Con:Fusion 2014: Waberndes und Flüssiges

In Zygmunt Baumans Typologie postmoderner Lebensformen gibt es den Typen des Vagabunden. Dem Vagabund hängen fremde Gerüche an, seine Körpersprache wirkt unstimmig, seine Gesten unbeholfen. Er scheint fehl am Platz. Man merkt, dass er nicht von hier ist. Er pflegt seine eigene Unzugehörigkeit und leidet dennoch darunter. Nichts ist ihm so suspekt wie Heimatgefühle, nach nichts sehnt er sich mehr.

Es stellt sich die Frage, ob es Orte gibt, an denen selbst Vagabunden zuhause sein können.

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Beim Präsentieren – Quelle: Daniel Hufeisen

Vergangenes Wochenende trafen sich fast 40 Leute, manche davon Vagabunden, in der hessischen Pampa – ausgerechnet in Wabern – Emergent Deutschland veranstaltete dort Con:Fusion, ein kleines, konzentriertes Format. Ein Neustart.

Nachdem wir seit 7 Jahren jährlich unser Emergent Forum für ungefähr 120 Leute organisiert haben, merkten wir, dass wir außer Atem waren. Uns fehlte die Zeit, eigene Inhalte zu produzieren. Und bei den Foren war meist Schluss, wenn es interessant wurde.
Also entschlossen wir uns, unseren Rhythmus auf einen zweijährigen Zyklus umzustellen. Während das Forum nächstes Jahr einmal größer werden darf – wofür ausnahmsweise mit der großartigen Nadia Bolz-Weber eine Gastrednerin sorgen soll – ist mit Con:Fusion ein kleineres Format gefunden, bei dem stärker gemeinsam an Inhalten gearbeitet werden soll.

Weniger Leute, mehr thematische Arbeit, eine eigene Liturgie, gemeinsam kochen und Dinge produzieren.
Ein Kloster auf Zeit sagen manche.
Eine Heimat auf Zeit sagen andere.

Und das Experiment glückte.

Atmosphäre, ftw

Es ist doch erstaunlich, wie wenig verbraucht Emergent nach 7 Jahren wirkt. Immer noch sind mehr als ein Drittel der Leute neu. Jedes Mal. Und während manche die mangelnde Verbindlichkeit kritisieren würden, bin ich begeistert wegen des Zustroms von neuen Gedanken, neuen Gesichtern und Geschichten. Ein Ort, an dem man andocken darf.

Auch, wenn vieles irgendwie reduziert war, war doch die Atmosphäre so dicht wie selten zuvor. So persönlich wie selten zuvor. Und obwohl es mehr Vorgaben gab: so wenig vorhersehbar wie selten zuvor. Manchmal fragt man sich auch, was denn diese Gruppe von Leuten verbindet. Simon De Vries brachte es gut auf den Punkt:

“Das, was mir selbst wichtig ist, das kann ich bedenkenlos sagen, weil die anderen etwas aus meiner Geschichte lernen möchten. Das, was ich an Fragen und Zweifeln hab, kann ich äußern, weil ich weiß, dass uns eher die gemeinsamen Fragen und Zweifel verbinden als Antworten (wenn wir denn welche haben). Das, was bei mir an Ideen und Gedanken noch ganz unfertig ist, kann ich zur Verfügung stellen, weil ich ausreden darf und jemand anders etwas ergänzen wird, das meinem Gedanken mehr Tiefe verleiht, ihn in einen größeren Zusammenhang stellt oder auf andere Weise schön macht.”

Wo bleiben die Inhalte?

Es gab dieses Mal drei thematische Stränge, für die man sich pro Tag entscheiden musste. Walter sprach von der Entbürgerlichung des Christentums. Peter nahm sich Walter Winks Theologie der Mächte und Gewalten vor und ich sprach zur fluiden Moderne von Zygmunt Bauman.

Bauman geht ja davon aus, dass sich die frühmoderne Ordnung, jener “stahlharte Käfig” aus technischer Rationalität verflüssigt, das Zusammenhänge aufgelöst und Bindungen flexibilisiert werden. Dabei werden auf der einen Seite Individuum freigesetzt, auf der anderen Seite findet eine große Entsolidarisierung statt. So stellen sich zwei Fragen: Wie kann man unter diesen Umständen Orte der Zugehörigkeit schaffen, die zum einen offen genug sind, damit Vagabunden und Flaneure andocken können, und dennoch stabil genug, damit diese Orte auch noch existieren, wenn man sie denn dringend benötigt. Zum anderen stellt sicht die Frage, wie die eigene Lebensform in fluiden Zeiten so gestaltet werden kann, dass man nicht vor den Ambivalenzen flieht, sondern in ihnen Verlässlichkeit und Solidarität üben lernt.

Dabei stellte sich die Frage, ob in einer Gemeinschaft, die sich stärker zu dem fluiden Pol hinbewegt, dann doch so etwas wie “zähflüssige” Kerne entstehen müssen; also konkret ein paar Leute, welche aktiv Räume offen halten. Das wäre dann eine positive Definition von Institutionalisierung: das Offenhalten von Räumen, die sich sonst von selbst wieder schließen würden.

Vielleicht müsste man in der Tat – an anderer Stelle ausführlicher –  dann auch über die Lebensform des Gastgebers nachdenken. Nur so viel: der Gastgeber müsste wohl gleichermaßen Poet (poiesis – gestalten) sein, wie er Ästhet (aisthesis – wahrnehmen) ist; er müsste also gestalten und Räume schaffen und lernen wahrzunehmen und aufnahmefähig zu sein.

Bei der Frage nach der Art von menschlichen Beziehungen kam dann Volf Metapher der Umarmung ins Spiel. Er denkt Identität und Beziehung prozesshaft. Sie besteht aus Momenten der Öffnung für den Anderen, als Öffnen der Arme bzw. Öffnen der eigenen Grenzen. Dieser vom Begehren motivierte Schritt verknüpft sich mit einer Zeit des Wartens, die den Respekt vor den Grenzen des Anderen ausdrückt. Das ist ein Moment, in dem auch eine Umarmung zur Awkwardness kippen kann. In dieser Asymmetrie wird etwas eröffnet, wird ein Angebot ausgesprochen und ein leerer Ort geschaffen, an dem es sicher ist, einzutreten. So lässt sich vielleicht die Lebensform des Gastgebers bestimmen: eine diskrete Einladung und Respekt vor den Grenzen des anderen.

Zuletzt spricht Volf vom Moment des Schließens der Arme als vollzogene Umarmung, in der Beziehungen aktuell werden und in die Rolle von Gast und Gastgeber sich verschränken. Schließlich dann das erneute Öffnen der Arme, das verhindert, dass Beziehungen zur Verschmelzung oder zur Unterwerfung führen.

Hier stellt sich im Anschluss die Frage, wie man in einer fluiden Welt das “Öffnen der Arme” aushält, wo doch vielleicht nie ganz klar ist, auf wen man sich selbst im Notfall verlassen kann. In der Tat: Verlässlichkeit ist wohl nichts, dass man stillschweigend erwarten kann. Es ist aber etwas, zu dem man sich entschließen kann. Und diese Asymmetrie lässt sich dann aushalten, weil man weiß, dass etwas oder jemand (ganz) anderes sich immer schon einseitig zu einem selbst in Beziehung gesetzt hat. Andere annehmen und aufnehmen, weil man immer schon derjenige ist, der auf- und angenommen wurde. So irgendwie.

Lesung – Quelle: Peter Aschoff

Wahr-Nehmen

Am letzten Abend gab es dann eine spontane Lesebühne: verschiedene Leute (wie Mathilda, Simon de Vries, Peter, Konstantin und andere) trugen vor allem selbstgeschriebene Texte vor, wir hörten Musik und sahen Filme. Und das Ergebnis war wirklich stimmig. Auch hier herrschte wieder das Gefühl vor, dass Dinge zusammenkommen. Gerade die verschiedenen Stile und Sprachebenen wirkten dabei im Nebeneinander bereichernd.

Es zeigt sich doch, dass das Ästhetische nichts Nachgeordnetes, bloß Dekorierendes sein darf. Unserer Sprache fehlt nicht selten die Subtilität, die Feinheit des Ausdrucks und gleichzeitig ist sie zu glatt, die Bilder zu rund, zu vorhersehbar. Es braucht vielleicht solche Probierfelder, in denen man mit seinem Ausdruck spielen lernt. Gleichzeitig nach Neuem sucht und Kitsch (also allzu Pathetisches, allzu Tiefsinniges, allzu emotional Übergriffiges) vermeiden lernt. Und kitschfrei war der Abend wirklich. Schön!

Fazit:

Irgendwie scheint Con:Fusion sich jetzt schon zu bewähren: Zeit für inhaltliche Arbeit.
Persönlicher Austausch mit Leuten, die man nie kennengelernt hätte, Rumspinnen und Rumtrinken.* 
Eine Atmosphäre der angenehmen Unvorhersehbarkeit. Außerdem war bei manchen das Gefühl zu spüren: irgendwie muss etwas mit der Energie passieren, die dort freigesetzt wurde. Irgendetwas muss geschehen. Schauen wir mal.

Und am Morgen danach reibt man sich die Augen und wundert sich über das, was man so Alltag nennt. Denn man hat einen Ort gefunden, an dem man vielleicht nicht mehr fehl am Platz ist, sondern von dem ausgehend manches, was man für alltäglich und alternativlos hält, plötzlich so starr nicht mehr ist.

*der musste einfach sein.

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