Category Archives: Indie

Kante – Erinnerungen an die Zukunft

„Begreifen, daß wir ein Entwurf sind – vielleicht, um verworfen, vielleicht, um wieder aufgegriffen zu werden, darauf haben wir keinen Einfluß. Das zu belachen, ist menschwürdig. Gezeichnet zeichnend. Auf ein Werk verwiesen, das offen bleibt, offen wie eine Wunde“ (Christa Wolf)

Bisher wurden auf diesem Blog ja bereits schon etwas abseitigere und unbekanntere Künstler vorgestellt. Dies soll hier fortgesetzt werden mit der Hamburger Band Kante. Deren letztes Studioalbum liegt mittlerweile nun fast sieben Jahre zurück, was genügen sollte, um in popkulturelle Vergessenheit zu geraten, aus dem der Schreiber dieser Zeilen die Band nun heldenhaft retten kann.
Kante stand immer ein wenig im Schatten der anderen großen Hamburger (Schule) Bands. Nicht weniger verkopft, nicht weniger sprachmächtig als die üblichen Verdächtigen wie Tocotronic, die Sterne und später Kettcar und co. Doch musikalisch sind sie weniger zugänglich mit Free Jazz Einflüssen und teilweise etwas ausufernden Arrangements. Hier jedoch möchte ich mich, aufgrund mangelnder Kompetenz, vor allem der Textebene widmen.

Stimmung statt Emotion – das Harren auf

Vielleicht zunächst etwas zum Stil von Kante. Was mir wirklich gefällt ist, dass sich Kante so wohltuend vom Indie-Mainstream abhebt. Die meisten Indie Lieder scheinen heute ganz im Zeichen des Ausdrucks, des Expressiven zu stehen: sie wollen einer inneren Gefühlswelt Ausdruck verleihen. Sie möchten Emotionen und Gefühle von innen nach außen bringen. Kante funktioniert zumeist anders. Der Begriff der mir bei vielen Kante-Texten einfällt, ist der Begriff der “Stimmung”. Stimmungen erschließen die Welt um uns herum, sie bezeichnen ein inneres “gestimmt-Sein” auf das, was uns umgibt. Stimmungen verweisen auf einen Zwischenbereich zwischen innen und außen.
Kante fallen dadurch auf, dass sie Sprachbilder malen, eine Atmosphäre erschaffen, zur Wahrnehmung anregen, statt nur einer inneren Tiefe Ausdruck zu verleihen. Ein gutes Beispiel ist “Die Tiere sind unruhig”

Es ist heiss und es ist schwül
das Licht zu hell die Farben grell
die Vögel stumm die Hunde bellen
Gespenster an die Hitze kriecht
die Strassen lang das Fieber steigt
die Stadt vibriert meine Nerven pulsieren
irgendetwas passiert

Continue reading

Advertisements

Die Rebellion des David Bazan

Ich möchte hier den Raum nutzen, um einen Künstler vorzustellen, der mir in den letzten Jahren sehr wichtig geworden ist. Sein Album “Curse your Branches”, dass bei mir gerade aus “heavy rotation” läuft, ist zwar vor einigen Jahren schon erschienen, da er aber in Deutschland nie bekannt geworden ist, macht das glaube ich gar nichts. 

Es gibt diesen alles durchdringenden Blick, eine Hellsichtigkeit, die wie ein Fluch wirkt, die Unfähigkeit sich mit den allzumenschlichen Eitelkeiten irgendwann schulterzuckend abzufinden. Der Träger dieses Blickes kann im Leben eigentlich nur zwei Professionen sinnvoll ausüben: entweder wird er Prophet oder Alkoholiker. Und weiß Gott, vielleicht liegt beides auch näher beieinander als man annehmen mag.

Continue reading