Category Archives: Kalendersprüche

Freude als Widerstand (Adventsandacht)

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Meine Adventsandacht, gehalten im Ökumenischen Wohnheim am 16.12.2017.

In den zahlreichen satirischen und nichtsatirischen Jahresrückblicken ist man sich weitestgehend einig: das Jahr 2016 war zumindest politisch irgendetwas zwischen einer großen Katastrophe und einem epochalen Einschnitt in der Nachkriegeschichte. Denn nichts deutet darauf hin, dass das Jahr 2016 politisch nur eine Ausnahme war und danach alles wieder gut wird. Es ist selten, dass man so schnell spürt, wie ein großer Einschnitt durch die gesamte westliche Welt geht und die Ordnung nach dem Kalten Krieg plötzlich in Bewegung gerät.

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Cornell West und die Selbstbefragung

Philosophieren heißt sterben lernen, sagt Cornell West im Fahrwasser von Sokrates, Montaigne und anderen. Aber sterben als Tod-im-Leben. Hier spricht er in einem sehr guten Video-Auschnitt über den Mut, den es zur Selbstbefragung braucht.

“What happens when you interrogate yourself? What happens when you begin calling into question your tacit assumptions and unarticulated presuppositions and begin then to become a different kind of person? You know, Plato says philosophy’s a meditation on and a preparation for death. By death what he means is not an event, but a death in life because there’s no rebirth, there’s no change, there’s no transformation without death, and therefore the question becomes: How do you learn how to die?
Of course Montaigne talks about that in his famous essay “To Philosophize Is to Learn How to Die.” You can’t talk about truth without talking about learning how to die because it’s precisely by learning how to die, examining yourself and transforming your old self into a better self, that you actually live more intensely and critically and abundantly. So that the connection between learning how to die and changing, being transformed, turning your world upside down.”
(Textauszug nicht deckungsgleich mit dem Video-Auschnitt)

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Freiheit als Unruheherd

In der nächsten Zeit werde ich vermutlich wenig dazu kommen, längere Gedanken hier zu formulieren. Also übernehme ich eine gute alte Praxis: das Posten von Kalendersprüchen. Fast. Eher die philosophische Variante davon. Weniger “Der kleine Prinz” und mehr so Nietzsche.

Beginnen möchte ich mit einem schönen Zitat von Bernhard Waldenfels. Der letzte große deutsche Phänomenologe zeichnet sich dadurch aus, besonders prägnant und zugänglich zu schreiben. Es geht ihn um einen anderen Freiheitsbegriff, der nicht nur das einsame Individuum betont.

Nach Waldenfels Philosophie der Responsivität machen wir nicht Erfahrungen, sondern Erfahrungen machen (etwas mit) uns. Demzufolge beginnt Freiheit “anderswo” nämlich bei den Dingen, die uns passieren, auf die wir dann “kreativ antworten” müssen.

“Freiheit, die im Schatten der Fremdheit wohnt, gibt sich zugleich bescheidener und anspruchsvoller als das, was in der Moderne als Freiheit angepriesen wird. Sie erscheint in vielfältiger und indirekter Form, als ein Sicheinlassen und Aufmerken auf Fremdes, als Wachsamkeit der Sinne, als ein Ausnutzen von Spielräumen, als erfinderische Antwort, als experimentierendes Denken, als Risikobereitschaft, als Freimut der Rede, als Wortwitz, als ironische Distanz, als Rücksicht, die Raum gewährt, als ein Zögern, das innehält – kurz, als ein Tun, das unbewusste und unwillkürliche Antriebe aufnimmt und auf unerwartete Ansprüche antwortet.

So kommt es zu einer ständigen Überschreitung des Eigenen und Vertrauten, zu einer oftmals unmerklichen Abweichung von Regeln. Der anarchische Überschuss an Freiheit bestünde darin, dass sich Freiheit niemals völlig institutionalisieren und normalisieren lässt. Derart verfremdet wäre die Freiheit ein Unruheherd, nicht mehr und nicht weniger.”
(Bernhard Waldenfels – Schattenrisse der Moral, Frankfurt a.M.2006, S. 118)