Freiheit als Unruheherd

In der nächsten Zeit werde ich vermutlich wenig dazu kommen, längere Gedanken hier zu formulieren. Also übernehme ich eine gute alte Praxis: das Posten von Kalendersprüchen. Fast. Eher die philosophische Variante davon. Weniger “Der kleine Prinz” und mehr so Nietzsche.

Beginnen möchte ich mit einem schönen Zitat von Bernhard Waldenfels. Der letzte große deutsche Phänomenologe zeichnet sich dadurch aus, besonders prägnant und zugänglich zu schreiben. Es geht ihn um einen anderen Freiheitsbegriff, der nicht nur das einsame Individuum betont.

Nach Waldenfels Philosophie der Responsivität machen wir nicht Erfahrungen, sondern Erfahrungen machen (etwas mit) uns. Demzufolge beginnt Freiheit “anderswo” nämlich bei den Dingen, die uns passieren, auf die wir dann “kreativ antworten” müssen.

“Freiheit, die im Schatten der Fremdheit wohnt, gibt sich zugleich bescheidener und anspruchsvoller als das, was in der Moderne als Freiheit angepriesen wird. Sie erscheint in vielfältiger und indirekter Form, als ein Sicheinlassen und Aufmerken auf Fremdes, als Wachsamkeit der Sinne, als ein Ausnutzen von Spielräumen, als erfinderische Antwort, als experimentierendes Denken, als Risikobereitschaft, als Freimut der Rede, als Wortwitz, als ironische Distanz, als Rücksicht, die Raum gewährt, als ein Zögern, das innehält – kurz, als ein Tun, das unbewusste und unwillkürliche Antriebe aufnimmt und auf unerwartete Ansprüche antwortet.

So kommt es zu einer ständigen Überschreitung des Eigenen und Vertrauten, zu einer oftmals unmerklichen Abweichung von Regeln. Der anarchische Überschuss an Freiheit bestünde darin, dass sich Freiheit niemals völlig institutionalisieren und normalisieren lässt. Derart verfremdet wäre die Freiheit ein Unruheherd, nicht mehr und nicht weniger.”
(Bernhard Waldenfels – Schattenrisse der Moral, Frankfurt a.M.2006, S. 118)

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One thought on “Freiheit als Unruheherd

  1. Ein schöner Hinweis. Danke!
    Doch drängt sich sofort die Frage auf, warum “passieren bestimmte Dinge” den einen immer wieder, während andere davon nahezu “unbehelligt” bleiben?

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