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Emergent Forum – sound/bites

Wenn ich etwas bei Emergent zu schätzen gelernt habe, dann ist es die Erlaubnis nachzudenken, weiterzudenken und anders zu denken. Besonders dort, wo Menschen sehr persönlich über ihren Glauben reden, will man in der Regel eigentlich nicht zu viele kritische Rückfragen stellen. Aber gab es bei dem Forum zum Glück genügend Räume für solche Rückfragen, die die Chance eröffneten Positionen argumentativ zu unterlegen.
Nun ist Nachdenken etwas, was ich gut kann – den Dingen nach-zudenken. Und nachdenkenswert fand ich das Forum. Es beschäftigt mich auf einer persönlichen Ebene und einer intellektuellen Ebene. Deshalb meine Resonanzen auf einige der starke Sätze, die mir hängen geblieben sind. Dies sind auch weiterführende Gedanken zu dem, was Jaana an anderer Stelle angemerkt hat.

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“Ich will das ‘und’ sein, nicht das ‘aber'” – Gesprächskultur

Das Verbindende suchen, nicht das Trennende, den Konsens, nicht den Dissens, die Horizonterweiterung, nicht die Selbstgettoisierung. Das wären drei – übrigens sehr unterschiedliche – Formulierungen wie man den Satz verstehen kann vom “und” und dem “aber”. Nun war der Satz eher auf das Gottesbild und die daraus resultierende Praxis gemünzt.  Ich will ihn erst einmal für die Gesprächskultur auf dem Forum untersuchen. Denn bestenfalls kann der Satz meinen: lernen, sich angstfrei einer Pluralität von Ansichten auszusetzen und sich herausfordern lassen, aber auch angstfrei und ohne übermäßige Selbstzensur selbst in Erscheinung zu treten (“Zeuge zu sein”). Schlechtestenfalls hieße das: Harmoniesucht, Unterdrückung von Streit, Unterstellung einer großen Gemeinsamkeit, die gar nicht vorhanden ist und das Ausblenden aller skeptischen Rückfragen. Nochmals: Christina wollte explizit nicht so verstanden werden, aber ich möchte dennoch mal in die Richtung etwas sagen, weil man eine bestimmte Tendenz immer wieder sieht: Gerade “bei Kirchens” begegnet einem manchmal das, was Nietzsche etwas bissig “die Unfähigkeit zur Feindschaft” nannte.  Man könnte wohl eher übermäßiger Konfliktscheu und Harmoniesucht reden. Der Unfähigkeit Dinge an anderen Scheiße zu finden, die Unfähigkeit einen unbequemen Standpunkt zu vertreten, der gerade im Raum keine Mehrheiten findet.

Dort, wo Gespräche geführt werden, passieren verschiedene wunderbare und weniger wunderbare Dinge. Eines davon kann man mit Miroslav Volf “Differenzierung” nennen*: das so genannte “Eigene” bildet sich in der Auseinander-Setzung mit andern und der Abgrenzung von anderen. Immer. Da, wo Menschen auf leidenschaftliche Weise zu etwas “JA” sagen, müssen sie zu anderem “Nein” sagen. Seit Jahren leben wir in einer Kultur, die diese Art von Differenzierung nicht gerade fördert weil sie im Streit etwas Bedrohliches sieht. Ich bin mehr und mehr der Überzeugung: die eigentliche Bedrohung heute ist die Unfähigkeit, sich auf menschliche Weise miteinander – auseinander zu setzen. Die Unfähigkeit zum fairen und höflichen Streit.

Neben der Differenzierung spricht Miroslav Volf auch vom “judging”. Judging bedeutet nicht die Verurteilung anderer, sondern bezeichnet den Einsatz der kritischen Urteilskraft um eine Position (auch seine eigene zu befragen). Gerade dieser Aspekt wird manchmal nicht gern gesehen, da er zu oft mit Rechthaberei, Besserwisserei und anderen Charakterschwächen einher gegangen ist. Außerdem gibt es eine starke Bewegung in der “spirituellen Szene”, die das Ausblenden der kritischen Urteilskraft betont. Wir brauchen aber heute mehr denn je Menschen die “fähig sind, sich ihres Verstandes zu bedienen” und die verschiedene Positionen auch kritisch bewerten können NACHDEM sie diese verstanden haben. Nicht ein zuviel, sondern ein zuwenig an kritischer Urteilskraft führt zu falschen Verasbolutierungen der eigenen Comfort-Zone.
Für Christen könnte ein Leitbild dabei die “Feindschaft gegen die Feindschaft” sein. Also durchaus ein Kampf und ein Streit gegen “Exklusion” – gegen die Entmenschlichungs des Andersdenkenden, des moralisch Fragwürdigen oder des Feindes. Gerade dabei wird es aber leider nicht immer ohne schmerzhafte Trennungen ablaufen. Denn es gibt Dilemma Situationen, in denen Solidarität mit dem einen zur Feindschaft mit dem anderen führen kann. In diesen Dilemma-Situationen wird dann die Beziehung zu anderen anspruchsvoll. In jedem Eingehen auf andere blendet man “andere andere” aus. Dem einen zuzuhören heißt andere zu überhören. Und hier haben wir den Salat: auf der einen Seite betonen wir mit großem Recht die Selbstzurücknahme und den Machtverzicht als Leitbild, welches sich aus dem Kreuzesgeschehen heraus ergibt. Auf der anderen Seite haben wir schon in den basalsten Gesprächen mit Machtfragen zu tun: wem höre ich zu, wer darf sprechen, wessen Stimme zählt? Da, wo Menschen, “einfach nur auf Augenhöhe” miteinander sprechen gibt es immer andere Stimmen, die mehr oder weniger bewusst überhört werden.
ABER – und hier kommt das Forum ins Spiel – wie schlimm wäre es, wenn alles immer Streit, immer alles Auseinandersetzung wäre? Wie schlimm wäre es, wenn jeder bockig in seinem Weltanschauungs-Getto oder dem eigenen Safe Space verbleiben müsste? Wir sind keine Gefangene unserer Ansichten und es braucht Orte, in denen man seine eigenen Ansichten mal einklammern kann, um wirklich auf andere zu hören – Philosophen sprechen von der Suspendierung (dem Einklammern von dem, was man zu wissen meint). Ich bin froh, dass man beides haben konnte: im persönlichen Gespräch überwog der Versuch, einander zuzuhören und “Raum zu gewähren”. Aber es gab auch – nicht zuletzt auf den Podien – genügend Kontroverse. Ich will beides haben! Den Widerstreit und das aufeinander Hören.

“Warum Biographie IMMER stärker ist als Theologie”

Etwas, was ich im freikirchlichen Bereich immer wieder beobachte: eine Allergie gegen Theologie. Eine Reaktion gegen rigiden Dogmatismus, die sehr verständlich ist. Theologen gelten für viele als Bedenkenträger, die einen sagen, was man nicht tun, denken, sagen darf. Aber Theologie ist doch nicht einfach die Wissenschaft, die wahre Sätze verwaltet. Theologie ist das kritische Durchdenken des eigenen Glaubens, der Dialog mit dem, was bisher über den Glauben gedacht wurde und der Versuch, den Glauben vor dem Forum der Vernunft in seiner Eigenlogik zur Darstellung bringen. Insofern ist Theologie nie ohne Biographie und eine gläubige Biographie nie ohne Theologie. Sowohl Nadia als auch Christina haben doch immer wieder betont, wie ihnen Theologie eine Sprache, eine Grammatik gab. Nadia betonte zudem, wie ihr eine bestimmte lutherische Theologie dabei half die “Freiheit eines Christenmenschen” zu verstehen. Theologie ist meines Erachtens eine Fürsprecherin der Freiheit des Menschen und eine Wissenschaft, die den Menschen befähigen soll mit eigener Stimme über den Glauben zu sprechen und den Glauben aus der Enge und Verkrampfung herauszuführen. Das sie das nicht immer gut gemacht hat sei zugestanden. Doch dann handelt es sich um eine schlechte Theologie.

Selbst bei hochgebildeten Menschen, (vor allem aus einem freikirchlichen Spektrum?), erlebe ich immer wieder eine beharrliche Weigerung sich denkerisch mit dem eigenen Glauben zu beschäftigen, ihn selbst zu verantworten und kritisch zu durchdenken. Irgendwie gibt es die unausgesprochene Prämisse: die Sache mit dem Glauben müsse doch letztlich “ganz einfach” und intuitiv vonstatten gehen. Doch scheint der Glauben eine Tendenz zu haben, eng und bedrückend zu werden, wenn er sich nicht dem kritischen Gespräch stellt. Denn zu schnell unterwirft man sich bereitwillig religiösen Autoritäten und bleibt in (selbst-)zerstörerischen Denkmustern gefangen. Vielleicht ist es an der Zeit, wieder ein positives Verhältnis zur Theologie zu gewinnen und zu sehen, wie die meisten der eigenen Fragen, auch in 2000 Jahren Kirchengeschichte schon einmal gestellt worden. Das Gegengift gegen eine schlechte, rechthaberische, beengende Theologie ist nicht der Verzicht auf Theologie, sondern eine lustvolle und befreiende Theologie.

“In der Begegnung mit anderen sollte vielleicht nicht die Wahrheit, sondern die Liebe zählen”

Wahrheit oder Liebe? Dabei handelt es sich um eine schlechte Alternative. Denn so formuliert bliebe nur eine unwahre Liebe oder eine lieblose Wahrheit.
Vielleicht ist das unablässige Stellen der Wahrheitsfrage heute auch etwas Subversives. Georg Pazderski von der AfD sagte neulich:
“Es geht nicht nur um die reine Statistik, sondern es geht darum, wie das der Bürger empfindet. Perception is reality. Das heißt: Das, was man fühlt, ist auch Realität.”
Das Ausblenden der Wahrheitsfrage ist etwas Gefährliches. Denn, wenn man sich auf “gefühlte Wahrheiten” bezieht und die Frage nach der Geltung dieser gefühlten Wahrheiten ausblendet, so hat man doch trotzdem noch seine starken Geltungsansprüche, wie zum Beispiele: “Wir sollten keine weiteren Flüchtlinge aufnehmen”. Nur, im Ausblenden der Wahrheitsfrage entzieht man diese Geltungsansprüche der kritischen Diskussion.  Die Wahrheitsfrage stellen heißt doch, sich einem kritischen Gespräch auszusetzen. Das hat Ingolf Dalferth schöner ausgedrückt, als ich das tun könnte. Für ihn geht es heute nicht um die Frage nach der “Zukunft der Religion in einer säkularen Zeit”, sondern um die “Wahrheit menschlichen Lebens”:

“Die Wahrheit des menschlichen Lebens. Das ist die Frage, um die gestritten wird und gestritten werden muss, nicht das Für und Wider von Religion oder Nichtreligion in einer säkularen Welt. Wie müssten wir leben, um wirklich menschlich zu leben? Wie können wir es? Worauf müssten wir achten, um uns nicht mit weniger zufrieden zu geben, als wir sein könnten? Woran sollten wir uns orientieren, um uns nicht selbst zu täuschen? Und wie können wir es im Miteinander mit anderen, die das genuin Menschliche eines menschlichen Lebens selten genau so verstehen wie wir?”

(Ingolf Dalferth, Transzendenz und säkulare Welt. Lebensorientierung in letzter Gegenwart, Tübingen 2015, S. 43)

Ich finde diese Formulierung sehr gut. Das zeigt: bei der “Wahrheit menschlichen Lebens” geht es nicht einfach nur um ein Set von Überzeugungen und “wahren Sätzen” auch wenn diese nicht fehlen werden. Es geht um nichts, was ich verteidigen müsste, als würde es mir gehören oder über das ich Kontrolle besitze. Vielmehr ist und bleibt sie jeweils außerhalb meiner selbst, so dass ich sie  – wieder nur – bezeugen kann.
Dalferth beschreibt dies so:

“die Wahrheit des Lebens, also die Frage nach dem, was ein menschliches Leben – jedes einzelne menschliche Leben auf je seine Weise – trotz aller Dürftigkeit, Unzulänglichkeit, Beschädigung, Falschheit und Verworrenheit wahr und gut und recht macht.” (Dalferth, Transzendenz, S. 44)

Daran sieht man: Wahrheit, dass heißt im Christentum doch nie bloß Fakten und wahre Sätze. Bloße Richtigkeit und Faktizität wäre zu wenig. Das hat das Christentum mit dem Marxismus und der Psychoanalyse gemein: es geht um einen “engagierten Wahrheitsbegriff”: Wahrheit als solche ist nur Wahrheit, wenn sie “frei macht”. Wahrheit kann und darf gar nicht “absolut” sein: losgelöst und über den Köpfen der Menschen schwebend. Doch ist Wahrheit auch kein Besitz, sie wider-fährt mir: sie durchbricht meine liebgewonnen Denkgewohnheiten und fordert mich heraus. Man braucht etwas, dass der eigenen Verworrenheit und der beständigen Tendenz zur Selbsttäuschung widersteht, um “in Freiheit lieben” zu können. Und diese Wahrheit kann mir jeweils nur von anderen gesagt werden. Ich kann auf die Wahrheit nicht einfach zugreifen wie auf ein Bankkonto. So verstanden müsste man hier keine Alternative aufmachen zwischen “Wahrheit” und “Liebe”.

Soviel mal zu einigen Reaktionen auf Soundbites vom Forum. Wenn Zeit ist, werde ich mich die Tage nochmal zu einem Aspekt melden, der immer wieder vorkam: der Versuch, offen zu sein und die Unumgänglichkeit von Exklusionen. Aber das ist ja jetzt schon sehr viel gewesen.

*Diese Gedanken findet man gut entfaltet in Miroslav Volfs Buch “Von der Ausgrenzung zur Umarmung. Versöhnendes Handeln als Ausdruck christlicher Identität, Marburg 2012, S. 76-81.

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Das Emergent-Forum 2016

Ein denkwürdiges Wochenende voller Begegnungen geht zu Ende: das Emergent Forum 2016, dass sich durch die beiden Rednerinnen Christina Brudereck und Nadia Bolz-Weber inspirieren ließ, um sich mit dem Thema der Gastfreundschaft und der Gnade Gottes zu beschäftigen. Hier ein erster Rückblick. An anderer Stelle versuche ich noch einige Dinge aufzugreifen, und weiterzudenken und meine Sicht der Dinge einzutragen.

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Con:Fusion 2014: Waberndes und Flüssiges

In Zygmunt Baumans Typologie postmoderner Lebensformen gibt es den Typen des Vagabunden. Dem Vagabund hängen fremde Gerüche an, seine Körpersprache wirkt unstimmig, seine Gesten unbeholfen. Er scheint fehl am Platz. Man merkt, dass er nicht von hier ist. Er pflegt seine eigene Unzugehörigkeit und leidet dennoch darunter. Nichts ist ihm so suspekt wie Heimatgefühle, nach nichts sehnt er sich mehr.

Es stellt sich die Frage, ob es Orte gibt, an denen selbst Vagabunden zuhause sein können.

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Beim Präsentieren – Quelle: Daniel Hufeisen

Vergangenes Wochenende trafen sich fast 40 Leute, manche davon Vagabunden, in der hessischen Pampa – ausgerechnet in Wabern – Emergent Deutschland veranstaltete dort Con:Fusion, ein kleines, konzentriertes Format. Ein Neustart.

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Rückschau auf’s Emergent Forum 2013

Der Zwischenraum ist ein Ort jenseits aller Orte.
Er ist ein undefiniertes Niemandsland zwischen zwei oder mehr fest umgrenzten Zonen.
Zwischenräume sind immer “weder hier noch dort” oder “sowohl ein bisschen hier als auch schon ein wenig dort”.
Ein solcher Zwischenraum ist für mich das Emergent Forum, dass sich auch in meinem Leben seit einigen Jahren als eine – wenn man das sagen darf – “feste Institution” eingebürgert hat. Seit Jahren arbeite ich bei Emergent Deutschland mit. Wenn ich es recht überlege, ist es das Engagement, dass ich am beständigsten und ausdauerndsten verfolgt habe. Doch fällt es mir nach so vielen Jahren immer noch nicht so leicht, zu beschreiben, was wir denn dort eigentlich machen.
Denn wie soll man ein Niemandsland beschreiben? Wie kann man einen Ort jenseits der Orte beschreiben?

So lud ich einen guten Freund aus Basel nach Berlin ein, den das Thema “Spiritualität” interessierte – ein Begriff, mit dem ich eher meine Probleme habe. Und wie Corinna und ich es taten, reiste er schon am Donnerstag in Berlin an.
Am Abend kamen wir dann ins Gespräch: “Was ist denn nun eigentlich dieses Emergent?” – eine Frage, die ich grundsätzlich nicht ohne ein Bier (und nach dem chinesischen Essen – einen Verdauungsschnaps) beantworten kann.

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Volf – 10 Thesen zu Exclusion and Embrace

Ich soll für meine Prüfung über Exclusion & Embrace (bei der ich mich explizit auf die Kapitel 2 und 3, also auf die zu Ausgrenzung und Umarmung beschränke) Thesen formulieren, die die Grundlage der Prüfung darstellen sollen. 

Ich habe heute mal einige Thesen formuliert, welche ein wenig die Hauptstränge von Volfs Denken und von den zwei Kapiteln in Exklusion & Embrace zusammenzufassen. Hier wäre ich natürlich über jede kritische Anmerkung (auch gerne zu einzelnen Formulierung) dankbar, da ich diese Thesen irgendwann Ende nächster Woche abgeben möchte. 

 

 

Thesen: 

 

  1. § 1 Miroslav Volf begreift Theologie als systematische Artikulation einer spezifischen Lebensform, die vom Glauben an den dreieinigen Gott geprägt ist. Dabei sind für ihn die Grenzen zwischen systematischer Theologie und Exegese, zwischen Dogmatik und Ethik und zwischen „Church Theology“ und „Public Theology“ fließend.
  2. § 2 Volfs Theologie hat ein ökumenisches Profil. Sie vereint Anstöße aus der pfingstlich- charismatischen Frömmigkeit, mit befreiungstheologischen, feministischen, aber auch lutherischen Theologie. Sie speist sich aber auch aus ökumenischen Begegnungen mit Römisch-Katholischen und Östlich-Orthodoxen Theologen, sowie der interreligiösen Begegnung (vor allem) mit islamischen Traditionen. 
  3. § 3 Volfs theologisches Programm kann als der Versuch verstanden werden, die Bedeutung der innertrinitarischen Gemeinschaft verstanden als soziale Trinität der gegenseitigen Einwohnung, der gegenseitigen Selbsthingabe und Aufnahme des Anderen, für das christliche Leben in einer Welt der Konflikte zu explizieren.
  4. § 4 Miroslav Volfs Buch „Von der Ausgrenzung zur Umarmung“ kann als eine theologische Antwort auf den Balkankonflikt und andere ethnischen Konflikte in der Zeit nach dem Kalten Krieg verstanden werden. Diese analysiert er als Prozesse der Exklusion. Exklusion bezeichnet dabei weniger die Ausgrenzung von gesellschaftlicher Teilhabe und mehr einen Prozess der (individuellen oder kollektiven) Identitätsbildung unter Ausschluss von Alterität, in der andere entweder assimiliert oder ausgestoßen, unterworfen oder vertrieben, symbolisch eingeordnet oder symbolisch ausgesondert werden. Dabei betont Volf, dass auch Gesellschaften, die sich als inklusiv und pluralistisch verstehen, auf solche feinen Mechanismen der Exklusion zurückgreifen.
  5. § 5 Im Engagement gegen Prozesse der Exklusion beobachtet er zwei Gefahren, die typisch „moderne“ Gefahr im Kampf gegen Exklusion selbstgerecht neue Formen der Exklusion zu schaffen und die typisch „postmoderne“ Gefahr durch radikale Kritik die Möglichkeit zur Verurteilung von Exklusion zu untergraben. Gegen die erste Gefahr betont er die Universalität der Sünde im Sinne der Erbsündenlehre und gegen die zweite Gefahr führt er eine schöpfungstheologisch begründete Unterscheidung zwischen legitimer Differenzierung/ moralischer Grenzziehung und illegitimer Exklusion ein. 
  6. § 6 Volf wendet sich gegen die vorherrschende Kategorie der Emanzipation bzw. der Befreiung (und damit auch gegen Teile der Befreiungstheologie), da diese Kategorie die Tendenz aufweist, alle menschlichen Konflikte in ein Täter-Opfer-Schema zu pressen und so der Komplexität dieser Konflikte nicht gerecht zu werden. Er bejaht zwar die postmoderne Skepsis gegen alle Versuche, die eine „finale Versöhnung“ aller Konflikte anstreben, kritisiert aber den radikalen Pluralismus Lyotards dafür, dass er de facto die Unterdrückung der Schwachen fortschreibt. 
  7. § 7 Gegen Prozesse der Exklusion betont Volf die Konstruktion eines Selbst, das fähig ist, nicht-exkludierende Urteile zu fällen und den anderen Raum in sich zu gewähren. Im Anschluss an Gal. 2, 19-20 entfaltet Volf einen Prozess der Dezentrierung und Rezentrierung des Selbst, welches in Christus eine Mitte hat, die nicht als Essenz des Selbst, sondern als sich selbst verschenkenden, kenotische Zentralität besteht, die das Selbst für den Anderen öffnet ohne die Grenzen des Selbst aufzulösen („katholische Persönlichkeit“). 
  8. § 8 Dieses dezentrierte und rezentrierte Selbst wird durch Prozesse der Umkehr, des „richtigen Erinnerns“, der Vergebung und der Öffnung für den Anderen („Raum machen in sich selbst“) in der Kraft des Heiligen Geistes ermächtigt, Versöhnung in einer Welt der Feindschaft zu leben. Ermöglicht wird dies durch das Kreuz Christi, welches die geöffneten Arme Gottes darstellt     (->Irenäus), durch die Gott Raum in sich schafft, um die feindselige Menschheit in sich aufzunehmen und am göttlichen Leben teilhaben zu lassen (theosis). 
  9. § 9 Als Symbol dafür, wie persönliche und kollektive Identität im Blick auf den anderen unter Bedingungen der Feindschaft gedacht werden kann, stellt Volf in Anlehnung an Lk. 15 die Metapher der Umarmung vor. Dabei skizziert Volf die vier Strukturelemente einer geglückten Umarmung, die ein Bild für die Dynamik einer versöhnten Beziehung darstellt: Öffnen der Arme, das Warten, das Schließen der Arme und schließlich das Loslassen des Anderen.  Diese Elemente symbolisieren eine Identität, die nicht in sich geschlossen ist, aber dennoch ihre Grenzen bewahrt, die sich zunächst einseitig für den anderen öffnet, aber nach Gegenseitigkeit strebt und die Raum schafft für den anderen ohne mit ihm zu verschmelzen. 
  10. § 10 Zusammengefasst wird Volf Argument in Röm 15, 7: „Nehmt einander also an, so wie Christus euch angenommen hat“.
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Volf – Exklusion, Unterdrückung und Entfremdung

Ich lege gleich nach und beginne damit, einige Gedanken von Volf nochmal zusammenzufassen und aufzuarbeiten. Dabei liegt mein Schwerpunkt auf Exklusion & Embrace (ich nutze hier weiterhin den englischen Titel), da ich über dieses Buch ja auch geprüft werde. Genauer beschränke ich mich nun erstmal auf die Kapitel 2 und 3, die jeweils vom Thema der Exklusion und der Umarmung handeln. Es soll hier also nicht wie im vorherigen Post, um eine kritische Auseinandersetzung, sondern um die Aufarbeitung von zentralen Gedanken gehen.

Miroslav Volfs Buch Exclusion & Embrace (=E&E) entstand zu einer Zeit, in der nach dem Zusammenbruch von vielen Ostblock Staaten und durch die Kräfte der Globalisierung verschiedenste gewaltsame ethnische Konflikte entbrannt waren. Der Balkankrieg war gerade ein Jahr vorrüber (zumindest der Konflikt in Kroatien und Bosnien-Herzegowina), zwei Jahre vor Erscheinen des Buches tobte in Ruanda einer der schlimmsten Genozide nach dem Zweiten Weltkrieg. Zwei Jahre zuvor gab es schwere Unruhen unter afroamerikanern in Los Angeles. Kurz um: gerade nach dem Verschwinden der Supra-Struktur des Kalten Krieges stellte sich das Thema der kulturellen Identität mit neuer Brisanz und durch Prozesse der Globalisierung kam es zu einem steigenden Konfliktpotenzia in Gesellschaften.

Miroslav Volf versuchte damals eine theologische Antwort auf diese kulturellen Konflikte zu finden. Doch bevor es darum gehen kann, einen positiven Beitrag zu Konflikten zu machen, müssen diese erst richtig erfasst und eingeordnet werden.

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Emergent Forum

Lang ist’s her, dass ich das letzte mal hier etwas gepostet habe, aber nichts liegt mir ferner als schlechtes Gewissen. Die letzten Monate waren gut gefüllt mit meinem Praxissemester an einem Gymnasium ganz in der Nähe von Heidelberg; vielleicht dazu mehr zu einer anderen Zeit. 

Jetzt soll es erst einmal um das Emergent Forum 2011 gehen. Weil Peter schon einen Post geschrieben hat, den ich auf den Appell Ohr verstanden habe, fühlte ich mich genötigt, doch ein paar Worte zu schreiben. 

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Die Bibel als “wiki-stories”

Seit dem letzten Post bin ich auf ein Buch aufmerksam geworden, dass ich eine kompakte Moment-Aufnahme von dem geben will, was im englischsprachigen Raum unter dem Stichwort “Emerging” abläuft. Es heißt “Church in the present tense. A candid Look at What’s Emerging” und neben den Herausgeber und (analytische) Philosophie Professor Kevin Corcoran schreibt hier der irische posstrukturalistische Denker Peter Rollins, der pragmatische Vineyard Pastor Jason Clark auch der postevangelikale Exeget Scot McKnight. Letzterer schrieb einen Artikel über das (/ein) Bibelverständnis in der Emerging Conversation, dass sich auch als eine Antwort auf meine Anfragen im letzten Post lesen lässt.

McKnight beginnt mit einer Auflistung, wie man seiner Meinung nach oftmals die Bibel liest.

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Das Problem mit “story theology”

Im emergenten Dialog hört man oft die Forderung, die Bibel wieder narrativ zu lesen. Damit ist gemeint, die Bibel nicht als ein Gesetzbuch zu lesen, in dem sich zunächst Verhaltensaufforderungen finden und auch nicht als Lehrbuch, in dem sich abstrakte Lehrsätze über die Geheimnisse der Welt, des Lebens und Gott finden außerdem soll sie auch nicht zuerst als Poesiebuch gelesen werden, dass uns innerlich erwärmt, weil sie über die Erfahrungen redet, die doch “allen Menschen gemein” sind.

Nein, zuerst sollte die Bibel – so lautet die Idee – als eine große Geschichte gelesen werden, in der wir uns befinden; eine Geschichte, die sich vor unseren Augen entfaltet und uns dadurch sagt, wer wir sind und worauf alles hinausläuft. Eine Story aber auch, die uns jetzt zum Handeln ermutigt, die uns jetzt in eine Gemeinschaft stellt, die “anders leben” soll und die ihre Identität auch aus der Story zieht. 

So oder so ähnlich hört sich die Idee einer narrativen Theologie (die zB auch N.T. Wright vertritt) oft an und ich habe große Sympathien dafür. Nur finde ich, dass eine solche Theologie noch wesentliche Punkte nicht durchdacht zu haben scheint (zumindest finde ich solche Arbeiten bisher noch nicht). 

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Rob Bell

Kurzer Post aus dem Krankenlager: 

Rob Bell war in Deutschland und wurde interviewt, hier das Interview, dass jemand meinte zum Glück nicht ganz so pathetisch ist, wie man es sonst von Rob Bell kennt. 

(via: http://einaugenblick.de)