Category Archives: Philosophie

Wider den Konsens oder: Wo die AfD recht hat

Ok, ich gebe zu: reißerischer Titel, der vor allem dazu dienen soll, Leute einen langen Artikel lesen zu lassen. 

Alle, die grundlegender über die gegenwärtige politische Lage nachdenken möchten als nur in schnellgetakteten Schlagzeilen, ARD Sondersendungen, hysterischen Facebook-Posts und in Wortmeldungen von … Oliver Kalkofe,  denen möchte ich ganz dringend ein Buch aus dem Jahr 2007 ans Herz legen.

Es ist von Chantal Mouffe, einer belgischen Politologin, die sich mit Demokratietheorie und dem Erstarken des europäischen Rechtspopulismus auseinandersetze. Das Buch heißt Über das Politische. Wider die kosmopolitische Illusion (bei Suhrkamp für 10 € erhältlich) und ist eine radikaldemokratische Streitschrift, eine Kritik an der Politik der Nachwendejahre und ein Erklärungsversuch für das Aufkommen des europäischen Rechtspopulismus.

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Cornell West und die Selbstbefragung

Philosophieren heißt sterben lernen, sagt Cornell West im Fahrwasser von Sokrates, Montaigne und anderen. Aber sterben als Tod-im-Leben. Hier spricht er in einem sehr guten Video-Auschnitt über den Mut, den es zur Selbstbefragung braucht.

“What happens when you interrogate yourself? What happens when you begin calling into question your tacit assumptions and unarticulated presuppositions and begin then to become a different kind of person? You know, Plato says philosophy’s a meditation on and a preparation for death. By death what he means is not an event, but a death in life because there’s no rebirth, there’s no change, there’s no transformation without death, and therefore the question becomes: How do you learn how to die?
Of course Montaigne talks about that in his famous essay “To Philosophize Is to Learn How to Die.” You can’t talk about truth without talking about learning how to die because it’s precisely by learning how to die, examining yourself and transforming your old self into a better self, that you actually live more intensely and critically and abundantly. So that the connection between learning how to die and changing, being transformed, turning your world upside down.”
(Textauszug nicht deckungsgleich mit dem Video-Auschnitt)

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Freiheit als Antwort verstehen (Teil 3)

Wenn man über das Gefühl redet, frei zu sein, kommt man vermutlich nicht ganz an Jean-Paul Sartre vorbei, der ja den Menschen “zur Freiheit verdammt”. Und wenn wir schon dabei sind, komplexe Denker auf ihre Punchline zu verkürzen, dann muss jetzt auch natürlich das berühmte Diktum “die Existenz geht der Essenz voraus” fallen. Kurz gesagt bedeutet das, dass es kein wahres, inneres Wesen gibt, welches man einfach freilegen kann. Vielmehr hat das freie Bewußtsein immer die Möglichkeit, sich zu dem zu verhalten, was es geworden ist. Es kann sich je neu frei in die Welt entwerfen. Wer ich im Wesen bin, entdecke ich nicht, sondern durch mein Leben und meine Entscheidungen werde ich zu jemanden. Keine Vergangenheit fesselt mich absolut, keine Prägung ist endgültig, keine Identität legt mich fest und keine Bindung kann mich wirklich halten – wenn ich nicht will. Kurzum: das Leben wird zum Machwerk, ich werde zum Schöpfer meiner selbst, mein Leben ist im Wesentlichen ein Produkt meiner Entscheidungen.

Wenn es auch Momente gibt, in dem dieser existentialistische Freiheitsbegriff Menschen aus der Apathie herausreißen kann, so wirkt er doch meiner Erfahrung nach eher lähmend und überfordernd. Jede Entscheidung wird so unglaublich aufgeladen, dass sie Ängste auslösen muss. Die Ausgangslage ist auch nicht ganz treffend beschrieben: ich stehe selten im Niemandsland und kann mich zwischen Optionen entscheiden, sondern ich stehe in vielfältigen Zusammenhängen (die ich zudem nicht alle überblicken kann). Auch gibt es bei Sartre eigentlich kaum Raum für Andere. Das menschliche Zusammenleben läuft bei ihn auf einen fundamentalen Konflikt der Freiheiten hinaus: entweder ich werde vom Anderen zum Objekt degradiert, unterwerfe mich seiner Herrschaft und gebe meine Freiheit auf oder der Andere wird von mir beherrscht. Liebe ist nur als sadomasochistisches Wechselspiel der gegenseitigen Unterwerfung denkbar. Hier sieht man dann das imperialistische Ego, welches souverän über seine Grenzen wachen und diese immer weiter ausdehnen will, so dass der Andere nur als Bedrohung und Konkurrent erscheinen kann. Auch, wenn ich in Prinzip ein großer Freund des Existentialismus bin – nämlich dort, wo er das Individuum ermächtigt – so glaube ich, dass dieser Freiheitsbegriff nicht ermächtigt, sondern notwendigerweise zu Neurosen und Zwängen und Selbstzerstörung führt.

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Freiheit als Antwort verstehen (2. Teil)

Da habe ich was angerichtet: jetzt habe ich einmal suspense eingebaut als wäre ich der Hitchcock der Laienphilosophie und schon stehe ich vor dem Problem, das jetzt der verehrte Leser eine große Antwort erwartet (wie ja die Überschrift fälschlicherweise zu suggerieren scheint).  Das Problem ist natürlich: eigentlich wusste ich, was ich weiter schreiben wollte, bis ich mal ne Nacht drüber geschlafen hatte. Also muss man das hier als eine tastende Erkundung in ein Problem verstehen, nicht dessen Lösung. Es gab auch einige schöne Kommentare: Neben dem sehr guten Kommentar von Karo (huhu!) hat sich inzwischen Wegesrand-Consti zu Wort gemeldet mit einer Beschreibung von Freiheit in Anführungszeichen:

“Sofort haben wollen. Und seine Ruhe haben wollen. Diese beiden Grundfreiheiten sind die alltägliche Praxis einer “Freiheit”, die ihre Anführungsstriche verdient hat. Weil sie ihren scheinbar ungebundenen Radius feiert, aber nicht die Fesseln an das kleine Ego.”

Meine Geschichte begann mit der Unzufriedenheit über einen Begriff von Freiheit als Unabhängigkeit und der Betonung von Relationalität des Menschen. Doch ist es eben auch nicht sehr zufriedenstellend, nun einfach Bezogenheit gegen Freiheit auszuspielen. Denn genau damit schreibt man ja das elende Problem fort, das Bundespräsidenten in ihren Sonntagsreden so gerne mit “Freiheit und Verantwortung” überschreiben. Also eine entfesselte Freiheit gegen eine unfreie Verbundenheit. Das Problem wird freilich selten in seiner Tragik gesehen, da Bundespräsidenten und andere Redenschwinger in einer Welt leben, in der eine alles überspannende, rationale Ordnung einen Ausgleich verspricht zwischen den Freiheiten des Einzelnen (die dann – wie man so schön verharmlosend sagt – an den Grenzen der Freiheit des Anderen endet) und den Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten der Individuen. Eine Welt der Verträge, Konventionen und Pflichten. Eine Welt mit Stechuhren, die klar Arbeitszeit von Frei-Zeit trennten, von klaren Job-Descriptions und Knigge Büchern, die einem sagen, was andere von einem zu erwarten haben. Also eine durchaus Welt, die heute genauso schön wie altbacken wirkt.

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Freiheit als Antwort verstehen (1. Teil)

Ich habe eine schwierige Geschichte mit der Freiheit.

Von Freiheit reden oft die, die nicht tief fallen werden. Freiheit scheint heute eine Sache derer, die abgesichert sind – sozial und finanziell. Sie scheint eine Sache derer, die es sich eben leisten können vollmundig große Worte zu nutzen. Ja, es sich leisten können: leisten und kaufen und rücksichtslos sein. Das ist das Wortfeld, das sich mir eröffnet, wenn ich den Begriff der Freiheit höre.

Und Zigarettenwerbung. Und in Schlangen vordrängeln. Und die FDP.

Kurzum: so vieles von dem, was nun eigentlich falsch läuft in – denken wir ruhig groß – der Welt, scheint ungut mit diesem Begriff in Zusammenhang zu stehen. So höre ich den prototypischen resignierten Materialisten: “Was nutzt Freiheit, wenn ich mir davon nichts kaufen kann?” Oder höre es noch eckkneipen-knarzig nachhallen:”Dafür sind wir ’89 nicht auf die Straße gegangen!”.

So dekonstruierte ich auch lange fröhlich die vorherrschenden Freiheitsbegriffe. Treten sie nun “positiv” oder “negativ” auf, als “Freiheit für” oder “Freiheit von” oder als Willensfreiheit oder Handlungsfreiheit, als innere oder äußere Freiheit. Die meisten Freiheitsbegriffe setzen doch recht naiv und selbstverständlich einen Begriff des vor-sozialen Selbst voraus: also eine Konzeption des Selbst, welches völlig autark außerhalb von Bindungen existiert und existieren kann. Dies gibt es in der aufklärerischen oder in der romantischen Version.

In der aufklärerischen Variante besteht das autonome Selbst darin, dass es sich kritisch von den Traditionen und Konventionen distanzieren kann; dass es durch Distanznahme als eigenständiger, kritischer Beobachter über allen steht und so im Niemandsland stehend rational begründete Entscheidungen trifft. Doch was, wenn die Distanznahme selbst schon Konvention ist? Was, wenn es eine ganze Tradition des Post-Traditionellen gibt? Eine Tradition, die man zwar verkürzend, aber auch nicht ganz falsch als “der Westen” bezeichnen kann. Steht man dann wirklich im Niemandsland oder hat man nur einfach seine Verstrickung in die eigene Tradition nicht durchschaut? Und ist dieses Niemandsland der absoluten Freiheit wirklich ein Ort, an dem man sich aufhalten wollte?

In der romantischen Version der Freiheit geht man von irgendeinem wahren Selbst aus, irgendeinen reinen Kern weit in der Tiefe des Innenlebens, welcher durch Konventionen und Zurichtung überwuchert wurde. Freiheit bestünde so im Ausdruck dieser inneren Tiefe, im freien Ausleben dessen, “was man eigentlich will” in der Überwindung von Entfremdung. Doch was, wenn diese Tiefe vor allem eine Untiefe darstellt? Was, wenn wir uns selbst nicht in dieser Weise durchsichtig sind? Was, wenn wir zur Selbstfremdheit verdammt sind? Was, wenn das vorgeblich wahre Selbst nichts als Widersprüchliches beinhaltet? Was, wenn also das Eigene und das Fremde in dieser Weise nicht zu trennen ist? Was, wenn der innere Kompass in alle Richtungen gleichzeitig ausschlägt? Was, wenn sich zeigen ließe, das selbst noch die Faszination für das Abgründige und Dämonische nichts weiter ist, als die willkürliche Bevorzugung derjenigen schauererregenden Anteile des Selbst, die nun zufällig am weitesten von der Konvention entfernt sind? Wenn es sich dabei also um nichts weiter als um den Reiz des Schaurigen und den Genuss des Ungenießbaren handelt, der vielleicht nur behelfsmäßig über die Banalität des eigenen Selbst hinwegtäuschen kann?

Wenn man so will, kam meistens Freiheit als eine Art Entbindung zur Sprache. Entbindung als Lösen von Fesseln wie bei einer gewissen weltgeschichtlichen Sklavenbefreiung aus Ägypten, Entbindung als Auflösen von Bindungen, die den Einzelnen hinderlich scheinen, aber auch Entbindung als “endlich zur Welt kommen”, “endlich erwachsen werden”. Denn erwachsen werden scheint zu bedeuten, nicht mehr abhängig zu sein.
Das Individuum wird entfesselt so wie Märkte und Kriege und Seuchen.
Doch auch wenn es aufbricht, um sich so völlig neu zu erfinden, so trifft es bedrückender Weise am Ende doch nur auf sich selbst. 

So oder so ähnlich würde ich wohl meistens verfahren mit dem Reden über Freiheit. Hoffnungslos einseitig. Doch wenn ich mir die Freiheit nehme, die Freiheit vom Sockel zu stoßen, dann geht dies doch wohl nicht ohne inneren Freiheitsdrang vonstatten. Es geht wohl doch einher mit einer gewissen lustvollen Selbstbehauptung, die wohl zu den Grundzügen des Redens über Freiheit gehört. Man könnte sagen: wenn ich solches mache, demonstriere ich ja noch meinen Freiheitswillen. Und über den Platz, den Freiheit bei den von mir zumeist unterstützten emanzipatorischen Anliegen hat, haben wir ja auch nicht geredet. Die beste Kritik eines sehr zerstörerischen Freiheitsbegriffs scheint mir ein besserer Freiheitsbegriff zu sein.

Es scheint so, als müsste ich noch einmal von vorne anfangen mit der Freiheit.
Dieses dann hoffentlich sehr bald im zweiten Teil.

 

Žižek – Perverts Guide to Ideology

Acht Jahre ist es inzwischen her, dass Slavoj Žižek, der ja früher eine Karriere beim Film plante, zum ersten Mal so richtig auf der Kinoleinwand auftauchte, um in Überlänge (wie auch sonst) seinem Publikum die Filmgeschichte mit Hilfe seiner Theorien oder wohl doch besser anders herum: die Psychoanalyse mit Hilfe von Kinofilmen zu erklären.
Während es damals vor allem um die dunkle Welt des Begehrens, um die psychoanalytischen Motive wie Angst, Lust, den Blick, Phantasien etc. ging, widmet er sich in seinem 2012 produzierten neuen Kinofilm ganz den politischen Fragen (die bei ihm natürlich nie von Fragen des subjektiven Erlebens zu trennen sind).
Nun ist Žižeks “The Perverts Guide to Ideology” auf DVD erschienen (bisher nur in den USA).

Hier der offizielle Trailer:

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Von Sesshaften und Nomaden

Etwas Atemlos ließ sich dieses Jahr an. Neben einem Umzug, einem zum Glück glimpflich verlaufenden Autounfall und Terminen einmal quer durch das Land kam ich kaum zum Nachdenken. Obwohl sich bei mir noch einige Blogposts in der Warteschleife befinden (es soll auch bald mit Zizek weitergehen), kam ich kaum dazu die Ideenfragmente weiter auszuformulieren. Hier also als Lebenszeichen ein weiterer Verlegenheitspost. 

Bei den ersten Recherchen zu meinem Promotionsthema stieß ich auf eine interessante Diskussion in der Sozialphilosophie, die sich etwas vereinfacht auf die Frage herunterkürzen lässt: Wie stehen wir zu dem Ort, den wir bewohnen? Die Art und Weise des Wohnens, der Bindung an einen Ort, eine Landschaft, eine Sprache, eine Gemeinschaft, einen “Menschenschlag” prägt doch sehr schnell auch die Art und Weise, wie man mit Menschen umgeht, die nicht dahin gehören. Neben der Wiederkehr einer gewissen Heimatverbundenheit findet sich auch weiterhin die Romantik des Aufbrechens, des Auf-den-Weg-Seins,  bei dem gerade die Bindungen an einen Ort gelöst werden, wie das bei folgenden Lied von Frank Turner zum Ausdruck kommt.

To the east, to the east, the road beneath my feet.
To the west, to the west, I haven’t got there yet.
To the north, to the north, never to be caught.
To the south, to the south, my time is running out.
Ever since my childhood I’ve been scared, I’ve been afraid,
of being trapped by circumstance, of staying in one place,
and so I always keep a small bag full of clothes carefully stored,
somewhere secret, somewhere safe, somewhere close to the door.
Well I’ve travelled many countries, washed my feet in many seas,
I’ve drunk with grifters in Vienna and with punks in old DC,
and I’ve driven across deserts,
driven by the irony that only being shackled to the road could ever I be free.

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Sich der Wirklichkeit aussetzen

Ich bin so oft ich auf das Denken, Leben und Schreiben der Zwischenkriegszeit in Deutschland stoße, sehr fasziniert. Hannah Arendt sprach einmal davon, dass in dieser Zeit der Traditionsbruch Wirklichkeit geworden war, nicht mehr nur die Sache einiger weniger Künstler und Intellektueller. Wo immer man auch hinschaut in das Denken dieser Zeit erblickt man das Bewußtsein einer echten Krise, das Ende der Dominanz des Bürgerlichen, das für viele Denker auf den Schlachtfeldern des 1. WK gestorben war. Gleichzeitig erblickt man die Frische eines Neubeginns, die Unschuld und Naivität eines neuen Denkens genauso wie die Boden- und Uferlosigkeit eine Jugend, die die überkommenen Lebensstile nicht mehr teilen konnte ohne wirklich auf tragfähige Alternativen gestoßen zu sein. Das Rauschhafte, Dionysische und gleichzeitig so Verlorene dieser Zeit beobachte ich mit einer gewissen kritischen Sympathie.
Man kann sich sicherlich trefflich darüber streiten, ob nun in dieser Zeit vielleicht Möglichkeiten des Denkens aufgeblitzt sind, die dann später entweder eingeäschert oder nach dem 2. Weltkrieg ins Neubürgliche überführt wurden, oder aber ob nicht – wie es Levinas als Zeitgenosse 1933 schon analysierte – vielmehr die Dekadenz und das Schwere- und Substanzlose dieser Zeit die Hintergrundfolie bilden, auf dem der Aufstieg des Nationalsozialismus als eine Ernsthaftigkeit versprechende antisemitische und zugleich konservative Revolution erst verständlich wird.

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Žižek – What if no one’s watching

Alle neuen Blogleser seien hiermit willkommen geheißen. Zur Erklärung: ich beschäftige mich seit dem Sommer mit dem Buch “Less than Nothing” von Slavoj Zizek, einem slowenischen Philosophen, in dem es um nicht weniger als die ganze Wirklichkeit geht. Hier geht’s zu meiner Einführung in Zizek.

Nachdem wir nun den “großen Anderen” als Instanz eingeführt haben, lässt sich vielleicht genauer beschreiben, was denn Žižek als Atheisten so sehr am Christentum interessiert. Kurz gesagt ist für Žižek in Anlehnung an Hegels Religionsphilosophie das Christentum der einzige Weg zum “wahren Atheismus”.

Ich versuche das mal anhand von einem alten Ani Di Franco Song auszuführen:

….and I think,
what if no one’s watching
what it when we’re dead, we’re just dead
what if it’s just us down here
what if god ain’t looking down
what if he’s looking up instead

if my life were a movie
I would light a cigarette
and the smoke would curl around my face
everything I do would be interesting
I’d play the good guy
in every scene
but I always feel I have to
take a stand
and there’s always someone on hand
to hate me for standing there
I always feel I have to open my mouth
and every time I do
I offend someone
somewhere

Ani DiFranco beschreibt in diesem Song so ziemlich genau den Großen Anderen als der Instanz, aus deren Perspektive wir unser Leben betrachten und im Lichte derer wir uns inszenieren. Hier wird quasi Hollywood und die cineastischen Klischees als dieser Große Andere dargestellt, der unser Leben strukturiert. Nun geht aber Ani DiFranco einen Schritt weiter und identifiziert Gott mit dem großen Anderen (was ja naheliegend scheint) und sie wirft die Frage auf: Wenn es keinen Gott gibt, warum inszenieren wir uns dann so, selbst wenn gerade keiner hinschaut? Warum posieren wir, warum funktionieren wir selbst, wenn wir allein sind, nach den Regeln der Gesellschaft?

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Zweifel und Affirmation

zweifel

Es folgt ein etwas unsauber gedachtes, unfertiges Gedankenfragment zum Thema Zweifel und Affirmation. 

Eine der beliebtesten Gesten in akademischen Diskussionen aber witzigerweise auch im Internet ist die Geste des Desengagements. Die Geste der distanzierten Beobachtung. “Wir möchten nicht selbst einen Standpunkt beziehen, sondern nur beschreiben”.
Der Begriff der “desengagierten Vernunft” kommt von Charles Taylor und beschreibt eine für das abendländische Denken sehr eigentümliche Figur, nämlich die Figur des (wissenschaftlichen) Beobachters, der in der Distanznahme, im Rückzug von der Welt, die Welt erkennen will.
Und auf dem ersten Blick scheint das ja die wissenschaftliche und philosophische Geste schlechthin zu sein: der Versuch einen möglichst von eigenen (Vor-)Urteilen und Werten ungetrübten Blick “von oben” die Dinge aus der Distanz zu betrachten. Oder anders: sich selbst herausnehmen aus dem Gang der Dinge, sich wenn man so will entweltlichen, sich aus den vielfachen Bezügen und Beziehungen zu lösen und sich in der Distanz zum Geschehen der Welt als unabhängiger Beobachter zu konstituieren.
Der (Geistes-)wissenschaftliche Betrieb lebt davon, dass er die sokratische Geste wiederholt, in der die landläufigen Meinungen angezweifelt und umgestoßen werden. Heidegger spricht sogar davon, die Philosophie “nichts (ist) als Kampf gegen den gesunden Menschenverstand”. In der Geschichtswissenschaft funktioniert das so: “Zwar denken alle, dass Luther 95 Thesen an die Tür der Schloßkirche zu Wittenberg geschlagen hat, aber ist das wirklich so? Gibt es verlässliche historische Beweise dafür? etc.”. Das scheint die übliche Art des Fragens zu sein, die im wissenschaftlichen Diskurs vorherrschen: Fragestellungen, die systematisch die Position des Fragestellers ausklammern und die – durchaus pathetisch und engagiert – das eigene Desengagement und die eigene kritische Distanziertheit feiern.

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