Zu Pegida III

Preaching to the choir – zu denen reden, die eh schon überzeugt sind. Was soll das ausrichten außer das man billigen Applaus ernten kann? So eine Analyse kann vielleicht wirklich die Dinge in einen anderen Zusammenhang stellen, und auch der Tonfall und die Art der Auseinandersetzung mögen hilfreich sein, aber im Endeffekt werden sich nur wenige hier hin verirren, die noch überzeugt werden müssten.
Und dann landet man beim alten Widerspruch: sich auf selbstgefällige Weise über die Selbstgefälligkeit der anderen aufzuregen, aus einer abgesicherten Position seine eigene Weltoffenheit und Toleranz zu feiern und sich auf die Schulter zu klopfen, dass man nicht so dumm und intolerant ist wie “die dort”.
Also will ich mal etwas sehr Altmodisches machen und vorschnell von einem “uns” ausgehen, dass durch PEGIDA in Frage gestellt wird. Ich will also mit dem schließen, was ich ganz gut kann: Fragen stellen. Man sehe mir dabei bitte nach, falls dies stellenweise die Schranke zum Pathetischen überschreitet, aber das muss so.

Wie schon angedeutet: ist es nicht grotesk, dass wir hier ein Thema diskutieren, dass in den 90ern schon ausreichend beackert worden ist und man sich mit Argumenten auseinandersetzt, die in den 70er Jahren schon alt waren? Was sagt es über den Status und über die Reichweite kritischer Intellektualität aus?

Das Zwielicht der Kritik

Etwas fällt bei den PEGIDA Protesten auf und ich glaube, es wird in den Berichten und Analysen zu wenig gewürdigt. (Dieser Abschnitt tat mir übrigens wirklich selbst weh beim Schreiben). Die Transparente auf den Demos und die Aussagen der Menschen sprechen nicht von einer unkritischen Haltung, sondern von einer hyperkritischen. Da wird entlarvt, Medienkritik betrieben, der herrschende Diskurs analysiert, da wird historisiert. Man ist kurz mal versucht von einem rechts-Foucaultismus zu sprechen. Kurzum: das gesamte Arsenal von kritischen Analysewerkzeugen wird auf haarsträubende Weise missbraucht und banalisiert.
In einem grandiosem Essay ist der französische Soziologe Bruno Latour einer ähnliche Beobachtung nachgegangen. Latour hat in den 80er Jahren große Studien veröffentlicht, die aus einer kritischen Perspektive gegen naive Wissenschaftsgläubigkeit vorgingen, um so die politisch, historischen und ideologischen Bedingungen offen zu legen unter denen auch naturwissenschaftliche Erkenntnis entsteht. Doch in dem 2007 veröffentlichtem Essay zieht er selbstkritisch Bilanz: seine Art des Zweifels, sollte zu mehr Offenheit neuen Tatsachen gegenüber führen, nicht zu blindem Misstrauen:

“Was ist aus der Kritik geworden, wenn mein Nachbar in dem kleinen Dorf im Bourbonnais, in dem ich lebe, als hoffnungslosen Naivling auf mich herabsieht, weil ich glaube, dass die Vereinigten Staaten von Terroristen attackiert worden sind? Heute bin ich als einziger so naiv, an ein paar Fakten zu glauben, denn ich bin gebildet, während die anderen Leutchen zu unsophisticated sind, um gutgläubig zu sein: “Wo lebst du eigentlich? Weißt du denn nicht, daß es der Mossad und der CIA waren? (…)
Natürlich sind Verschwörungstheorien absurde Entstellungen unserer eigenen Argumentationen, aber das ändert nichts daran, daß diese Waffen die unseren sind, auch wenn sie über unklar gezogenen Grenzen geschmuggelt wurden und der falschen Partei in die Hände fielen.”
(Bruno Latour – Das Elend der Kritik. Vom Krieg um Fakten zu Dingen von Belang, Zürich-Berlin 2007, S. 13 und 16.)

Das entlarvende Reden (nach dem Muster “dieses ist in Wirklichkeit jenes”), auf das ich hier auch zurückgegriffen habe, ist ein zwielichtiges Instrument, welches für alle möglichen Zwecke gekapert werden kann.  Latour sucht selbst nach Wegen mit dieser Erkenntnis umzugehen ohne einer vorkritischen Faktengläubigkeit zu verfallen, die – so Latours Pointe – ja eben die Realität nicht richtig trifft. Die Antwort darauf kann wohl nicht ein Verzicht auf kritisches Denken sein, sondern die Unterscheidung zwischen einem reflexhaft-entlarvenden Denken und einem Denken, dass sich je neu positioniert und auf die Phänomene einlässt und die Fähigkeit besitzt, sich selbst in Frage stellen zu lassen. Ein Denken, dass immer wieder neu anfängt. Darüber hinaus ist Kritik kein Selbstzweck, sie ist nicht von sich aus gut und nützlich. Vielmehr kann und soll sie Vorbedingung dafür sein, grundlegende weltanschauliche Fragen unter der Oberfläche der Fakten freizulegen. Diese Fragen, die von der Kritik selbst nicht mehr zu beantworten sind, sind Fragen wie: Wie wollen wir leben oder Welche Art der Gesellschaft möchten wir?

Die Rolle der kritischen Intelligenz – intellektueller Snobismus

Ein weiterer Aspekt dabei ist die Frage, wie es sein kann, dass die kritische Intelligenz (so klein sie vielleicht auch sein mag) so eine kuriose Wirkung erzielt hat. Wenn der öffentliche Diskurs so weit hinter das Reflexionsniveau der Akademie fällt, ist selten nur die vermeintliche “Dummheit der Leute” schuld.
Ein wenig empfindlich reagiere ich darauf, wenn man sich über die Dummheit der Menschen erhebt, ohne sich zu fragen, welche Rolle man selbst in diesen Prozessen spielt. Sicher gibt es auch strukturelle Entwicklungen, die es z.B. begünstigen, dass pointiert kritische Forschung marginalisiert wird, dass das Schul- und Bildungsystem ökonomisiert wird, dass kritisches Denken entweder isoliert oder kaserniert wird und an den Universitäten entweder geistloses Spezialistentum oder die Produktion von gesellschaftlichen Steuerungswissen überwiegt. Auch der Bildungssektor wird zur Zeit “fluidisiert”, kritisches Denken fragmentiert und atomisiert. Dennoch war doch auch schon vor Bologna längst nicht alles in Ordnung.

Man fragt sich als Teil der akademischen Welt, ob man sich wirklich von einer bestimmten Selbstgenügsamkeit freisprechen kann. Ist es wirklich abwegig zu behaupten, die kritische Intelligenz habe sich unter Ihresgleichen, in ihrem Jargon und in einer kritischen Subkultur eingerichtet? Besteht denn überhaupt noch der Wunsch und die Fähigkeit zur Kommunikation mit einer breiteren Öffentlichkeit? Enthält man sich jeglicher Überheblichkeit? Besitzt man noch die Fähigkeit mit Menschen zu kommunizieren, welche die eigenen Denkvoraussetzung nicht teilen? Wie geht man mit eigenen Privilegien um? Stellt man das zur Verfügung, was man erarbeitet hat? Ist in der Forschung ein Bezug auf Dinge sichtbar, die nicht nur ein Fachpublikum interessieren – wenigstens am Horizont? Enthält man sich so gut es geht jeder prätentiösen, aufgeblasenen und verschleiernden Redeweise? Oder hat man es immer noch nötig, sich durch die Abgrenzung zur Alltagswelt und -sprache zu profilieren? Ist der akademischen Welt nicht der Hang zum intellektuellen Snobismus mit in die Wiege gelegt, wo sich doch “Wissenschaft” schon bei Platon als Kampf gegen die Alltagsmeinungen definiert? Herrscht nicht in der deutschen Akademie noch eine latente Abgrenzung gegen nicht-bürgerliche Schichten vor? Hat man sich wirklich bemüht, anzustecken; kritisches Denken zu erwecken? Bedeutet “Links sein” nicht, dass man seine kulturellen, ökonomischen und sozialen Ressourcen einsetzt, um das zur Sprache zu bringen, was im alltäglichen Diskurs stumm geschaltet wird, insbesondere die Situation der weniger Privilegierten? Das man sich also jedem geistesaristokratischen Kopfschütteln über die sogenannte dumme Masse enthält? (Einer Geste übrigens, die ich für außergewöhnlich dumm halte.)
Nur zur Klarstellung: ich behaupte keinen kausalen Zusammenhang zwischen PEGIDA und einer selbstgenügsamen snobistischen Elitenkultur, aber vielleicht ist es ein sinnvoller Anlass, um diese Frage mal aufzuwerfen. Zumal ich die Möglichkeit zu einem größeren “Backlash” ja durchaus als real betrachte. Und dabei wäre eine solche Selbstgefälligkeit, die jetzt einfach mal eine Unterstellung ist, eher kontraproduktiv.

Dabei hängt mir seit einiger Zeit Brechts Gedicht “Der Zweifler” nach, bei dem ganz ähnliche Fragen gestellt werden:

Immer wenn uns
Die Antwort auf eine Frage gefunden schien
Löste einer von uns an der Wand die Schnur der alten
Aufgerollten chinesischen Leinwand, so daß sie herabfiele und
Sichtbar wurde der Mann auf der Bank, der
So sehr zweifelte.

Ich, sagte er uns
Bin der Zweifler, ich zweifle, ob
Die Arbeit gelungen ist, die eure Tage verschlungen hat.
Ob, was ihr gesagt, auch schlechter gesagt, noch für einige Wert hätte.
Ob ihr es aber gut gesagt und euch nicht etwa
Auf die Wahrheit verlassen habt dessen, was ihr gesagt habt.
Ob es nicht vieldeutig ist, für jeden möglichen Irrtum
Tragt ihr die Schuld. Es kann auch eindeutig sein
Und den Widerspruch aus den Dingen entfernen; ist es zu eindeutig?
Dann ist es unbrauchbar, was ihr sagt. Euer Ding ist dann leblos
Seid ihr wirklich im Fluß des Geschehens? Einverstanden mit
Allem, was wird? Werdet ihr noch? Wer seid ihr? Zu wem
Sprecht ihr? Wem nützt es, was ihr da sagt? Und nebenbei:
Läßt es auch nüchtern? Ist es am Morgen zu lesen?
Ist es auch angeknüpft an vorhandenes? Sind die Sätze, die
Vor euch gesagt sind, benutzt, wenigstens widerlegt? Ist alles belegbar?
Durch Erfahrung? Durch welche? Aber vor allem
Immer wieder vor allem anderen: Wie handelt man
Wenn man euch glaubt, was ihr sagt? Vor allem: Wie handelt man?

Nachdenklich betrachteten wir mit Neugier den zweifelnden
Blauen Mann auf der Leinwand, sahen uns an und
Begannen von vorne.

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5 thoughts on “Zu Pegida III

  1. Daniel Renz says:

    Selbstkritik könnte tatsächlich ein Schlüssel sein. Zumal die PEGIDA-Anhänger(innen) ja mit genau der nicht (mehr?) rechnen.

    • arnachie says:

      Ja es ist aber nicht nur persönliche Selbstkritik, sondern auch Kritik an der Kultur einer Institution. Also ist die Universität der Ort der Selbstrekrutierung eines Bildungsbürgertums, das lieber unter sich bleibt oder ein Ort der Ermächtigung zum kritischen Denken für alle Schichten.

  2. Walter says:

    Hallo Arne, nachdem ich die Weihnachtsschlacht größtenteils hinter mir habe, lese ich deine Texte zu Pegida und finde sie bis in die Details sehr zutreffend und erhellend. Vielen Dank!
    Zum dritten Teil mit den Fragen würde mir als hilfreiche Richtungsweiserin sofort die derzeit vielzitierte Madeleine Delbrel in den Sinn kommen, die ja ihr intellektuelles Potential mit der Treue zu ihren Arbeitern in Ivry verbunden hat. Die wäre so etwas wie der Typus einer christlichen Intellektuellen, die sich nicht von der Basis getrennt hat, sondern im besten Sinn “dem Volk gedient” hat.
    Nicht jede kann eine Delbrel sein, aber mit mehr Delbrel-Ethos in der deutschen Christenheit ständen die Dinge vermutlich besser. Auch wenn ich deine Klarstellung teile, dass es keinen kausalen Zusammenhang zwischen der intellektuellen Kultur und PEGIDA gibt.
    Damit wäre für mich eine (nicht die einzige!) Konkretion der Brechtschen Kernfrage, mit der du schließt (“wie handelt man?”), die Frage danach, wie eine Delbrelsche christliche Existenz in Treue zu den Menschen vor Ort heute aussieht.

  3. […] Arne Bachmann (in Bezug auf Pegida) über Ressentiments und intellektuellen Snobismus schreibt, ist für mein Nachdenken über Bildungsarbeit sehr […]

  4. Christoph says:

    Hast mich mal wieder schön “zum Nachdenken angeregt”, so abgedroschen das auch klingt. Danke Arne!

    Das Fatale ist ja, dass der liberal-pluralistische “Mainstream” (hier nicht abwertend gemeint – vielmehr teile ich dessen Inhalte der Toleranz und Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem und Fremden), so dominant geworden ist, dass er in bestimmten Situationen selbst von denjenigen vertreten wird, die ihn verabscheuen – einfach weil das “Diskursarrangement” in bestimmten Situationen kaum andere Meinungen zulässt. Es ist, als ob bestimmte Menschen Werte des Liberalismus wie eine fremde Sprache erlernen – die sie in entsprechenden Situationen, wenn sie gesellschaftlichen Eliten (Lehrern, Journalisten) gegenüberstehen, sprechen, und, sobald sie wieder unter ihresgleichen sind, zu ihrer eigenen ressentimentgeladeneren “Sprache” zurückkehren. Vielleicht ist das vergleichbar mit der Tatsache des realsozialistischen Jargons in der DDR, dem sich auch anzupassen verstand, wer sich nicht damit identifizierte. Starrheit und Unhinterfragbarkeit erwies sich als große Schwäche – am Ende blieben nur Worthülsen. Ich beziehe mich auf konkrete Erfahrungen mit Schüleräußerungen im Gemeinschaftskundeunterricht, die dort, wo die Selbstzensur nicht gelang, durchblicken ließen, was wirklich gedacht wurde.

    Ich will nicht soweit gehen, dass ich direkt einen Backlash als Möglichkeit in Betracht ziehe. Aber wenn etwas einer solchen Tendenz zuarbeiten könnte, tippe ich, neben den von dir so schön beschriebenen sozioökonomischen Ursachen der Ressentiments (“Nichtmithaltenkönnen”) auf die Verknöcherung des liberalen Konsens. Zugegeben ist das Dilemma vor dem wir stehen kein Geringeres als den liberal-pluralistischen Mainstream als Fundament einer offenen Gesellschaft erhalten zu müssen, ohne diejenigen diskursmäßig abzuhängen, die diesen Mainstream nicht mittragen. Ich weiß nicht ob das geht. Vielleicht muss man tatsächlich an der sozioökonomischen Seite ansetzen…

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