Andacht zum Fahradfahren oder: das Evangelium ist kein Lagerfeuer

Nun habe ich meinen neuen Job im Ökumenischen Wohnheim als Studienleiter angetreten. Da es Teil des Jobs ist ca. alle 1,5 Wochen eine Andacht vorzubereiten und ich die doch meistens ganz ausformuliere, hier mal eine solche Andacht. Es knüpft an, an eine Frage, die ich die Woche davor aufgeworfen habe, nämlich: wie sieht eine Spiritualität des Gegenwärtigen und Alltäglichen aus?

Lesung:

Joh 17,18: So wie Du mich in die Welt gesandt hast, so habe ich sie in die Welt gesandt.

Andacht:

Letzte Woche habe ich die Frage aufgeworfen nach einer Spiritualität des Alltäglichen, des Weltlichen, nach einer Spiritualität, die eben nicht nur in stillen Kämmerlein oder hinter dicken Kirchenwänden funktioniert, sondern inmitten eines herausfordernden Lebens, inmitten der Vielzahl von Eindrücken aber auch von Langweile, inmitten von Sinnlichkeit und Sinnlosigkeit, inmitten der Fülle des Lebens, aber auch seiner Leere und Stumpfsinnigkeit, inmitten von Begegnungen, die mal belebend, mal frustrierend sind. Inmitten einer Welt, die scheinbar den Glauben an Gott gar nicht so unbedingt braucht, um gut zu funktionieren.

Ich habe einen Text gefunden, darüber wie man mit diesen Spannungen umgeht. Eine Art postmodernen Psalm.

Fahradspiritualität

„Immer weiter!“, sagst du, Gott, zu uns
in allen Kurven des Evangelium.
Um die Richtung auf dich zu behalten,
müssen wir immer weitergehen,
selbst wenn unsere Trägheit verweilen möchte.

Du hast dir für uns
ein seltsames Gleichgewicht ausgedacht, ein Gleichgewicht,
in das man nicht hineinkommt
und das man nicht halten kann,
es sei denn in der Bewegung,
im schwungvollen Voran.

Es ist wie mit einem Fahrrad,
das sich nur gerade hält,
wenn es fährt;
es lehnt schief an der Wand,
bis man es zwischen die Beine nimmt
und davonbraust.

Alle Heiligen, die uns als Vorbilder gegeben sind,
oder zumindest viele davon,
lebten nicht ohne “Versicherung”, einer Art “geistlicher Krankenkasse”,
die sie schützte gegen Gefahren und Krankheit,
und die sogar ihre geistlichen Kinder mit einbezog.
Sie hatten feste Gebetszeiten, bestimmte Bußübungen,
eine ganze Sammlung von Ratschlägen und Verboten.
Aber für uns spielt das Abenteuer deiner Gnade in einer Zeit,
die fast aus der Bahn gerät in ihrem Drang nach Freiheit.
Uns willst du keine Landkarte geben.

„Du willst uns keine Landkarte zur Orientierung geben.
Unser Weg soll durch die Nacht führen.
Kommt eine neue Strecke, leuchtet ein Licht auf,
wie die Lampe eines Signals.
Oft ist das einzige, was sich sicher einstellt,
eine regelmäßige Müdigkeit aufgrund derselben Arbeit,
die täglich zu leisten ist, desselben Haushalts,
der immer wiederkehrt, derselben Fehler,
die zu bekämpfen sind, derselben Dummheiten,
die wir vermeiden sollten”

 ZWISCHENSPIEL

Es gibt ja im christlichen Glauben zahlreiche Spannungen. Oft wird man vor Alternativen gestellt: willst Du einen weltzugewandten Glauben leben oder einen gottzugewandten? Willst Du dein Leben dem Engagement für Gerechtigkeit widmen oder der Spiritualität? Willst Du liberal sein oder konservativ? Willst Du in der Welt leben oder eher der Welt kritisch gegenüberstehen? Willst Du dich darauf konzentrieren Gott zu lieben oder deinen Nächsten?

Ich habe den Eindruck, dass man diese Alternativen zurückweisen muss. Das ist kein „entweder – oder“, sondern eine Spannung. Aber es geht auch nicht darum, irgendwelche Mittelwege zu gehen. Irgendwie gilt es beide Wege so ganz zu gehen.

Aber wie soll das funktionieren?

Madeleine Delbrel verwendet das Bild des Fahrradfahrens. Beim Fahrradfahren kann man das Gleichgewicht nicht halten, wenn man sich nicht bewegt. Auch beim Glauben scheint mir dieses Gleichgewicht unmöglich zu sein, wenn man nicht mit seinem ganzen Leben in Bewegung ist.

Sie beschreibt aber den Glauben in der heutigen Zeit als ein Fahradfahren im Dunkeln. Für unsere Zeit, so sagt sie, funktionieren viele Althergebrachte Rezepte nicht mehr. Es gibt keine „geistliche Krankenkasse“, keine Versicherung, keine festen Formen, die einfach so funktionieren.

Uns ist keine Landkarte gegeben. Kein Navigationssystem, kein Autopilot. Wir müssen improvisieren lernen. Müssen je neu lernen, was es denn heißen kann, heute in dieser Lebensbewegung zu sein, die man gern verkürzt als „Christentum“ bezeichnet. Und dabei wissen wir nicht viel mehr als vielleicht den nächsten Schritt.

Wer ist denn nun diese Madeleine Delbrel und wie kommt sie zu so einer Diagnose?

Man nennt Madeleine Delbrel auch „Mystikerin der Straße“. Madeleine Delbrel wurde 1904 in Südfrankreich geboren. Sie kam zwar aus einer – wie es so schön heißt – milieukatholischen Familie. Doch war sie nicht sehr stark geprägt vom christlichen Glauben. Als hochbegabte, junge Frau studierte sie Philosophie und Kunststudentin an der Sorbonne und war immer mehr von der Absurdität dieser Welt überzeugt. Schon mit 17 schrieb sie: „Gott ist tot! Es lebe der Tod!“.

In Paris lernt sie Jean, einen jungen Theologiestudenten kennen und die beiden verlobten sich. Dadurch kommt sie in den Kontakt mit christlichen Gruppen, die so ganz anders waren, als sie gewohnt war: ganz im Hier und Jetzt verwurzelt, dennoch spirituell, ganz realistisch und dennoch von einer anderen Wirklichkeit überzeugt. Irgendwie passierte in den Moment, als sich Jean von ihr trennte um Dominikaner zu werden und unter den Eindruck dieser Gruppe von Menschen etwas, dass sie als Gottesbegegnung bezeichnet hat. Als eine sehr charmante und gleichzeitig überwältigende Erfahrung. Sie schreibt:

Dann habe ich betend und nachdenkend Gott gefunden, aber indem ich betete, habe ich geglaubt, dass Gott mich fand und dass er lebendige Wirklichkeit ist und dass man ihn lieben kann, wie man eine Person liebt.“

Als Antwort auf dieses Erlebnis wollte sie Karmeliterin werden, um sich ganz der neu gewonnenen Gottesbeziehung zu widmen. Doch dazu kam es nicht. Sie hätte sich entscheiden müssen zwischen der Pflege ihrer Spiritualität und der Pflege ihres depressiven Vaters und so entschloss sie sich dazu, stattdessen Soziale Arbeit zu studieren. Zusätzlich kamen zwei Frauen auf sie zu, die gemeinsam mit ihr eine geistliche Gemeinschaft mitten in der Stadt gründen wollten.

Und so gingen Sie mitten in einen der atheistischen Vororte von Paris: Ivry.

Ivry war ein Arbeiterort, der stark von kommunistischen und anarchistischen Menschen geprägt war, die Madeleine zeitlebens mit ihren Einsatz für soziale Gerechtigkeit, für die Armen und Marginalisierten beeindruckte.

Zunächst wollte Sie in ein Pfarrhaus ziehen und doch merkten Sie, dass sie damit sich nur in einer für sie vertrauten Umgebung isolieren würde anstatt sich wirklich auf das Leben der Menschen in dem Ort einzulassen. So zogen sie in ein schlichtes Reihenhaus und versuchten ein kontemplatives Leben ganz inmitten einer zunächst feindlich eingestellten Umgebung zu leben. Schnell jedoch wurde dieses Haus zu einem Ort der Gastfreundschaft besonders für Menschen am Rand, die mit ihren Sorgen dorthin kamen.

Als in den 40er Jahren die Nazis anrückten und die Kommunisten aus dem Ort flohen, vertrauten sie Madeleine Delbrel die Aufsicht über die sozialen Einrichtungen vor Ort an. So groß war mittlerweile das Vertrauen in Madeleine, die enge Freundschaften mit den Kommunisten pflegte ohne die weltanschaulichen Differenzen zu leugnen.

Doch hauptsächlich war sie für die Leute vor Ort aktiv und lebte engagiert, aber nie sehr laut ihren Glauben vor Ort. Dabei entstanden auch so viele Texte, die eine ganz andere, ganz alltägliche Sprache sprechen, die so gar nicht fromm klingt.

Was mich an Ihr so beeindruckt, ist das, was ich radikale Zeitgenossenschaft nennen möchte. Es wäre so einfach gewesen, sich in einer sicheren, vertrauten Umgebung dem Gebet zu widmen oder doch zumindest, in einer Gemeinschaft Gleichgesinnter den Kopf zu schütteln über die Zustände dort draußen. Es wäre so einfach, sich in eine kleine behütete Welt zurückzuziehen, in der man nicht mehr viel erklären muss, in der alle gleich denken und gleich fühlen. Aber genau das scheint ja das Christentum für sie eben nicht auszumachen. Für sie vollzieht sich der Glauben auch darin, dass man in fremde Welten eintaucht, sich ganz der Welt zuwendet. Rückhaltlos.

Sie schreibt „Das ewige Leben, dass uns geschenkt wurde, damit es die Welt durchwohnt: wir werden es verraten, wenn wir im Bleibenden vor Anker gehen, uns nicht von diesem Leben versetzen lassen wollen in eine Zeit, die die unsere ist.“

Das ist doch ein interessanter Gedanke: das ewige Leben ist nicht einfach ein Leben nach dem Tod, sondern eine Qualität von Leben, die „die Welt durchwohnen“ soll. Man verrät das Christentum, so Delbrel, wenn man es als einen ewigen Besitz, den man verwaltet oder wenn man es als eine ewige Wahrheit, auf die man sich berufen kann, betrachtet. Das Christentum ist für sie weniger ein Satz von festen Wahrheiten oder eine bestimmte zeitlose Tradition, es ist kein Lagerfeuer, um das sich in dunkelen Zeiten eine kleine Gemeinschaft versammeln kann, sondern eine Bewegung in die Welt hinein. Eine Bewegung, die nicht einfach Anpassung ist, sondern der Versuch im Gegenwärtigen Gott zu finden und zu bezeugnen. Sie ist getrieben von der Überzeugung, dass es dem Christentum nicht gut steht, einfach den Status Quo zu verteidigen, einfach nur die große Kette der Überlieferung weiterführen zu wollen.

Sie schreibt weiter: „Ist der Glaube nicht der zeitliche Einsatz des ewigen Lebens? Ist unserer Irrtum in Bezug auf unseren Weltauftrag nicht dieser: dass wir befürchten, zu sehr der Zeit angepasst zu sein – es aber im Grund zu wenig sind? Um unseren Glauben in unserer Zeit und unserer Welt hier und heute zu leben, sind wir gezwungen unser christliches Leben mit allem in Einklang zu bringen, was heutzutage beschleunigt, momenthaft, unmittelbar ist; wir sind dabei gezwungen nicht anders zu glauben, sondern anders zu leben; nicht unseren Glauben bis zum Exzess auf die Bewegung der Zeit auszurichten, sondern uns selbst so auszurichten, dass wir den Willen Gottes in dieser Bewegung sehen, wählen, tun. Wenn wir versuchen, einfach nur den Glauben zu bewahren, einfach nur Christ zu bleiben verkümmert unser Glaube meist – und meist bleiben wir gerade dann keine echten Christen mehr. Denn der „Status Quo“ scheint uns, von nahem betrachtet die tödlichste Einstellung zu sein“.

Sich also radikal den Umständen der Zeit nicht etwa anzupassen, sondern auszusetzen. Nicht der Zeit hinterherzuhecheln, sondern ganz in die Gegenwart eingetaucht zu sein. Nicht alte Zustände betrauern, sondern Gott im Gegenwärtigen suchen. Sich jeder Flucht verweigern; sich eben nicht in ein weltanschauliches Getto zurückzuziehen, in dem alles so schön vertraut ist, dass aber mehr musealen Charakter hat.

Nicht in pastoralen Tonfall über diese schwierigen Zeiten heute reden, sondern all die Widersprüche, die Sackgassen, aber auch die Schönheit der Gegenwart am eigenen Leib erfahren.
Und dabei die Spannung halten: ganz ein Zeitgenosse zu sein und ganz auf Gottes Zukunft ausgerichtet zu bleiben, ganz solidarisch mit den Menschen heute und ganz weltfremd, aber nicht aus Unwissenheit und Naivität, sondern weil wir gerufen sind, mitten in der Wirklichkeit einen Raum offen zu halten für eine andere Wirklichkeit, die im Kommen ist.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s