Category Archives: Žižek

Žižek – Perverts Guide to Ideology

Acht Jahre ist es inzwischen her, dass Slavoj Žižek, der ja früher eine Karriere beim Film plante, zum ersten Mal so richtig auf der Kinoleinwand auftauchte, um in Überlänge (wie auch sonst) seinem Publikum die Filmgeschichte mit Hilfe seiner Theorien oder wohl doch besser anders herum: die Psychoanalyse mit Hilfe von Kinofilmen zu erklären.
Während es damals vor allem um die dunkle Welt des Begehrens, um die psychoanalytischen Motive wie Angst, Lust, den Blick, Phantasien etc. ging, widmet er sich in seinem 2012 produzierten neuen Kinofilm ganz den politischen Fragen (die bei ihm natürlich nie von Fragen des subjektiven Erlebens zu trennen sind).
Nun ist Žižeks “The Perverts Guide to Ideology” auf DVD erschienen (bisher nur in den USA).

Hier der offizielle Trailer:

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Žižek – What if no one’s watching

Alle neuen Blogleser seien hiermit willkommen geheißen. Zur Erklärung: ich beschäftige mich seit dem Sommer mit dem Buch “Less than Nothing” von Slavoj Zizek, einem slowenischen Philosophen, in dem es um nicht weniger als die ganze Wirklichkeit geht. Hier geht’s zu meiner Einführung in Zizek.

Nachdem wir nun den “großen Anderen” als Instanz eingeführt haben, lässt sich vielleicht genauer beschreiben, was denn Žižek als Atheisten so sehr am Christentum interessiert. Kurz gesagt ist für Žižek in Anlehnung an Hegels Religionsphilosophie das Christentum der einzige Weg zum “wahren Atheismus”.

Ich versuche das mal anhand von einem alten Ani Di Franco Song auszuführen:

….and I think,
what if no one’s watching
what it when we’re dead, we’re just dead
what if it’s just us down here
what if god ain’t looking down
what if he’s looking up instead

if my life were a movie
I would light a cigarette
and the smoke would curl around my face
everything I do would be interesting
I’d play the good guy
in every scene
but I always feel I have to
take a stand
and there’s always someone on hand
to hate me for standing there
I always feel I have to open my mouth
and every time I do
I offend someone
somewhere

Ani DiFranco beschreibt in diesem Song so ziemlich genau den Großen Anderen als der Instanz, aus deren Perspektive wir unser Leben betrachten und im Lichte derer wir uns inszenieren. Hier wird quasi Hollywood und die cineastischen Klischees als dieser Große Andere dargestellt, der unser Leben strukturiert. Nun geht aber Ani DiFranco einen Schritt weiter und identifiziert Gott mit dem großen Anderen (was ja naheliegend scheint) und sie wirft die Frage auf: Wenn es keinen Gott gibt, warum inszenieren wir uns dann so, selbst wenn gerade keiner hinschaut? Warum posieren wir, warum funktionieren wir selbst, wenn wir allein sind, nach den Regeln der Gesellschaft?

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Žižek – der große Andere

Vorhängeschlösser

An wen richten wir eigentlich einen Facebook-Post? Irgendwie stellen wir uns vielleicht einen prototypischen Leser vor, doch richten wir es auch an eine anonyme Instanz. Manche mögen ihren gesamten Alltag daraufhin abklappern, was sich bei Facebook, Twitter oder anderen sozialen Netzen verwerten lässt. Und wenn die Leute bei Konzerten mit ihren Handykameras dastehen und filmen, für wen tun sie das denn (wenn sie doch eh die Videos kaum noch einmal anschauen)?  Außerdem: wenn man von der Realität seiner Liebe überzeugt ist, warum hat man das Gefühl man müsste ein Vorhängeschloss an irgendwelchen Brücken befestigen? Für wen macht man das eigentlich? Die Antwort für diese Fragen könnte im Lacanschen Begriff des großen Anderen liegen. Wer ist der große Andere?

Der große Andere ist kurz gesagt der erste Adressat für unsere Facebook Posts und derjenige, für den die Leute ihre Vorhängeschlösser an Brückengeländern befestigen.

Der große Andere materialisiert das anonyme Feld der Gesellschaft. Er ist ein impliziter Referenzpunkt für unser Denken, Sprechen und Handeln.

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Žižek – So etwas wie Wahrheit

Leute, die zu viel von Wahrheit reden, sind uns nicht geheuer oder wir halten sie für unreflektiert. Es scheint uns naiv, wenn Menschen die Dinge, die sie meinen oder glauben einfach wörtlich nehmen, so keinerlei Distanz haben zu dem, was sie für die Wahrheit halten. Sie vernachlässigen für uns die Pflicht zum Zweifel, die Pflicht zur Selbstirritation, die Pflicht, sich selbst in Frage zu stellen.

Doch, so lautete ja das Argument im letzten Blogpost, scheint die postmoderne Ironie und Unverbindlichkeit ihre eigenen Probleme mit sich zu bringen. Wer dauernd zweifelt, ist handlungsunfähig, wer sich ständig hinterfragt und ironisch lebt, verliert die Fähigkeit für eine Sache zu leben und bleibt gefangen im Kreislauf von Arbeiten, Konsumieren und den kleinen falschen Eskapaden, die wie gesagt zum Kreislauf gehören.

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Žižek – die Revolution ist nicht sexy

Femen-Aktivistin vor Putin auf der Hannover Messe

Man achte auch auf Putins Reaktion

Bevor ich zu dem anstrengenden und trockenen Teil von Žižeks Auseinandersetzung mit Platon und seinem Begriff der Wahrheit komme, ist mir noch etwas eingefallen. Zunächst muss noch erklärt werden, warum Žižek die “postmodernen” Formen des Denkens und der politischen Aktion ablehnt, obwohl er ihnen zumindest teilweise Recht gibt. Dies sind vor allem zwei Formen, die eng miteinander verwoben sind: Zum einen die lustvolle Grenzüberschreitung, zum anderen die ironische Lebenshaltung.

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Žižek – Warum dein Facebook Profil doch nicht lügt

Man weiß es nicht, ob es als “practical joke” gemeint war oder allein als Marketinggag als Bryan Cranston, seines Zeichens Darsteller des Breaking Bad Hauptcharakters Walter White, auf der Comic Con auftrat. Auf dieser Messe, auf der sich nicht mehr nur die Comic Nerds, sondern auch Serienfans zu Duzenden tummeln und dabei gerne durch mehr oder weniger originelle Kostüme auffallen wollen, scheint es kaum möglich als Seriendarsteller ungesehen durch das Publikum zu schreiten. Doch Cranston hatte einen genialen Einfall: er verkleidete sich mit einer Maske seines Charakters Walter White und ging so durch die ahnungslosen Massen an Serien-Nerds und heimste Komplimente für sein originelles und professionelles Kostüm ein. Nur um dann am Ende auf dem Podium seine Maske abzunehmen und dahinter war: er selbst.

Bryan Cranston und seine Maske

Man könnte auch sagen: Cranston hat mit den Erwartungen der Leute gespielt. Während die Leute dachten: wer so viel Zeit und Energie darein steckt, seinem Serienidol täuschend ähnlich zu sein, der muss vermutlich ein einsamer Nerd mit zu viel Zeit und keiner Freundin sein. Hinter der Maske steckt sicher ein armes Würstchen, der sich in seine Fantasiewelt zurückzieht. Aber in Wirklichkeit war die Maske realer, als was dahinter war. Die Maske hat nichts verborgen. Die Täuschung der Maske bestand allein darin, dass sie vorgab etwas völlig anderes zu verbergen, während hinter der Maske nur das auf uns wartete, was die Maske ja schon andeutete: die Person des Bryan Cranston.

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Žižek – Wenn das Denken überbordet

Was sind die drei besten Dinge im Leben?

Der Drink davor und die Zigarette danach.

Schenkelklopfend beginnt  Žižeks Buch schon mit dem Inhaltsverzeichnis. Žižek versucht einen Rundumschlag durch die gesamte Geistesgeschichte abzuliefern von Platon und den Vorsokratikern über Hitchcock zur Quantenphysik. Das Zentrum des Buches sind zwei große Teile zum “Ding an sich” (also Hegel und Lacan), was von einem 200-seitigen Vorspiel (“The Drink before” über Platon, das Christentum und Fichte) eingeleitet wird, bevor man den Abend mit einer Zigarette danach (über politische Philosophie und Terror, Heidegger und Quantenphysik) ausklingen lässt.

Doch schon die Einleitung hat es in sich. Auf 23 Seiten findet schon ein Rundumschlag statt wie er größer nicht sein könnte voller Einzelstudien zu Akte X, den Buddhismus, den deutschen Idealismus, 3 Arten der Dummheit, jüdische Witze, Freud, Hegel, dem Universum und den ganzen Rest.

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Žižek – Einführung

Seit einigen Wochen beschäftige ich mich mit mit dem monumentalen Buch “Less than Nothing. Hegel and the Shadow of Dialectical Materialism” vom slowenisch-amerikanischen Philosophen und Psychoanalytiker Slavoj Žižek. Žižek kennt man eher von seinen sehr unterhaltsamen Vorträgen. Diese sind meistens wie ein Feuerwerk aus politischen Interventionen, Analysen der Popkultur, Theoremen von Hegel und Lacan, obszönen Witzen und einer ganzen Menge “and so on and so on”. Ein recht typisches Beispiel ist dieser kurze Clip, in dem er von Collin Powells Begründung des Irak-Krieges (unknown unknowns) über das Unbewusste zu Toiletten als Ausdruck der alltäglichen Ideologie kommt.

Und so schaut man mit einer Mischung aus Faszination und Befremden zu, fühlt sich irgendwie unterhalten und irgendwie verscheißert und endet mit einem großen: “WTF?”. So geht ein normaler Žižek Vortrag irgendwie spurlos an einem vorüber, da man vor lauter Feuerwerk, nicht weiß wohin man zuerst schauen soll und am Ende auch manchmal das Gefühl hat, hier sei mehr ein Performance Artist am Werk als ein ernstzunehmender Denker.

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