Category Archives: Bücher

Wider den Konsens oder: Wo die AfD recht hat

Ok, ich gebe zu: reißerischer Titel, der vor allem dazu dienen soll, Leute einen langen Artikel lesen zu lassen. 

Alle, die grundlegender über die gegenwärtige politische Lage nachdenken möchten als nur in schnellgetakteten Schlagzeilen, ARD Sondersendungen, hysterischen Facebook-Posts und in Wortmeldungen von … Oliver Kalkofe,  denen möchte ich ganz dringend ein Buch aus dem Jahr 2007 ans Herz legen.

Es ist von Chantal Mouffe, einer belgischen Politologin, die sich mit Demokratietheorie und dem Erstarken des europäischen Rechtspopulismus auseinandersetze. Das Buch heißt Über das Politische. Wider die kosmopolitische Illusion (bei Suhrkamp für 10 € erhältlich) und ist eine radikaldemokratische Streitschrift, eine Kritik an der Politik der Nachwendejahre und ein Erklärungsversuch für das Aufkommen des europäischen Rechtspopulismus.

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Freiheit als Unruheherd

In der nächsten Zeit werde ich vermutlich wenig dazu kommen, längere Gedanken hier zu formulieren. Also übernehme ich eine gute alte Praxis: das Posten von Kalendersprüchen. Fast. Eher die philosophische Variante davon. Weniger “Der kleine Prinz” und mehr so Nietzsche.

Beginnen möchte ich mit einem schönen Zitat von Bernhard Waldenfels. Der letzte große deutsche Phänomenologe zeichnet sich dadurch aus, besonders prägnant und zugänglich zu schreiben. Es geht ihn um einen anderen Freiheitsbegriff, der nicht nur das einsame Individuum betont.

Nach Waldenfels Philosophie der Responsivität machen wir nicht Erfahrungen, sondern Erfahrungen machen (etwas mit) uns. Demzufolge beginnt Freiheit “anderswo” nämlich bei den Dingen, die uns passieren, auf die wir dann “kreativ antworten” müssen.

“Freiheit, die im Schatten der Fremdheit wohnt, gibt sich zugleich bescheidener und anspruchsvoller als das, was in der Moderne als Freiheit angepriesen wird. Sie erscheint in vielfältiger und indirekter Form, als ein Sicheinlassen und Aufmerken auf Fremdes, als Wachsamkeit der Sinne, als ein Ausnutzen von Spielräumen, als erfinderische Antwort, als experimentierendes Denken, als Risikobereitschaft, als Freimut der Rede, als Wortwitz, als ironische Distanz, als Rücksicht, die Raum gewährt, als ein Zögern, das innehält – kurz, als ein Tun, das unbewusste und unwillkürliche Antriebe aufnimmt und auf unerwartete Ansprüche antwortet.

So kommt es zu einer ständigen Überschreitung des Eigenen und Vertrauten, zu einer oftmals unmerklichen Abweichung von Regeln. Der anarchische Überschuss an Freiheit bestünde darin, dass sich Freiheit niemals völlig institutionalisieren und normalisieren lässt. Derart verfremdet wäre die Freiheit ein Unruheherd, nicht mehr und nicht weniger.”
(Bernhard Waldenfels – Schattenrisse der Moral, Frankfurt a.M.2006, S. 118)

Rezension: “Warum ich nicht mehr glaube” oder: Warum nicht FDP wählen?

Virginia I had a dream you invited us over
You still lived on the street where you laid down for good
We all sat on the floor as my kids swam around us
You smoked cigarettes like I knew you would

We were worried about your personal salvation
Was it heaven or hell that you saw when your eyes closed?
You smiled at us floating high above the question
Like you knew something we didn’t know

David Bazan – Virginia

Dieses Lied schrieb David Bazan, der große Geschichtenerzähler, Zyniker und mittlerweile “bekennender” Agnostiker für einen verstorbenen Freund. Bazan, der einst  Frontmann der christlich geprägten Indieband “Pedro the Lion” war, lässt in dieser Traumerzählung seinen verstorbenen Freund noch einmal aufleben, der, mit den ganz eigenen Sorgen seiner ehemaligen religiösen Mitstreitern konfrontiert, einfach wissend lächelt:
You smiled at us floating high above the question. Like you knew something we didn’t know“.

Und vielleicht ist das genau die richtige Herangehensweise an das Thema der Dekonversion, nämlich: was, wenn der andere etwas weiß, was ich nicht weiß? Was, wenn er einige Dinge viel klarer sieht, als ich/als wir?

Seit letzter Woche ist das Buch von Tobias Faix, Martin Hoffmann und Tobias Künkler zum Thema “Dekonversion” erschienen, es trägt den Titel “Warum ich nicht mehr glaube. Wenn junge erwachsene den Glauben verlieren” (SCM Brockhaus, 17,95 €). Das Buch basiert auf einer qualitativen Studie, welche die drei Autoren im Frühjahr 2012 bis August 2013 zunächst mit Fragebögen über das Internet und später in 15 Interviews durchgeführt hatten.  Es ist die populäre Zusammenfassung der Ergebnisse der Studie und hat zwei unterschiedliche Zielrichtungen: zum einen will es die Gründe und Motive verstehen, die zur Dekonversion führen können, zum anderen will es Gemeinden auf krankhafte, einengende und wenig förderliche Prozesse hinweisen, die solche Dekonversionsprozesse begünstigen können. Dabei ist es kein Geheimnis, dass hier eher an Gemeinden im etwas konservativeren, soft-evangelikalen und pietistischen Spektrum mit einem eher hohen Grad an Beteiligung und Gemeinschaft gedacht wird, als an klassisch volkskirchliche Gemeinden.

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Volf – Exklusion, Unterdrückung und Entfremdung

Ich lege gleich nach und beginne damit, einige Gedanken von Volf nochmal zusammenzufassen und aufzuarbeiten. Dabei liegt mein Schwerpunkt auf Exklusion & Embrace (ich nutze hier weiterhin den englischen Titel), da ich über dieses Buch ja auch geprüft werde. Genauer beschränke ich mich nun erstmal auf die Kapitel 2 und 3, die jeweils vom Thema der Exklusion und der Umarmung handeln. Es soll hier also nicht wie im vorherigen Post, um eine kritische Auseinandersetzung, sondern um die Aufarbeitung von zentralen Gedanken gehen.

Miroslav Volfs Buch Exclusion & Embrace (=E&E) entstand zu einer Zeit, in der nach dem Zusammenbruch von vielen Ostblock Staaten und durch die Kräfte der Globalisierung verschiedenste gewaltsame ethnische Konflikte entbrannt waren. Der Balkankrieg war gerade ein Jahr vorrüber (zumindest der Konflikt in Kroatien und Bosnien-Herzegowina), zwei Jahre vor Erscheinen des Buches tobte in Ruanda einer der schlimmsten Genozide nach dem Zweiten Weltkrieg. Zwei Jahre zuvor gab es schwere Unruhen unter afroamerikanern in Los Angeles. Kurz um: gerade nach dem Verschwinden der Supra-Struktur des Kalten Krieges stellte sich das Thema der kulturellen Identität mit neuer Brisanz und durch Prozesse der Globalisierung kam es zu einem steigenden Konfliktpotenzia in Gesellschaften.

Miroslav Volf versuchte damals eine theologische Antwort auf diese kulturellen Konflikte zu finden. Doch bevor es darum gehen kann, einen positiven Beitrag zu Konflikten zu machen, müssen diese erst richtig erfasst und eingeordnet werden.

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