Das Zwielicht der Gemeinschaft

Mit der Gemeinschaft ist es so eine Sache. Für manche ist sie ein Heilsbegriff. Es wird einem warm ums Herz. Bilder aus der Jugend – oder von der Front – Bilder von “einst”, meist mit der richtigen Musik unterlegt, kommen einem ins Gedächtnis. Oder das Versprechen eines Wir’s. Eines großen Zusammenhaltes, der je nachdem verloren gegangen ist, oder noch aussteht. Manche denken eher an die piefige Enge kleiner religiöser Gemeinschaften, an die stickige Vertrautheit derer, die sich nichts mehr zu sagen haben oder an nationalsozialistischer Volksgemeinschaft, die in der Suche nach der Reinheit von Blut und Boden wurzelt. Andere sehen keinen Sinn darin, dieses Wort noch zu nutzen. Ähnlich wie das Wort Freundschaft scheint das Wort Gemeinschaft durch seine praktische Allgegenwart (Wohngemeinschaft, Fahrgemeinschaft, die europäische Gemeinschaft und natürlich die “Netzgemeinde”) an Bedeutung verloren haben. Doch scheinen sich so viele Probleme der Gegenwart gerade in diesem Wort und seiner Ambivalenz zu bündeln.

Die Frage nach Gemeinschaft und Zugehörigkeit scheint auch eine der zentralen Fragen in der derzeitigen Flüchtlingsdebatte zu sein: Hannah Arendt sprach in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg von der prekären Situation jener “Entwurzelten”, die aus sämtlichen politischen Zugehörigkeiten gefallen waren, und die nun um die Aufnahme in einem ihnen fremden Gemeinwesen ersuchten. Sie sprach hier vor allem von der Suche nach rechtlicher Zugehörigkeit, vom “Recht Rechte zu haben”.

Nun ist die rechtliche Integration in ein Gemeinwesen zwar die zentrale Frage in der öffentlichen Debatte (können sich Muslime “integrieren” – hier verstanden als: das Grundgesetz achten), aber die grundlegendere Frage, die durch die juristischen Erwägungen eher verdeckt wird, ist doch die Frage nach der Interaktion von Lebensformen. Wie stellt sich die Zugehörigkeit zu kulturellen Lebensformen dar? Welche konfligierende Loyalitäten treffen aufeinander? Wie verändert sich Lebensformen durch die Interaktion mit anderen Lebensformen und wie stellt sich in einer pluralen Welt so etwas wie Zugehörigkeit dar? Kurzum: wollte man die derzeitige Situation allein als individuelles Problem (der einzelne Flüchtling mit seinen Rechten) behandeln, verfehlt man das Problem genauso, wie, wenn man in einer kruden Großthese von einem Zusammenprall von “Zivilisationen” (Huntington) spricht.

Und so lässt sich das Paradox der Zugehörigkeit heute so benennen: auf der einen Seite sind Formen und Strukturen von Zugehörigkeit das, was Menschen suchen, die hier her kommen (Orte der Zugehörigkeit als Bedingung der Möglichkeit von Gastfreundschaft), zum anderen wird der ängstliche Vorbehalt gegen Fremde vor allem in Hinblick auf die Gefahr, die Fremde für diese Gemeinschaft darstellen, ausgesprochen (Zugehörigkeit als Bedingung der Unmöglichkeit von Gastfreundschaft). So spukt auf jeder PEGIDA und AfD Kundgebung das Gespenst einer Gemeinschaft herum. Diese Gemeinschaft wird  beschworen als eine esoterische Gemeinschaft der “Wahrhaftigkeit” (aka: Gemeinschaft derer, welche die gleichen Verschwörungstheorien verbreiten), eine Gemeinschaft derer, die sich aus Protest gegen die etablierte Ordnung verschworen haben: nicht jedoch, um diese Ordnung herauszufordern und zu erneuern, sondern um eine vermeintliche bedrohte Ordnung wiederherzustellen (“Europa der Vaterländer”, “Abendland” etc.). Und eine post-politische, organische Gemeinschaft, welche den Streit über die Zugehörigkeit und die Gestaltung der “polis” (also: das Wesen der Politik) hinter sich lassen will. Kein Streit soll mehr herrschen über das gemeinsame Zusammenleben, kein Kampf zwischen verschiedenen Interessen und Vorstellungen, sondern dieser Kampf soll ein für allemal durch den Verweis auf einen vermeintlichen volonté général, auf den großen, einheitlichen Willen des Volkes beendet werden: “Wir sind das Volk” – heißt auch stets: wer nicht will, was wir wollen, der schließt sich selbst aus dem Volk aus und er muss beseitigt, neutralisiert, “ausgeschafft” oder – auch gerne – vor einen “Volksgerichtshof” gezerrt  werden.

Niemand hat das Problem der Gemeinschaft prägnanter – und freilich dabei etwas parodistisch übertrieben – dargestellt als Franz Kafka in seiner kleinen Erzählung “Die Gemeinschaft”:

“Wir sind fünf Freunde, wir sind einmal hintereinander aus einem Haus gekommen, zuerst kam der eine und stellte sich neben das Tor, dann kam oder vielmehr glitt so leicht, wie ein Quecksilberkügelchen gleitet, der zweite aus dem Tor und stellte sich unweit vom ersten auf, dann der dritte, dann der vierte, dann der fünfte. Schließlich standen wir alle in einer Reihe. Die Leute wurden auf uns aufmerksam, zeigten auf uns und sagten: »Die fünf sind jetzt aus diesem Haus gekommen.« Seitdem leben wir zusammen, es wäre ein friedliches Leben, wenn sich nicht immerfort ein sechster einmischen würde. Er tut uns nichts, aber er ist uns lästig, das ist genug getan; warum drängt er sich ein, wo man ihn nicht haben will. Wir kennen ihn nicht und wollen ihn nicht bei uns aufnehmen. Wir fünf haben zwar früher einander auch nicht gekannt, und wenn man will, kennen wir einander auch jetzt nicht, aber was bei uns fünf möglich ist und geduldet wird, ist bei jenem sechsten nicht möglich und wird nicht geduldet. Außerdem sind wir fünf und wir wollen nicht sechs sein. Und was soll überhaupt dieses fortwährende Beisammensein für einen Sinn haben, auch bei uns fünf hat es keinen Sinn, aber nun sind wir schon beisammen und bleiben es, aber eine neue Vereinigung wollen wir nicht, eben auf Grund unserer Erfahrungen. Wie soll man aber das alles dem sechsten beibringen, lange Erklärungen würden schon fast eine Aufnahme in unsern Kreis bedeuten, wir erklären lieber nichts und nehmen ihn nicht auf. Mag er noch so sehr die Lippen aufwerfen, wir stoßen ihn mit dem Ellbogen weg, aber mögen wir ihn noch so sehr wegstoßen, er kommt wieder.”

(Franz Kafka – Die Gemeinschaft)

In Kafkas ironisch-parodistischer Parabel geht es zunächst um die Geburt einer Gemeinschaft: fünf Menschen kommen aus einem Haus und von außen werden sie als eine Gruppe wahrgenommen: »Die fünf sind jetzt aus diesem Haus gekommen.«. Die fünf kamen nicht einmal gleichzeitig, sondern nacheinander aus dem Haus. Aus dieser äußerst zufälligen Begebenheit wird nun eine feste Gruppenidentität postuliert. Die Gruppe, deren Zusammengehörigkeit vor allem auf  einer Behauptung fußt, ist also in gewissem Sinne grundlos. Grundlosigkeit besagt nun nicht, dass es keine Gründe gibt, sondern, dass diese nicht zeitlos, nicht ewig abgesichert sind: es gibt Gründe, es gibt Begründungen, es gibt “gemeinsame Werte” und unausgesprochene Regeln des Zusammenlebens. Man kann diese Gründe (“diese fünf sind gemeinsam aus einem Haus gekommen”), die Begründungen (“gemeinsame Erfahrung”), die Identität (“wir sind fünf und wollen nicht sechs sein”), die Regeln (“was bei uns fünf möglich ist und geduldet wird, ist bei jenem sechsten nicht möglich und wird nicht geduldet”) zwar beobachten und beschreiben, aber es sind kontingente Gründe, sie ruhen nicht in einem der Zeit enthobenen Wesen und nicht in einem göttlichen Ratschluss, der nun gerade diese fünf zusammenschweißt. Das Reden über Gemeinschaft hat die Eigenschaft, aus historischen Zufälligkeiten (fünf Menschen kommen aus einem Haus) eine identitätsstiftende Notwendigkeit zu machen. Doch hinter dem Verweis auf eine gemeinsame Geschichte, auf gemeinsame Werte und Erfahrungen steckt der Abgrund der Beliebigkeit (“Wir fünf haben zwar früher einander auch nicht gekannt, und wenn man will, kennen wir einander auch jetzt nicht”). Eine gemeinsame Geschichte ist ja immer nur die Erzählung einer gemeinsamen Geschichte und Zusammengehörigkeit hat meist den Charakter einer Unterstellung. Für ein Gemeinschaftsgefühl braucht es schon mehr.

Dazu benötigt es den störenden Sechsten. Dazu benötigt es jemanden, der kommt und den Zusammenhalt der Gruppe scheinbar durch seine bloße Anwesenheit gefährdet. Gemeinschaft, die identitär (also abgesichert durch eine starke Identität), organisch (also vermeintlich natürlich gewachsen) oder fusional (also im Modus der Verschmelzung von Einzelwillen) bestehen will, hat die Tendenz immer nur im Modus der Gefahr zu bestehen. Jedes Reden über Gemeinschaft in diesem Sinne ist Reden über die Gefährdung von Gemeinschaft von außen (und innen!). Der hinzugekommene Sechste ist es, der die Gemeinschaft vermeintlich stört und dadurch erst schafft. Er ist der notwendig nicht-Zugehörige, dessen nicht-Zugehörigkeit erst die Zugehörigkeit der fünf begründet: »Außerdem sind wir fünf und wir wollen nicht sechs sein.« Gemeinschaft in diesem Sinne ist eine Figur der Schließung, ein imaginäres (das heißt nicht einfach: nicht vorhanden oder falsches!) Produkt der Einbildungskraft, die den Traum eines “friedlichen Lebens” erst erschafft. Man imaginiert eine Ganzheit, eine Vollständigkeit, eine Zusammengehörigkeit, obwohl die Grundlage dafür nicht hinreichend ist. Also benötigt es den störenden Sechsten, auf den man die inneren Widersprüche der Gemeinschaft projizieren kann.

Nichts stiftet mehr Zusammenhalt als ein gewaltsames Opfer.

Dieses dekonstruktive Reden über Gemeinschaft soll nun nicht einfach dafür eintreten, den Begriff der Gemeinschaft fallen zu lassen und das beziehungslose Individuum an seine Stelle zu setzen. Wie schon angedeutet: wo es keine Zugehörigkeiten gibt, gibt es auch keinen Ort, an dem jemand aufgenommen werden kann. Und gerade dort, wo konkrete Formen der Zugehörigkeit und Solidarität in Namen einer maßlosen Eigenverantwortlichkeit erodieren (“jeder ist für sich selbst verantwortlich”), ist der Weg zu einer falschen “Volksgemeinschaft” sehr kurz. Diese identitäre Gemeinschaft wurzelt in einer falschen Sicht von einer der Zeit enthobenen Identität (“das christliche Abendland”), in der Annahme einer vorgängigen nationalen Ganzheit (“die Deutschen”), oder in der Annahme einer fusionalen Willenseinheit (“das Volk”). Und noch in dieser falschen Sehnsucht nach einer harmonischen Ganzheit drückt sich immer auch das aus, was als fehlend erlebt wird: es fehlt konkrete Solidarität, es fehlt das Gefühl in seinen Kämpfen nicht allein da zu stehen, es fehlen Orte der Zugehörigkeit. Die Frage ist also nicht, ob es Zugehörigkeit und Gemeinschaft braucht, sondern wie man diese vorstellen kann ohne den Verweis auf Einheit, Harmonie und starker, der Zeit enthobenen, Identität.

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3 thoughts on “Das Zwielicht der Gemeinschaft

  1. christophfl says:

    Die Parabel von Kafka ist perfekt. Sie verdeutlicht, dass sowohl die Zusammengehörigkeit als auch die Abgrenzung auf Konstruktion beruht. Was mir fehlt ist die Beobachtung des Freund-Feind-Denkens, das auch die betrifft, die in dieser Frage auf der “richtigen” Seite sind, die Nicht-Pegidas, die Nicht-Abgrenzer. Ist die Position der Null-Toleranz gegenüber den Tolranzverweigerern nicht eine Fortsetzung mit anderen Mitteln, eine Art Seitenwechsel. Ich finde, dass die pure Menschlichkeit ausreicht, um die Aufnahme der Flüchtline zu rechtfertigen. Wir boxen uns sonst zurück in die Weimarer Republik und machen diejenigen nur stark, die wir ablehnen.

    • arnachie says:

      Völlige Übereinstimmung! Diesen Twist muss man drin haben. Wie ich mal an anderer Stelle schrieb: “Das Paradox im Kampf gegen Exklusion besteht darin, dass man darauf nur mit Exklusion antworten kann”.
      Wobei der Humanismus vielleicht eben doch nicht ausreicht, um Menschen zu mobilisieren.

      • Andi says:

        “Zwei von uns fanden, wir sollten sechs sein, zwei weitere waren sich sicher, dass wir nur fünf sein könnten. Diese zwei begannen Pläne zu machen und den anderen nichts davon zu sagen. Die anderen beiden sprachen auch mit leisen Stimmen miteinander. Der fünfte, der keinen Streit wollte, begann, wenn wir durch Türen traten, etwas hinter uns zurück zu bleiben. Der sechste verschwand, ich weiß nicht wohin.”

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