Cornell West und die Selbstbefragung

Philosophieren heißt sterben lernen, sagt Cornell West im Fahrwasser von Sokrates, Montaigne und anderen. Aber sterben als Tod-im-Leben. Hier spricht er in einem sehr guten Video-Auschnitt über den Mut, den es zur Selbstbefragung braucht.

“What happens when you interrogate yourself? What happens when you begin calling into question your tacit assumptions and unarticulated presuppositions and begin then to become a different kind of person? You know, Plato says philosophy’s a meditation on and a preparation for death. By death what he means is not an event, but a death in life because there’s no rebirth, there’s no change, there’s no transformation without death, and therefore the question becomes: How do you learn how to die?
Of course Montaigne talks about that in his famous essay “To Philosophize Is to Learn How to Die.” You can’t talk about truth without talking about learning how to die because it’s precisely by learning how to die, examining yourself and transforming your old self into a better self, that you actually live more intensely and critically and abundantly. So that the connection between learning how to die and changing, being transformed, turning your world upside down.”
(Textauszug nicht deckungsgleich mit dem Video-Auschnitt)

Philosophieren heißt sterben lernen. Das könnte man ganz klassisch zusammenfassen als Versuch, eingedenk des eigenen Todes ein Leben führen. Aber Cornell West spricht von etwas anderem: nämlich von der Selbstbefragung. Selbstbefraung gibt es in der leichten Variante und in der schweren Variante. In der ersteren gleicht man die Realität des eigenen Lebens damit ab, was man ursprünglich sich einmal für Ziele gesetzt hat. “Mache ich wirklich das, was ich eigentlich tun will?” “Funktioniere ich nur oder lebe ich so, wie ich es mir vorstelle?” Das sind Fragen, die ihre Berechtigung haben, gerade für diejenigen, die immer gewohnt sind das zu tun, was andere von ihnen verlangen. Aber es ist keine Frage, die bereits an sich einen Wert darstellt. Es sei denn man betrachtet ein “gelungenes Leben” allein schon darin, dass der Abstand zwischen dem Ideal-Bild, welches man von sich hat, und der Realität des eigenen Lebens möglichst gering wird. Nur kann es sein, dass dies nicht der Zustand der höchsten Zufriedenheit, sondern der größten Enttäuschung ist.

Aber jetzt wäre man schon inmitten der schweren Variante der Selbstbefragung. Nämlich der Versuch, jene unreflektierten Vorannahmen (Axiome) zu befragen, die dem eigenen Leben zugrunde liegen. Es scheint sehr schwer zu sein, wirklich Kritik an diese Axiome heran zu lassen. Diese sind nämlich oft so tief in unser Leben eingelassen, dass sie kaum noch zu unterscheiden sind von dem, was wir für unser ureigenste Identität halten. Man könnte auch von Ideologien sprechen, in die man verstrickt ist und die untrennbar mit der eigenen Identität verwoben zu sein scheinen. Vielleicht sogar Ideologien, die erst so etwas hervorbringen wie Identität.

Diese Verwobenheit mit der eigenen Identität ist dann auch der Grund, warum diese Art der Selbstbefragung sehr selten ist. Nicht weil man dazu besonders klug sein muss, sondern weil sie den Bestand der eigenen Identität gefährdet. Insofern lässt sich hier vom Sterben sprechen. Und damit ist man sehr nahe an dem, was man im Christentum Metanoia nennt. Was sehr schnell mit Reue übersetzt wird, heißt zunächst einmal “Denken über sein Denken” oder “Umdenken”. Sich aus selbstzerstörerischen Denkmustern lösen, um ein freierer Mensch zu werden. Auch, wenn das gefährlich wirkt. Insofern ist diese Art der Selbstbefragung traumatisch, sie reißt eine Wunde in dem bisher als rund und abgeschlossen empfundene Leben. Diese Art der Selbstbefragung kann also ein Leben ruinieren, weil sie die Illusionen gefährdet, die wohl notwendig sind, um ganz normal zu funktionieren. Und alles, was zu nah an unsere unreflektierten Grundannahmen kommt, was an dem rüttelt, das wir für das Notwendigste für unser Existieren betrachten, wehren wir ab. Notfalls mit Gewalt.

Das ist, was die Psychologen als World View Defense bezeichnen. Es gab in der amerikanischen Psychologie mal eine Forschungsrichtung, die unter existentialistischen Vorzeichen kulturelle Sinnstiftungsysteme untersucht hat. In der starken Variante wurde behauptet, alle kulturellen Erfindungen sind letztlich dazu da, um uns über den Schrecken der eigenen Sterblichkeit hinwegzutrösten. Dies wäre ein grober Reduktionismus, der zu sehr auf das Negative und Kompensatorische von kulturellen Leistungen abzielt und das genuin Schöpferische daran übersieht. Dennoch sind aus diesen existentialistischen Theorien der 50er und 60er Jahre mittlerweile Forschungsrichtungen erwachsen, die empirisch gut belegt zeigen können, wie manche kulturellen Systeme, die vor allem auf Sinnstiftung und Tröstung abzielen, möglicherweise so unhintergehbar werden, das jede Infragestellung dieser Systeme zu einer potenziell gewaltsamen Abwehrreaktion (World View Defense) führt. Es ist überflüssig, hier jetzt einen Verweis auf Charlie Hebdo oder andere gewaltsame Abwehrreaktionen, die allen kulturellen Sinnstiftungssystemen (auch der Wissenschaft) innewohnen, zu skizzieren.

Ohne das jetzt hier ausführen zu können, hätte ich das Christentum nun so verstanden, dass es genau den Impuls beinhaltet, sich jenseits aller schneller Vertröstung mit dem Schrecken der Existenz und der Sterblichkeit auseinanderzusetzen und so in die Lage zu geraten, sich ohne existentielle Abwehrmechanismen und ohne Angst befragen zu lassen. Also auch: sterben zu lernen im Sinne von Cornell West. Nur, und das ist der Unterschied zur sokratischen Selbsterkenntnis, geht es mehr darum sich befragen zu lassen, als sich selbst zu befragen. Das Selbst verfügt nicht über die Einsicht, um die eigenen unhinterfragten Axiome des Denkens und Lebens aufzudecken. Es bedarf also der Infragestellung durch andere.

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