Category Archives: narrative Theologie

Die Bibel als Offenbarung?

Wenn wir schon beim Thema Bibel und “Story” sind, will ich noch einen Aufsatz einfließen lassen, den der französische Philosoph Paul Ricoeur in Chicago gehalten hat und in dem er sich mit dem Anspruch der Bibel beschäftigt, Gottes Offenbahrung zu sein. Den Aufsatz kann man übrigens hier herunterladen und meine (englischprachige) Zusammenfassung kann man hier unten angucken.

Ricoeur spricht in dem Aufsatz sowohl zu seinen Kollegen, die der Philosophie zugetan sind als auch zu Theologen und versucht beide herauszufordern. Die Philosophen sollen den Anspruch aufgeben, dass die Vernunft eine unabhängige Instanz ist, die so etwas wie Offenbahrung nicht braucht. Die Theologen sollen die Sicht aufgeben, dass Offenbahrung irgendein Vorgang ist, bei dem Gott uns “senkrecht von oben” diktiert, was wir genau zu tun haben. Dazu beginnt Ricoeur mit der Beobachtung: die Bibel ist ein polyphones Buch. Die Bibel ist also ein Buch, in dem mehrere Stimmen, mehrere Melodien zu hören sind, die sich im Optimalfall ergänzen, manchmal aber auch für unsere Ohren wenig harmonisch klingen. Statt nun die einzelnen Autoren oder Bücher völlig getrennt voneinander zu betrachten, wie es die Wissenschaft oft tut oder die Unterschiede komplett niederzurollen und zu sagen: “Die Bibel sagt uns, dass”, verfolgt er einen dritten Weg. 

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Die Bibel als “wiki-stories”

Seit dem letzten Post bin ich auf ein Buch aufmerksam geworden, dass ich eine kompakte Moment-Aufnahme von dem geben will, was im englischsprachigen Raum unter dem Stichwort “Emerging” abläuft. Es heißt “Church in the present tense. A candid Look at What’s Emerging” und neben den Herausgeber und (analytische) Philosophie Professor Kevin Corcoran schreibt hier der irische posstrukturalistische Denker Peter Rollins, der pragmatische Vineyard Pastor Jason Clark auch der postevangelikale Exeget Scot McKnight. Letzterer schrieb einen Artikel über das (/ein) Bibelverständnis in der Emerging Conversation, dass sich auch als eine Antwort auf meine Anfragen im letzten Post lesen lässt.

McKnight beginnt mit einer Auflistung, wie man seiner Meinung nach oftmals die Bibel liest.

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Das Problem mit “story theology”

Im emergenten Dialog hört man oft die Forderung, die Bibel wieder narrativ zu lesen. Damit ist gemeint, die Bibel nicht als ein Gesetzbuch zu lesen, in dem sich zunächst Verhaltensaufforderungen finden und auch nicht als Lehrbuch, in dem sich abstrakte Lehrsätze über die Geheimnisse der Welt, des Lebens und Gott finden außerdem soll sie auch nicht zuerst als Poesiebuch gelesen werden, dass uns innerlich erwärmt, weil sie über die Erfahrungen redet, die doch “allen Menschen gemein” sind.

Nein, zuerst sollte die Bibel – so lautet die Idee – als eine große Geschichte gelesen werden, in der wir uns befinden; eine Geschichte, die sich vor unseren Augen entfaltet und uns dadurch sagt, wer wir sind und worauf alles hinausläuft. Eine Story aber auch, die uns jetzt zum Handeln ermutigt, die uns jetzt in eine Gemeinschaft stellt, die “anders leben” soll und die ihre Identität auch aus der Story zieht. 

So oder so ähnlich hört sich die Idee einer narrativen Theologie (die zB auch N.T. Wright vertritt) oft an und ich habe große Sympathien dafür. Nur finde ich, dass eine solche Theologie noch wesentliche Punkte nicht durchdacht zu haben scheint (zumindest finde ich solche Arbeiten bisher noch nicht). 

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