Freude als Widerstand (Adventsandacht)

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Meine Adventsandacht, gehalten im Ökumenischen Wohnheim am 16.12.2017.

In den zahlreichen satirischen und nichtsatirischen Jahresrückblicken ist man sich weitestgehend einig: das Jahr 2016 war zumindest politisch irgendetwas zwischen einer großen Katastrophe und einem epochalen Einschnitt in der Nachkriegeschichte. Denn nichts deutet darauf hin, dass das Jahr 2016 politisch nur eine Ausnahme war und danach alles wieder gut wird. Es ist selten, dass man so schnell spürt, wie ein großer Einschnitt durch die gesamte westliche Welt geht und die Ordnung nach dem Kalten Krieg plötzlich in Bewegung gerät.

Peter Aschoff führte das neulich in einer Adventspredigt im Anschluss an den Beginn des Lukas Evangeliums so aus:

„Es war in der dritten Amtszeit von Wladimir Putin, des Erfinders der „gelenkten Demokratie“. Der Rechtspopulist Donald Trump war gerade zum Präsidenten der USA gewählt worden. Für Patriarch Kirill war Putins Wahl 2011 ein „Wunder Gottes“, für den Pfingstpastor Franklin Graham die von Donald Trump. Apropos Gott: Präsident Erdogan nannte den gescheiterten Militärputsch in der Türkei ein „Geschenk Gottes“ und ließ Zehntausende von Kritikern verhaften. Der Krieg in Syrien ging in seinen sechsten Winter. Die Briten stimmten für den Austritt aus der EU. Dax und Dow Jones erreichten derweil Höchststände.“

Was hier noch fehlt: die Nachrichten von Aleppo sind fast gar nicht mehr in Worte zu fassen, die Griechische Gesellschaft ist nach den Brüssler Sparmaßnahmen in einem katastrophalen Zustand, durch die gesamte EU geht ein riesiger Riss, unsere muslimischen Freunde geraten in ganz Europa stark unter Druck und zu allem Überfluss ist nun auch noch Leonard Cohen gestorben.

Kurz: alles deutet auf einen langen, kalten Winter hin und alle, die man für fähig erachten würde, einen passenden Soundtrack dazu zu liefern sind leider auch von uns gegangen.

Da wirkt der Wochenspruch für die folgende Woche eher wie eine Zumutung:

Philipper 4,4-5: „Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe! “

Freut euch allewege! Immer und Dauernd!
Ich weiß nicht, wie es Ihnen und euch so geht, aber mir sind diese Menschen nicht sehr sympathisch, die ständig mit einem Grinsen durch die Gegend laufen, die dauernd fröhlich sind und am Besten noch am frühen Morgen ein Liedchen trällern. Mir kommt das immer ein wenig oberflächlich vor. Haben diese Leute denn nichts mitbekommen von der Welt? Verstehen diese Leute nicht, was gerade passiert? Merken die nicht, dass etwas gewaltig schief läuft? Haben diese Menschen keine Sorge um die Welt? Keine Wut über die Ungerechtigkeit, keine Leidenschaft für Veränderung? Wie kann man einfach fröhlich sein in diesen Umständen?

Und im Philipperbrief fordert nun Paulus andauernd zur Freude auf, als ob dies etwas sei, was verordnet werden könnte.
Jedoch ist ein Detail des Briefes dabei wohl wichtig: Paulus schreibt diesen Brief während er im Gefängnis sitzt. Er wurde eingesperrt für seine Überzeugungen. Er war unliebsam mit seiner Botschaft von Jesus Christus, dem Gott der auf die Erde gekommen war und die Mächte und Gewalten in Frage gestellt hat. Und irgendwie, ist er deshalb im Gefängnis gelandet. Aus dieser Situation heraus schreibt er einen Brief über die Freude.

Mir scheint es also so zu sein, als ob Freude hier nicht einfach eine Reaktion auf die direkten Umstände ist. Die Umstände scheinen hier dagegen zu sprechen, dass man sich freuen kann. Mit Paul Watzlawick gesprochen: “die Lage ist aussichtslos, aber nicht ernst.”

Also einfach so tun als wäre alles gut? Einfach die Realität ignorieren?

Ist dann nicht doch vielleicht das Christentum einfach das Opium des Volkes. Denn was heißt es, wenn man aus seinen Umständen flieht in irgendwelche weltfremden Erfahrungen? Das ist Eskapismus, das ist Religion als Droge, als Weltflucht. Eine rosarote Brille, in der das Dunkel nicht mehr so dunkel scheint? Oder so wie wenn kleine Kinder eine unangenehme Botschaft nicht hören wollen und sich die Finger in die Ohren stecken und „lalala“ singen?
Ganz ähnlich wie es in einem ganz gräßlichen geistlichen Lied heißt:
„Vor der Tür rumort der Alltag, doch hier drin ist’s mir egal“.

Ist es das?

Ist Freude die Flucht vor der Realität?

Oder ist Freude Vertröstung: die Erde ist ein Jammertal, das Leben ist nicht so wichtig, wichtig ist das Leben nach dem Tod. Dort kommt das Eigentliche. Und man muss die Gegenwart nicht so ernst nehmen. Mag die Welt auch brennen, mögen überall Kriege herrschen, Hauptsache man ist sich seines privaten Seelenheils gewiss. Mit so einer Einstellung kann und will ich mich nicht zufrieden geben.

Oder ist Freude einfach Optimismus? So wie in amerikanischen Filmen, wo es doch meistens der mutige Mann ist, der seine verängstige Frau tröstet, indem er sagt: „Baby, es wird alles gut werden!“. Welch absurdes Bild! Dies wär eine Freude, die darauf vertraut, dass sich das sogenannte Gute schon durchsetzen wird, dass die Vernunft am Ende siegt, dass alles nicht so schlimm ist, wie es zunächst scheint. Für solchen Optimismus fehlen mir die Gründe. Die Lage ist zwar nicht ernst, aber doch vorerst aussichtslos.

Und vermutlich ist Freude auch nicht einfach nur Lust und Konsum. Nicht falsch verstehen: ich will mich nicht einer modischen Konsumkritik anschließen, die in Lust und Konsum den Teufel sieht. Nichts gegen Lust und Konsum und die – wie man so schön sagt – kleinen Freuden des Lebens. Freude scheint nur tiefer zu gehen; Freude scheint dort besonders zu wachsen, wo es schwer fällt, einfach so das Leben zu genießen.

Nein, die Freude, von der Paulus hier spricht, ist nicht nur Lust und Konsum, stumpfer Optimismus oder Flucht vor der Realität.

Vor kurzem habe ich ein Interview mit einem Theologen gesehen. Er kam aus einer der Black Churches in den USA – Kirchen also, die selbst seit langem Ausgrenzung und Bedrückung erleben, und er sprach von einer anderen Form der Freude.

Er sagte: „Freude ist ein Akt des Widerstandes gegen die Mächte der Verzweiflung.

Hier ist Freude etwas Widerständiges, etwas Subversives, etwas, dass dabei hilft nicht in Verzweiflung und Ohnmacht zu verfallen selbst im Angesicht einer Welt, die nicht so ist, wie sie sein sollte.

Und ich musste dabei an meinen Onkel denken, der Pfingstpastor in Ostdeutschland ist. Denn selbst bei theologischen Anfragen, die ich immer wieder hatte, habe ich in dieser Pfingstgemeinde etwas erlebt von der Freude, die Menschen stark und widerstandsfähig machen kann. In dieser Spiritualität, die sehr körperbetont, sehr ekstatisch, sehr gemeinschaftlich ist, wurde mit kräftigen Stimmen eine Freude kultiviert, gerade auch im Angesicht widriger Umstände.

Jetzt mag einer sagen, dass ihm die Rede von den „Mächten der Verzweiflung“ und „Mächten des Todes“ ein wenig zu martialisch und mythologisch klingt. Geschenkt! Aber manchmal ist solch eine Sprache angebracht für Strukturen und Mentalitäten und überpersönliche Kräfte, welche die Menschen in die Verzweiflung treiben. Zumal ich der Meinung bin, dass das Risiko, mit solchen Mächten in Berührung zu kommen, in einer Gesellschaft sehr ungleich verteilt ist.

Neulich habe ich nach vielen Jahren mit einem Verwandten aus Ostdeutschland telefoniert. Wir haben über gemeinsame Bekannte geredet. Und die  Geschichten, die er so erzählte lassen sich nicht gut in Worte fassen; sie mögen an sich nicht außergewöhnlich sein. Aber die Summe Geschichten von Depression und die Häufung von Gechichten der Perspektivlosigkeit, lassen mich hier von einer Aura der Trostlosigkeit, eine Atmosphäre stummer Ohnmacht und Depression reden.

Man kann mit dem Theologen Walter Wink von den Mächte und Gewalten reden: überpersönliche gesellschaftliche Kräfte, welche zerstörerische Botschaften tragen, die die Menschen verinnerlichen.

„Jeder ist für sich selbst verantwortlich!“

„Es gibt keine Alternative!“

„Ihr seid die ewig Zurückgebliebenen! Ihr seid die Wertlosen! Ihr seid das Pack!“

Wie auch immer die Botschaften lauten, sie treiben Menschen in Verzweiflung. Sie verhindern, dass Menschen eine Perspektive über das Alltägliche hinaus entwickeln können. Sie machen Menschen klein und ohnmächtig. Sie ersticken das Leben und sorgen dafür, dass Menschen sich einmauern.

Der Sozialphilosoph Burkhard Liebsch sprach vom sozialen Tod. Der soziale Tod ereilt Menschen, wenn Sie nur noch funktionieren, wenn sie isoliert leben müssen. Wenn Sie für andere nicht wahrnehmbar sind, wenn sie dort leben müssen, wo man sich nicht grüßt, wo man sich nicht kennt, wo die eigene Stimme nicht zählt, wo man übersehen und überhört wird. Dieses Gefühl der Ohnmacht und das Übersehen-seins ist ein Grund dafür, warum Menschen sich die Politiker suchen, die lautstark eine neue Volksgemeinschaft versprechen. Das ist das Versprechen der Rettung aus dem sozialen Tod.

Es häbe dazu noch mehr zu sagen. Aber es sind ja nicht nur die anderen da draußen, die von der Verzweilfung und Ohnmacht bedroht sind. Die Ohnmacht ergreift uns auch hier angesichts einer politischen Lage, die zur Hoffnung gerade wahrlich keinen Grund bietet. Oder sie ergreift uns als das Gefühl, den Ansprüchen der Gesellschaft nicht zu genügen.
Oder sie ergreift uns wegen schwieriger persönlicher Umstände oder einer psychologischen Disposition.

Und da höre ich wieder: Freude ist Widerstand!

Freude ist Widerstand gegen die eine Aura der Perspektivlosigkeit und Verzweiflung.  Freude ist Widerstand gegen die Alternativlosigkeit, die sich über die Dinge legt und die Menschen lähmt.

Das Wort, dass am Besten Freude und Hoffnung beschreibt ist „Dennoch!“, wie es im Psalm 73 so prominent heißt. Oder wie es in Psalm 23 gebetet wird: „Du bereitest mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde!“. Das ist eine grimmige Freude, eine trotzige Freude.

Wie der berühmte schwarze Humor, scheint Freude noch in die widrigsten Umstände hineinbrechen zu können und für ein gelöstes, für ein erlöstes Lachen zu sorgen. Das ist eine Freude gegen die Verzweiflung. Paulus fährt fort: „Freut euch allezeit! Eure Güte lasst Kund sein allen Menschen!“ Es scheint so, als ob diese Freude den Menschen aufrichtet, ihn dabei hilft, Güte zu zeigen, für andere da zu sein. Freude scheint das Herz mild zu stimmen. Sie hilft dabei, sich selbst nicht absolut zu setzen; wie guter Humor, sorgt die Freude für einen heilsamen Abstand zu sich selbst.

Aber, wenn diese Freude nicht einfach absurd sein soll: worauf gründet sie sich?

Paulus macht diese Freude am Kommen Gottes fest.
Die Freude gründet darin, dass uns unverhofft Gutes zuteil wurde. Die Freude wurzelt in der Hoffnung darauf, dass Gott seine Verheißungen erfüllen wird und dass er die Verzweiflung verwandelt. Die Freude wurzelt in dem Gerücht, dass Hoffnungslosigkeit und Perspektivlosigkeit nicht das letzte Wort haben müssen.Die Freude ist eine Antwort darauf, dass Gott bereits die Mächte der Verzweiflung entmachtet hat. Dass alle die sagen: „Es gibt keine Alternative“ Lügen gestraft werden.

Gerade diese Art der Hoffnung und der Freude hat viele Black Churches dazu motiviert, ihren geistlichen Widerstand auch in die Tat umzusetzen und gegen unterdrückerische Systeme ihre Stimme zu erheben.

Ich glaube, wir brauchen heute etwas von der Freude, die Zeugnis ablegt vom Kommen Gottes und die hilft in widrigen Umständen einen klaren Kopf und ein mutiges Herz zu behalten. Ich glaube, wir brauchen heute etwas von dieser Widerstandskraft, die aus dieser Freude erwächst und mit deren Hilfe wir der Versuchung der Resignation widerstehen. Ich glaube, wir müssen lernen „im Angesicht der Mächte der Verzweiflung“ ein Fest zu feiern. Und wir brauchen eine Freude, die unseren Rücken stärkt, wenn uns mal der Wind kalt ins Gesicht weht.

In diesem Sinne: denken Sie immer daran: die Lage mag aussichtslos wirken, aber sie ist nie nur ernst!

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One thought on “Freude als Widerstand (Adventsandacht)

  1. Das gefällt mir gut. Danke!

    Oft bleiben wir viel zu sehr an der Oberfläche, wo Realität und Freude allem Anschein nach weit auseinander liegen.
    Da sich der Widerspruch im Herzen der Menschen festsetzt und Verbitterung und Kälte erzeugt, muss der geistliche Widerstand auch dort beginnen.

    Die Lage ist aussichtslos und ernst, aber nicht hoffnungslos.

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