Raum geben – Adventsandacht

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Im Ökumenischen Wohnheim war es letzten Freitag meine Aufgabe zum großen Adventsfest eine Andacht zu halten. Nun bin ich zwar ziemlich eingerostet, was das angeht, aber die Andacht gefiel mir letztlich doch ganz gut und so will ich die hier hochladen. Wie es sich für ein ökumenisches Wohnheim gehört, entschied ich mich für ein eher katholisches Thema: Maria und die Ankündigung der Geburt Jesu in Lukas 1.

I. Vom Unmöglichen getroffen

Manchmal passiert einem etwas Unerwartetes.

Manchmal widerfährt einem etwas, dass den Horizont sprengt.

Manchmal wird man vom Unmöglichen getroffen.

Was bedeutet das wohl: schwanger zu werden? Kann man das als Mann eigentlich nachvollziehen? Plötzlich ist alles anders, plötzlich verändert sich der ganze Körper, vielmehr noch: das ganze Leben. Alles muss umgestellt werden: die Ernährung, die Lebensweise. Und man merkt, wie da etwas Neues heranwächst.

Wieviele Diskussionen sich doch seit dem Aufkommen der historisch-kritischen Methode um die Geschichte der Jungfrauengeburt entsponnen haben. Mit guten Gründen geht man davon aus, dass es sich um einen Übersetzungsfehler handelt, da es sich wohl im hebräischen Text, der dieser Geschichte zugrunde liegt, um eine junge Frau, nicht um eine Jungfrau handelte. Doch, darum soll es heute gar nicht so sehr gehen. Vielmehr soll uns diese Erzählung einer ungewollten und so ganz unwahrscheinlichen Schwangerschaft als Metapher dafür dienen, was es wohl heißt, auf Gott zu treffen, ihm in seinem Leben Raum zu geben. Vielleicht können wir der Erfahrung nachspüren, die Maria vor uns gemacht hat, nämlich Christus in uns Raum zu geben, zu erfahren wie das ist, wenn das Wort Fleisch wird.

Doch beginnen wir noch einmal von vorne.

Da steht ein Engel im Raum und äußert einen ungewöhnliches Gruß:
„Sei gegrüßt, du Begnadete des Herrn, der Herr ist mit Dir!“

Etwas Eigenartiges tritt von außen an Maria heran. Die Initiative geht nicht von Maria aus, sondern sie wird getroffen von einem Wort, dass sie sich nicht ausdenken konnte. Ja, dass sie nicht einmal so recht deuten konnte:

„Sie erschrak über das Wort und sann darüber nach.“

Der Schrecken ist eine der häufigsten Reaktionen, von denen die Bibel berichtet, wenn jemand eine Gottesbegegnung hatte. Weniger die Angst vor einem strengen Richter oder einem unendlichen Wesen, sondern vielmehr der Adrenalinschub, der einen durchfährt, wenn man im Dunkeln etwas neben sich spürt, wenn man merkt: diese Silhouette dort, dieser Schatten dort – da steht jemand.
Die Gedankenfetzen, die einem kommen, wenn man sich alleine wähnte und doch ist dort jemand.

Umso erstaunlicher, dass berichtet wird, wie Maria weniger über das Engelswesen erschrak, als über diesen rätselhaften Gruß. Sie ließ sich verwirren, führte nicht das Unbekannte in das eigene Weltbild zurück, sie ließ sich ein auf das Gesagte. Auf das schier Unmögliche.

 „Fürchte dich nicht, denn Du hast Gnade gefunden bei Gott!“

Auch das ist eine der häufigsten Imperative der Bibel: fürchte dich nicht!
Das impliziert, dass es viel Furchteinflößendes gibt. Furchteinflößendes in der Welt, im eigenen Leben und auch in dieser Begegnung.
Es geht hier vielleicht auch um die Furcht, die einem befällt, wenn etwas Neues entsteht, etwas, dass noch keine festen Konturen hat.

Fürchte dich nicht, denn hier ist Gnade, fürchte dich nicht, denn du bist angenommen, fürchte dich nicht, denn hier entsteht etwas Neues, etwas Heilsames!

Und dann lesen wir die Beschreibungen von dieser mysteriösen Empfängnis:
„der Heilige Geist wird über dich kommen, die Kraft des Höchsten wird dich überschatten“.
Man darf hier nicht das Echo der Schöpfungserzählung überhören. Dort hieß es: der Geist brütete über den Wassern. So wie der Heilige Geist aus dem Chaos der Urflut, das Leben schaffte, so soll hier in einer chaotischen Welt etwas völlig Neues entstehen. Gott will hier zur Welt kommen.

II. Raum geben

Wenn man Unglaubliches erlebt, ist man gezwungen Antworten zu finden. Man muss sich dazu verhalten. Maria fand eine Antwort indem sie sagte: „Mir geschehe nach deinem Wort!“.

Eine eigenartige Formulierung. Eine Formulierung, die von einem Widerfahrnis zeugt. Etwas, das einem zugestoßen ist, das man dennoch geschehen lassen muss.

Etwas, dem man Raum geben muss.

Raum machen in sich für etwas Anderes, sich einlassen auf das, was einem zustößt, das soll hier als eine Metapher dienen.

Man kann auch nur etwas oder jemanden Raum geben, der bereits seine Spuren im Leben hinterlassen hat. Wie das Bild der Schwangerschaft schon impliziert: Raum geben heißt, dass da etwas in uns wachsen darf, dass zugleich innig mit uns verbunden ist und doch fremdartig, doch etwas Neues, ist. Etwas, das wir uns nicht so recht ausmalen können. Etwas, worüber wir nicht verfügen können.

Raum geben bedeutet, dass etwas in uns Resonanz finden kann und unsere ständig um uns kreisenden Gedanken unterbricht.

Raum geben heißt vor allem, dass wir bereit sind, der Ort zu sein, an dem etwas Neues in die Welt treten kann.

Es bedeutet, dass wir Gott zutrauen, dass er mitten in der Unaufgeräumtheit unserer Leben, die bisweilen chaotische Züge annimmt, Gestalt gewinnen will.

Und Raum machen für Gott das ist nicht zu trennen davon, dass man Raum macht für den anderen.

Das kann schon damit beginnen, einander richtig zuzuhören, der Stimme des Anderen Raum zu geben. Das kann heißen, dass man einen Raum schafft, an den man dem Anderen erlaubt, nicht ganz bei Trost zu sein.

Oder es kann heißen, dass wir einen Raum schaffen, an dem der Andere aufatmen kann, an dem er sich zeigen darf. An dem er nicht fürchten muss, meinen Vorstellungen unterworfen zu werden, an dem er mein Urteil nicht fürchten muss.

Raum geben heißt auch, den Versuch aufzugeben einander zu kontrollieren.

Und Gelegenheiten einander Raum zu geben, gibt es in so einem Wohnheim natürlich viele. Wenn Mitbewohner so ganz andere Vorstellungen als man selbst hat, wenn Sie eine schwere Zeit durchmachen und jemanden zum Zuhören brauchen oder aber mal einfach eine Zeit lang in Ruhe gelassen werden wollen, sind das alles Gelegenheiten zum Raum geben. Und Raum geben heißt eben auch: Zeit geben, Aufmerksamkeit geben, gute und hilfreiche Worte geben, manchmal auch kritische Worte.

 III. Der Aufruhr

Aber all das will mir noch nicht so recht gefallen. Es ist zu rund, zu gefällig, ja vielleicht zu „fromm“. Gott und dem Anderen Raum geben, das ist schön, klingt aber auch irgendwie harmlos.

Aber schauen wir doch ein paar Verse weiter in der Geschichte. Da steht das Magnifikat, das Gebet der schwangeren Maria. Und das ist ein äußerst aufrührerisches Gebet:
„Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.“

Das klingt nun wenig fromm und besinnlich, sondern eher nach der Umwertung aller Werte, der Umkehr von Hierarchien. Es scheint wohl so zu sein, dass es nicht einfach um eine nette Form der Innerlichkeit geht. Die Metapher des Raum Gebens wird schief, wenn man nicht betont, dass sich dadurch auch etwas ändert.
Denn dort, wo Gott Gestalt gewinnen darf, da können auch Welten ins Wanken geraten. Da bekommen plötzlich Menschen Raum, die sonst gar nicht im Licht der Öffentlichkeit stehen: Die, die sich im Zentrum der Aufmerksamkeit wähnen, die die sich selbst für wichtig halten, müssen auch mal zurücktreten und die, die am Rand standen kommen plötzlich ins Rampenlicht. Die Privilegierten gehen plötzlich leer aus und die Hungernden werden gesättigt. Man entfernt den kritischen Stachel von der Adventszeit, wenn man aus ihr nur eine innerlich-fromme Zeit, eine besinnliche Zeit macht, die in uns warme Gedanken an unsere Kindertage weckt.

Advent ist eine gefährliche Zeit, in der Fragen aufgeworfen werden, in der wir in Frage gestellt werden. Eine Zeit, in der Blick weg von der Mitte hin zu Rand gerichtet wird. Zum Geringsten unter uns, wie es so schön heißt.

Denn wo einem Gott zustößt, da werden Leben geöffnet und da kommen Welten ins Wanken.

Und Manchmal passiert einem etwas Unerwartetes.

Manchmal widerfährt einem etwas, dass den Horizont sprengt.

Manchmal wird man vom Unmöglichen getroffen.

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6 thoughts on “Raum geben – Adventsandacht

  1. christophfl says:

    Ich suche nach einer mehr dekonstruktiven Rede von Gott, die trotzdem glaubwürdig ist. Das Wort “Raum geben” geht schon in eine solche Richtung. Bleibt der Raum leer und ist Gott gerade so da, indem Raum da ist. Also Leere, die Sinn ergibt? (Taoteking?) Wo nicht alles vollgepackt ist mit Tun und Lassen? Das ist mir noch etwas ungenau formuliert. Gut: Das ist dann “die Stimme des Anderen”. Mir gefällt an dieser Formulierung (Lévinas), dass der anderes sowohl das du des Nächsten als auch Gottes ist. Aber dann ist Raum nicht die Leere, sondern gefüllt mit Anderem. Interessanter ist eher: “Wo einem Gott zustößt.” Mir begegnet ein Mensch, der mir völlig fremd ist, und ich habe sofort der Gefühl der Verbundenheit. Wäre das so ein Gott zustoßen? Gott ist im Akt, im Geschehen, im Event, oder?

    • arnachie says:

      Vielen Dank für den äußerst zügigen Kommentar!
      Ja die Dekonstrukion ist mir wichtig bzw. kann ich auch anders reden als aus einer gewissen (post-)dekonstruktiven Haltung heraus. Dazu ist das hier vielleicht aufschlussreicher: https://failingforward.wordpress.com/2013/10/24/aufruhr/
      Ich halte es aber eher für eine große Versuchung, Gott und den Nächsten in dieser Weise zu kollabieren. Das überfrachtet jede Beziehung. Da halte ich es eher mit Kierkegaard: Gott in einem verbindenden und trennenden Dazwischen zu verorten. Guck mal Joh 20,20-23: da sagt Jesus sinngemäß: konzentrier dich mal auf dein Kram und guck nicht dauernd (neidisch) auf den Anderen.
      Ich glaube, es ist nicht einfach eine Leere, noch dazu eine unpersönliche, oder einfach das “Verbindende etwas” in Begegnungen. Da fehlt mir etwas, was ich als die bedrohliche, die kritisch-herausfordernde und auf unangenehme Art persönliche Komponente des Glaubens empfinde. Wo Gott ist, geschieht etwas, aber nicht überall wo etwas geschieht, passiert Gott.

  2. christophfl says:

    Reblogged this on Der schwache Glaube and commented:
    Siehe Kommentar!

  3. Andi says:

    Schöne Andacht! Leider für’s Weihnachtspredigt-Bullshitbingo völlig ungeeignet, und das ist nun leider wirklich ein sehr wichtiges Kriterium.

  4. arnachie says:

    Ich finde sie immer noch so fromm und einen Tacken zu moralistisch. Aber sie war auch die erste öffentliche Andacht von mir seit sehr langer Zeit und ich habe mich eher etwas zurückgehalten.

  5. […] auch einen Interessanten Blog, so ganz anders als meiner, denn er lebt im gemütlichen Heidelberg: https://failingforward.wordpress.com/2014/12/16/raum-geben-adventsandacht/ Natürlich liebe ich die Crimelady, ihre Krimis sind sehr witzig. (Die Crimelady dankt und ist sehr […]

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