Category Archives: Kulturhermeneutik

Konfliktiver Pluralismus III

anti_trump_protests_in_baltimore_30873156196Jetzt ist es schon wieder zwei Monate her, dass ich das letzte Mal zum Thema des Pluralismus geschrieben habe. Doch gab es einige andere dringende Schreibarbeiten, die Priorität hatten. Nun also: wie gehen wir damit um, dass die politische Leidenschaften gerade zu explodieren scheint?

Wiederkehr des Verdrängten

Jahrzehntelang war es für ein Großteil der Eliten im Westen irgendwie klar wo man als Gesellschaft in etwa hin will, in welchem weltanschaulichen Rahmen man sich bewegt und was in etwa die Werte waren, an denen man sich orientieren wollte. Die Fragen, die sich stellten waren nicht: “Wie wollen wir leben? Wo wollen wir hin? Was ist uns wichtig?”, sondern: “Wer soll das bezahlen? Wie kann man das technisch umsetzen? Wie lange dauert es, bis zum Beispiel der Pay Gap überwunden ist?”.

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Das Ende vom “Kapitalismus mit menschlichem Antlitz”

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Trump – (cc) Wikimedia

Als Frank-Walter Steinmeier gefragt wurde, welche Lehren man aus dem Wahlsieg von Trump ziehen könne, sagte er in etwa: “Man dürfe nicht wie das Kaninchen auf die Schlange schauen” (sondern was tun?), “sondern müsse sich jetzt auf die bewährten europäischen Werte besinnen, in denen wirtschaftliche Vernunft” (was heißt das?) “mit sozialer Verantwortung verbunden werden. Wir müssen jetzt selbstbewusst zu unseren Werten stehen.”

In diesem Sinne wird sich die Schlange freuen, ein sehr selbstbewusstes Kaninchen zu fressen. Und mit seinem Ausflug ins Tierreich hat er die Schuldfrage auch gleich geklärt: wer symbolisiert größeres Unheil als eine Schlange? Und wie die Schlange im Garten, so gilt dann wohl auch im Fall von Trump: plötzlich war er da und niemand hat Schuld. Es handelt sich lediglich um einen Betriebsunfall in einem ansonsten bestens funktionierenden System. Oder wie Obama sagte: “America is already great and always will be great!” Wie schon gesagt: spätestens in Europa haben sich ja die Werte bewährt und es gibt keine Gründe hier jetzt Fragen zu stellen.

Wie kann man eigentlich sagen, irgendetwas habe sich in Europa “bewährt”?
BREXIT, eine Finanzkrise aus der man keinerlei Schlüsse gezogen hat, steigende Jugendarbeitslosigkeitdas tödlichste Jahr im Mittelmeer, eine Politik gegenüber Griechenland, die eher dem Verhalten eines Kredithais gleicht, keine nennenswerte Fortschritte in Bezug auf Einkommensunterschiede zwischen Frauen/Männern und Ost/West, wachsende Spannungen mit Russland, völlige Abhängigkeit von der Türkei und damit: Unfähigkeit zur Kritik an der Türkei, seit Jahrzehnten ein rasant wachsender Rechtspopulismus in ganz Europa und völliges Fehlen einer europäischen Solidarität nach innen und außen. Wo muss man stehen, um heute auf Europa zu schauen und zu sagen irgendeine Politik und irgendwelche Werte haben sich “bewährt”?
Und: wenn so eine bewährte Politik aussieht, wie sähe dann eine gescheiterte aus?

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“Where everyone is welcome, no one will be missed”

Über das Unbehagen in der Netzwerk-Welt

Schön ist’s hier.

Ich sitze in einer Kneipe, an einem Ort, den Caroline Emcke neulich mit einem „Tempel“ verglich, der Schutz und Geborgenheit bieten soll. Nun ist der Rauch, der den Raum erfüllt zwar keineswegs Weihrauch, aber zumindest ist der Raum mit seelsorgerlichen Ratschlägen aller Art durchdrungen. An diesem Ort, wo sich die Netzwerk-Welt materialisiert, hat jede Frage, jeder Zweifel, fast alles Schräge und Eigentümliche seinen Platz: Verdauungsprobleme, erektile Dysfunktionen und die (anderen) Folgen einer schwierigen Kindheit. Man lässt sich auf das Gegenüber ein, versucht einander zu verstehen und schaut nur äußerst selten auf das Mobiltelefon. Ganz anders als sich das mancher voreilige Feullitonschreiber so vorstellen mag.

Doch, ich liebe diese Netzwerk-Welt und fern liegt mir jeder kopfschüttelnde Kulturpessimismus, der nur noch Whatsapp-Junkies, moralisch abgestumpfte Tinder-User und einen ins Prinzipielle versetzten Zustand der Unverbindlichkeit sehen will.

Nein!

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Die Gute Nachricht vom Scheitern oder: aus Lust und Liebe leben

Die Gute Nachricht vom Scheitern, oder: “aus Lust und Liebe leben”, oder: Gedanken zur Freiheit eines Christenmenschen. 

Mit einer Gruppe Studierender zusammen mit Pastoren vom “Evangelischen Bund” fuhren wir über Himmelfahrt nach Wittenberg und Torgau. Natürlich wegen des Reformationsjubiläums. Nicht ohne Skepsis über den Gedenk-Wahnsinn nahm ich die Gelegenheit zum Anlass, mich mal wieder ausgiebiger mit Luther zu beschäftigen. Heraus kam dieser Vortrag als Versuch einer – zusammenfassenden – Vergegenwärtigung von Luther “Von der Freiheit eines Christenmenschen”. 

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Wie erinnern?

Im folgenden  werde nicht genau beschreiben, was Luther 1520 gedacht und gemeint haben könnte. Stattdessen versuche ich einfach nur diesen Text zu vergegenwärtigen, ihn in der Gegenwart lesen. Dabei wird auch die Wirkungsgeschichte des Textes sanft ausgeblendet.

Denn, wenn wir uns an Luther und die Reformation erinnern, geht es meines Erachtens nicht darum, ein historisches Ereignis zu verstehen. Es geht nicht ums Museale, ums Anekdotische oder ums Historische, sondern es geht darum, wie uns das Ereignis Reformation heute betreffen kann.

Ich werde immer etwas nervös, wenn man solche Gedenkfeiern dazu nutzt, einfach nur die eigene Tradition, die eigene Kirche und die eigene protestantische Identität feiern zu wollen.

Vielmehr geht es mir um das, was Johann Baptist Metz mal „gefährliche Erinnerungen“ nannte: um ein Erinnern, dass auch an die Möglichkeiten erinnert, die in der Vergangenheit lagen, die eben nicht immer verwirklicht worden sind. Es geht auch darum zu gucken, ob und wie uns ein alter Text heute noch verunsichern und herausfordern kann.

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Zu Pegida III

Preaching to the choir – zu denen reden, die eh schon überzeugt sind. Was soll das ausrichten außer das man billigen Applaus ernten kann? So eine Analyse kann vielleicht wirklich die Dinge in einen anderen Zusammenhang stellen, und auch der Tonfall und die Art der Auseinandersetzung mögen hilfreich sein, aber im Endeffekt werden sich nur wenige hier hin verirren, die noch überzeugt werden müssten.
Und dann landet man beim alten Widerspruch: sich auf selbstgefällige Weise über die Selbstgefälligkeit der anderen aufzuregen, aus einer abgesicherten Position seine eigene Weltoffenheit und Toleranz zu feiern und sich auf die Schulter zu klopfen, dass man nicht so dumm und intolerant ist wie “die dort”.
Also will ich mal etwas sehr Altmodisches machen und vorschnell von einem “uns” ausgehen, dass durch PEGIDA in Frage gestellt wird. Ich will also mit dem schließen, was ich ganz gut kann: Fragen stellen. Man sehe mir dabei bitte nach, falls dies stellenweise die Schranke zum Pathetischen überschreitet, aber das muss so.

Wie schon angedeutet: ist es nicht grotesk, dass wir hier ein Thema diskutieren, dass in den 90ern schon ausreichend beackert worden ist und man sich mit Argumenten auseinandersetzt, die in den 70er Jahren schon alt waren? Was sagt es über den Status und über die Reichweite kritischer Intellektualität aus?

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Zu Pegida II

Nun möchte ich fortfahren mit meiner Analyse von dem, was ich hier von PEGIDA mitbekommen habe.

Welche Rolle spielen Fakten?

Viele denken, dass PEGIDA durch Fakten leicht zu entkräften ist. In den ungeschnittenen Interviews erwiesen sich viele PEGIDA Demonstranten als sehr resistent gegen Fakten. Und zwar nicht, weil die Leute einfach blöd wären.
Den Vorwurf es handle sich hier um Idioten halte ich zum einen für eine Verharmlosung, zum anderen für genau die Art von Überlegenheitsgestus, der Ressentiments schürt.

Die Auseinandersetzung mit PEGIDA muss damit beginnen, dass man anerkennt, dass man mit reinen Fakten gegen Leidenschaften nichts auszurichten vermag. In den Interviews spürte man bei nahezu allen Äußerungen eine Grundhaltung des Ressentiments. Aus dieser Haltung heraus betrachtet man die Realität. Ressentiment gegenüber sogenannten Sozialschmarotzern oder auch gegenüber einer medialen, politischen und akademischen Elite, der man unterstellt, das sie die Fakten so hindreht, wie sie diese gerade braucht.

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Zu Pegida

Da haben wir jetzt den Salat.
Soziologen haben schon lange darauf hingewiesen, dass so etwas möglich sei und nun ist recht plötzlich und ohne handfesten Anlass auch in Deutschland eine national-identitäre Protestbewegung mit großem Zulauf  aus breiten Schichten der Bevölkerung entstanden .

Ich habe seit ca. 3 Jahren auf soetwas gewartet, hatte es mir aber ein wenig anders vorgestellt: europakritischer und von den Führungspersönlichkeiten etwas charismatischer. Aber gut.

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Freiheit als Antwort verstehen (2. Teil)

Da habe ich was angerichtet: jetzt habe ich einmal suspense eingebaut als wäre ich der Hitchcock der Laienphilosophie und schon stehe ich vor dem Problem, das jetzt der verehrte Leser eine große Antwort erwartet (wie ja die Überschrift fälschlicherweise zu suggerieren scheint).  Das Problem ist natürlich: eigentlich wusste ich, was ich weiter schreiben wollte, bis ich mal ne Nacht drüber geschlafen hatte. Also muss man das hier als eine tastende Erkundung in ein Problem verstehen, nicht dessen Lösung. Es gab auch einige schöne Kommentare: Neben dem sehr guten Kommentar von Karo (huhu!) hat sich inzwischen Wegesrand-Consti zu Wort gemeldet mit einer Beschreibung von Freiheit in Anführungszeichen:

“Sofort haben wollen. Und seine Ruhe haben wollen. Diese beiden Grundfreiheiten sind die alltägliche Praxis einer “Freiheit”, die ihre Anführungsstriche verdient hat. Weil sie ihren scheinbar ungebundenen Radius feiert, aber nicht die Fesseln an das kleine Ego.”

Meine Geschichte begann mit der Unzufriedenheit über einen Begriff von Freiheit als Unabhängigkeit und der Betonung von Relationalität des Menschen. Doch ist es eben auch nicht sehr zufriedenstellend, nun einfach Bezogenheit gegen Freiheit auszuspielen. Denn genau damit schreibt man ja das elende Problem fort, das Bundespräsidenten in ihren Sonntagsreden so gerne mit “Freiheit und Verantwortung” überschreiben. Also eine entfesselte Freiheit gegen eine unfreie Verbundenheit. Das Problem wird freilich selten in seiner Tragik gesehen, da Bundespräsidenten und andere Redenschwinger in einer Welt leben, in der eine alles überspannende, rationale Ordnung einen Ausgleich verspricht zwischen den Freiheiten des Einzelnen (die dann – wie man so schön verharmlosend sagt – an den Grenzen der Freiheit des Anderen endet) und den Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten der Individuen. Eine Welt der Verträge, Konventionen und Pflichten. Eine Welt mit Stechuhren, die klar Arbeitszeit von Frei-Zeit trennten, von klaren Job-Descriptions und Knigge Büchern, die einem sagen, was andere von einem zu erwarten haben. Also eine durchaus Welt, die heute genauso schön wie altbacken wirkt.

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Kante – Erinnerungen an die Zukunft

„Begreifen, daß wir ein Entwurf sind – vielleicht, um verworfen, vielleicht, um wieder aufgegriffen zu werden, darauf haben wir keinen Einfluß. Das zu belachen, ist menschwürdig. Gezeichnet zeichnend. Auf ein Werk verwiesen, das offen bleibt, offen wie eine Wunde“ (Christa Wolf)

Bisher wurden auf diesem Blog ja bereits schon etwas abseitigere und unbekanntere Künstler vorgestellt. Dies soll hier fortgesetzt werden mit der Hamburger Band Kante. Deren letztes Studioalbum liegt mittlerweile nun fast sieben Jahre zurück, was genügen sollte, um in popkulturelle Vergessenheit zu geraten, aus dem der Schreiber dieser Zeilen die Band nun heldenhaft retten kann.
Kante stand immer ein wenig im Schatten der anderen großen Hamburger (Schule) Bands. Nicht weniger verkopft, nicht weniger sprachmächtig als die üblichen Verdächtigen wie Tocotronic, die Sterne und später Kettcar und co. Doch musikalisch sind sie weniger zugänglich mit Free Jazz Einflüssen und teilweise etwas ausufernden Arrangements. Hier jedoch möchte ich mich, aufgrund mangelnder Kompetenz, vor allem der Textebene widmen.

Stimmung statt Emotion – das Harren auf

Vielleicht zunächst etwas zum Stil von Kante. Was mir wirklich gefällt ist, dass sich Kante so wohltuend vom Indie-Mainstream abhebt. Die meisten Indie Lieder scheinen heute ganz im Zeichen des Ausdrucks, des Expressiven zu stehen: sie wollen einer inneren Gefühlswelt Ausdruck verleihen. Sie möchten Emotionen und Gefühle von innen nach außen bringen. Kante funktioniert zumeist anders. Der Begriff der mir bei vielen Kante-Texten einfällt, ist der Begriff der “Stimmung”. Stimmungen erschließen die Welt um uns herum, sie bezeichnen ein inneres “gestimmt-Sein” auf das, was uns umgibt. Stimmungen verweisen auf einen Zwischenbereich zwischen innen und außen.
Kante fallen dadurch auf, dass sie Sprachbilder malen, eine Atmosphäre erschaffen, zur Wahrnehmung anregen, statt nur einer inneren Tiefe Ausdruck zu verleihen. Ein gutes Beispiel ist “Die Tiere sind unruhig”

Es ist heiss und es ist schwül
das Licht zu hell die Farben grell
die Vögel stumm die Hunde bellen
Gespenster an die Hitze kriecht
die Strassen lang das Fieber steigt
die Stadt vibriert meine Nerven pulsieren
irgendetwas passiert

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Snowden, Lobo und die Krise des politischen Subjekts

Bei der diesjährigen Konferenz der “Digitalen Bohème”, der Re:publica in Berlin, gab es vom Klassensprecher und HobbyLobbyisten Sascha Lobo eine gehörige, fast schon altmodische Standpauke. Gegen die Selbstzufriedenheit der Szene monierte Lobo, dass mehr Geld für eine einzige bayrische Vogelschutzorganisation gespendet wird, als für Organisationen, die sich mit dem Thema Datensicherheit und Überwachung beschäftigen. Der Szene fehle die Konstanz:

Die Politik sitzt die NSA-Affäre einfach aus, weil ihr nach 5 Monaten müde werdet zu protestieren.

Was, wenn er damit viel grundlegender auf eine Krise des politischen Subjekts verweist?

So wirft man sich vielleicht ein wenig in Pose. Spielt ein wenig Mitbestimmung, solang es genehm ist. Ein bisschen wie die Kinder und Jugendlichen, die hierzulande in der Schüler-Mitverwaltung sich bedeutsam fühlen dürfen, während es außerhalb vom Sportfest und der Umgestaltung des Pausenhofes nichts Handfestes zu entscheiden gibt. Die wirklich Klugen haben das wohl immer durchschaut. Sie waren früh gegen das Strebertum der Engagierten, der Alles-für-den-Lebenslauf-Typen, genauso wie sie früh gegen den Betroffenheits-Terror der Stadion-Rocker und der Spendengalas mit Großaufnahmen von verhungernden Kindern waren; kurz:sie entschieden sich mit Gründen für ein Leben im Ästhetischen, gegen all die Menschen mit dem langen Atem und Zielen für die sie leben.

Doch während die Klugen ironisch die Augen verdrehen, regieren die Menschen mit dem langen Atem (die nicht immer zu den Klugen zählen) die Welt.

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