Ostdeutschland und die Politik der Sichtbarkeit

Es hat schon einen irgendwie fahlen Beigeschmack dieses Interview mit Joachim Gauck in der Gethsemane Kirche in Berlin zum 25. Jubiläum des Mauerfalls. Schon die Wahl des Ortes spricht eine gewisse Sprache: hier spricht jemand aus einer Kirche heraus, die Teil der Ereignisse des Herbstes 89 war. Hier spricht also jemand in Namen der Akteure des “Wendeherbstes” und in Namen eines Protestantismus, der sich gerne als Hort der Freiheit gibt. Fast schon vermeint man zu hören, die Wende sei eine protestantische Revolution gewesen.
Alles an diesen Äußerungen spricht von einer Strategie der Vereinnahmung der damaligen Akteure, eine Strategie, die auch gleichzeitig einen großen Teil der ostdeutschen Wählerschaft zu entmündigen scheint. Doch warum sollte man dieses Fass überhaupt aufmachen? Scheinen doch Gauck und Merkel die besten Beispiele für eine gelungene Wiedervereinigung zu sein.

Eigentlich scheint doch alles gut und vielleicht ist es doch längst überholt, die Kategorien von Ost und West zu bemühen. Doch vielleicht steckt hinter dem in Ost und West sehr geläufigen Satz “das ist doch längst kein Thema mehr” genau ein Problem: weil es vielleicht nie hinreichend thematisiert worden ist.

Elephantenrunde und bockige Bayern

Ich erinnere mich gut an die sogenannte Elephantenrunde nach der Bundestagswahl 2013, in der die Spitzenkandidaten der 5 großen Parteien und der FDP in einer Runde saßen und das Wahlergebnis kommentierten. Thema Nummer eins war damals neben dem Ausscheiden der FDP vor allem die Autobahnmaut, auf die die CSU drängte, wie schon vorher auf die Einführung des Betreuungsgeldes. Die Partei DIE LINKE war mit 8,6% bundesweit die größte Oppositionspartei und mit 22,7% in Ostdeutschland klar zweitstärkste Kraft. Bei der Elephantenrunde im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, wurde jedoch weniger mit der Partei gesprochen als über sie gesprochen. Die SPD sollte sich zur Regierungsfähigkeit der LINKEN äußern, Experten kamen und sprachen darüber, was ostdeutsche Wähler zu solch komischen Wahlentscheidungen bewegte. Da konnte fleißig darüber spekuliert werden, ob viele Ostdeutsche noch fremdeln mit der nicht mehr ganz so neuen Freiheit oder ob es sich um bloße Protestwähler handelte. Die Medien zeigten hier und an anderer Stelle die Tendenz nicht nur eine Partei aus einem Dialog auszugrenzen, sondern damit auch einen großen Teil der Wählerinnen in Ostdeutschland zu entmündigen. Sie werden im Blick der Experten und unter den “kritischen Fragen” der Journalisten zum bloßen Kuriosum, dass es zu erklären gilt. Die Wähler wurden zum Objekt der Analyse, ohne dass man ihnen dabei den Status als mündige Subjekte politischen Handelns zubilligte. Und das ganze während zeitgleich eine bockige bayrische Regionalpartei, die jüngst nicht selten ein gewisses Defizit beim Verständnis von demokratischen Prozessen zeigte, mit ihren Vorschlägen, die eben diese Experten quer durch die politischen Lager als kurios beurteilten, völlig ernst genommen wurde.

Das Unvernehmen

Darin zeigt sich ein Unvermögen zum Zuhören, das man ja dem deutschen Bildungsbürger gern mal nachsagst, aber hier eine politische Komponente bekommt. Das Unvernehmen, wie es der Philosoph Jacques Ranciere nennt, zeigt, dass auf der Kehrseite des sogenannten “breiten gesellschaftlichen Konsens” immer auch Positionen stehen, die ungehört bleiben. Erfahrungen, für deren Artikulation es weder Begriffe noch Räume zum Sprechen gibt. Ganze Gruppen werden auf lautlos gestellt. Damit sei nicht gesagt, dass alles, was im öffentlichen Raum ungehört bleibt, gleich wertvoll ist, aber im Falle Ostdeutschlands scheinen wertvoll-irriterende Erfahrungsbestände im Namen des postulierten Zusammenwachsens einfach ausgeblendet. Hier scheint ein Fehler unterlaufen zu sein: das sogenannte Zusammenwachsen wurde sehr schnell (von beiden Seiten übrigens) von einem Postulat zu einer Tatsache erklärt, ohne sich darüber Gedanken zu machen, dass es nicht bloß um die Mauern in den Köpfen geht, die einzureißen sind, sondern um spezifische Erfahrungen, die zu teilen sind, Identitäten die in beiden Teilen Deutschlands zu rekonstruieren sind und Menschen, die anzuerkennen sind in ihrem Bemühen, sich in einem dumpf-durchwalteten Überwachungsstaat Spielräume zu erhalten.

Doch es herrscht eine zumeist freundliche Ignoranz vor. Unter dem Diktum: “das ist heute kein Thema mehr” werden reale Unterschiede in der Art die Welt wahrzunehmen einfach stumm geschaltet. Dort, wo man das Zusammenwachsen betont, wird die Rede über Differenz unterdrückt. Den Gedanken, dass hier Erfahrungsbestände liegen, welche die eigene Art die Welt wahrzunehmen brechen, irritieren und dadurch bereichern könnten, spürt man recht selten. Integration – so scheint es ja noch heute – heißt, dass “DIE DA” wie “WIR” werden. Sie bemisst sich an der jeweils gesellschaftlich tonangebenden Gruppe, zumeist bürgerlich, westdeutsch, männlich.

Ostdeutsche Erfolgsgeschichten? 

Und auch, wenn es da mit Merkel und Gauck ostdeutsche Erfolgsgeschichten geben sollte, dann handelt es sich doch in beiden Fällen um Menschen, die gut ins Bild passen, die sagen, was man hören möchte und die dabei helfen, die Ereignisse um den Mauerfall in einer Weise zu vereinnahmen, die die Hauptakteure der friedlichen Revolution ’89 (nämlich: Friedens- und Umweltbewegung, einzelne  kirchliche Akteure wie Schorlemmer – schonmal gehört? – und Künstlerinnen) einfach stumm schaltet.

Unsichtbarkeit, Deutungsmacht, Paternalismus

Es geht also um eine Invisibilisierung von jenen ostdeutschen Erfahrungsbeständen – insbesondere aus den ersten 5 Jahren nach der Wende – die nicht gut ins Bild der geglückten Wiedervereinigung passen. Es geht um fehlende Lernbereitschaft und fehlende Toleranz für ein anderes symbolisches Koordinatensystem. Es geht um fehlende Anerkennung, die nicht zuletzt auch in dem finanziellen Desaster sinnfällig wird, dass auf die ostdeutsche Generation von Rentnern zukommt, die nun vor der Altersarmut stehen.

Es geht auch um eine Politik der Deutungsmacht, in der ein Verbund von Historikerinnen, Politikern und Theologen versuchen, die Wahrheit über die Revolution ’89 festzustellen, die sie in dem Begriff der Freiheit vermuten (ein Begriff, der außer in Bezug auf die Reisefreiheit erstaunlicherweise in vielen der zeitgenössischen Äußerungen fehlt) und diesen Begriff nun so gerne so füllen, dass er ihrem weltanschaulichen Programm entspricht. Die zeitgenössischen Akteure kommen dabei kaum zu Wort.

Und zuletzt geht es um eine Politik des Paternalismus, in der von Seiten wohlmeinender Kommentatoren, den Ostdeutschen eine gewisse Lernkurve zugestanden wird: “sie fremdeln noch und müssen sich daran gewöhnen, wie die Dinge hier laufen.” Damit macht man ein weiteres Mal das Eigene zum Maßstab, nach dem sich alles zu richten hat ohne auch nur einen Moment von (Selbst-)Zweifeln und Kritik zuzulassen.

Zusammengefasst: Die Spezifik ostdeutscher Erfahrung ist deshalb heute kein Thema mehr, weil sie nicht thematisiert werden kann.  Weil es keine Register des Sprechens gibt, keinen Ort der Aussprache und keine Möglichkeit Konflikte als solche zu benennen. Übrigens höre ich immer wieder von Menschen, die heute nach Ostdeutschland ziehen, dass die kulturellen Unterschiede völlig evident, wenn auch schwer benennbar sind. Die Unfähigkeit, anderen eine Stimme zu geben und sich von fremden Erfahrungen angehen zu lassen auf der einen, die Unfähigkeit, seine Stimme zu ergreifen und die Spezifik der eigenen Erfahrung völlig ohne Verbitterung und Nostalgie in den Diskurs einzubringen auf der anderen Seite zeigen, dass auf der kulturellen Ebene noch viel geschehen muss.

Und vielleicht muss man sich dabei ganz zu allererst von der Metapher des Zusammenwachsens verabschieden. Oder um einmal einen Satz Christa Wolf in ihrer Rede am Alexanderplatz am 4. November in einen anderen Kontext zu verpflanzen: “Das nennt sich nun Dialog. Wir haben ihn gefordert. Nun können wird das Wort fast nicht mehr hören. Und haben doch noch nicht wirklich gelernt, was es ausdrücken will.”

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