“Where everyone is welcome, no one will be missed”

Über das Unbehagen in der Netzwerk-Welt

Schön ist’s hier.

Ich sitze in einer Kneipe, an einem Ort, den Caroline Emcke neulich mit einem „Tempel“ verglich, der Schutz und Geborgenheit bieten soll. Nun ist der Rauch, der den Raum erfüllt zwar keineswegs Weihrauch, aber zumindest ist der Raum mit seelsorgerlichen Ratschlägen aller Art durchdrungen. An diesem Ort, wo sich die Netzwerk-Welt materialisiert, hat jede Frage, jeder Zweifel, fast alles Schräge und Eigentümliche seinen Platz: Verdauungsprobleme, erektile Dysfunktionen und die (anderen) Folgen einer schwierigen Kindheit. Man lässt sich auf das Gegenüber ein, versucht einander zu verstehen und schaut nur äußerst selten auf das Mobiltelefon. Ganz anders als sich das mancher voreilige Feullitonschreiber so vorstellen mag.

Doch, ich liebe diese Netzwerk-Welt und fern liegt mir jeder kopfschüttelnde Kulturpessimismus, der nur noch Whatsapp-Junkies, moralisch abgestumpfte Tinder-User und einen ins Prinzipielle versetzten Zustand der Unverbindlichkeit sehen will.

Nein!

Schön ist’s hier, an einem Ort, an dem fast jeden Tag 3000 Jahre Philosophiegeschichte auf die letzten beiden verbleibenden metaphysischen Fragen heruntergebrochen wird:
„Was will ich eigentlich?“ und
„Wie komme ich darüber hinweg, wenn ich mal nicht kriege, was ich will?“.

Die Netzwerk-Welt

Vielleicht beginnt es hier: mein leichtes Unbehagen mit der Netzwerk-Welt. Mit der Welt, die Zygmunt Bauman als die fluide Welt bezeichnet hat, in der die festgefügte, rationale Ordnung der Moderne in Bewegung gerät und dabei alles im Leben mit dem Index des Vorläufigen und Flüchtigen versehen wird. Nachdem feste Formen der Zugehörigkeit nun einmal nach und nach hinfällig geworden sind, bleiben neben den online communities immer noch die Kneipen und Cafés, in denen sich soziale Netze materialisieren können. Hier zeigt sich dann ein Zusammensein in der Schwebe, ohne besonderen Sinn, ohne Richtung und scheinbar ohne Form.

Die Welt der Netzwerke, die Welt des unkomplizierten Mit-Seins.

In der Welt der Netzwerke liegt der Fokus auf sozialer Interaktion und Kommunikation, im Rahmen eines radikalen Pluralismus’. Im Netzwerk geht es um Kontakte, um die „Macht der losen Verbindungen“, die schnell, offen, unkompliziert und flexibel sind und möglichst viele Anschlussmöglichkeiten bieten sollen. Kurz: man kann im Netzwerk nur noch schlecht eine Karte seiner sozialen Welt zeichnen, da sie ständig im Umbruch ist.

Es handelt sich um eine Welt der Kontakte in der es um das geht, was kon-tingent ist. Um das, was einem im Vorrübergehen berührt. Denn wo das Zusammensein so unerträglich leicht wird, dort wiegt jede Berührung, wiegt das Taktile, umso schwerer: die direkte Berührung, die Unmittelbarkeit verspricht und in der sich doch stets in noch so großer Nähe immer noch größere Ferne andeutet. Sie nutzt sie sich schnell ab: die Intensität sozialer Beziehungen, während es gleichzeitig einfacher wird, neue Menschen kennenzulernen.

Ethos der Netzwerk-Welt

Damit einher geht die Tendenz der Netzwerk-Welt, neue Tugenden und Haltungen hervorzubringen: allem voran die Fähigkeit, sich schnell auf das einzulassen, was einem zufällig begegnet. Die Fähigkeit einzugehen auf Fremdes und die Fähigkeit dieses dann – irgendwo – stehen zu lassen. Hinzu kommt hin und wieder eine gewisse Gelassenheit, die Raum lässt, in dem andere(s) sich zeigen kann, weil man nichts erzwingt und man schnell bereit ist, sich von einigen seiner Vorstellungen zu lösen. Hier kann man vielleicht von einer empathischen Indifferenz sprechen. Indifferenz, denn es macht letztlich keinen Unterschied, wer nun auf der Party aufkreuzt und mit wem man spricht:
„Where everyone is welcome, no one will be particularly missed“ sagte einst Henri Nouwen. Doch um nicht der totalen Gleichgültigkeit zu verfallen, wird die Indifferenz durch eine starke Form der emotionalen Intelligenz und Empathie ergänzt. Es dominiert nicht mehr so stark die ironische Distanz der späten 90er, hinter der sich die Menschen damals wie hinter ihren Sonnenbrillen verschanzten. Stattdessen gibt es eine merkwürdige Konstellation aus der Resonanz mit anderen und diesem grundlegenden Schulterzucken mit dem man zumeist – leicht gelangweilt – durch die Welt geht.

In der fluiden Welt haben sich auch die Spiel-Räume des Menschen – zumindest für die Gewinner dieser Prozesse – stark erweitert. Und das ist nicht wenig. Der Ernst, der in diesen Spiel-Räumen steckt, zeigt sich nicht zuletzt in Umständen, in denen diese Spielräume fehlen: in den viel zu großen Systemen und den viel zu kleinen Wohnzimmern, wo scheinbar das Leben gleichförmig geworden ist.

Mit der Netzwerk-Welt geht auch einher, dass alte Hierachien hinterfragt werden. Stellt doch ein Netzwerk erst einmal einen hierarchiefreien Raum dar, in dem jede vertikale Unebenheit egalisiert wurde. Das funktioniert jedoch nur, wenn man nicht genau hinschaut und den institutionellen Hintergrund der Netzwerk-Welt ausblendet. Denn hinter dieser offenen Welt mit ihren flachen Hierarchien stehen zumeist klassisch hierarchische Institutionen. Diese halten paradoxerweise die Räume offen, in denen sich eine unkomplizierte Form der Vernetzung ereignen kann: da gibt es immer noch einen Kneipenbesitzer plus Angestellte, es gibt Bierlieferanten und die städtische Müllabfuhr oder es gibt Fahrkartenkontrolleure (siehe oben). Denn es gibt ja auch Leute, die nicht eingeladen sind. Leute, die sich die Eintritts- oder Mietpreise in der bunten Welt nicht leisten können (“keine Ticket – ist nicht egal!”). Denn in der fluiden Netzwerk-Welt gibt es zunehmend Überflüssige, die keinen Ort mehr haben, an denen sie gastliche Aufnahme – oder auch nur: Bewirtung – fänden.

Ideologien der Netzwerk-Welt

Deshalb stellt sich die Frage, wie die Spielräume des Menschen auch menschliche Spielräume bleiben können. Wo hat die Netzwerk-Welt ihre Ideologien, die menschliches Leben eindimensional werden lassen und die so die Möglichkeiten für solidarisches Zusammenleben verkleinern statt sie auszudehnen.

Zygmunt Bauman schreibt:

„The difference between a community and a network is that you belong to a community, but a network belongs to you. You feel in control. You can add friends if you wish, you can delete them if you wish.“

Ohne diese starke Zweiteilung so mitzumachen, stellt sich doch die Frage nach anspruchsvollen Beziehungen. Darin geht es nicht unbedingt um die unterbrechungsfreie Dauer von Beziehungen, sondern um die Frage, inwiefern andere Ansprüche an mich stellen dürfen. Die ethische Situation bezieht sich immer auf den Umgang mit fremden Ansprüchen, die mich stören, mein Leben unterbrechen, es herausfordern und dabei immer ein bisschen neu werden lassen. Dabei geht es nicht darum, auf alles einzugehen, was andere von einem wollen. Burkhard Liebsch sagte mal: „Der Sinn der Freiheit ist es, eine vorgängige Verantwortlichkeit sinnvoll zu beschränken“. Also auch das “Nein-sagen” kann ethisch sein. Aber was, wenn man immer stärker die Situation vermeidet, überhaupt mit fremden Ansprüchen konfrontiert zu werden? Was, wenn man immer mehr fremden Ansprüchen aus den Weg gehen kann? Was, wenn ein unbedingter Imperativ zur Anspruchslosigkeit in den Raum gestellt wird? Trotz der enormen Lässigkeit, bleibt da immer der Zwang, Kontrolle und inneren Abstand zu bewahren. Es muss stets Ausstiegsklauseln geben.

Dies entspringt der Netzwerklogik, die man auf einen neuen kategorischen Imperativ zuspitzen kann:

„Handle stets so, dass durch die Folgen Deines Handelns neue Optionen erschlossen und keinesfalls bestehende Handlungsmöglichkeiten verbaut werden können!“

Und – wer weiß? – vielleicht hat dies irgendein liberaler Theoretiker schon mal genauso vertreten? Wo Anschlussfähigkeit und Flexibilität das höchste Gut sind, da tritt neben der Empathie auch immer die Kalkulation auf, die berechnet, welche Kontakte vielleicht zu viel Zeit stehlen, welche zu kompliziert werden und welche gar – als sogenannte toxische Kontakte – wegen eines Missverhältnisses von Ertrag und Aufwand sanft eingeschläfert werden sollten. Und damit einher geht auch ein neues Machtproblem. Denn andere mit dem Zwang zur Zwanglosigkeit zu konfrontieren oder sie im Unbestimmten zu halten, ist auch eine Form der Machtausübung. Und das Schaffen von unklaren Situationen war immer auch schon eine Herrschaftstechnik in totalitären Regimen.  So ergibt sich aus der wunderbaren Tatsache, dass Dinge unkompliziert sein können, der unmenschliche Zwang, dass alles unkompliziert sein muss.

Pathologien der Netzwerk-Welt

Damit einher geht die Pathologisierung jedes leidenschaftlichen Involviertseins. Alles, was als Leidenschaft im Singular auftritt – starke Überzeugungen oder starke Bindungen  -wird kurzerhand für pathologisch erklärt und mit Mißtrauen betrachtet. Oder mit therapeutischen Ratschlägen geheilt. Denn diese Formen der Leidenschaft, bei denen Dinge nicht egal sind, stören das freie Spiel des Sozialen und können den Spaß derer verderben, die unglaublich gern mit leichtem Gepäck unterwegs sind. Terry Eagleton schrieb in diesem Sinne:

Das postmoderne Denken begeht den Fehler, anzunehmen, dass in jeder leidenschaftlichen Überzeugung schon der Keim des Dogmas liegt. Mit dem festen Glauben an Feen fängt es an, und am Ende steht der Gulag. Festgefügte Doktrinen sind der Tod des Vorübergehenden, Provisorischen, Einzigartigen und Sinnlichen.

In diesem Sinne zeigt man sich merkwürdig unduldsam gegenüber einem zuviel an Passion oder an grundlegender Überzeugung. Das wirkt vor allem peinlich und stört das ästhetische Empfinden. Denn wo die ethische Intoleranz überwunden geglaubt wurde, kommt sie als ästhetische Intoleranz mit einem Konformitätszwang der anderen Art wieder.

Ganz zentral für die fluide Welt sind neue Formen der Angst. Angst etwas zu verpassen. Angst sich Optionen zu verbauen. Angst vor Sackgassen. Angst vor Stagnation. Aber auch: die stete Ungewissheit, die sich aus dem flüchtigen Charakter der Netzwerk-Welt ergibt. Man sagt, der Wert einer Beziehung hängt nicht mehr daran, wie lange diese Bestand hat und blinzelt dabei. Man mutet sich gern etwas zu und kann der Versuchung nicht widerstehen, es sich schwer mit sich zu machen. Und das heißt: bei noch so großer Lebendigkeit stets immer größere Ängste aushalten zu wollen. So kann sich schon fragen: wieviel Unbestimmtheit tut dem Menschen gut und wann ist der Punkt, an dem Ängste entstehen, die jede Form der Lebendigkeit verunmöglichen? Und hängen die Ängste vielleicht doch damit zusammen, dass man nichts hat und keine Bedeutung kennt, die außerhalb seiner selbst liegt? Ist die Angst eine Folge der Unerträglichkeit des Leichten?

Das versteckte Weltbild der Netzwerk-Welt

Wie alle Ideologien heute gibt sich auch die Ideologie der Netzwerk-Welt nicht als solche zu erkennen, sondern als alternativlose Selbstverständlichkeit: “Wie könnte man denn heute noch an etwas glauben?” oder “Wie könnte man sich heute noch beschweren?”. Aber “nicht können” heißt eigentlich “nicht dürfen”. Denn das scheint ein Teil des unbewußten weltanschaulichen Pakets zu sein: das Erratische, das sinnlich-Sinnlose, das Provisorische. Das heißt auch: unter dem vermeintlich realistisch-Pragmatischen, unter dem gänzlich Unpathetischen, anti-Tragischen schlummert da noch etwas: ein tief sitzender Heroismus, ein Gefühl von Stolz darauf, diese Welt ohne Krücken zu ertragen. Und wohl auch eine Verachtung für alle, denen das anders geht. So huldigt man einer Desillusionierung ohne vorhergehenden Illusionen. Vielleicht steckt ja hinter dieser unbedingten Forderung kein Weltbild zu haben, ja auch ein Weltbild?

Doch bräuchte man in der pluralen Welt mehr denn je auch weltanschauliche Bindungen, die in einen Streit geraten dürfen. Es braucht den Streit um Dinge, die nicht egal sind. Man braucht die Fähigkeit zur Auseinandersetzung mit anderen, nicht nur therapeutisch, sondern auch weltanschaulich. Und es braucht Treue zum Ort des Streits – man nannte das mal Politik. Schließlich wird die scheinbar so offene Welt der Netzwerke mehr denn je  umgeben und durchzogen von großen Exklusionen. Zuerst die Ausgrenzung der Überflüssigen seit den 90er Jahren, nun – und zusammenhängend damit – die Wiederkehr der Nationalismen und Patriotismen. Und eine Generation, die wie kaum eine andere von den offenen Grenzen profitiert hat, sitzt nun am Tresen und fragt sich weiter, was sie mit ihren Leben anfangen will. Zu sehr war man an die äußere Ereignislosigkeit gewöhnt und zu ereignisreich ist das eigene Leben im Kleinen, um jetzt umzuschalten.

Ich trinke mein Bier aus und klappe schnell das Notizbuch zu. Dem Tonfall einer Larmoyanz  nach alter Väter Sitte möchte ich nicht weiter verfallen. Wo es doch so schön ist hier! Und ein Tempel wird aus dieser Kneipe – Gott sei Dank – nicht mehr werden. Aber so etwas wie ein Stammtisch wäre hier schon möglich!

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2 thoughts on ““Where everyone is welcome, no one will be missed”

  1. Robert Wiens says:

    Danke! Ich weiss garnicht genau, woführ in erster Linie. Im Hintergrund schreien meine Kinder, ich habe das Gefühl mir die 10 Minuten zum Lesen gestohlen zu haben. Und es hat sich gelohnt, weil es sich immer lohnt Gedanken zu lesen die dem Dencken neue Türen aufstoßen. Und weil es mich kurz mein Netzwerk erweitern lässt. Und mir hilft die Schattenseiten dessen zu sehen, dass ich in Mitten meines Eingebundenseins in Arbeit und Familie manchmal schmerzlich vermisse. Weil es mich ahnen lässt, dass die Leichtigkeit der Anderen auch nicht immer so leicht ist wie sie scheint. Und dass meine Zerissenheit zwischen dem Bedürfniss nach Wurzeln und der Sehnsucht nach Flügeln ihre Daseinsberechtigung hat. Ein Text, der mir zum Freiraum wurde, in dem ich kurz Atemholen konnte. Ein 10 Minuten-Urlaub mit jemandem, den ich nicht persönlich kenne, am virtuellen Stammtisch! Danke!

    • arnachie says:

      Wow! Robert, vielen Dank, dass Du Dir auch nochmal ein paar Minuten genommen hast für’s Kommentieren!
      Na dann proste Dir ich mal virtuell zu.

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