Das Emergent-Forum 2016

Ein denkwürdiges Wochenende voller Begegnungen geht zu Ende: das Emergent Forum 2016, dass sich durch die beiden Rednerinnen Christina Brudereck und Nadia Bolz-Weber inspirieren ließ, um sich mit dem Thema der Gastfreundschaft und der Gnade Gottes zu beschäftigen. Hier ein erster Rückblick. An anderer Stelle versuche ich noch einige Dinge aufzugreifen, und weiterzudenken und meine Sicht der Dinge einzutragen.

Das Thema

“Kirche für alle, aber” lautete das Thema und mit dem Untertitel: “Hat Gottes Gnade Grenzen und was bedeutet das für die Kirche”? Schon diese zwei Titel deuteten an, dass es sich um ein Thema handelt, das ins Zentrum des christlichen Glaubens reicht. Wie verstehen wir die Zuwendung Gottes zum Menschen in Jesus Christus, wie verstehen wir die Erzählung davon, wie in Christus sich Gott vor allem den Leuten zugewandt, die nicht so sind wie ich? Den Marginalisierten, den von mir übersehenen, meinen Feinden? Benötigt die Annahme des Anderen zunächst die Annahme des Dunklen, Fremden und Unaufgeklärten in mir oder ist es andersherum: die Begegnung mit anderen zeigt mir zuallererst die Punkte, an denen ich Erlösung brauche? Wie kann man das annehmen, was einem entzogen ist?  In welchem Zusammenhang steht der Empfang der Zuwendung Gottes zu unserer Zuwendung zum Nächsten? Wie spiegelt sich das in unseren Kirchen und Gruppen wieder? Sind wir die großzügigen Gastgeber oder doch eher die Gäste? Wie kann man den Zöllner (das Äquivalent wäre wohl der Trump Anhänger), die Prostituierte UND den Pharisäer willkommen heißen? Sollte man das überhaupt? Und wie kann man das und gleichzeitig eindeutig gegen bestimmte Formen der sozialen Ungerechtigkeit Stellung zu beziehen? Hat denn nun Gottes Gnaden Grenzen? Und was heißt es eigentlich Grenzen zu haben? Limitiert sein? Schutzbedürftig sein? Engherzig und engstirnig sein?

Es handelt sich also um ein Thema, bei dem es nicht nur um einen Humanismus plus (also Humanität mit einer verquasten, inhaltsarmen Spiritualität) geht. Man kann an diesem Thema schön zentrale theologische Aspekte und zentrale Aspekte der Struktur und Sendung von Kirche angehen und dies mit einigen Reizthemen verbinden: Allversöhnung, Sexualethik, die Praxis interreligiösen Gesprächs, Theodizee, die Frage welche Metaphern für Gott angemessen sind (und welches Geschlecht diese implizieren), die frauenfeindlichen, leibfeindlichen und lustfeindlichen Stränge der eigenen Tradition und die praktischen Fragen nach dem Umgang mit schwierigen Personen. Und gleichzeitig wurde sichtbar, wie einige der Besucher des Forums immer wieder die Sehnsucht nach einer Kirche ausdrückten, die weniger glatt, weniger homogen, weniger perfekt ist. Wer weiß? Vielleicht drückt sich ja diese Sehnsucht auch in entsprechenden Initiativen aus?

“Sessel wie bei Bibel-TV”?  – das Format

Nun waren wir bei Emergent seit jeher eher für kleine und mittlere Veranstaltungen. Uns waren die “christlichen Konferenzen”  ein wenig suspekt: große Männer mit großem Headset auf großen Bühnen in großen Hallen veranstalten die große Show. Das war uns zu amerikanisch, zu sehr darauf bedacht – trotzig und weltfremd – die eigene Größe im Angesicht der eigenen Irrelevanz zu feiern. Zu sehr auf eine nervige “Celebrity Culture” aus. Zu sehr Überbleibsel einer Welt, in der sich die ganze Familie Samstag Abend “Wetten Daß?” angeguckt hat. Tja nun haben wir zwar kein Stadion gefüllt, aber doch eine größere Stadthalle und hatten mit 250 Personen mindestens 100 Teilnehmer mehr als sonst.  Und ja, die Größe der Veranstaltung war schon spürbar. Es gab eine Bühne, es gab Moderatoren (mit Headset) und es gab Intro-Videos. Und ob Gofi Müller mit seiner Behauptung “das sähe ja aus wie bei Bibel TV” nicht ein klitzeklein wenig recht gehabt hat, das steht dahin. Aber all das war nicht störend, denn zum einen wurde die meiste Zeit Gehaltvolles und Provokantes von der Bühne erzählt, zum anderen half das gute Wetter, der wunderschöne Park (in dem man sich gut verteilen konnte), die Heterogenität der Gruppe (ich weiß von Superintendenten, Brüder einer pietistischen Kommunität, Befreiungstheologen, katholischen Theologen, evangelischen Pfarrerinnen, Bibelschulabsolventen, agnostische Standup Comedian und anderen), die vielen tollen Workshops und der Einfluss von warmen und kalten Getränken dabei, dass der Fokus die Vernetzung, der Austausch und das Gespräch blieb. Nur eben inspiriert durch die beiden Rednerinnen. Die Vielzahl der Formate (vom Konzert, zu Tischgesprächen, Podiumsdiskussionen etc.) tat ihr übriges dazu, dass das Forum seinen Charakter als FORUM beibehalten und sogar erweitert hat. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir vorher schon so kontrovers auf der Bühne geredet haben.

“I don’t know how anybody can be a preacher without being a standup comedian first” – Die Rednerinnen

Bei diesem Forum haben wir mit einer Tradition gebrochen und haben Rednerinnen eingeladen von denen zu erwarten war, dass sie “Leute ziehen”, weil sie als Persönlichkeit eine starke Wirkung entfalten. Ganz oft fiel das Wort “authentisch” oder echt. Ich würde bevorzugen ihr öffentliches Auftreten als anziehend, anstößig oder irgendwie auffallend zu bezeichnen – auf stimmige Weise unstimmig vielleicht. Das war bei beiden Referentinnen auf sehr unterschiedliche Art der Fall. Christina mit ihrem wortgewaltigen, emotionalen und streitbaren Auftreten und Nadia mit einem gewissen Sarkasmus, einer Abgeklärtheit und einer barmherzigen Härte oder harten Barmherzigkeit, die den Unterschied zwischen Gottes Gnade und menschlicher Nettigkeit sehr einprägsam verdeutlichte. Während man Christinas Auftreten eher in einem Werben für Ganzheit, Schönheit und Weitherzigkeit sehen konnte, zeigte sich bei Nadia geradezu die Unmöglichkeit der Ganzheit, die Unmöglichkeit, Zerrissenheit final zu überwinden. Eher das Sperrige.

Christina erzählte von ihrer Zeit in Südafrika während der Apartheit, von Begegnungen mit Juden dort, die aus Deutschland vor dem Holocaust geflohen waren und der Begegnung mit anderen Religionen. Nadia erzählte sehr humorvoll und bewegend von der Realität der Begegnung mit anderen und mit dem Fremden in sich selbst, davon dass es niemals um unsere Fähigkeit geht, ein “besserer Mensch zu sein”, sondern um Gottes Fähigkeit, uns zu unterbrechen, zu öffnen, für und durch andere Menschen. Hier lag für mich ein inhaltlicher Schwerpunkt des Forums, den man gar nicht stark genug betonen kann, wenn es nicht einfach nur um ein bisschen religiös verbrämten Multi-Kulti gehen soll. Hier traf Nadias Bermekung in das Herz der Sache: in den USA sagte sie, erlaubt Nadias Auftreten und Wirkung es Menschen, die sich selbst gern als christlich-progressiv begreifen, wirklich “orthodox” zu sein, da sie eine lutherische Theologie vorstellt, die eigentlich mit fundamentalistischen oder evangelikalen Grundsätzen nichts zu tun hat und große Freiheit mit theologischer Tiefe verbindet. Simul iustus et peccator, gleichzeitig Sünder und Heiliger sein, das zeigt dass der Mensch nicht einfach moralisch verdorben ist, aber doch auch noch in seinen besten Momenten erlösungsbedürftig ist. Und das drückt den Glauben aus, dass Gott mit jeder Person seine Geschichte hat und durch jede Person zu mir reden kann.

Aber ich möchte auf einen Aspekt fokussieren, der zwar präsent war, aber nicht wirklich thematisiert wurde: der Humor. Nadia stellte für mich das Beispiel eines “erlösten Humors” dar, den ich sehr gerne ein Zeichen des Glaubens (wenn Glauben heißt, sich zu verlassen auf…) verstehen möchte. Es gibt Humor, der ist ätzend und zersetzend; solch ein Humor ist ein Zeichen für Zynismus oder der Versuch sich von der bösen Welt da draußen zu immunisieren und als solches ist er nichts als Überheblichkeit. Nadias Humor hatte durchaus auch Züge von Spott: sie verspottete alle – besonders religiösen – Versuche, sich wichtig zu nehmen, sich als den großen Retter zu verstehen oder als die Person, auf die die Welt gewartet hat. Ein Spott gegenüber allen Formen von religiösem Bullshitting und gegenüber allen Formen der Idealisierung. Wenn es stimmt, dass Gnade Skepsis gegenüber allem ist, was einem Rettung verspricht (Christina Brudereck), dann drückt sich diese Skepsis bei Nadia in ihrem Humor aus. Aber damit ist dies auch ein Humor, der über sich selbst lachen kann, der Zeichen eines Abstandes von sich selbst ist. Ein Humor, der das Menschliche, das Allzumenschliche kennt und der es erlaubt, die Unzulänglichkeiten, die Eitelkeiten und die Verkehrtheit menschlichen Lebens zu thematisieren ohne Moralismus, ohne Armsündermentalität und ohne Verbitterung. In der Abwehr aller Ideologien und Ideale betonte sie die Notwendigkeit seiner Menschlichkeit ins Auge zu blicken: der Körperlichkeit, der Scham, dem Ressentiment, der allergischen Reaktion auf andere, den Süchten, Ängsten und dem Begehren nach Lebendigkeit. All das im Zeichen der transformativen Annahme durch Gott. Diese ist für Nadia die Basis dafür, dass Menschen überhaupt liebesfähig sein könnten.

“when we (church) think: all the people, who need us… – bullshit, we need them.”

Ich bin sehr froh, dass schon früh im Laufe des Forums dieser Satz von Nadia fiel, denn er stellte etwas klar: wir befinden uns nicht in der Situation, dass da draußen Scharen von Leuten vor verschlossenen Kirchentüren stehen und darauf warten, dass Kirchen in ihrer großen Barmherzigkeit sich für andere öffnen. Darin steckt ein gehöriges Maß an Paternalismus: wir als Besitzer und Verwalter der heilsamen Botschaft und die da draußen als potenzielle Empfänger und Bedürftige. Andersherum wird schon eher ein Schuh draus. Nadia las den Missionsbefehl als Herausforderung immer wieder neu irritiert und geöffnet zu werden von Fremden. Die Irritation durch Fremde eröffnet die Chance dafür, wieder an den Gott erinnert zu werden, der sich in Christus allen Menschen zugewandt hat. Recht bedacht haben wir eigentlich nichts in der Hand, was wir geben könnten. Wir besitzen nichts außer unser Zeugnis und das Zeugnis weist gerade von uns weg.
Auch, wenn das Wort Zeugnis nicht fiel, war doch alles, was die Referenten sagten, in der Sprachform des Zeugnisses verfasst. Der Zeuge weist von sich weg (auf das, was ihm zugestoßen ist oder in das er unfreiwillig verwickelt wurde) und tritt gerade dadurch mit seiner ganzen Persönlichkeit selbst in Erscheinung. Und vielleicht kann der Begriff des Zeugnisses dabei helfen, nicht einfach ein wenig hilfreiches Ideal (der geschlossenen Gemeinschaft der Rechtgläubigen) durch ein anderes, heute etwas hipperes Ideal zu ersetzen: das Ideal der offenen Gemeinschaft – die Gemeinschaft derer, die stolz auf ihre Toleranz und Offenheit sind. Es geht nicht um unsere Fähigkeit, uns zu öffnen und zu “dehnen”, sondern um einen Gott, der uns immer wieder konkrete Menschen schickt, die uns dabei helfen, manche unserer blinden Flecken zu überwinden. Es geht nicht bloß darum, ein besseres “Begrüßungsteam” zu finden und mehr zu versuchen, “den anderen einzubeziehen”. Es geht primär um Gottes Zuwendung zum Menschen, in der wir nicht viel mehr sind als Empfänger. Und diese Zuwendung zeigt sich unter anderem in und durch andere Menschen. Und es geht um ein Zeugnis von Gottes Gastfreundschaft und Feindesliebe für dessen Vertiefung wir immer wieder andere brauchen, die uns dabei helfen diese abstrakte Formel vor Ort in ihrer Konkretion zu verstehen. Eine Gemeinschaft, die sich als Zeugen für Gottes Gastlichkeit versteht, wüßte in erster Linie eins: “Gastlich sind nicht wir; wir haben Grenzen, aber wir können mit unserer Geschichte von Gottes Gastlichkeit Zeugnis ablegen.” Sowohl Nadia als auch Christina haben immer wieder gezeigt, wie die konkreten Begegnungen mit “dem Nächsten” eine Chance darstellt, sich an die Gastlichkeit Gottes erinnern zu lassen.

Fazit:

Dieses Forum war wirklich anders als viele frühere Foren. Wir erlebten eine Staffelübergabe an viele “Junge”, die ihre Sache hervorragend gemacht haben. Es gab mehr “Input von außen”. Ich empfand das Forum als mutiger. Mehr Kontroverses und Provokantes wurde geäußert und so gab es mehr Anlass dazu, sich theologisch auszutauschen. Die beiden Referentinnen habe ich als sehr bereichernd und herausfordernd empfunden und so war ich froh darüber, dass Frauen das Wesentliche gesagt haben auf dem Forum. (Und ich hoffe, dass muss in Zukunft nicht mehr so eigens hervorgehoben werden). Das Forum war größer und vor allem: es war sommerlicher. Wo wir sonst mit Heißgetränken uns am ersten Schnee gefreut haben, konnte man sich jetzt noch spät abends bei den zeltenden Düsseldorfern treffen und ihre liquide Gastfreundschaft genießen. Ich fand es sehr ermutigend, wie unterschiedlich die Teilnehmer waren und das es sich keineswegs um so eine typische “Hipster Christen” Angelegenheit handelte. Es war auch kaum auszumachen, wer “länger dabei war” und wer zum ersten Mal kam. Mir selbst ging es so, dass ich am Anfang – wie fast jedes Mal – sozial überfordert war von den vielen Leuten. So waren wohl die meisten Besucher beim Forum zunächst Gäste, bevor sie einander Gastgeber wurden. Den Impuls, der mir der wichtigste war, hab ich schon genannt: die Beschäftigung mit dem eigenen Menschsein in allen Facetten. Über anderes musste ich ein wenig stirnrunzelnd nachdenken. Dazu werde ich demnächst etwas schreiben.

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3 thoughts on “Das Emergent-Forum 2016

  1. Dameria says:

    RednerINNEN. Es waren RednerINNEN.

  2. arnachie says:

    Hab ich vereinheitlicht. Binnen-I benutz ich nur, wenn es sich um gemischte Gruppen handelt.

  3. preachitbaby says:

    Sehr schöner Beitrag, der mir gerade auch nochmal einen anderen Blick aufs Forum gibt! Danke!

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