Konfliktiver Pluralismus II

In diesen Tagen kann man beobachten, dass der Grund auf dem man politisch und gesellschaftlich so sicher zu stehen glaubte, schnell ins Wanken gerät. So unverrückbar scheinen die angeblich ewigen Werte wie Gleichheit und Rücksichtnahme auf den anderen nicht zu sein. Die Idee dass sich die Vernunft schon irgendwie und irgendwann durchsetzt, hatte spätestens mit dem BREXIT Votum einen gehörigen Dämpfer bekommen. Selbst eine völlig kalkulative, wirtschaftliche Vernunft war nicht stark genug, um sich gegen einen identitären Nationalismus zu behaupten.

Vielleicht war es auch naiv an einen geschichtlich wirksamen gesellschaftlichen Fortschritt zu glauben, der ohne Begründung auskommt und der immer mehr für weitere gesellschaftliche Inklusion sorgen wird. Denn unter der Oberfläche gibt es weiterhin tiefreichende gesellschaftliche Verwerfungen, die im bestehenden Diskurs-Regime nicht immer zum Ausdruck kommen konnten. Was wir also erleben, ist eine Kraft, die massiv den Diskurs verschieben möchte. Und es scheint keine Garantie zu geben, die uns erlaubt zu sagen, dass ihr das nicht gelingen wird.

Nun ist vielleicht zunächst mal an der Zeit Theorien zu Wort kommen zu lassen, die uns beschreiben helfen, was hier passiert. Zunächst möchte ich mich radikaldemokratischen Theorien zuwenden. Mit Radikaldemokratie ist kein bestimmtes politisches Programm gemeint, es geht nicht um Volksabstimmungen oder um liquid democracy. Die radikaldemokratischen Theoretiker versuchen lediglich zu beschreiben, wie man Demokratie denken kann sobald die radikale Pluralität einer Gesellschaft zu Tage tritt. Eine Pluralität also, die nicht mehr einfach nur aufzuheben ist, die nicht nur unverbundene Vielfalt bedeutet, sondern einen Kampf um Deutungsmacht.

Empfehlen möchte ich dazu ein Lehrbuch eines österreichischen Philosophen und Soziologen: Oliver Marchart. In “Die politische Differenz” versucht er, die wichtigsten DenkerInnen vorzustellen, die sich mit einer Situation auseinandergesetzt haben, in der die Grundlagen einer Gesellschaft fraglich werden. Wo sich zeigt, dass alles immer auch anders sein könnte.

Dies ist der zentrale Gedanke der Radikaldemokraten: es gibt Ordnungen, es gibt Grundlagen der Demokratie, aber diese sind nicht gesichert. Marchart schreibt:

“Die philosophischen, theoretischen und politischen Fundamente, Werte oder Prinzipien, auf denen die Gesellschaft errichtet ist, erweisen sich als brüchig. Das bedeutet aber nicht, dass alle Fundamente verschwunden wären. Etwas anderes ist geschehen: Was in der gegenwärtigen Situation erkennbar wird, ist nicht das völlige Verschwinden aller Fundamente, sondern der strittige, umkämpfte Charakter eines jeden Fundaments. Die historische Konstellation, mit der wir konfrontiert sind, wird daher im Folgenden als postfundamentalistisch, nicht etwa als antifundamentalistisch charakterisiert”.
(Marchart, Oliver, Die Politische Differenz, Frankfurt a.M. 2010, S. 8)

Marchart redet davon, wie es bestimmte Formen und Inhalte und Werte gibt, wie man über die Gesellschaft nachdenkt. Das sind die Fundamente des Politischen. Es sind bestimmte eingespielte Selbstverständlichkeiten – es geht um das, was man für fraglos gültig hält. Es handelt sich dabei nicht um die einzelnen politischen Maßnahmen (Rentenreform, Gesundheitspolitik), sondern um den fraglos gültigen Rahmen, in denen man über einzelne Maßnahmen spricht. Diese Ordnungen und Fundamente sind so etwas wie Paradigmen des Politischen – sie bestimmen was denkbar ist.

Diese Ordnungen gehen von bestimmten (historischen) Erfahrungen aus, aus denen sich implizite Regeln ableiten. Diese Regeln bestimmen darüber, was heute für möglich und für unmöglich gehalten wird. So wären sie so etwas wie Grammatiken des Politischen. Eines der Hauptfragen des Politischen entsteht da, wo man “WIR” sagt. Wer darf von “Wir” sprechen? Wer ist damit gemeint? Wer ist ausgeschlossen? Wo verlaufen die Grenzen des Wir? Das betrifft sowohl das “Wir” von denjenigen, die “Wir sind das Volk!” brüllen und sich als Repräsentanten einer schweigenden Mehrheit fühlen als auch das “Wir” derjenigen, die sich als “gute Demokraten” gebärden und sich auf eine eingespielte demokratische Kultur berufen. Bei beiden steht ein Bild der Gesellschaft im Raum.

Denn es handelt sich um Formen des Politischen Imaginären. Meines Erachtens ist heute der wesentliche Kampfplatz um das Politische nicht nur das Parlament oder der vernünftige Austausch von Argumenten. Vielmehr als der Verstand ist es die Vorstellungskraft, um die und mit der heute gestritten wird.

Denn DIE Gesellschaft ist ein abstrakter Begriff, er ist unanschaulich. Aber was geht mir durch den Kopf, wenn ich “die Gesellschaft” denke? Welche Bilder habe ich vor Augen? Einen Stammtisch mit Bild-Lesern? Oder eher multikulturelle, urbane Realitäten? Diese Bilder bestimmen darüber, was man überhaupt wahrnehmen kann und was übersehen wird, weil es aus dem Rahmen fällt. Aber diese Eigenlogiken des Imaginären bestimmen nicht nur über die Gegenwart: sie bestimmen darüber, was wir für vorstellbar und für unvorstellbar erachten. Was ist das Denkbare und das Undenkbare? Was sind die großen Geschichten, in denen wir leben (“1000 Jahre Deutschland” wie Björn Höcke sagt oder “proud of not being proud” wie Böhmermann sagt?). Wovor haben wir Angst? Was halten wir für begehrenswert für uns (und für alle!)? Und sie richtet sich auf die Vergangenheit: wohin versetze ich mich in meiner Vorstellungskraft um zu verstehen, was unsere Gesellschaft prägen sollte? Stelle ich mir die scheiternde Weimarer Republik und den Nationalsozialismus vor? Stelle ich mir das 19. Jahrhundert vor? Oder vielleicht meine Kindheit? Es gibt viele, sehr viele Ordnungen des Imaginären, die uns nahelegen, was wir vorstellbar finden. Aber zumeist haben sich einige wenige durchgesetzt, sie sind hegemonial geworden. Und wenn sich bestimmte Ordnungen durchsetzen, stellen sie sich immer als notwendig, als alternativlos dar: “die Vernunft musste diese Ordnung hervorbringen”, “die Geschichte führte dazu, dass sich unser System durchgesetzt hat” oder: “es gibt keine Alternative zu unserer Ordnung”. Und dennoch bleibt jede hegemoniale Ordnung brüchig und umstritten und sie versucht, Gegenordnungen zu verdrängen. Sie kann durch entsprechende gesellschaftliche Kräfte verändert werden – zum Guten oder zum Schlechten.

Wie schonmal gesagt, hat sich meines Erachtens eine leicht resignative Politik durchgesetzt, in der man die Folgen des entgrenzten Kapitalismus durch eine softe Version humanitärer, multikulturalistischer Politik etwas abschwächen will ohne jedoch wirklich an den Dynamiken der Konkurrenz etwas zu verändern. Dabei wurde der Raum des politisch Denkbaren sehr genau vermessen und abgesteckt. Und so wurde der Kampf um das Politische unter einer behaupteten Alternativlosigkeit begraben.

Doch die darunter liegenden sozialen Verwerfungen bleiben. Die Flexibilisierung, die eskalierende Konkurrenz und die unermeßliche Eigenverantwortung schafft soziale Konflikte, die im gegenwärtigen Raum des Politischen oft nicht ausgetragen werden. Gleichzeitig trägt sie zur Entsolidarisierung und zu einer zynischen – weil resignativen und perspektivlosen – Lebenseinstellung bei. Die über die Jahre anwachsende Masse an Nichtwählern fand sich in dem gegenwärtigen Raum des Politischen nicht vertreten und wurde gegenüber der Politik indifferent und feindlich.

(Die genauen Ausführungen habe ich jetzt mal weggekürzt, kann die aber gerne in den Kommentaren nachreichen).

Dies schlägt sich nun in einem weltweit entstehenden identitären Autoritarismus nieder. Mir ist es wichtig, diese Bewegung als einen (ziemlich fatalen) Antwortversuch auf die Verwerfungen zu verstehen, die die Globalisierung ausgelöst hat. Entgrenzung, Freiheitsgewinne und soziokulturelle Vielfalt sind eben nur eine Seite, die insbesondere die Gewinner dieser Prozesse zu würdigen wissen. Die Rückseite davon sind Prekarisierung, politische Ohnmacht (denn eigentlich ist auch noch kein überzeugendes Konzept für eine Welt nach dem souveränen Nationalstaat entwickelt worden) und Entsolidarisierung.

Der identitäre Autoritarismus möchte nicht nur zurück zum Nationalstaat. Eigentlich will er wieder zurück zu einer starken – identitären – Fassung des Volkes. Es scheint aber so zu sein, dass er nicht eine neue politische Option neben anderen ist. Er ist eine Form des sozialen Fundamentalismus, der eben nicht nur den politischen Rahmen verschieben will. Es scheint mir so zu sein, als wolle er das Politische ein für alle Mal beenden. Er will die Kluft zwischen der politischen Sphäre und den widerstreitenden Interessen der Bevölkerung im Sinne eines allgemeinen Volkswillen schließen. Er will das politische Spiel beenden. Denn: wenn man im Namen DES EINEN Volkes spricht, dann scheint hier die Vorstellung einer homogenen, einheitlichen, mit sich selbst identischen und in Harmonie lebenden Menge derer, die von der deutschen Kultur getragen sind, vorzuherrschen. Es geht darum, diese vermeintlich ewige Identität Deutscher Kultur politisch in’s Werk zu setzen. Dies gleicht dem Versuch einen Traum aufzumalen, ihn dann zu verfilmen und zu erwarten, dass fortan jeder jede Nacht das gleiche träumt. Ich bin mir hier nicht sicher, ob es sich so verhält, aber eigentlich kann dies nur die Stoßrichtung sein, wenn man über die EINE Identität des Volkes spricht.

Denn Identität ist hier nicht mehr ein Konfliktbegriff (man streitet sich darüber, was z.B. Deutschsein heißen soll), sondern ein Totalbegriff (es steht eigentlich schon fest, was es heißt, Deutsch zu sein und jeder, der nicht in’s Bild passt muss umerzogen oder “ausgeschafft” werden).Damit wäre diese Bewegung im Kern anti-pluralistisch und anti-politisch. Das ist auch ein Grund dafür, dass sofort bestimmte Medien angegriffen werden, die ein anderes Bild der Gesellschaft zeigen.

Und doch: mit den radikaldemokratischen Denkern lässt sich zeigen, warum so ein sozialer Fundamentalismus scheitern muss: das Spiel des Politischen lässt sich nicht dauerhaft befrieden. Jeder Konsens und jede Ordnung ist immer mit dem Index des Zeitlichen versehen. Und jeder Versuch, eine eindeutige menschliche Ordnung auf Dauer einzurichten muss zur Selbstzerstörung führen. Aber gleichzeitig muss man sagen: es gibt auch keine Garantien dafür, dass nicht genau so etwas passieren kann. Es gibt keine Position aus, von der man einfach als selbstverständlich voraussetzen kann, dass dies als Irrweg erkannt wird. Kurzum: der Kampf gegen diese globale Bewegung darf sich nicht auf Selbstverständlichkeiten berufen; er kann sich nicht zurückziehen in die Glocke derer, die schon überzeugt sind; er kann nicht einfach mit einer Politik der “geschlossenen Reihen” antworten. Gerade vor dem Hintergrund der postfundamentalistischen Logik ist man gezwungen, mit allen reden zu können; denn man kann sich nicht darauf verlassen, dass sich die “ewigen Gesetze der Vernunft” schon irgendwie durchsetzen werden.

Und vor allem: es handelt sich um einen Kampf um das politische Imaginäre, um die Vorstellungskraft. Das heißt: er benötigt andere Narrativen, andere Bilder, andere Metaphern genauso sehr wie er neue Argumente, einen neuen Stil der Auseinandersetzung und eine größere Geduld mit Andersdenkenden erfordert.

Und zuletzt: es zeigt sich, dass es tatsächlich einen anderen Rahmen des Politischen benötigt, in dem die sozialen Verwerfungen und Zumutungen des globalen Kapitalismus wirklich ernst genommen werden. Einen Rahmen, in dem ein Widerstand gegen den Imperativ zur Konkurrenz denkbar wird. Es sollte also um mehr gehen, als um die Korrektur von Symptomen. Die Setzung dieses Rahmens ist heute die Aufgabe politischer Auseinandersetzung.

Das nächste Mal versuche ich noch ein paar meta-ethische Reflexionen vorzustellen. Wie kommt es überhaupt dazu, dass man in einem pluralen Setting starke Geltungsansprüche vertreten kann? Wie leiten diese sich ab, wenn sie sich nicht einfach auf einen von allen geteilten Rahmen berufen können?

Advertisements

5 thoughts on “Konfliktiver Pluralismus II

  1. Robert Wiens says:

    “andere Metaphern genauso sehr wie er neue Argumente, einen neuen Stil der Auseinandersetzung und eine größere Geduld mit Andersdenkenden”
    Das wäre m.E. etwas, mit dem biblische Radikalität eigentlich dienen könnte. Oder was übersehe ich dabei? Nur müssen wir dazu gleichzeitig jenes “Christentum” scharf kritisieren, das an der Entwicklung der vorherrschenden Imagination grundlegend beteiligt war… Höchste Zeit für Reformación!

  2. Robert Wiens says:

    Bin sehr gespannt auf Deine Fortsetzung, wie man im radikal pluralen Kontext überhaupt für ein Argument mehr Gewicht als andere beanspruchen kann.
    Instinktiv scheint mir, dass “Christentum” hat sich, spätestens seit der Reformation, hauptsächlich um “Recht” und “richtig” gedreht, und dass wir statt dessen unseren Glauben heute von Grund auf über “Beziehung” beschreiben sollten. Beziehungen sind wie sie sind, ohne dass man sie je völlig in “richtig” oder “falsch” kategorisieren könnte. Sehr wohl aber gibt es gesündere, fruchtbarere, hilfreichere Beziehungen und schädlichere, destruktivere…. Sie entziehen sich damit der exakten Definition und werden statt dessen gelebt. Gibt es z.B. eine Dogmatik, die “Gott ist die Liebe” konsequent als Grundlage alles Nachdenkens über unsern Glauben nimmt? Der Begriff ist so schillernd, dass Paulus das ganze Kapitel 13 des 1. Korintherbriefes für den Versuch einer Definition verwendet, und trotzdem gelingt ihm nur eine ausschweifende Beschreibung. Erst beim Versuch, das täglich zu leben, gehen mir die Augen auf, wie unglaublich vielfälltig, weise und wahr das Kaptiel ist, obwohl es für mich theoretisch nie richtig “klar” wurde. Wir haben den “richtigen, seeligmachenden Glauben” auf ein Theorem reduziert, dabei ist es eine bestimmte Lebensweise, eine Verhaltensweise (um nicht wieder Beziehung zu sagen) zur Realität und zu ihrem Ursprung. Luthers Unverständnis für Jakobus finde ich zwar nachvollziehbar, aber die Folgen scheinen mir verheerend.
    Ich arbeite seit Jahren an Konflikttransformationen, dass erklärt vielleicht meine Fixierung auf Beziehung.
    Das sind jetzt ein paar lose Gedanken dazu…

    • arnachie says:

      Robert, mit dem Fokus auf Beziehungen rennst Du bei mir offene Türen ein. Ich glaube zB in der oben geschilderten Situation ist es wichtig, dass man mit Andersdenkenden dennoch eine Beziehung haben kann.
      Dogmatiken, die mit Beziehung oder zentral mit “Gott ist Liebe” argumentieren gibt es wie Sand am Meer. Ein Beispiel dafür wäre Jüngels “Gott als Geheimnis der Welt” – leider wird das kaum wahrgenommen. Hier herrscht auch ein völlig Unvernehmen gegenüber der Theologie vor. Man projiziert einen evangelikalen Begriff des Glaubens als “Fürwahrhalten von Satzwahrheiten” (zentrale Leute waren da Van Tiil und Francis Schaeffer) zurück auf die Reformatoren. Gerade ein Luther ist wie kein zweiter darauf bedacht, Glauben ganz sicher nicht als Fürwahrhalten von dogmatischen Richtigkeiten zu beschreiben. Da ist die Theologie an so vielen Stellen einfach schon weiter und wird einfach nicht breit genug rezipiert.
      Zur Logik von Beziehungen gehört meines Erachtens auch, dass sie nicht nur nicht in der Logik von richtig und falsch gedacht werden sollten, sondern auch nicht in einer Handlungslogik. Beziehungen versteht man am besten im Register einer Ereignislogik: etwas passiert zwischen uns und fordert uns dann in einem zweiten Schritt zum Handeln heraus. Solche Denkfiguren kann man wunderbar durch eine gute Theologie beleuchten!

      • Robert Wiens says:

        Wieder was gelernt. Und noch Hausaufgaben zum Weiterlernen (werd mal den Unterschieden zwischen Ereignislogik und Handlungslogik weiter nachgehen…). Danke!

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s