Zu Pegida II

Nun möchte ich fortfahren mit meiner Analyse von dem, was ich hier von PEGIDA mitbekommen habe.

Welche Rolle spielen Fakten?

Viele denken, dass PEGIDA durch Fakten leicht zu entkräften ist. In den ungeschnittenen Interviews erwiesen sich viele PEGIDA Demonstranten als sehr resistent gegen Fakten. Und zwar nicht, weil die Leute einfach blöd wären.
Den Vorwurf es handle sich hier um Idioten halte ich zum einen für eine Verharmlosung, zum anderen für genau die Art von Überlegenheitsgestus, der Ressentiments schürt.

Die Auseinandersetzung mit PEGIDA muss damit beginnen, dass man anerkennt, dass man mit reinen Fakten gegen Leidenschaften nichts auszurichten vermag. In den Interviews spürte man bei nahezu allen Äußerungen eine Grundhaltung des Ressentiments. Aus dieser Haltung heraus betrachtet man die Realität. Ressentiment gegenüber sogenannten Sozialschmarotzern oder auch gegenüber einer medialen, politischen und akademischen Elite, der man unterstellt, das sie die Fakten so hindreht, wie sie diese gerade braucht.

Ressentiment – das Gefühl der Abgehängten

Was ist nun Ressentiment?
Ressentiment ist eine Form des Neides und der Missgunst, die sich aus einem Gefühl der Ohnmacht speist. Mit Ressentiment schielt man auf das unterstellte Genießen des Anderen. Der Andere hat eine Sicherheit, die man nicht mehr hat, er bekommt Aufmerksamkeit, die man nicht bekommt, er lässt es sich gut gehen und wird versorgt, während man selbst hart arbeitet. Das ist der Part mit dem Neid, doch wie verhält es sich mit der Ohnmacht? Ressentiment ist ja nicht einfach nur Missgunst, sondern eine Missgunst, die ihre Schärfe dadurch gewinnt, dass man seine eigenen Fähigkeiten, in der Welt tätig zu werden, seine eigene Handlungsmacht, als sehr gering erlebt. Man will nicht nur was der andere angeblich hat, sondern weiß auch gleichzeitig, dass man es nicht bekommen kann. Die eigene Lebenswirklichkeit wird als alternativlos erfahren.
Die Frage, die sich hier also anschliessen muss ist, wie es sein kann, dass in einem der reichsten Länder der Welt sich viele als ohnmächtig und unwichtig erleben.

Ressentiment ist ein Gefühl der Abgehängten, derer die meinen nicht mehr Schritt halten zu können mit gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklungen. Das bedeutet ganz ausdrücklich nicht, dass es sich vor allem um sozial und finanziell schlechter Gestellte handelt. Im berühmten “das wird man ja wohl mal noch sagen dürfen” steckt noch mehr: es steckt auch das Gefühl intellektuell-konzeptuell nicht mehr mitkommen zu können. Ein Überforderungsgefühl, dass mit dem latenten Vorwurf verbunden ist, dass es eine politische, akademische und mediale Elite gibt, welche aus einer abgesicherten Position heraus das Bedürfnis nach Sicherheit, Klarheit und Eindeutigkeit der sogenannten einfachen Leute nicht mehr nachvollziehen kann. Dem kann man auf die Spur gehen, wenn man sich gesellschaftliche Prozesse der Fluidisierung anschaut.

Fluidisierung, Desintegration und Sicherheit

Zygmunt Bauman hat mit seinen soziologischen Analysen ja den Übergang von der Moderne in ihrer soliden Form zu einer flüssig-flüchtigeren Form geschildert. Die Gesellschaft in der soliden Moderne zeichnete sich dadurch aus, dass sie die Vieldeutigkeit und Komplexität der Welt politisch-juristisch bewältigte: durch eindeutige Grenzziehung, klare Regeln, klare Strukturen. Wer nicht mitmacht, fliegt.

Diese Aufgabe hat sich in der fluiden Moderne von der Gesellschaft auf das Individuum verlagert. Keiner kann dem Einzelnen sagen, was er zu tun hat; er muss alleine mit der Ambivalenz der Welt klarkommen. Es gibt in diesen Prozess klare Gewinner, für die das eine große Emanzipation darstellt. Und es gibt Menschen, die damit überfordert sind und die keine kulturellen, sozialen oder auch finanziellen Ressourcen zur Bewältigung von Unsicherheit, Mehrdeutigkeit und Komplexität haben. Daraus ergeben sich diffuse Ängste (die Angst, etwas zu verpassen, die Angst vor der Undurchschaubarkeit der Welt, Überfremdungsängste) und für manche ein gesteigertes Bedürfnis nach Sicherheit. In diesem abstrakten Sicherheitsbedürfnis vermischt sich die Sorge um die eigene körperliche Unversehrtheit mit dem Bedürfnis nach Gewissheit, Klarheit und eindeutigen Verhältnissen sowie die Sorge um finanzielle Absicherung. Gerade weil es sich dabei um ein so diffuses Bedürfnis handelt, ist es unmöglich damit rational umzugehen. Es sucht sich ein Ventil.

Hier liegt für mich die größte gegenwärtige Gefahr eines “Backlashs”. Ausgelöst durch eine Überforderung des Individuums kehrt man (manchmal auch gewaltsam) zu alten Mustern zurück: man reagiert auf Gendertheorien mit einer Rückkehr zu einfachen Geschlechterstereotypen (Punkt 17 im PEGIDA Positionspapier), man reagiert auf Einwanderung mit neuem Nationalismus oder Eurozentrismus, man reagiert auf eine komplexe Welt durch Rückzug in kleine Welten, die eindeutig strukturiert sind (Fundamentalismus).
Entscheidend ist hier, dass Bauman nicht einfach nur den Leuten Dummheit oder moralische Verkommenheit vorwirft, sondern zeigt, dass es sich dabei um Prozesse handelt, die sozio-ökonomisch grundiert sind. Fluidisierungsprozesse sind vor allem durch gesteigerte wirtschaftliche Modernisierungsmaßnahmen (Privatisierung, Liberalisierung, Flexibilisierung) ausgelöst, die dann die Bedingungen verändern, unter denen menschliches Leben stattfinden kann und die jeweils Gewinner und Verlierer hervorbringen. Das Bedürfnis nach solidarischen Bindungen haben seit je her vor allem eher diejenigen, die geschwächt aus Modernisierungsprozessen herausgehen. Dennoch: man muss zwar soziale Ermöglichungsbedingungen für PEGIDA analysieren, aber gerade dann, wenn man die Beteiligten Personen ernst nehmen will, muss man auch sagen: es gibt keine notwendige Verbindung von Ohnmachtsgefühlen und Ressentiments. Damit solche Analysen der strukturellen Hintergründe nicht ins Paternalistische kippen, kommt man um eine minimal moralische Feststellung nicht herum: man kann sich anders zu solchen Prozessen verhalten.

Aus der Analyse ergeben sich ein paar Fragen: Wenn es so ist, dass man kulturelle, soziale und auch finanzielle Ressourcen benötigt, um mit der Herausforderung durch Fremdes umgehen zu lernen, wie kann man diese Ressourcen zugänglich machen? Welche Strukturen bräuchte es, um Menschen zu ermächtigen; um also zu ermöglichen, dass man mit Ambivalenzen leben lernt, dass man Ohnmachtsgefühle überwindet und die stets herausfordernde Begegnung mit Fremdheit auszuhalten lernt? Wie lässt sich echte Solidarität befördern, die dann davor schützt, dass man auf die zerstörerische Solidarität einer ethnisch-kulturalistisch grundierten “Volksgemeinschaft” zurückfällt? Kann es sein, dass der Umbau von sozialen Sicherungssystemen systematisch zu einer Entsolidarisierung in der Gesellschaft beigetragen hat, die nun eine Ermöglichungsbedingung für Bewegungen wie PEGIDA, aber auch der AfD darstellt? Welche Verantwortung haben eigentlich wir, die wir – auch wenn wir’s nicht hören wollen – als die Gewinner dieser Prozesse dastehen? Stellen wir wirklich in ausreichendem Maße unsere Ressourcen zur Verfügung?

(Weil jetzt der Post schon lang genug geworden ist, würde ich die Frage nach der Rolle von kritisch denkenden Menschen in diesem Prozess gerne in einen dritten Post verschieben.)

Advertisements

4 thoughts on “Zu Pegida II

  1. Frau Auge says:

    Ich bin Fan. Super Analyse. Danke.

  2. […] vom Arne bewerben, in denen er sich mit PEGIDA auseinandersetzt. Besonders der Ansatz der “Fluiden Moderne” ist […]

  3. […] Arne Bachmann (in Bezug auf Pegida) über Ressentiments und intellektuellen Snobismus schreibt, ist für mein Nachdenken über Bildungsarbeit sehr […]

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s