Freiheit als Antwort verstehen (2. Teil)

Da habe ich was angerichtet: jetzt habe ich einmal suspense eingebaut als wäre ich der Hitchcock der Laienphilosophie und schon stehe ich vor dem Problem, das jetzt der verehrte Leser eine große Antwort erwartet (wie ja die Überschrift fälschlicherweise zu suggerieren scheint).  Das Problem ist natürlich: eigentlich wusste ich, was ich weiter schreiben wollte, bis ich mal ne Nacht drüber geschlafen hatte. Also muss man das hier als eine tastende Erkundung in ein Problem verstehen, nicht dessen Lösung. Es gab auch einige schöne Kommentare: Neben dem sehr guten Kommentar von Karo (huhu!) hat sich inzwischen Wegesrand-Consti zu Wort gemeldet mit einer Beschreibung von Freiheit in Anführungszeichen:

“Sofort haben wollen. Und seine Ruhe haben wollen. Diese beiden Grundfreiheiten sind die alltägliche Praxis einer “Freiheit”, die ihre Anführungsstriche verdient hat. Weil sie ihren scheinbar ungebundenen Radius feiert, aber nicht die Fesseln an das kleine Ego.”

Meine Geschichte begann mit der Unzufriedenheit über einen Begriff von Freiheit als Unabhängigkeit und der Betonung von Relationalität des Menschen. Doch ist es eben auch nicht sehr zufriedenstellend, nun einfach Bezogenheit gegen Freiheit auszuspielen. Denn genau damit schreibt man ja das elende Problem fort, das Bundespräsidenten in ihren Sonntagsreden so gerne mit “Freiheit und Verantwortung” überschreiben. Also eine entfesselte Freiheit gegen eine unfreie Verbundenheit. Das Problem wird freilich selten in seiner Tragik gesehen, da Bundespräsidenten und andere Redenschwinger in einer Welt leben, in der eine alles überspannende, rationale Ordnung einen Ausgleich verspricht zwischen den Freiheiten des Einzelnen (die dann – wie man so schön verharmlosend sagt – an den Grenzen der Freiheit des Anderen endet) und den Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten der Individuen. Eine Welt der Verträge, Konventionen und Pflichten. Eine Welt mit Stechuhren, die klar Arbeitszeit von Frei-Zeit trennten, von klaren Job-Descriptions und Knigge Büchern, die einem sagen, was andere von einem zu erwarten haben. Also eine durchaus Welt, die heute genauso schön wie altbacken wirkt.

Und genau da, wo für Liberale das Problem gelöst scheint, fängt es doch im Grunde erst an. Denn das Pathos der Freiheit, so wie es heute auftritt, beginnt da, wo der Einzelne von der Tendenz zur Mittelmäßigkeit gelangweilt, von der Unübersichtlichkeit der Verantwortung überfordert, von der Enge dieser Ordnung erstickt wird. Es beginnt mit einem Gefühl der Ohnmacht dieser Ordnung gegenüber und einem Gefühl der bedrückenden Alternativlosigkeit des eigenen Lebens. Der Freiheitsdrang, der mich interessiert, ist eben ein außer-ordentlicher Freiheitsdrang.
Es geht um einen Ausbruch der Freiheit und Freiheit als einen Ausbruch. Vielleicht muss man sich solche Ausbrüche anschauen, um auch die Eigenlogik dieser Freiheit in Anführungsstrichen zu verstehen.

Gerade Menschen, die sehr ansprechbar sind für Verantwortung, für die Bedürfnisse anderer und für ungeschriebenen Regeln und Konventionen, passiert es gerne einmal, dass sich das angestaute Freiheitsbewusstsein irgendwann seinen Weg bahnt und ausbricht. Und es kann auch sehr heilsam sein einmal von den Pflichten zu lassen, einmal kurz die Zwänge abzuschütteln. Oder: den Mut aufzubringen, alte Wege zu verlassen und eigene Wege zu gehen. Manchmal scheinen aber auch Metaphern, die eher aus dem Bereich des Amoklaufes stammen, geeignet zu sein um so einen Ausbruch der Freiheit zu beschreiben. Denn die Überschrift über solch einen Ausbruch ist meistens mit “Jetztendlich ich!” ganz gut getroffen. Und da es keinen besseren Weg gibt, um sich zu verfehlen, als nach sich zu suchen, haben solche Ausbrüche nicht selten einen (selbst-)zerstörerischen Zug.

Wie entstehen solche Ausbrüche?

Gefühl der Überforderung – Mit der Befreiung großer Teile der Bevölkerung aus Zwängen und Konventionen geht nun der Zwang einher, eigene Entscheidungen zu treffen. Mit dem Abbau von äußeren Hürden wächst die Verantwortlichkeit des Einzelnen ins Unendliche, da jeder allein für Erfolg und Mißerfolg im Leben verantwortlich gehalten wird. Und mit dieser Verantwortung wachsen auch die Neurosen (sprich: die inneren Blockaden). Diese Verantwortung ohne Orientierung (danke, Karo!) ist vor allem eine Bürde: das Selbst fühlt sich zwischen einander wiedersprechenden Anforderungen zerrieben und weiß sich – wenn es nicht gelernt hat, Grenzen zu ziehen – nicht anders zu helfen, als einfach mal alle Anforderungen auf einmal auszusetzen.

Gefühl der Ohnmacht – Es scheint paradox: gerade mit der unendlichen Vielfalt an Möglichkeiten wächst dennoch das Gefühl von Ohnmacht, Handlungsunfähigkeit und Alternativlosigkeit. Die Aussichten auf ein substantiell anderes, auf ein selbst gestaltetes Leben scheinen mau. Unzufrieden mit der Welt, wie sie sich derzeit präsentiert, unfähig, sich noch wirklich eine andere vorzustellen, bleibt der Rückzug in Klischees und geborgte Identitäten. Wenn man gerade kein Geld für’s Bungee-Jumping hat, bleibt nur noch irgendeine Flucht, um sich überhaupt noch als handlungsfähig zu empfinden.

Gefühl der Enge -Ein Gefühl von Beklemmung und Fernweh zugleich in einer piefigen Welt jener selbstgenügsamen dorf-ähnlichen Gemeinschaften und jener pastellfarbenen heilen Welten. Also eine Reaktion auf eine Sicherheit, die irgendwie bedrückend erlebt wird, auf eine Sicht von Beziehungen und Gemeinschaften, die zu viel Nähe und Harmonie betonen. Aber – und das ist auch wichtig – eine Reaktion auf eine allumfassende Ordnung, die keinen Raum für andere Einflüsse von außen lässt. Eine Welt, in der nichts Fremdes mehr zu finden ist, in der schon alles vermessen scheint. Eine Welt ohne Überraschungen und ohne Geheimnisse.

Gefühl der Domestizierung – Mit der Enge zusammenhängend: die Domestizierung. In einer rational geordneten Welt geht es gerade darum, die Begegnung mit den gefährlichen und potenziell traumatischen Teilen der Persönlichkeit zu verhindern. Es geht also um den Anderen ohne seine traumatische Andersartigkeit, um Begegnungen allein unter dem Vorzeichen von Höflichkeit und Freundlichkeit, in der der andere immer schon eingebunden, verstanden und eingeordnet ist. Diese Domestizierung funktioniert manchmal derart gut, dass alle Beteiligten das Ungezähmte und Fremdartige in sich vergessen. Doch das Unbehagen in der Kultur bleibt und bahnt sich manchmal gerade da einen Weg, wo die Sozialkontrolle am größten ist: z.B. in Institutionen wie Schulen. (Man denke hier tatsächlich an School Shootings – muss man nicht sagen, dass diese der konsequenteste Ausdruck einer absoluten Freiheit sind?).

Bei all diesen unterschiedlichen formatierten Ausbrüchen der Freiheit zeigt sich ja doch, dass sie Antworten sind auf konkrete Situationen der Überforderung, der Vereinnahmung und Ein-ordnung. Auf Situationen also, die die Integrität des Selbst und seiner Grenzen bedrohen, die die Handlungsfähigkeit des Einzelnen lähmen, die die Differenzen zwischen Menschen in einer undifferenzierte Nähe aufheben oder ihn in eine als allumfassend erlebte Ordnung einzwängen.

Anders gesagt: solche Ausbrüche der Freiheit sind nicht einfach nur Ausdruck von hemmungslosen Egoismus; manchmal erscheinen sie als Akte der Notwehr oder zumindest der Selbstbehauptung. Sie zeugen von der Schwierigkeit, Grenzen zu ziehen und von einem zu engen Konzept von Institution, Gemeinschaft und Beziehungen, in denen kein Raum für die Andersartigkeit des Anderen gelassen wird.

Soviel mal dazu, wo ich den Ansatz für einen schiefen Freiheitsbegriff sehe und wo ich ihm sogar Recht geben möchte. Mich hat jetzt diese Geschichte hier auf einen anderen Pfad geführt, als ursprünglich geplant, aber sei’s drum: mal schauen, ob’s einen dritten Teil mit der großen Lösung gibt (gut hegelianisch wäre es ja). Solange jetzt aber lieber: Musik:

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