Konfliktiver Pluralismus III

anti_trump_protests_in_baltimore_30873156196Jetzt ist es schon wieder zwei Monate her, dass ich das letzte Mal zum Thema des Pluralismus geschrieben habe. Doch gab es einige andere dringende Schreibarbeiten, die Priorität hatten. Nun also: wie gehen wir damit um, dass die politische Leidenschaften gerade zu explodieren scheint?

Wiederkehr des Verdrängten

Jahrzehntelang war es für ein Großteil der Eliten im Westen irgendwie klar wo man als Gesellschaft in etwa hin will, in welchem weltanschaulichen Rahmen man sich bewegt und was in etwa die Werte waren, an denen man sich orientieren wollte. Die Fragen, die sich stellten waren nicht: “Wie wollen wir leben? Wo wollen wir hin? Was ist uns wichtig?”, sondern: “Wer soll das bezahlen? Wie kann man das technisch umsetzen? Wie lange dauert es, bis zum Beispiel der Pay Gap überwunden ist?”.


Manche sprachen von einer ausgebrannten Moderne (Roland Reichenbach), in der die großen Versprechen von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit, zwar als Worthülsen noch bestehen, aber in den letzten Jahrzehnten ihre Aura verloren haben. Sie beflügeln nicht mehr das Denken, sie taugen nicht mehr für die Mobilsierung von Menschen. Vor allem wecken sie keine Leidenschaften mehr. Der leidenschaftliche Einsatz für eine dieser Ideale wirkte wie etwas, das aus der Zeit fällt und vielleicht besser zu den ideologischen 68ern passte. Uns so verlernte man zu streiten. Zumindest auf einer grundlegenden Ebene, kannte man gar keinen Widerspruch mehr. Uneins war man sich fast nur bei Fragen der Umsetzung. Selten nur kam man überhaupt dazu, darüber zu sprechen, wie man miteinander leben will.

Doch andere Vorstellungen waren ja stets unter der Oberfläche präsent. Die Idee einer prinzipiellen Einigkeit in Bezug auf die grundlegenden Ziele von Politik war wohl schon immer maßlos übertrieben. Deshalb musste auch stets der sogenannte Fundamentalismus, welcher Färbung auch immer, als Kontrastfolie herhalten, um zumindest einen gemeinsamen Gegner zu haben.

Doch in diesen Tagen passiert nun etwas anderes. Die politischen Leidenschaften, für die in der Spätmoderne wenig Platz war, kehren wieder und das auf eine Weise, die einem Angst machen kann. Freuds Diktum von der Wiederkehr des Verdrängten wirkt hier sehr passend: die Heftigkeit dieses weltweiten Ausbruchs politischer Leidenschaft ist nur die Rückseite jahrzehntelanger Deckelung politischer Leidenschaft. Die Käseglocke einer fraglosen Vormacht eines Denksystems ist gerade zerbrochen und was jetzt hervorkommt, sind neue Möglichkeiten zu denken, aber auch die Möglichkeit für einen Rückschritt ins 19. Jahrhundert. Gerade letzteres kann gefährlich werden.

Alles ist super, alles ist wunderbar? Weder Normalisierung noch Hysterie.

Nicht nur die Wiederkehr des Verdrängten ist problematisch, sondern auch die hilflosen Reaktionen der bisherigen “opinion-leader”. Steht doch ein Gedankengebäude und eine Lebensform, die sie für alternativlos hielten, unter Feuer. Es handelt sich bei den Geschehnissen der letzten Monate wirklich um “ein außerordentliches Ereignis”, das die bisherige Ordnung der Dinge in Frage stellt.

Ich beobachte hier zwei miteinander in Verbindung stehende Reaktionen: Normalisierung auf der einen Seite, Panik und Hysterie auf der anderen Seite.

Normalisierung heißt: man ordnet das Außerordentliches schnell ein. Man führt es zurück auf Erklärungsmuster, die man schon kennt. “Wir sollten uns jetzt alle beruhigen, es gibt halt ein paar Nazis da draußen, aber die offene Gesellschaft wird sich als stärker herausstellen.” Das wäre eine Form der Normalisierung. Es geht immer um eine Beruhigungspille, die einschläfernd wirkt. Da es für den Normalisierer “nichts Neues unter der Sonne” gibt, kennt er immer alles schon. Das hat den Vorteil, dass er niemals naiv oder erstaunt da steht.

Die Identitäre Bewegung? Alles Nazis! Micro-Targeting im Wahlkampf? Nichts anderes als Plakatwerbung! Und als Snowden die geleakten Dokumente veröffentlichte, wurde sehr schnell gesagt: “Warst Du wirklich so naiv zu glauben, wir würden nicht überwacht?” Nach Brexit und der Trump-Wahl beeilten sich einige Kommentatoren zu betonen, wie sehr doch unsere Demokratie in einen viel besseren Zustand ist, und wir viel widerstandsfähiger seien als die Amerikaner. Das ist der Tonfall der Normalisierung: Beruhigung, Abgeklärtheit, das Widerherstellen von Fraglosigkeit: “Weitergehen, hier gibt es nichts zu sehen!”.
Das Übel der Fraglosigkeit besteht nicht allein darin, dass man zu wenig Fragen stellt. Vielmehr besteht es darin, dass man sich nicht mehr in Frage stellen lässt. Dass man also in seiner unerschütterlichen Selbstgewissheit alle irritierende Anfragen abschmettert. Das man sich nicht mehr von dem, was passiert, herausfordern lässt. So verhindert die Normalisierung die Fähigkeit mit wachem Bewußtsein die Welt wahrzunehmen und einzugehen auf das, was passiert. Damit bleibt man in Stereotypen gefangen: die Nazis, die Ewiggestrigen, das Pack auf der einen- die Fortschrittlichen, die Verteidiger der offenen Gesellschaft auf der anderen Seite.
Die Normalisierung funktioniert in der Regel sehr lange sehr gut. Aber irgendwann bekommen die Ereignisse so eine Eigendynamik, dass sie sich nicht mehr ins gewohnte Bild einfügen wollen. Und dann beginnt die Panik und die Hysterie. Wo zuerst Wachheit durch die Beruhigungspille der Normalisierung verhindert wurde, wird sie jetzt durch ein Übermaß an Aufgescheuchtheit verhindert. Dann gerät man in einen Zustand des Dauer-Alarmismus und des hektischen Aktionismus. Dann werden die Alarmglocken geläutet und man will vor schnell etwas tun, weil man der Meinung ist, man selbst wäre jetzt aufgerufen “Flagge zu zeigen”. Man handelt wie unter Schock.

Eigene Antworten – response statt Reaktanz

Was wir beobachten können, wenn die Menschen in diesem Zirkel aus Normalisierung und Hysterie gefangen sind: auf die stereotype Wahrnehmung (“neue 30er Jahre”) folgen stereotype Antworten. Man greift auf die Antworten zurück, die man seit den 90ern antrainiert hatte, als die Neo-naziszene stärker wurde. Die einen proben den “Aufstand der Anständigen”, die anderen wollen “Naziaufmärsche verhindern” (indem sie Veranstaltung blockieren), ganz viele wollen irgendwelche “Zeichen setzen”. Und gerade in Deutschland erweckt dies den Anschein einer großen routinierten Demokratie-Folklore, die mehr zur Selbstvergewisserung der Beteiligten beiträgt, als wirklich politisch Wirkung zeigt.

Ich würde hier von Reaktanz sprechen. Reaktanz heißt, dass man unter dem Eindruck eines “ultimative Übels” denkt, fühlt, handelt. Das man also aus der “gut reaction“, dem Bauchgefühl, heraus handelt. Was dabei klar sein sollte: man spielt auf dem Terrain, das andere (wie Trump) abgesteckt haben. Man macht sich abhängig von gezielten Provokationen und kalkulierten Tabubrüchen. Man ist auch darauf festgelegt, das Gegenteil von dem zu fordern, was Leute wie Trump fordern. Man begibt sich in eine umgekehrte Abhängigkeit, wie der Teenager, der immer das Gegenteil von seinen Eltern machen muss.

Dagegen spreche ich – in der Folge von Leuten wie Berhard Waldenfels – von einer response, von einer Antwort, die von außerordentlichen Ereignissen ausgeht, aber eine kreative, suchende, zögernde Antwort auf Herausforderungen darstellt. Wichtig ist hier das Moment des Zögerns. Wir haben uns daran gewöhnt, dass in der Politik Zögerlichkeit als Schwäche verstanden wird. Ich würde sagen: durch das Zögern kann das Außerordentliche wirken und es können neue Antworten (kreative responses nicht stereotype answers) gegeben werden. Response bezeichnet ein freies, kreatives Antworten, das nicht nur das Gesagte widerholt, sondern es wagt, Eigenes zu sagen.

Die Reaktanz bleibt ganz in alten Selbstverständlichkeiten gefangen: “Wir werden angegriffen, wir müssen uns verteidigen!” “Wir müssen nun alle zusammenstehen!”. Reaktanz ist genau das, was der Rechtspopulismus braucht, um stärker zu werden.

Dabei will ich nicht kritisieren, dass man mit Wut und Zorn reagiert. Im Gegenteil glaube ich, dass eine leidenschaftliche Rationalität die Realität des Unmenschlichen, des schlichtweg Unannehmbaren, der Gewalt und des Chauvinismus ernst nehmen muss. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen: über das menschliche Zusammenleben nachzudenken heißt genau dort seinen Startpunkt zu setzen. Bei der Erfahrung des Negativen, mit den außerordentlichen Katatrophen, heißt: von der Realität der Gewalt, der Unterdrückung, des sozialen Todes, der Ressentiments etc. auszugehen und um eine Antwort zu ringen.
Doch wenn man nicht nur im Zirkel aus Normalisierung und Hysterie verbleiben will, muss man es wagen, sich aus der Ruhe bringen zu lassen indem man sich dem aussetzt, was passiert. Und zwar, ohne vorschnell in das Altbekannte und bereits Gesagte einzuorden, ohne sich in seine sicheren Rückzugsräume zurückzuziehen und ohne einfach nur aus dem Bauchgefühl heraus zu handeln. Dann braucht es auch Zeit und Raum zum (gemeinsamen) Zögern, zum Tasten, zum ratlos-Sein. Und dann erhebt sich aus dem Zögernden irgendwann eine vorläufige Antwort, eine Route, die bis auf Weiteres zu gehen ist, eine Überzeugung, die bis auf Weiteres öffentlich zu vertreten ist, ein Affinität zu bestimmten politischen Optionen, die man bis auf Weiteres für angezeigt hält. Und spätestens dann beginnt auch wieder der Widerstreit über die richtige “Marschrichtung”.

Und damit stellt sich noch einmal die Frage: wie lernt man streiten? An welchen Stellen ist ein pragmatischer Konsens oder ein Kompromiss wichtig, wann muss widersprochen werden? Wie kämpft man? Wie verbreitet man eigene Überzeugungen? Und wie verhindert man, dass am Ende jeder nur noch in seine Welt abdriftet? Wie kann man sich noch verstehen? Und vor allem: wie geht man mit Feindschaft um? Wie geht man mit denen um, die für eine Welt kämpfen, die man für unannehmbar hält? Dazu hoffentlich beim nächsten Mal was.

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