Freiheit als Antwort verstehen (1. Teil)

Ich habe eine schwierige Geschichte mit der Freiheit.

Von Freiheit reden oft die, die nicht tief fallen werden. Freiheit scheint heute eine Sache derer, die abgesichert sind – sozial und finanziell. Sie scheint eine Sache derer, die es sich eben leisten können vollmundig große Worte zu nutzen. Ja, es sich leisten können: leisten und kaufen und rücksichtslos sein. Das ist das Wortfeld, das sich mir eröffnet, wenn ich den Begriff der Freiheit höre.

Und Zigarettenwerbung. Und in Schlangen vordrängeln. Und die FDP.

Kurzum: so vieles von dem, was nun eigentlich falsch läuft in – denken wir ruhig groß – der Welt, scheint ungut mit diesem Begriff in Zusammenhang zu stehen. So höre ich den prototypischen resignierten Materialisten: “Was nutzt Freiheit, wenn ich mir davon nichts kaufen kann?” Oder höre es noch eckkneipen-knarzig nachhallen:”Dafür sind wir ’89 nicht auf die Straße gegangen!”.

So dekonstruierte ich auch lange fröhlich die vorherrschenden Freiheitsbegriffe. Treten sie nun “positiv” oder “negativ” auf, als “Freiheit für” oder “Freiheit von” oder als Willensfreiheit oder Handlungsfreiheit, als innere oder äußere Freiheit. Die meisten Freiheitsbegriffe setzen doch recht naiv und selbstverständlich einen Begriff des vor-sozialen Selbst voraus: also eine Konzeption des Selbst, welches völlig autark außerhalb von Bindungen existiert und existieren kann. Dies gibt es in der aufklärerischen oder in der romantischen Version.

In der aufklärerischen Variante besteht das autonome Selbst darin, dass es sich kritisch von den Traditionen und Konventionen distanzieren kann; dass es durch Distanznahme als eigenständiger, kritischer Beobachter über allen steht und so im Niemandsland stehend rational begründete Entscheidungen trifft. Doch was, wenn die Distanznahme selbst schon Konvention ist? Was, wenn es eine ganze Tradition des Post-Traditionellen gibt? Eine Tradition, die man zwar verkürzend, aber auch nicht ganz falsch als “der Westen” bezeichnen kann. Steht man dann wirklich im Niemandsland oder hat man nur einfach seine Verstrickung in die eigene Tradition nicht durchschaut? Und ist dieses Niemandsland der absoluten Freiheit wirklich ein Ort, an dem man sich aufhalten wollte?

In der romantischen Version der Freiheit geht man von irgendeinem wahren Selbst aus, irgendeinen reinen Kern weit in der Tiefe des Innenlebens, welcher durch Konventionen und Zurichtung überwuchert wurde. Freiheit bestünde so im Ausdruck dieser inneren Tiefe, im freien Ausleben dessen, “was man eigentlich will” in der Überwindung von Entfremdung. Doch was, wenn diese Tiefe vor allem eine Untiefe darstellt? Was, wenn wir uns selbst nicht in dieser Weise durchsichtig sind? Was, wenn wir zur Selbstfremdheit verdammt sind? Was, wenn das vorgeblich wahre Selbst nichts als Widersprüchliches beinhaltet? Was, wenn also das Eigene und das Fremde in dieser Weise nicht zu trennen ist? Was, wenn der innere Kompass in alle Richtungen gleichzeitig ausschlägt? Was, wenn sich zeigen ließe, das selbst noch die Faszination für das Abgründige und Dämonische nichts weiter ist, als die willkürliche Bevorzugung derjenigen schauererregenden Anteile des Selbst, die nun zufällig am weitesten von der Konvention entfernt sind? Wenn es sich dabei also um nichts weiter als um den Reiz des Schaurigen und den Genuss des Ungenießbaren handelt, der vielleicht nur behelfsmäßig über die Banalität des eigenen Selbst hinwegtäuschen kann?

Wenn man so will, kam meistens Freiheit als eine Art Entbindung zur Sprache. Entbindung als Lösen von Fesseln wie bei einer gewissen weltgeschichtlichen Sklavenbefreiung aus Ägypten, Entbindung als Auflösen von Bindungen, die den Einzelnen hinderlich scheinen, aber auch Entbindung als “endlich zur Welt kommen”, “endlich erwachsen werden”. Denn erwachsen werden scheint zu bedeuten, nicht mehr abhängig zu sein.
Das Individuum wird entfesselt so wie Märkte und Kriege und Seuchen.
Doch auch wenn es aufbricht, um sich so völlig neu zu erfinden, so trifft es bedrückender Weise am Ende doch nur auf sich selbst. 

So oder so ähnlich würde ich wohl meistens verfahren mit dem Reden über Freiheit. Hoffnungslos einseitig. Doch wenn ich mir die Freiheit nehme, die Freiheit vom Sockel zu stoßen, dann geht dies doch wohl nicht ohne inneren Freiheitsdrang vonstatten. Es geht wohl doch einher mit einer gewissen lustvollen Selbstbehauptung, die wohl zu den Grundzügen des Redens über Freiheit gehört. Man könnte sagen: wenn ich solches mache, demonstriere ich ja noch meinen Freiheitswillen. Und über den Platz, den Freiheit bei den von mir zumeist unterstützten emanzipatorischen Anliegen hat, haben wir ja auch nicht geredet. Die beste Kritik eines sehr zerstörerischen Freiheitsbegriffs scheint mir ein besserer Freiheitsbegriff zu sein.

Es scheint so, als müsste ich noch einmal von vorne anfangen mit der Freiheit.
Dieses dann hoffentlich sehr bald im zweiten Teil.

 

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2 thoughts on “Freiheit als Antwort verstehen (1. Teil)

  1. preachitbaby says:

    Hervorragend! Ich warte gern auf Teil 2.

  2. Karo says:

    Interessante Überlegungen. Ich glaube, es geht eigentlich um eine Skala aus “Freiheit” und “Orientierung”, wobei letzteres ganz schnell auch Zwang sein kann (= Freiheit wofür/wovon)

    Der Mensch braucht Orientierung, sehr dringend. Aber die Fähigkeiten und vielleicht auch der Wille herauszufinden, was “das Richtige” ist oder was man tun soll oder will, sind sehr verschieden ausgeprägt. Dementsprechend ist auch das Bedürfnis nach Einschränkung der unüberschaubaren Möglichkeiten – sei es durch Konventionen, Beziehungen, selbstgesetze Prinzipien – unterschiedlich groß.

    Ich glaube, eines der wichtigsten Dinge, die wir zu tun haben, ist uns selbst Freiheiten zu nehmen: Indem wir uns für ein soziales Umfeld, einen Partner, vielleicht einen Beruf, einen Ort, aber auch Werte und Ziele entscheiden. Oder was auch immer wir eben brauchen, um Halt zu haben, auch wenn diese Entscheidungen ja nicht für immer sein müssen, im Gegenteil. Das kann man Selbstfindung nennen oder wie auch immer. Es scheint auf jeden Fall einen menschlichen Drang zu geben, wenigstens einen Teil selbst entschieden zu haben, worüber man sich identifizieren kann.

    Drängend wird fehlende Freiheit meiner Meinung nach dann, wenn Möglichkeiten genommen werden, die man hätte verwalten können oder die man sogar wahrnehmen wollte. Wenn man sieht, dass diese Einschränkungen nicht naturgesetzlich sind, sondern verändert werden könnten. Am schlimmsten ist es, wenn man durchschaut, dass andere dadurch Macht ausüben. Ich glaube dennoch, dass man in den meisten Fällen erst mal verstehen muss, warum hier Freiheiten eingeschränkt werden, damit die eigene Orientierung (und sei es auch nur durch das Selbstbild, “besser” zu sein als andere) nicht verloren geht. Damit man daegen angehen kann.

    Aber zu oft wird übersehen, dass die freie Wahl eben auch anstrengende Verantwortung ist. Daher ist es oft das einfachste, sie abzugeben und gegen so Pseudo-Freiheiten wie eben die Entscheidung für eine Zigarettenmarke einzutauschen (don’t be a maybe!).

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