Die Gute Nachricht vom Scheitern oder: aus Lust und Liebe leben

Die Gute Nachricht vom Scheitern, oder: “aus Lust und Liebe leben”, oder: Gedanken zur Freiheit eines Christenmenschen. 

Mit einer Gruppe Studierender zusammen mit Pastoren vom “Evangelischen Bund” fuhren wir über Himmelfahrt nach Wittenberg und Torgau. Natürlich wegen des Reformationsjubiläums. Nicht ohne Skepsis über den Gedenk-Wahnsinn nahm ich die Gelegenheit zum Anlass, mich mal wieder ausgiebiger mit Luther zu beschäftigen. Heraus kam dieser Vortrag als Versuch einer – zusammenfassenden – Vergegenwärtigung von Luther “Von der Freiheit eines Christenmenschen”. 

media.media.4ac034d6-f4dc-473a-a327-6592dd72bd16.normalized

Wie erinnern?

Im folgenden  werde nicht genau beschreiben, was Luther 1520 gedacht und gemeint haben könnte. Stattdessen versuche ich einfach nur diesen Text zu vergegenwärtigen, ihn in der Gegenwart lesen. Dabei wird auch die Wirkungsgeschichte des Textes sanft ausgeblendet.

Denn, wenn wir uns an Luther und die Reformation erinnern, geht es meines Erachtens nicht darum, ein historisches Ereignis zu verstehen. Es geht nicht ums Museale, ums Anekdotische oder ums Historische, sondern es geht darum, wie uns das Ereignis Reformation heute betreffen kann.

Ich werde immer etwas nervös, wenn man solche Gedenkfeiern dazu nutzt, einfach nur die eigene Tradition, die eigene Kirche und die eigene protestantische Identität feiern zu wollen.

Vielmehr geht es mir um das, was Johann Baptist Metz mal „gefährliche Erinnerungen“ nannte: um ein Erinnern, dass auch an die Möglichkeiten erinnert, die in der Vergangenheit lagen, die eben nicht immer verwirklicht worden sind. Es geht auch darum zu gucken, ob und wie uns ein alter Text heute noch verunsichern und herausfordern kann.

Drei Ideen von Freiheit

Ich habe mir den Text Die Freiheit eines Christenmenschenaus dem Jahr 1520 gewählt. Und ich muss mit einem Bekenntnis beginnen. Lange Zeit war ich als Ostdeutscher sehr zynisch gegenüber dem Begriff der Freiheit.

Freiheit – so meinte ich – das taugt nur zum Bewerben von Zigaretten und Telefonflatrates. Freiheit ist ein Begriff, der entweder völlig banalisiert wird oder völlig ideologisiert wird.

Der britische Soziologe Zygmunt Bauman meinte mal: „Freiheit heißt heute Konsumentensouveränität“. Freiheit heißt, dass ich als Konsument im Rahmen der Marktwirtschaft frei entscheiden darf, welches Produkt ich wie konsumiere. Freiheit heißt dann unter den Bedingungen des Marktes das für sich passende Konsumangebot auswählen und personalisieren zu können. Beim Begriff der Freiheit denke ich an den Schnellimbis Subway: dort bekommt man ein ganz persönliches Baguette geliefert – wenn man etwas Geduld mitbringt. Denn man muss schon sehr genau wissen, was man möchte. So hat man die Auswahl zwischen fünf verschiedenen Baguette Brötchen: Vollkorn, Honey Oat, Italian, Cheese Oregano, Sesam – leider war es mir bisher noch nicht möglich, große Unterschiede zwischen diesem labberigen Baguettes festzustellen. Und dann muss man zwischen 16 Belägen auswählen, die nochmal mit jeweils 3 Käsesorten versehen werden kann, bevor man die Wahl hat ob das Sandwich heiß oder kalt serviert wird – und achja: ein Getränk braucht man ja auch noch. Nichts für Menschen mit schwachen Nerven. Schließlich wollte man ja eigentlich nur ein Brötchen essen, weil man zuhause wieder nichts im Kühlschrank hatte. Das wäre ein banaler Begriff von Freiheit als bloßer Wahlfreiheit zwischen vorgegebenen Alternativen.

Aber Freiheit ist auch ein Begriff, den man politisch sehr missbrauchen kann. Freiheit ist dann der Grund, den man angibt, wenn man mal wieder Bomben auf andere Länder wirft. Freiheit das ist dann der Slogan des Westens, mit dem man die eigene Überlegenheit begründet: „Wir hier sind die freie Welt und dort draußen sind die Barbaren.“ Kurz: Freiheit ist etwas, dass man sich auf die Fahnen drucken kann. Und unter diesen Fahnen lässt es sich dann gut marschieren. So ist auch die nationalkonservative und islamkritische Zeitschrift der neuen Rechten nicht umsonst mit „die Junge Freiheit“ übertitelt. Dementsprechend macht es mich dann auch nervös, wenn die Evangelische Kirche heute gerne sagt sie wäre die Kirche der Freiheit. Denn, was das genau heißen soll und was dann die anderen Kirchen sind, hab ich noch nicht verstanden.So war ich lange kritisch, weil der Begriff der Freiheit für mich und manche aus meiner Generation, etwas verbraucht wirkte. Er klingt schnell hohl und inhaltsleer.

Doch hab ich mich jetzt nochmal mit Luthers Ideen zur Freiheit beschäftigt. Und darin gibt es einiges Bedenkenswerte. Freiheit bezeichnet den Widerstand gegen quälende Zwänge und Imperative, die uns bis an den Kern unseres Selbst prägen. Es geht um eine Freiheit, die daraus erwächst, das wir nicht mehr versuchen müssen aus uns selbst heraus unsere Existenz zu rechtfertigen. Wir stehen nicht mehr unter Druck, aus eigener Kraft ein ein gutes, erfülltes und sinnvolles Leben zu führen und stattdessen können wir aus dem Überfluß der Gabe Gottes leben. Und weil wir nicht mehr um uns selbst kreisen in dem Versuch unser Leben zu rechtfertigen, haben wir den Kopf frei für andere.

Man kann sagen: Luthers Ideen wirken da gut, wo Menschen von Zwängen und Imperativen gequält werden, wo es einen starken Über-Ich Druck gibt. Jetzt kann man sagen: wir im Westen leben in einer freien Gesellschaft, in einer permissiven Gesellschaft, wo jeder tun und lassen darf, was ihm gefällt solange es nicht gegen das Gesetz verstößt.

Luther dagegen schrieb seinen Text 1520. Also nachdem die Frühphase der Reformation vorbei war und Luther ein eigenes Programm ausarbeiten musste. Und man kann schon fragen: was haben die etwas pathologischen Gewissensbisse eines Augustinermönchs im 16. Jh mit unser Situation heute zu tun?

Wir werden sehen.

Luthers Text beginnt mit einer paradoxen These:

„Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemanden Untertan.
Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann Untertan.“

Luther definiert also das Leben als Christ auf zwei Weisen. Das Leben als Christ ist nicht einfach Unterwürfigkeit, oder eine asketisch-zwanghafte Freundlichkeit. Vielmehr beinhaltet einen Widerstand gegen alle Mächte und Gewalten, die den Menschen klein machen, die den Menschen quälen, ihn auf bestimmte Idealbilder festlegen und ihn total beherrschen wollen. Es beinhaltet das, was man manchmal als „Ent-Unterwerfung“ bezeichnet hat. Anders gesagt: der „Christenmensch“ hat nicht das Recht, sich den Mächten und Gewalten zu unterwerfen, die ihn nur durch seine Leistung definieren wollen.
Das ist Widerstand gegen die Unbarmherzigkeit der Welt.

Gleichzeitig ist die christliche Freiheit keine ungebundene Freiheit. Die Freiheit ist nicht eine Eigenschaft des Menschen, die er immer schon hat. Sie ist ein Geschenk Gottes. Freisein bedeutet aus einem Geschenk heraus leben. Genauer: aus der Gabe und der Vergebung Gottes heraus zu leben und sich trotz der eigenen Gebrochenheit von Gott als Person bejaht wissen. Als jemand, der von Gott bejaht und geliebt wird, wird man aus der Beschäftigung mit sich selbst herausgerissen und auf andere hin ausgerichtet.
Das ist der Widerstand gegen die eigene Unbarmherzigkeit.

Um zu verdeutlichen wogegen sich der Widerstand richtet, möchte ich ganz idealtypisch vier Personen hier vorstellen.  Sicher sehr grob umrissene Idealtypen, die vielleicht aber dennoch etwas zeigen.

Mythos vom gelingenden Leben

Da denke ich zum einen an einen junger, linken Aktivist. Er ist sehr idealistisch und möchte die Welt zu einem besseren Ort machen. Bei allen möglichen Aktionen und Protesten ist er dabei, um nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung zu sein. Er vertritt eine starke Moral, bei der klar ist, wer die Guten sind und noch klarer, wer die Bösen sind. Manchmal hat er die Tendenz sich unersetzlich zu machen. Wenn er nicht aktiv ist, wird es ja niemand sonst tun. Manchmal wirkt er ein wenig getrieben. Vor allem ist auch schnell enttäuscht, weil andere Menschen nicht so sind, wie er. Er lebt nach dem Motto: „Du musst Dich engagieren, damit die Welt ein besserer Ort wird!“ Doch hat er auch genug getan? Könnte man nicht mehr und immer noch mehr tun?

Dann denke ich an eine junge Frau. Sie hat ein paar Probleme damit „Nein!“ zu sagen und sie entschuldigt sich immer wieder für Kleinigkeiten. Manchmal gewinnt man den Eindruck, sie entschuldigt sich nicht nur für Dinge, die sie getan hat. Vielmehr entschuldigt sie sich für ihre Existenz. In den gängigen Frauenmagazinen ist sie mit folgenden Botschaften konfrontiert: „Sei ganz Du selbst!“ – wenn sie jetzt noch genau wüßte, wer das ist: sie selbst? Zum Glück verraten ihr die Zeitschriften, wie man „ganz man selbst ist“. Da ist die Rede von Frauen, die in keine Schublade passen. Direkt darunter steht auch warum: weil sie dringend abnehmen müssen. Dann gibt es pesudofeministische Lebenstipps, die so realitätsfern sind, dass sie niemand erfüllen kann. Im Spezialteil ist dann gibt es dann entweder Beauty-Tipps, Sex-Tipps, Yoga-Tipps, Geschenktipps oder Diät-Tipps. Immer mehr und mehr verwandelt sich die schön klingende Formel „Sei ganz du selbst“ in einen subtilen Zwang. Die Botschaft ist: „Du musst ganz du selbst sein! Du musst mehr für dich tun!“ Und die Frage bleibt: hat man schon genug für sich getan? Ist man schon genug “man selbst”? Könnte man nicht mehr und immer noch noch mehr tun?

Dann denke ich an einen sehr religiösen Jugendlichen. Er will nicht ein hirnloser Konsument sein, sondern ein Leben Gott widmen. Er verpasst keine religiöse Veranstaltung, ist fast jedes Wochenende auf einem Jugendgottesdienst. Er geht er zum Hauskreis, zu Worship Veranstaltungen, übernimmt den Kindergottesdienst und hat sein gesamten Freundeskreis in seiner Gemeinde. Doch er hat ein Problem: er hatte kein echtes Bekehrungserlebnis. Alle anderen berichten von einem Erlebnis, bei dem man von Gottes Liebe ergriffen wurde und einen seine Sünden bewusst geworden sind. Doch er hat dieses Erlebnis nicht gehabt. Und er versucht alles mögliche, um auch so etwas zu erleben: er geht in die Seelsorge, lässt sich von charismatischen Predigern die Hand auflegen, fastet, betet und liest viel in der Bibel. Er lebt nach dem Motto: „Du musst fromm sein! Du musst Gott erleben! Du musst Gott mehr ins Zentrum Deines Lebens stellen!“ Doch hat er schon genug getan? Könnte man nicht noch mehr und immer noch mehr tun?

Dann gibt es den typischen ambitionierten Menschen. Er definiert sich durch seine Arbeit. Es ist selten, dass er vor zehn Uhr Abends nach Hause kommt. Gut bezahlt wird er dafür nicht. Noch nicht. Noch steckt er im mittleren Management einer größeren Firma fest. Doch eines Tages will er weiter kommen. Er identifiziert sich so sehr mit seiner Arbeit, dass jede Kritik daran schnell zur Kritik an der eigenen Person wird. Er macht seine Arbeit gern perfekt, denn er hat die Angst den Anforderungen nicht zu genügen und erwartet das auch von seinen Untergebenen. Er lebt nach dem Motto: „Du musst dich mehr anstregen, um im Wettbewerb zu bestehen! Du bist allein für dich selbst verantwortlich! Du musst etwas leisten, denn Dir wird nichts geschenkt!“ Doch hat er schon genug getan? Könnte er nicht mehr und immer noch mehr tun?

Ich gebe zu: das sind Klischees. Aber sie verdeutlichen eines: unter der Oberfläche unserer permissiven Gesellschaft gibt es genauso viele Imperative und Apelle: „Tue doch etwas!“ Du musst etwas tun, um Dein Leben zu rechtfertigen, um deiner Existenz einen Sinn zu geben. Um Gott zu gefallen, um ganzheitlich zu leben, um authentisch zu sein und erfolgreich und um ein erfülltes und glückliches Leben zu führen.

Doch der Unterschied zu Luthers Zeiten ist: in der permissiven Gesellschaft genießen wir unsere Zwänge. Wir haben sie so sehr verinnerlicht, dass sie nicht mehr wie ein Zwang wirken. Die Zwänge sind so subtil geworden, dass man sie manchmal schwer von den eigenen Bedürfnissen und Wünschen unterscheiden kann. Umso wirkungsvoller sind sie. Denn Sie treffen auf ein zentrales Bedürfnis, dass auch schon Luther kannte: Das Bedürfnis durch eigene Tätigkeit Erfüllung zu erlangen.

Das führt auf überindividuelle Ebene zum Mythos vom gelingenden Leben – ein Idealbild des guten Lebens , dass man  durch irgendeine Form der Selbstoptimierung erreichen soll. Und wie dieses Idealbild aussieht, ist im Detail sehr unterschiedlich. Für manche hat es mit Leistung zu tun, für andere mit Erfüllung, für die einen mit Bildung, für die anderen mit Beziehung, für die einen mit Sicherheit, für die andere mit Freiheit, für die einen mit Konsum, für die anderen mit Sinn, für die einen mit dem perfekten Familienleben, für die anderen mit einem besonders freien Leben.

Was bei allen diesen Versuchen bleibt ist das Gefühl, diesen Idealen nie ganz zu genügen. Es gibt immer mehr und anderes zu tun. Es sind immer irgendwie nur die anderen, die diesem Ideal entsprechen können. Und es gibt Scheitern.

Die Gute Nachricht vom Scheitern

Vielleicht beginnt die gute Nachricht für Luther mit dem Scheitern und der Verzweiflung. Der Verzweiflung an einem lebensfremden Ideal, dass er so recht nicht erreichen kann.

Bei Luther war es das göttliche Gesetz, dass er nicht erfüllen konnte. Und dabei wurde klar: im Versuch dieses göttliche Gesetz zu erfüllen, versuchte er selbst seiner Existenz Begründung und Rechtfertigung zu geben. Doch Luther hat schnell die Gebrochenheit menschlichen Lebens zu spüren bekommen, das Unperfekte. So ist die gute Nachricht für Luther: alle Versuche etwas aus sich selbst zu machen, werden scheitern. Und sie dürfen scheitern.

Denn für das Wesentliche im Leben kann man nichts tun.

Man kann nichts tun, um Gott zu gefallen.

Man kann nichts tun, um heil zu werden.

Man kann nichts tun, um Erfüllung zu bekommen.

Denn alles ist schon getan. Wir leben durch das Ereignis der Zuwendung Gottes durch Jesus Christus. Und das ist eine Gabe, ein Geschenk. Wir können das, was Gott als Geschenk gibt, nicht durch eigenes Handeln erarbeiten. Die Bewegung im Christentum ist immer von Gott zu den Menschen, nie anders herum. Es geht nicht um ein geistliches oder moralisches oder spirituelles Programm der Selbstoptimierung, sondern stets um die Gabe Gottes für die wir nichts tun können.

Und deshalb leben wir von der Gabe Gottes. Diese Gabe befreit uns vom Zwang, aus unseren Leben etwas machen zu müssen. Es geht dann nicht mehr um unsere Fähigkeit, Gutes zu tun, sinnvoll zu leben, ganz zu werden, ausgeglichen und erfüllt zu leben. Sondern um Gottes Fähigkeit gebrochenen Menschen Gutes zu tun und durch gebrochene Menschen Gutes zu tun. Der Theologe Eberhard Jüngel sagt: „Gott ist die Liebe für die der Mensch nichts tun kann“. Das ist der Grund christlicher Freiheit: weil man nichts dafür tun kann, um seinem Leben einen Sinn zu geben ist man frei von den Forderungen die uns von außen erreichen oder die in uns aufsteigen.

Das heißt: durch den Zuspruch Gottes gewinnen wir innere Freiheit wie Luther das sagt „aus Lust und Liebe zu leben“. Das heißt: das Leben ist nur eine Antwort darauf, ein Versuch der Gabe in Freiheit zu entsprechen.

Das beinhaltet drei Freiheiten:

Frei zu sein von falschen Autoritäten: man wird frei von Autoritäten, die den Menschen gefangen nehmen. Man wird frei von einer gesellschaftlichen Ordnung, die den Menschen auf das reduziert, was er leistet. Das können geistliche Hierarchien sein, das können die Forderung des Marktes sein, das kann der Druck der Konsumgesellschaft oder eine rigide Moral sein.

Man wird frei von sich selbst. Man wird herausgerissen aus der Beschäftigung mit sich selbst. Man wird frei von den eigene Idealvorstellungen, von den eigenen Über-Ich Idealen. Von all dem in uns, dass uns in seinen Bann zieht. Ein Bann, der uns lähmt und unsere Blick auf die Herausforderungen des Hier und Jetzt und die Begegnung mit anderen verstellt.

Man wird frei vom Weltbild des Mangels. Fast überall herrscht ein Weltbild des Mangels vor. Da wird gesagt: „es gibt nicht genug“, „es wird niemanden etwas geschenkt“, die Ressourcen sind knapp. Nicht nur die natürlichen Ressourcen. Sondern auch die gesellschaftlichen Ressourcen: Anerkennung, gute Stellen, etc.

Weltbild der Fülle und der Bedürftigkeit zugleich 

Dagegen ist Luthers Bild so zusammenfassen: durch Gottes Zuwendung haben wir mehr als genug! Es ist ein Weltbild der Fülle. Hier ändert sich der Blick auf die Welt: die Welt ist nicht mehr ein Ort des Mangels, der dafür sorgt, dass man sich mit anderen vergleicht, dass man das beschützt, was man hat, dass man sein Hab und Gut beschützt und Versicherungen abschließt. Vielmehr ist die Welt ein Ort des Überflusses. Den man dann mit anderen teilen kann, wenn man sich als versorgt weiß.

Luther spricht in sehr sinnlichen Bildern davon, dass man „voll und satt“ wird, dass man umsonst „überschüttet wird mit überschwenglichen Gütern“, dass man „aus Lust und Liebe“ leben kann.

Das ist, wenn man so will, ein sehr hedonistisches Bild vom Leben. Da geht es darum, zu empfangen, zu genießen und zu teilen. Und gleichzeitig ist man immer bedürftig und auf andere angewiesen. Man bleibt immer mehr der Empfangende als der Gebende, man ist nie nur der großzügige, souveräne Geber, sondern stets mehr der Empfangende. Und entgegen des Klischees über die protestantische Arbeitsethik heißt es: zuerst der Genuss, dann die Arbeit.

Wenn wir dagegen unsere Existenz rechtfertigen wollen, drehen wir uns dauernd um uns selbst. Gerade auch dann, wenn wir versuchen, selbstloser zu sein, gut zu sein, moralisch zu sein oder spirituell zu sein. Doch durch die Zuwendung Gottes müssen wir uns nicht mehr um uns selbst drehen, weil Gott uns mehr als genug gibt. Luther benutzt das Bild vom Überfließen. Wir sind nicht die Endbenutzer der Zuwendung Gottes. Der Überfluß wird größer durch das Teilen. Luther schreibt „Gottes Güter fließen aus dem einen in den anderen um gemein zu werden. Aus Christo fließen sie in uns, der sich unser erbarmt hat. Aus uns fließen sie in die, die sie bedürfen.“

Die nicht kompensatorische Zuwendung zur Welt

Das ist ein Bild einer nicht kompensatorischen Zuwendung zur Welt und zum anderen. Nicht kompensatorisch heißt: ich versuche nicht in der Beziehung zu anderen oder in meiner Arbeit etc. den Sinn meiner Existenz zu begründen. Sondern anders herum: gerade weil ich mich nicht selbst begründen muss, kann ich mich frei dem anderen zuwenden. Gerade weil ich in den Dingen nicht mein Heil suche und sie so mit Erwartungen überlaste, kann ich frei sein für die Welt.

Hier zeigt sich dann auch, dass es nicht bloß um Untätigkeit geht. Das Jüngel Zitat eben war unvollständig. Es lautet ganz: „Gott ist der Name für diejenige Liebe, für die der Mensch nichts tun kann. Gott gegenüber nichts tun zu können, schließt nicht aus, das man für das Wohl der Menschheit noch immer mehr tun kann. Weil Gott für unser Heil genug getan hat, können wir für das Wohl der Welt nicht genug tun“.
In der Tat kann man “mehr und immer noch mehr tun”, aber nur insofern man es nicht MUSS; insofern man damit nicht einfach nur den eigenen Mangel kompensieren will. Insofern man durch sein Tun vor allem sich selbst erlösen will.

Hier liegt dann der zweite Satz von Luther begründet:
„Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann Untertan“.

Aus dem Widerstand gegen alle Versuche der Selbsterlösung erwächst dann der Widerstand gegen das Kreisen um sich selbst.
Gerade weil man aus der Gabe lebt, kann man die Gabe leben. Gerade weil man aus der Gabe lebt, kann man sich frei in der Welt involvieren, sich engagieren. Die Freiheit, von der hier die Rede ist, ist eine Freiheit, die sich nur in Beziehungen verwirklicht. Es geht darum, den Kopf frei zu bekommen für andere. Es geht nicht um eine bindungslose Freiheit, sondern gerade um eine soziale Freiheit. Es ist nicht der selbstgefällige Rückzug aus der Welt ins stille Kämmerlein. Es geht letztlich nicht um eine protestantische Innerlichkeit. Aber sehr wohl um eine innere Befreiung. Man wird dann frei sich zu engagieren, wenn im Engagement nicht mehr die eigene Person auf dem Spiel steht.Luther schreibt:

„Ein Christenmensch lebt nicht in sich selbst, sondern in Christo und seinem Nächsten. In Christo durch den Glauben, in seinem Nächsten durch die Liebe; durch den Glauben wird er herausgerißen aus sich in Gott, aus Gott aber wieder zum Nächsten durch die Liebe.“

Dann kann man sich mit klarem Kopf in der Welt engagieren, dann kann man ohne Druck seiner Arbeit nachgehen, dann kann man eine zwanglose Spiritualität und angstfrei Beziehungen leben.

So in etwa verstehe ich Luthers Bild von der Freiheit eines Christenmenschen. Diese Idee der christlichen Freiheit kann das Kraftzentrum des christlichen Glaubens sein, auch gerade dort wo er aktiv in der Welt sein will. Aber es bleiben dabei noch einige Fragen offen.

Kritische Fragen an Luther

Erstens: Luther redet viel von Gottes Zuwendung zum Einzelnen, aber wenig von Gottes Zuwendung zur Welt. Mir ist beides wichtig. Denn sonst kann Luther christliches Engagement in der Welt nicht gut orientieren: wie und wo setzt sich derjenige ein, der aus der Gabe Gottes lebt? Man kann sagen: Luther redet viel von Glaube und Liebe und zu wenig von der Hoffnung. Aus der Hoffnung stellt man noch andere Fragen: wie verhält sich dieses Bild der Gnade Gottes mit unserer unbarmherzigen Welt? Geht es wirklich nur um Befreiung des Einzelnen? Was kann man über gnadenlose Strukturen sagen? Wie steht es um die Freiheit der Gabe in einer ökonomischen Leistungsgesellschaft, die für die Gabe wenig Raum lässt? Wie sähe die Freiheit eines Christenmenschen nicht nur im Blick auf individuelle sondern auch auf kollektive Identitäten aus?

Zweitens: Ich habe schon gesagt: Luther wirkt überall dort, wo es starken Über-Ich Druck gibt. Und dieser Druck kann auch sehr subtil sein. Dennoch denke ich, dass das nur eins der vielen Probleme heute ist. Ein anderes Problem ist Indifferenz, Apathie: das einem nichts liegt an der Welt und an anderen. Was hat Luther hier beizutragen?

Drittens: Luther droht manchmal so sehr auf den Einzelnen und seine Gottesbeziehung zu fokussieren, dass das Gemeinschaftliche zu kurz kommen kann. Dann muss man sagen: es ist nicht nur der Einzelne , sondern ganze Gemeinschaften, die von der Gabe Gottes leben. Dann müsste man mehr über Gastfreundschaft reden, über das Überfließen der Gabe Gottes zum Fremden. Wie verändert das Luthers Bild?

Literatur:

Bauman, Zygmunt, Leben als Konsum, Hamburg 2009.

Dalferth, Ingolf, Umsonst. Eine Erinnerung an die kreative Passivität des Menschen, Tübingen 2011.

Drechsel, Wolfgang, Mein Paradies machen müssen? Der Mythos vom gelingenden Leben als (heimliches) Leitbild unserer Gegenwart, erschienen unter: http://www.gestalt-institut-frankfurt.de/fileadmin/gestalt-institut-frankfurt.de/download/Gestalt-Zeitung/2010/Drechsel.pdf

Jüngel, Eberhard, Gott als Geheimnis der Welt. Zur Begründung der Theologie des Gekreuzigten im Streit zwischen Atheismus und Theismus. Tübingen (7.A.) 2001.

Jüngel, Eberhard, Zur der Freiheit eines Christenmenschen. Eine Erinnerung an Luthers Schrift, München 1978.

Schneider-Flume, Gunda, Leben ist kostbar. Wider die Tyrannei vom gelingenden Leben, Göttingen 2008.

Volf, Miroslav, Free of Charge. Giving and Forgiving in a Culture stripped of Grace, Grand Rapids 2009.

Advertisements

4 thoughts on “Die Gute Nachricht vom Scheitern oder: aus Lust und Liebe leben

  1. preachitbaby says:

    Nachdenkenswert & auf den Punkt – Danke für diesen Beitrag!!

  2. marthori says:

    Ich schließe mich Mathilda an. Und vor allem: danke!

  3. arnachie says:

    Dankeschön.

  4. […] Die Gute Nachricht vom Scheitern oder: aus Lust und Liebe leben (ZWISCHENRAUM) Ein lesenswerter und in den letzten Wochen in meiner Filterblase auch gut herumgekommener Text. Ich finde vor allem die am Schluss formulierten kritischen Fragen an Luther bedenkenswert. Hier nur mein persönlicher „Skopus“: „In der Tat kann man “mehr und immer noch mehr tun”, aber nur insofern man es nicht MUSS; insofern man damit nicht einfach nur den eigenen Mangel kompensieren will. Insofern man durch sein Tun vor allem sich selbst erlösen will.“ […]

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s