Freiheit als Antwort verstehen (Teil 3)

Wenn man über das Gefühl redet, frei zu sein, kommt man vermutlich nicht ganz an Jean-Paul Sartre vorbei, der ja den Menschen “zur Freiheit verdammt”. Und wenn wir schon dabei sind, komplexe Denker auf ihre Punchline zu verkürzen, dann muss jetzt auch natürlich das berühmte Diktum “die Existenz geht der Essenz voraus” fallen. Kurz gesagt bedeutet das, dass es kein wahres, inneres Wesen gibt, welches man einfach freilegen kann. Vielmehr hat das freie Bewußtsein immer die Möglichkeit, sich zu dem zu verhalten, was es geworden ist. Es kann sich je neu frei in die Welt entwerfen. Wer ich im Wesen bin, entdecke ich nicht, sondern durch mein Leben und meine Entscheidungen werde ich zu jemanden. Keine Vergangenheit fesselt mich absolut, keine Prägung ist endgültig, keine Identität legt mich fest und keine Bindung kann mich wirklich halten – wenn ich nicht will. Kurzum: das Leben wird zum Machwerk, ich werde zum Schöpfer meiner selbst, mein Leben ist im Wesentlichen ein Produkt meiner Entscheidungen.

Wenn es auch Momente gibt, in dem dieser existentialistische Freiheitsbegriff Menschen aus der Apathie herausreißen kann, so wirkt er doch meiner Erfahrung nach eher lähmend und überfordernd. Jede Entscheidung wird so unglaublich aufgeladen, dass sie Ängste auslösen muss. Die Ausgangslage ist auch nicht ganz treffend beschrieben: ich stehe selten im Niemandsland und kann mich zwischen Optionen entscheiden, sondern ich stehe in vielfältigen Zusammenhängen (die ich zudem nicht alle überblicken kann). Auch gibt es bei Sartre eigentlich kaum Raum für Andere. Das menschliche Zusammenleben läuft bei ihn auf einen fundamentalen Konflikt der Freiheiten hinaus: entweder ich werde vom Anderen zum Objekt degradiert, unterwerfe mich seiner Herrschaft und gebe meine Freiheit auf oder der Andere wird von mir beherrscht. Liebe ist nur als sadomasochistisches Wechselspiel der gegenseitigen Unterwerfung denkbar. Hier sieht man dann das imperialistische Ego, welches souverän über seine Grenzen wachen und diese immer weiter ausdehnen will, so dass der Andere nur als Bedrohung und Konkurrent erscheinen kann. Auch, wenn ich in Prinzip ein großer Freund des Existentialismus bin – nämlich dort, wo er das Individuum ermächtigt – so glaube ich, dass dieser Freiheitsbegriff nicht ermächtigt, sondern notwendigerweise zu Neurosen und Zwängen und Selbstzerstörung führt.

Ich würde gerne eine Reihe von Gegenvorschlägen in die Diskussion bringen. Diese sind bei mir noch alle nicht so ausgereift und sie stehen alle in meinem Kopf noch eher unverbunden nebeneinander. Allen gemein ist, dass sie eigentlich das Anliegen der Freiheit, wie sie im letzten Teil dargestellt wurde, aufnehmen ohne der Freiheit den Primat zuzugestehen wie es liberale Theorien tun.

Gerne möchte ich mit Bernhard Waldenfels anfangen, der den Mensch als responsives Wesen versteht. Responsiv heißt antwortend (und nicht etwa: verantwortlich!). Der Mensch ist nicht zuerst einer, der im Niemandsland steht und sich in die Welt hinein entwirft, sondern ein Wesen, dem Dinge geschehen. Dem etwas widerfährt, auf das er Antworten finden muss.

Waldenfels spricht von Pathos und Response. Pathos heißt hier einfach das passive Erleiden von Erlebnissen, das Getroffenwerden von außen. Etwas, dass nicht unserer gewohnten Erfahrung entspricht, ereignet sich. Es geht uns an und unterbricht uns in unseren Projekten und Tagträumen. Nehmen wir an, ein Fußgänger fragt nach dem Weg. Sobald ich mich angesprochen fühle kann ich nicht mehr nicht reagieren. Ich kann zwar den Fußgänger ignorieren und schweigen aber selbst dieses Schweigen wäre “beredt”. So werde ich herausgefordert, indem sich mir etwas in den Weg stellt, dass es mir unmöglich macht, mich nicht dazu nicht zu verhalten.

Jede Art der Antwort, auch die negative, gewaltsame oder schweigsame Antwort, kann als Response bezeichnet werden. Waldenfels will vor allem auf Situationen heraus, die außergewöhnlich und außerordentlich sind, und in der es keine feste, “richtige” Antwort gibt. In diesen Situation muss ich eine kreative Antwort finden, ich muss etwas von mir geben, das ich vorher nicht besessen habe. Ich muss etwas erfinden. Dabei bin ich unvertretebar: niemand kann an meiner Stelle antworten, niemand kann für mich antworten und niemand kann so antworten wie ich.

Das, was das Pathos und Response Schema von einem einfachen behavioristischen Reiz-Reaktions-Schema unterscheidet ist das Auseinandertreten zwischen Pathos und Response. Es öffnet sich eine Kluft zwischen der Anfrage von außen und dem Moment des Antwortens. So wird die Antwort zu einer paradoxen Gabe: eine Gabe, die gibt, was sie nicht hat. Eine Antwort, die sich beim Sprechen selbst erstaunt zuhört. Diese Freiheit eine eigene Antwort zu finden bedeutet auch ausdrücklich die Freiheit mit Gewalt zu antworten oder die Frage zu ignorieren, es beinhaltet die Freiheit, alle Zelte abzubrechen und in ein anderes Land zu reisen. Doch die Freiheit wird mir zuerst von außen eröffnet. Sie ist eine Antwort auf eine Heraus-Forderung.

Wenn man die Freiheit als Spontanität, d.h. als Fähigkeit bezeichnet hat, selbst einen neuen Anfang zu setzen, so bezeichnet sie Waldenfels als Moment “selbst anzufangen, aber vom Anderen her”. Der Andere eröffnet mir erst durch seinen Anruf die Freiheit. Freiheit antwortet immer, selbst noch im höchst spontanen Handeln (das vielleicht wieder als Antwort auf die Situation des Überdrusses, des Erdrücktwerdens und der Vereinnahmung gelesen werden kann). Diese Responsivität als “Antwortlichkeit” ist zunächst einmal amoralisch, bzw ist früher als die Unterscheidung zwischen gut und böse (Waldenfels: “Ohne einen Moment von Amorialität wird jede Moral zur Herdenmoral”). Ja vielmehr wird erst im Ausgang von diesen Modell dann deutlich, was gut und böse heißen kann. So erscheint dann eine der größten Verfehlungen des Menschen nicht mehr nur die Gewalt oder der Stolz zu sein, sondern früher noch die Apathie und Indifferenz: die Monotonie, Gleichgültigkeit dem Leben gegenüber, die absolute Selbstzufriedenheit und Abgeschlossenheit. Dort, wo den Menschen nichts Fremdes mehr erreicht und er nur noch auf sich selbst oder auf Projektionen und Schatten seiner selbst trifft, ist er gerade nicht frei zu nennen, sondern tot. Freiheit benötigt auch das Übersteigen seines eigenen Horizontes. Freiheit ist eine Gabe, die ich mir selbst nicht geben kann, sondern die mir immer schon zugestoßen ist.

Wenn Freiheit immer antwortet, so erlaubt das die Rückfrage danach, was uns denn jetzt eigentlich vor eine Entscheidung stellt, was uns in Frage stellt und was für eine Situation mir eine Wahl aufnötigt. Denn auch die sogenannte Wahl ist eine Frage, die an mich herangetragen wird: “Wer möchtest du sein? Als welcher, möchtest du in die Ordnung des menschlichen Zusammenlebens treten?” Das erinnert daran, dass auch die Optionen, vor die ich mich gestellt sehe, in einem sozial ausgehandelten Feld erscheinen. Darauf nur zögerlich zu antworten ist auch ein Ausdruck der Freiheit, denn es könnte ja sein, dass die scheinbar klaren Alternativen, vor die ich gestellt werde, ganz andere Wege verdecken. Freiheit kann insofern bedeuten auf die Frage „Wer willst du sein?” mit einer Gegenfrage zu antworten: „Welche soziale, historische, kulturelle und machtpolitische Situation ist es, die mich vor diese Optionen stellt?“ Dies wäre dann ein Foucaultscher Begriff von Freiheit als Entunterwerfung. Doch auch diese zögerliche Antwort ist bereits eine erste Antwort.

Das Wichtige ist hier schon mal: die Freiheit kommt nicht von mir, sie wird mir eröffnet von Irgendwoher. Freiheit ist nicht radikal, am Grunde meines Seins liegend. Das Feld der Freiheit als Nicht-Festgelegtheit beginnt dort, wo etwas von außen an mich herantritt, auf das ich meine eigenen Antworten finden muss. So wird auch nicht mehr nur der Moment des Wählens als ein isoliertes Faktum betrachtet, sondern der ganze Zusammenhang der Wahl gerät in den Blick. Das erlaubt auch die Rückfrage: wer oder was nötigt mir eine Wahl auf? Freiheit löst sich aus den engen Zusammenhang mit der Entschiedenheit (man könnte auch sagen: Verbissenheit), welche die Existentialisten so gerne betonten, und auch der Moment des Zögerns, das die Entschiedenheit gerade ablehnt, erhält seine eigene Würde. Auch wird Freiheit zu einem Phänomen das sich im kreativen Umgang mit Widerfahrnissen zeigt, nicht bloß in der Durchsetzung meines Willens. So würden dann auch Situationen, in denen “zwei Freiheiten” aufeinanderstoßen nicht mehr notwendigerweise ein Konflikt um gegenseitige Unterwerfung beginnen. Es gäbe immer noch andere, kreative Antworten.

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