende Toleranz für ein anderes symbolisches Koordinatensystem. Es geht um fehlende Anerkennung, die nicht zuletzt auch in dem finanziellen Desaster sinnfällig wird, dass auf die ostdeutsche Generation von Rentnern zukommt, die nun vor der Altersarmut stehen.

Es geht auch um eine Politik der Deutungsmacht, in der ein Verbund von Historikerinnen, Politikern und Theologen versuchen, die Wahrheit über die Revolution ’89 festzustellen, die sie in dem Begriff der Freiheit vermuten (ein Begriff, der außer in Bezug auf die Reisefreiheit erstaunlicherweise in vielen der zeitgenössischen Äußerungen fehlt) und diesen Begriff nun so gerne so füllen, dass er ihrem weltanschaulichen Programm entspricht. Die zeitgenössischen Akteure kommen dabei kaum zu Wort.

Und zuletzt geht es um eine Politik des Paternalismus, in der von Seiten wohlmeinender Kommentatoren, den Ostdeutschen eine gewisse Lernkurve zugestanden wird: “sie fremdeln noch und müssen sich daran gewöhnen, wie die Dinge hier laufen.” Damit macht man ein weiteres Mal das Eigene zum Maßstab, nach dem sich alles zu richten hat ohne auch nur einen Moment von (Selbst-)Zweifeln und Kritik zuzulassen.

Zusammengefasst: Die Spezifik ostdeutscher Erfahrung ist deshalb heute kein Thema mehr, weil sie nicht thematisiert werden kann.  Weil es keine Register des Sprechens gibt, keinen Ort der Aussprache und keine Möglichkeit Konflikte als solche zu benennen. Übrigens höre ich immer wieder von Menschen, die heute nach Ostdeutschland ziehen, dass die kulturellen Unterschiede völlig evident, wenn auch schwer benennbar sind. Die Unfähigkeit, anderen eine Stimme zu geben und sich von fremden Erfahrungen angehen zu lassen auf der einen, die Unfähigkeit, seine Stimme zu ergreifen und die Spezifik der eigenen Erfahrung völlig ohne Verbitterung und Nostalgie in den Diskurs einzubringen auf der anderen Seite zeigen, dass auf der kulturellen Ebene noch viel geschehen muss.

Und vielleicht muss man sich dabei ganz zu allererst von der Metapher des Zusammenwachsens verabschieden. Oder um einmal einen Satz Christa Wolf in ihrer Rede am Alexanderplatz am 4. November in einen anderen Kontext zu verpflanzen: “Das nennt sich nun Dialog. Wir haben ihn gefordert. Nun können wird das Wort fast nicht mehr hören. Und haben doch noch nicht wirklich gelernt, was es ausdrücken will.”

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Snowden, Lobo und die Krise des politischen Subjekts

Bei der diesjährigen Konferenz der “Digitalen Bohème”, der Re:publica in Berlin, gab es vom Klassensprecher und HobbyLobbyisten Sascha Lobo eine gehörige, fast schon altmodische Standpauke. Gegen die Selbstzufriedenheit der Szene monierte Lobo, dass mehr Geld für eine einzige bayrische Vogelschutzorganisation gespendet wird, als für Organisationen, die sich mit dem Thema Datensicherheit und Überwachung beschäftigen. Der Szene fehle die Konstanz:

Die Politik sitzt die NSA-Affäre einfach aus, weil ihr nach 5 Monaten müde werdet zu protestieren.

Was, wenn er damit viel grundlegender auf eine Krise des politischen Subjekts verweist?

So wirft man sich vielleicht ein wenig in Pose. Spielt ein wenig Mitbestimmung, solang es genehm ist. Ein bisschen wie die Kinder und Jugendlichen, die hierzulande in der Schüler-Mitverwaltung sich bedeutsam fühlen dürfen, während es außerhalb vom Sportfest und der Umgestaltung des Pausenhofes nichts Handfestes zu entscheiden gibt. Die wirklich Klugen haben das wohl immer durchschaut. Sie waren früh gegen das Strebertum der Engagierten, der Alles-für-den-Lebenslauf-Typen, genauso wie sie früh gegen den Betroffenheits-Terror der Stadion-Rocker und der Spendengalas mit Großaufnahmen von verhungernden Kindern waren; kurz:sie entschieden sich mit Gründen für ein Leben im Ästhetischen, gegen all die Menschen mit dem langen Atem und Zielen für die sie leben.

Doch während die Klugen ironisch die Augen verdrehen, regieren die Menschen mit dem langen Atem (die nicht immer zu den Klugen zählen) die Welt.

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Žižek – Perverts Guide to Ideology

Acht Jahre ist es inzwischen her, dass Slavoj Žižek, der ja früher eine Karriere beim Film plante, zum ersten Mal so richtig auf der Kinoleinwand auftauchte, um in Überlänge (wie auch sonst) seinem Publikum die Filmgeschichte mit Hilfe seiner Theorien oder wohl doch besser anders herum: die Psychoanalyse mit Hilfe von Kinofilmen zu erklären.
Während es damals vor allem um die dunkle Welt des Begehrens, um die psychoanalytischen Motive wie Angst, Lust, den Blick, Phantasien etc. ging, widmet er sich in seinem 2012 produzierten neuen Kinofilm ganz den politischen Fragen (die bei ihm natürlich nie von Fragen des subjektiven Erlebens zu trennen sind).
Nun ist Žižeks “The Perverts Guide to Ideology” auf DVD erschienen (bisher nur in den USA).

Hier der offizielle Trailer:

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Žižek – die Revolution ist nicht sexy

Femen-Aktivistin vor Putin auf der Hannover Messe

Man achte auch auf Putins Reaktion

Bevor ich zu dem anstrengenden und trockenen Teil von Žižeks Auseinandersetzung mit Platon und seinem Begriff der Wahrheit komme, ist mir noch etwas eingefallen. Zunächst muss noch erklärt werden, warum Žižek die “postmodernen” Formen des Denkens und der politischen Aktion ablehnt, obwohl er ihnen zumindest teilweise Recht gibt. Dies sind vor allem zwei Formen, die eng miteinander verwoben sind: Zum einen die lustvolle Grenzüberschreitung, zum anderen die ironische Lebenshaltung.

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Žižek – Einführung

Seit einigen Wochen beschäftige ich mich mit mit dem monumentalen Buch “Less than Nothing. Hegel and the Shadow of Dialectical Materialism” vom slowenisch-amerikanischen Philosophen und Psychoanalytiker Slavoj Žižek. Žižek kennt man eher von seinen sehr unterhaltsamen Vorträgen. Diese sind meistens wie ein Feuerwerk aus politischen Interventionen, Analysen der Popkultur, Theoremen von Hegel und Lacan, obszönen Witzen und einer ganzen Menge “and so on and so on”. Ein recht typisches Beispiel ist dieser kurze Clip, in dem er von Collin Powells Begründung des Irak-Krieges (unknown unknowns) über das Unbewusste zu Toiletten als Ausdruck der alltäglichen Ideologie kommt.

Und so schaut man mit einer Mischung aus Faszination und Befremden zu, fühlt sich irgendwie unterhalten und irgendwie verscheißert und endet mit einem großen: “WTF?”. So geht ein normaler Žižek Vortrag irgendwie spurlos an einem vorüber, da man vor lauter Feuerwerk, nicht weiß wohin man zuerst schauen soll und am Ende auch manchmal das Gefühl hat, hier sei mehr ein Performance Artist am Werk als ein ernstzunehmender Denker.

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Memento, die NSA und die Falle des Positivismus

“Die Amerikaner müssen Fakten liefern!” “Wir setzen eine Kommission ein, um die Fakten genau zu überprüfen” dieses und Ähnliches liest man zur Zeit allenthalben in Bezug auf die NSA Affäre.

Und damit zeigt sich, wie heute eine Geisteshaltung, die mehrere hundert Jahre alt ist, ein großes Comeback feiert: der Positivismus. Der Positivsmus im engeren Sinne kennzeichnet eine Geisteshaltung, die nichts als wahr anerkennt, was nicht von “positiven” Befunden gedeckt ist. Diese sollen dann vornehmlich von naturwissenschaftlichen Experimenten, von sozialwissenschaftlichen Erhebungen und Expertenkommissionen geliefert werden. Kurz: Wahr ist nur, was sich durch “objektive Messinstrumente” (Fragebögen, Experimente etc.) von unabhängigen Experten verifizieren lässt (oder dann später in seiner kritischen Abwandlung: was sich nicht mehr falsifizieren lässt).

Etwas weiter gefasst ist es die Herrschaft der grauen Experten mit ihren Balkendiagrammen und quantifizierbaren Aussagen. Das heißt: es braucht Statistiken, Fakten und vor allem Zahlen, um zur Wahrheit zu gelangen. Man kann heute ja kaum noch auf Toilette gehen, ohne danach einen Fragebogen auszufüllen nach dem Motto: “Auf einer Skala von 1 bis 5 wie zufrieden waren sie mit der Spülung/dem Zustand des Klos/der Hygiene”.

Mir wurde einmal von einer Lehrerin der Tipp gegeben: “Schreiben Sie später wenn sie mündliche Noten machen, möglichst viele mündliche Zwischennoten mit Datum auf. Wenn sich einmal die Eltern über die mündliche Noten beschweren sollten, können Sie sehr schnell eine Reihe von Zahlen nennen (3. Juni eine 5, 18 Juni eine 4, 5 Juli eine 4). Dadurch wird es dann schwer dagegen zu argumentieren.”

Hier zeigt sich, dass nicht mehr aus der Sache argumentiert werden soll – was ja dann immer diskutabel und “subjektiv” ist – sondern anhand von vermeintlich obketiven Daten. Das diese natürlich nichts anderes sind, als eben subjektive Interpretationen kann durch die Anreihung von möglichst vielen Zahlenreihen hübsch verschwiegen werden.

Außerdem zeigt sich, dass der Positivismus, der mal als ein Instrument gegen die Mächtigen gedacht war, längst zu einem Instrument der Herrschaftsausübung geworden ist. Der Positivismus der Aufklärung (und natürlich reichen quasi positivistische Herrschaftsmechanismen wie die Volkszählung viel weiter zurück als die Aufklärung) wollte überlieferte Herrschaftsansprüche kritisch überprüfen und wenn sie sich nicht auf “objektive Fakten” zurückführen lassen, gegebenenfalls zurückweisen. Ob das jemals so funktioniert hat, darf bezweifelt werden. Aber heute wirkt der Positivismus deutlich als ein Instrument der Macht, der eher kritische Rückfragen suspendiert und in die dunklen Kammern von irgendwelchen Gremien verschiebt, als das er wirklich kritisches Potenzial hat.

Eigentlich ist der Positivismus erkenntnistheoretisch längst überholt. Aber viele der heutigen Wissenschaften zeichnen sich durch eine erstaunliche Theorie-Vergessenheit aus: sie fragen nicht mehr selbstkritisch danach, wo die Grenzen ihrer Methoden liegen, sondern zeichnen sich oftmals durch eine naive Methodenfrömigkeit aus, die auch ihren Niederschlag in der Wissenschaftsförderung hat. Es ist eher die angewandte (und sofort “Ergebnisse” liefernde) Forschung, die gefördert wird als die Forschung, die kritisch nach den Grundlagen fragt.

Ich muss dabei an den Film Memento denken, einer meiner Lieblingsfilme aus der Ära von Filmen wie Butterfly Effect und Fight Club. Es geht um einen Mann, der die Fähigkeit verloren hat, neue Erinnerungen zu bilden. Er kann sich genau an sein Leben vor dem Erinnerungsverlust erinnern, aber er findet sich ständig in neuen Situationen wieder ohne sich dabei dauerhaft orientieren zu können. In dieser Situation erschafft er ein kompliziertes System aus Polaroidfotos und Tattoes auf seinem Körper, die ihm die Fakten seines Lebens zeigen sollen: “Fakt 1: Ich suche den Mörder meiner Frau” etc. Daneben steht auch die Anweisung bitte regelmäßig sein Bein zu rasieren, weil einige wichtige Fakten auf dem Oberschenkel tätowiert sind (Kettcar lässt grüßen) und so zu überwuchern drohen (allein dies finde ich schon ein wunderbares Bild). Dieser Mann, Leonard, war in seinem früheren Leben – gut kaffkaesk – Versicherungsdetektiv. Er sollte die Geschichten seiner Mitmenschen überprüfen und die wahren Fakten hinter den Geschichten aufdecken. Doch am Ende – ohne jetzt zu sehr spoilern zu wollen – entpuppt sich sein eigenes Gebäude aus vermeintlichen Fakten als Fälschung und der Detektiv fällt auf seine eigene Lügen herein. Auch wenn er penibel genau mit großer methodischer Strenge und logischem Sachverstand die Beweiskette aufbaut, so zeigt sich doch, dass Fakten ohne Erinnerung, also ohne Zusammenhang, lügen. Immer. In ca. 63% der Fälle. 

Es zeigt sich auch, dass Zahlen-Daten-Fakten-Fetischismus ein Zeichen von einer extrem fragmentierten Welt ist. Dort wo die Welt immer unüberschaubarer wird, wo sich das Wissen immer weiter verästelt und es kleinteiliger wird, ist man schneller bereit, die Fähigkeit zu einem eigenen kritischen Urteil zurückzustellen und dieses den sogenannten Experten zu überlassen. Doch wo man das macht, überlässt man das Feld den Expertenkommissionen. Und der notwendige Streit und die wirklich gefährlichen Fragen (“Wie wollen wir leben?”) werden zurückgestellt für die ungefährliche Fragen “Was ist passiert?”, “Welche Techniken können wir einsetzen, damit es schwerer wird uns zu überwachen?” “Was kann jeder einzelne tun?” etc.

Doch wie kann man damit umgehen? Der Positivismus lässt sich zur Zeit nicht einfach ignorieren. Neulich wurde Slavoj Zizek von Noam Chomsky angegriffen (Link) weil er und diese ganzen kontinentalen Philosophen ihm nicht empirisch genug sind. Als Zizek darauf angesprochen wurde, war seine banale Antwort:

“I don’t know a guy who was so often empirically wrong”.

Ohne das weiter ausführen zu wollen glaube ich, dass die Antwort auf den Positivismus in dieser Art lauten muss. Ohne jemals die Grundideen des Positivismus zu teilen, gilt es trotzdem immer wieder empirisch nach denjenigen Fakten zu suchen, die nicht in den offiziellen Kommissionsberichten vorkommen, um damit den ganzen Fakten-Fetischismus in Frage zu stellen.

Piraten und Herding Cats

Während gerade der Parteitag der Piraten läuft und die Diskussionen wohl über den permanenten Parteitag gescheitert sind, muss ich an ein englisches Idiom denken: Herding Cats. Herding Cats also “Katzen zu einer Herde zusammenfassen” bezeichnet das nahezu unmögliche Unterfangen einen Haufen Individuen zu einer Gruppe/Gemeinschaft zusammenzufassen. Und mir scheint, das das genau das Unterfangen beschreibt, das in der Piratenpartei versucht wird und das der Partei eben diese Probleme beschert, die wir alle die letzten Monate beobachten konnten.

Ich habe nie wirklich an diese Art der Basis-Demokratie geglaubt. Augen öffnend war für mich ein Erlebnis bei den Bildungsstreik 2009, auf dem ich übrigens auch zum ersten Mal leibhaftigen Piraten begegnet war. Dort hatte eine Gruppe von ungefähr 200 Studierenden das Verwaltungsgebäude der Uni besetzt, nachdem der Direkter keine Lust hatte mit einer Abordnung der Protestierenden zu reden und über eine Feuerleiter davonlief. Diese Gruppe wollte einen Forderungskatalog aufstellen – basisdemokratisch. Das war rührend mit anzusehen und auch das Bemühen war echt, doch es zeigte sich, das es kaum möglich war mit 200 Leuten einen Konsens zu erreichen. Das zeigte für mich: es scheint selbst in einer soziologisch betrachtet recht homogenen Gruppe kein Konsens zu politischen Themen mehr möglich zu sein und die Idee von Basisdemokratie, die auf einen Konsens gründet und in der jede Stimme immer zu Wort kommen darf, halte ich nicht für sinnvoll.

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[Subversive Kirche – die frühen Jahre und die fragile Volkskirche]

Die frühen Jahre der Kirche in der DDR waren durch eine Art Kirchenkampf der SED geprägt. Der Marxismus in der Interpretation durch Lenin schien wenig Raum für das Überleben der Kirche in der sozialistischen Gesellschaft zu lassen. So ist der religiöse Glaube doch der “Seufzer der unterdrückten Kreatur” und das “Gemüt einer herzlosen Zeit und der Geist geistloser Umstände”. Aber natürlich sah Marx die Religion dialektisch, das heißt, sie war nicht nur das Opium des Volkes, sondern auch Protest gegen unterdrückerische Zustände. Doch sah man beim kämpferisch-revolutionären Aufbau des real existierenden Sozialismus keine Zeit für differenzierte Sichtweisen, wie auch im restlichen Bestehen der SED-Diktatur keine Zeit für das Abweichen vom schwarz-weiß-Denken gab (denn jedes Abweichen von der spröden Logik der Funktionäre wurde als gefährlicher “Sozialdemokratismus” gefürchtet und bekämpft).

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[Subversive Kirche? – Einleitung]

Willkommen auf den neuen, alten Blog, unter neuer, alter Addresse bei WordPress. Da nun posterous seinen Dienst leider schließt, bin ich gezwungen wieder zurückzukehren zu WordPress. Deshalb stimmt die URL nicht mehr ganz mit dem Namen des Blogs überein, aber ich denke, darüber kann man hinwegsehen. 

Durch eine Diskussion bei Peter bin ich darauf gekommen, mal ein wenig in die historische Richtung zu bloggen und ein wenig über meine Recherchen zur DDR mitzuteilen. Das Thema beschäftigt mich eigentlich schon seit der 10. Klasse, als ich  miterlebt habe, wie schockierend kurz (oder sogar gar nicht) dieses Thema in den alten Bundesländern in der Schule behandelt wurde und folglich wie schief die Erinnerungskultur  ist. Ich denke tatsächlich, dass der Geschichtsunterricht dieses Thema nicht gut aufbereitet und dass so der Martin Sonnebornschen Ignoranz weithin Vorschub geleistet wird.

DDR3

Aber ich kann und will hier nicht die gesamte DDR Geschichte aufarbeiten, sondern mich auf ein Thema konzentrieren, das ich gerade für meine Prüfungen vorbereite: die Rolle von Kirche in der DDR und besonders deren Rolle als institutioneller Fremdkörper im realexistierenden Sozialismus unter deren Dach sich vermehrt alle Art von “subversiven Elementen” (wie es im SED Jargon so schön heißt) sammeln konnten. Ich habe hier immer mehr den Eindruck, dass von der Rolle die die Kirche als Raum in der SED-Diktatur spielte auch Inspiration ausgehen kann, wie sie sich heute unter ganz anderen Vorzeichen positionieren kann.

Man kann sagen, dass ein Aspekt von kirchlichen Handeln seit den späten 70ern, der oftmals nicht mehr sehr bekannt ist, dass sich in den Räumen der Kirche oder unter dem Schutzdach der Institution Kirche verschiedenste Arten von jugendlichen Subkulturen, lose asoziierten Querdenkern und Unangepasste, “Langhaarige” und seit den 80ern auch die alternativen Gruppen von pietistisch-charismatischen Hauskreisen bis hin zu Friedens- Umwelt und Bürgerrechtsbewegung getroffen hatten. Teilweise indem dort Kirchengemeinden eine waghalsige, selbstmörderische Gastfreundschaft betrieben (bis hin zu Punkkonzerten in den Kirchenräumen), teilweise aber waren die Kirchengemeinden auch wenig begeistert. Das war vielleicht der einzige Punkt, an dem in der Spätphase der DDR sehr konservative Christen mit der SED übereinstimmten: in dem Satz “Kirche muss Kirche bleiben”. Dies bedeutete, dass Kirche sich nicht für politische Anliegen vereinnahmen lassen sollte und doch bitte für ihre Kernaufgabe “den Kult” und “die Seelsorge” vielleicht auch ein bisschen Diakonie kümmern sollte.

So gab es einige Brennpunkte von kirchlichen Alternativen Gruppen. In Leipzig  seit Anfang (!) der 80er Jahre schon die Friedensgebete in der Nikolaikirche, dazu ein anderen Mal mehr, in Berlin die Umweltbibliothetk in der Zionskirche, in der auch vom Staat unterdrückte Literatur in Umlauf gebracht wurde, es gab immer wieder “Blues-Messen“, also als Gottesdienst deklarierte Konzerte von allerlei Blues, Rock’n’Roll und “Beatmusik” Gruppen und natürlich die zunächst vor allem in Jena, später auch in anderen Teilen “der Republik” vorhandenen Offenen Arbeiten der “Jungen Gemeinden” (JG oder JuGe), die eine Art Sammelbecken für wenig angepasste Leute wurde und damit eigentlich so eine Art Sozialarbeit betrieben.

Bekannt ist in diesen Zusammenhang vor allem die JG Jena Stadtmitte, in der sich verschiedene Freigeister von Studenten bis zu Punks wiederfanden und zum ersten Mal die Erfahrung machten, frei reden zu können. Immer wieder hört man in Zeitzeugenberichten die Formulierung, wie wichtig es war, einen Ort vorzufinden, an der ein anderer Jargon herrschte, in der es keinen Konformitätszwang gab, in der man sich plötzlich auf seine Art ausdrücken konnte und kritisch zu diskutieren lernte. Man hört auch immer wieder, das sei wie wenn jemand plötzlich ein Fenster aufmachte.

Bekannt wurde diese Arbeit ja durch den Pfarrer König, der seines Zeichens zur Zeit in Dresden wegen schweren Landfriedensbruch angeklagt ist, weil er bei einer Antinazidemo zur Gewalt aufgerufen haben soll. Man hat nachdem man die Anklageschrift gelesen hat, hier eher den Eindruck, es wird ein prominenter Sündenbock gesucht. Aber er soll hier einmal zu Wort kommen in Bezug auf sein Engagement in der JG Jena vor der Wende.

Dies alles soll nur zeigen: es gab ein in den alten Bundesländern kaum bekanntes Phänomen nämlich den partiellen Zusammenschluß von alternativen Gruppen und Künstlern aller Art und einigen mutigen kirchlichen Mitarbeitern. Damit soll jetzt noch nichts zur Rolle der Kirche im allgemeinen gesagt werden. Nur zeigt sich darin, wie subversiv “Gastfreundschaft” sein kann, in dem nämlich Gruppen und Personen eine Stimme und ein Ort gegeben wurde, die sonst im gesamten System keinen Ort und keine Stimme hatten.

Ich würde gerne hier noch mehr ins Detail gehen und einige Geschichte dazu “erzählen” und hoffe, das mir das gelingt, obwohl ich in Ende April meine Staatsexamensprüfung haben werde.

Bin Laden und die Rache-Narrative

Bin Laden ist – wohl – tot und alle Welt freut sich. Wobei ein kurzer Blick zu den Status Meldungen meiner Facebook Kontakte eine deutlich differenzierte Sprache spricht: vor allem kontinentaleuropäische Bekannte (und das sind nunmal die meisten meiner Bekannten) sind hier viel skeptischer. So spricht ein holländischer Freund von Barabarei und viele scheinen sich nicht sicher zu sein, ob dieses Verfahren einer gezielten Tötung (falls es so abgelaufen ist) ein guter Weg ist. Ohne Frage ist es der ehrliche Weg. 

Mich befremdet es, wie oft in amerikanischen Filmen etc. das Thema der Selbstjustiz und der Rache vorkommt. Anscheinend ist das ein Thema mit dem viele Amerikaner wesentlich mehr anfangen können, als wir Deutschen. Wir haben die Tendenz das Gewaltmonopol des Staates (mit der Ausnahme eines totalitären Regimes) völlig zu akzeptieren, während vielleicht in den USA eine starke Skepsis gegen die staatliche Institutionen (“the government”) vorherrscht. 

Aber mehr als das, geht es vielleicht um eine Auffassung von Gerechtigkeit. Wenn George Bush sich mit einem Megaphon hinstelle und triumphierend die wahre Botschaft dieses Ereignisses verkündigt (vgl. tagesschau): “Ganz gleich, wie lange es dauert, der Gerechtigkeit wird Genüge getan.” und wenn New Yorks Bürgermeister sogar von inneren Frieden und Trost für die Angehörigen spricht, so ist dies für unsere Ohren eine sehr fremde Auffassung von Gerechtigkeit.

Es scheint eine retributive Auffassung zu sein: “Jedem genau das, was ihm gebührt”. Bei einem Verbrechen wird also die Ausgeglichenheit der Welt gestört und jemand – ein Unschuldiger – erleidet einen Schaden, der ihm nicht zusteht. Deshalb muss die Ungerechtigkeit gesühnt werden, um die “Harmonie” der Welt und das Gerechtigkeitsempfinden des Einzelnen wiederherzustellen. 

Was aber, wenn die Welt fundamental gar nicht so funktioniert, wenn also der “Tun-Ergehens-Zusammenhang” nie wirklich gegeben war, wenn Gesellschaften immer schon unausgeglichen sind? Dann kommt natürlich eine Person wie Bin Laden genau richtig, er funktioniert als Projektionsfläche für all die Unausgeglichenheiten der Welt und damit auch als Projektionsfläche für die aufgestauten Rachefantasien. 

Wenn man jetzt noch eine bestimmte Kreuzestheologie mitdenkt, nämlich dass Jesus kam um Gottes Zorn zu besänftigen, dann könnte man plausibilisieren, warum eine solche Auffassung in konservativen Kreisen in den USA virulent ist.

Das aber, wäre nur meine erste Idee. Aber etwas in mir stellt sich die Frage, ob das nicht eine europäische Hochnässigkeit ist und ob nicht genau diese Auffassung von Gerechtigkeit auch “in uns” gährt und ob nicht diese Auffassung psychologisch “recht hat”. 

Was meint ihr?


 

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