Snowden, Lobo und die Krise des politischen Subjekts

Bei der diesjährigen Konferenz der “Digitalen Bohème”, der Re:publica in Berlin, gab es vom Klassensprecher und HobbyLobbyisten Sascha Lobo eine gehörige, fast schon altmodische Standpauke. Gegen die Selbstzufriedenheit der Szene monierte Lobo, dass mehr Geld für eine einzige bayrische Vogelschutzorganisation gespendet wird, als für Organisationen, die sich mit dem Thema Datensicherheit und Überwachung beschäftigen. Der Szene fehle die Konstanz:

Die Politik sitzt die NSA-Affäre einfach aus, weil ihr nach 5 Monaten müde werdet zu protestieren.

Was, wenn er damit viel grundlegender auf eine Krise des politischen Subjekts verweist?

So wirft man sich vielleicht ein wenig in Pose. Spielt ein wenig Mitbestimmung, solang es genehm ist. Ein bisschen wie die Kinder und Jugendlichen, die hierzulande in der Schüler-Mitverwaltung sich bedeutsam fühlen dürfen, während es außerhalb vom Sportfest und der Umgestaltung des Pausenhofes nichts Handfestes zu entscheiden gibt. Die wirklich Klugen haben das wohl immer durchschaut. Sie waren früh gegen das Strebertum der Engagierten, der Alles-für-den-Lebenslauf-Typen, genauso wie sie früh gegen den Betroffenheits-Terror der Stadion-Rocker und der Spendengalas mit Großaufnahmen von verhungernden Kindern waren; kurz:sie entschieden sich mit Gründen für ein Leben im Ästhetischen, gegen all die Menschen mit dem langen Atem und Zielen für die sie leben.

Doch während die Klugen ironisch die Augen verdrehen, regieren die Menschen mit dem langen Atem (die nicht immer zu den Klugen zählen) die Welt.

Selbst-Erschaffung vs. Solidarität

Der amerikanische Philosoph Richard Rorty sah in einer kontingenten, nach-metaphysischen Gesellschaft zwei mögliche Arten von sinnvollen Projekten im Leben zu verwirklichen: die Selbsterschaffung und die Solidarität. Bei der Selbsterschaffung und Selbstformung geht es darum, das eigene Leben mit einem privaten Vokabular und das heißt letztlich: auf seine je eigene Weise zu leben und dabei immer wieder Abstand von jeder Letztbegründung zu nehmen. Der Mensch, der sich der Selbsterschaffung widmet hat sich für Rorty notwendigerweise einem ironischen Leben verschrieben: er nimmt immer wieder Abstand von seinem eigenen Vokabular. Er will sich nicht in eine Sache verrennen und auf diese Weise festlegen. Der klassische Liberale hingeben kämpft im Idiom des öffentlichen Vokabulars der Freiheit und Gerechtigkeit für die Verminderung des Leidens. Beide Formen seien gleichwertig und man sollte ein Leben, dass sich der Selbsterschaffung widmet nicht geringer werten als eines, dass für Solidarität kämpft. Das ist sicher im Angesicht einer Zeit, in der eine Zeit lang alles Private mit der Bürde der politischen Bedeutsamkeit überfrachtet wurde, richtig. Und als Strategie der radikalen Trennung von Privatleben, in dem man sich er Selbsterschaffung widmet, und öffentlichem Leben, in dem man sich für politische Ziele einsetzt, scheint das ja auch immer noch plausibel. Letztlich läuft sein Konzept auf eine liberale Utopie des “liberalen Ironikers” hinaus, der im Privaten sich der Selbsterschaffung widmdet und im Öffentlichen sich für Ziele, wie zum Beispiel der Datensicherheit, einsetzt.
Das Problem ist, dass diese Strategie nicht aufgeht. Denn die beiden Sphären lassen sich, wie ja auch die digitale Bohème lehrt, nicht mehr so leicht trennen (und durch die Entgrenzung droht man letztlich sowohl das Private als auch das Öffentliche zu verlieren, aber das ist ein anderes Thema). Außerdem hat die Selbsterschaffung die zumindest subtile Tendenz zur Abgrenzung, zum Erschaffen seiner eigenen Privatsprache zur Distanznahme gegenüber Gruppen, besonders den Gruppen, in denen man sich gerade befindet. Die private Ironie hat nun einmal Auswirkungen auf die Art und Weise des öffentlichen Engagements. Man wähnt sich reflektierter als die Umgebung. In der ästhetischen Selbsterschaffung liegt die Tendenz zur Fragmentierung, die direkt aus der Hingabe an den Moment erwächst. Das Problem ist, dass die Menschen mit den größten utopischen und widerständigen Potenzial nicht mehr die Konstanz haben, um sich wirkungsvoll einzubringen. Das Problem ist, dass alle utopischen Energien heute vom Ästhetischen absorbiert werden, vom Projekt der privaten Selbsterschaffung und so für das Öffentliche nichts mehr bleibt als Resignation. (Oder anders herum: weil im Öffentlichen nichts mehr substantiell zu verändern ist, widmet man sich der Selbsterschaffung).

Strategie 1: Re-Sublimierung

Nun würde ich in der Tat das politisch engagierte Leben nicht gegen das Ästhetische völlig ausspielen wollen. Im Gegenteil scheint doch ein Problem zu sein, dass die  Sphäre der Leidenschaften von der Sphäre der Öffentlichkeit getrennt wird. Das deckt sich mit Herbert Marcuses Diagnose der “repressiven Entsublimierung“. Während Sublimierung die Kanalisierung der Leidenschaften in Kulturleistungen bezeichnet, kennt laut Marcuse die liberale Gesellschaft den Sprung von Leidenschaften über den privaten Bereich hinaus nicht mehr. In der Folge wird, je mehr der private Bereich “liberalisiert” wird und so mit Lüsten und Leidenschaften überfrachtet wird, die Öffentlichkeit technokratisch-schal. Dies macht sie um so anfälliger für den aufkommenden Rechtspopulismus, der ja als einer der letzten politischen Akteure noch so etwas wie Leidenschaft – hier: im Wesentlichen Angst – zu entfachen weiß. (Und nebenbei wäre auch hier die gegenläufige These zu oben: Wo es zur vollständigen Trennung zwischen Öffentlichen und Privaten kommt, verliert man beides, sowohl die private Freizügigkeit als auch die öffentliche Solidarität.)
So bestünde vielleicht eine erste Aufgabe darin, die Sphäre des öffentlichen Lebens auf nicht-manipulative Weise wieder mit dem Ästhetischen in Verbindung zu bringen. Das wäre eigentlich eine Aufgabe der Kunst. Die Suche nach einer Sprache, welche die Subtilität des Ästhetischen mit der Konkretheit des Politischen zumindest wieder in eine produktive Spannung setzt. (Was natürlich die Kunst in ihrem liberalen Modus weit von sich weist.) Spannung scheint mir überhaupt eines der wichtigen Wörter zu sein: die Sphären können nicht mehr ganz getrennt werden, sollen aber auch nicht in eins fallen. (Ich glaube übrigens, dass es einen Raum zwischen dem komsumptiv-ästhetischen und dem Politischen gibt, das ich das poetisch-gestaltende nennen möchte. Dazu ein anderen Mal etwas.)

Snowden und die 2. Strategie: Authentizität vergessen

Das wären wir wieder einmal bei Edward Snowden. Im Grunde genommen ein wandelnder Anachronismus. Ein sogenannter Held, in einer Zeit, in der einem der Glaube an Heldentum gänzlich abhanden gekommen ist. Das höchste der Gefühle ist Bewunderung. Bewunderung ist eine gezielte Taktik, um sich das Objekt der Bewunderung vom Leib zu halten, sich nicht in Frage zu stellen lassen. Lobo versuchte in seinem Vortrag auch die Debatte von der Person Snowden wegzuführen: die Frage nach Heldentum oder Verrätertum ist eine Ablenkung. Zum Teil ist das richtig, denn würde man auf Snowden als Helden setzen (ähnlich wie man auf Obama setzte), dann würde man riskieren, dass die NSA irgendwelche Dinge aus dem Hut zaubert, die ihn als Person diskreditieren: Kinderpornos, psychische Störungen etc. Aber vielleicht liegt in diesem Gedankengang schon ein Fehler. Denn, so meint man, was einen Menschen ausmacht sind exakt die kleinen Ticks, die Geheimnisse, das Sentimentale oder Abgründige der privaten Existenz. Vielleicht, ist das alles nur eine schöne Inszenierung und er gefällt sich heimlich in der Rolle des Aufklärers.
Ja, wenn es so wäre, wo liegt das Problem? Was, wenn es gar nicht so furchtbar wichtig ist, was im Kopf oder von mir aus im Bett eines Menschen vor sich geht? Was, wenn – ganz verrückt gefragt – die Authentizität eines Menschen im öffentlichen Bereich nicht wichtig ist? Was zählt ist vielleicht die Materialität der sozialen Existenz. Der Vollzug des Lebens. Was, wenn das was ganz offen zu Tage tritt, viel realer ist, als die Geschichte, die man sich über sich erzählt. Was also, wenn man von Snowden tatsächlich ganz unabhängig von dem, was noch über seine Person herauskommen mag, als jemanden sprechen kann, der einen politischen Akt vollzogen hat? Und anders gesagt: lasst die Snowdens (und übrigens auch die Lobos) sich ruhig ein wenig selbstgefällig inszenieren. Das ist vielleicht sogar Teil einer Politik, die von gesunder Sublimierung geprägt ist. Wichtig ist, wofür sie stehen.

Strategie 3: kreative Ratlosigkeit

Hier lässt sich auch beobachten: Der Zynismus ist heute auf Seiten des Status Quo. Er mag zu Zeiten, als das Politische mit dem Absoluten aufgeladen wurde, eine wichtige Funktion gehabt haben. Er durchbrach vielleicht jede unbedingte, unkritische Bindung an Ideologien.
Nur hat er jetzt die gegenteilige Funktion. Der Zynismus, die Ironie und auch die Betonung des Leben im Moment, stehen auf der Seite des Status Quo. Die Zerstreuung in eine Vielzahl von Projekte und kleinen Geschichten sorgt dafür, dass die große Geschichten ungestört weiterlaufen können. Und vielleicht ist das ja das Problem, dass der Horizont nicht weiter reicht als der Status Quo.

Die Krise des politischen Subjekts ist eigentlich eine Krise der politischen Eschatologie. Der Frage, was man denn noch zu hoffen wagen darf. Man hat die Fähigkeit verloren, wirklich an eine substantielle Veränderung, die nicht bloß den Status Quo fortschreibt, zu glauben. So gibt es eben nichts dringlicheres als den Moment. Andererseits scheint der Einsatz für eine andere Welt heute ein abgedroschenes Klischee. So bleibt nur eine Art von Resignation: “Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot”. Und so geht es mir ja selbst.  Was könnte ich auch als Alternativen anbieten? Da ich selbst jemand bin, der vielleicht am ehesten im Ästhetischen lebt (Spötter behaupten, ich hätte alle von Kierkegaards Stadien auf dem Lebensweg bereits durchlaufen. Nur halt Rückwärts.) weiß ich nicht, wie es für Leute mit Bewusstsein für diese Welt möglich sein kann, heute unironisch politisches Subjekt zu sein. Ich weiß nicht wie Menschen, die einmal etwas von der ermüdenden Komplexität dieser Welt verstanden haben, möglich sein soll, sich geschlossen – ein sehr verdächtiges Wort, indeed, – hinter ein Anliegen zu stellen. Ja und sogar  – das ist ja das verdächtigste aller politischen Rituale – Applaus zu spenden, wo es nötig ist.

Und vielleicht braucht es, wo aus uns doch kein Snowden mehr werden wird, vielleicht zumindest Leute, die den Spalt bevölkern zwischen der Art wie die Welt ist und wie sie sein müsste. Vielleicht braucht es Räume, in denen man in diesen Dingen ratlos sein darf. Denn gemeinsam ratlos sein ist schon ein Schritt weiter als resigniert zu sein. Auf eine Weise ratlos aber, die einen tiefer ins Nachdenken und vielleicht auch ins Geld überweisen (Dauerauftrag ist das Stichwort) oder selbst handeln bringt. Das schwierigste von allen ist wohl, beständig ratlos zu sein. Das hat etwas mit Mut zu tun. Dem Mut, das Stammeln dem Schweigen vorzuziehen.
Dem Mut voller Zweifel dennoch zu handeln. Länger als 5 Monate.

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4 thoughts on “Snowden, Lobo und die Krise des politischen Subjekts

  1. Walter says:

    Ich sehe nicht den großen Unterschied zwischen einer ironischen und eine zweifelnden Grundhaltung. Zweifel wirkt sicher ein bisschen ernsthafter und tiefgründiger, aber strukturell sind sie beide Verbündete das Statur Quo. Ganze Thinktanks arbeiten mit viel Geld daran, Zweifel zu produzieren, damit Menschen sich ihrer selbst und ihrer Ansichten unsicher werden – an Themen wie Energiewende, Überwachung, Finanzkrisen usw. Und am Ende zweifeln dann die Menschen, ermüdet von der Hartnäckigkeit der Apparate, lieber an sich selbst. Man geht damit nicht das Risiko ein, sich im rusischen Asyl wiederzufinden. Man erspart sich aber auch viel Arbeit, zudem die Mühe sich selbst zu organisieren, auch Geld (woran Lobo es festgemacht hat), und die schmerzliche Arbeit an der Reduzierung von Komplexität.

    Hier gäbe es tatsächlich viel zu dekonstruieren (und dein Text ist ja ein Beitrag dazu), aber der Zweifel wird sich selbst nicht in Frage stellen, und die Ironie wird bitterernst, wenn man sie zum Gespött macht. Aber Zeit ist es, dass man Ironie, Zweifel und andere Versionen der alten “justus et peccator”-Argumentation einfach mal auslacht und ihrem Pathos die Hosen auszieht.

    Die Frage, ob Snowden ein Held sei, ist unfruchtbar. Viel wichtiger ist die Feststellung, dass wir nichts über die Überwachung des Internets wüssten, wenn er Ironiker, Zyniker, Zweifler oder ratlos gewesen wäre (ok, er hat an seinen Brötschengebern “gezweifelt” – von dieser Art Zweifel darf es ruhig mehr geben). Snowdon (und zum Glück ist er nicht allein, sondern hat Unterstützer ähnlichen Kalibers) ist doch das beste Beispiel dafür, was man als unironisches politisches Subjekt “auch heute noch” bewirken kann. Es gibt nur zu wenige davon. Die meisten werden wahrscheinlich nicht in die Lage kommen, dass ihre Entscheidungen so offensichtlich weitreichende Folgen haben, wie es bei der Snowden der Fall war. Aber ich wäre froh, wenn es mehr Menschen gäbe, die in kleineren und weniger riskanten Dingen die Art von Entschiedenheit zeigen, die man bei ihm sehen kann. Gibt es “noch” Dinge, die so wichtig sind, dass man ihnen sein Leben geben kann? Oder ist das von der ermüdenden Komplexität unserer Welt als Thema beerdigt worden?

    Ich habe mir auf deinen Hinweis hin Lobos Beitrag angehört/angesehen und habe das Gefühl, dass hier jemand, dem Zynismus und Ironie ja nicht fremd sind, gerade begreift, dass dafür eigentlich keine Zeit mehr ist. Täusche ich mich, wenn ich bei einigen Passagen den Eindruck hatte, dass er manchmal einem Äquivalent von Tränen nahe war? Wäre das nicht eine tolle Sache, wenn die besten Intellektuellen anfangen zu glauben, dass ihr Job (die gute Reduzierung von Komplexität) brandwichtig ist, und sie sich davon nicht bis zum St. Nimmerleinstag dispensieren können, weil in der Zwischenzeit dann die schlechtesten Intellektuellen (zB von der AfD) die Parolen ausgeben?

    Eine letzte Anmerkung: die Krise des politischen (und by the way: natürlich auch christlichen) Subjekts ist ja keine individuelle Sache, sondern man muss sie noch viel mehr als eine kollektive Schwäche begreifen. Der Einzelne braucht den Rückhalt einer politischen Organisation, einer Gemeinde, eines Netzwerkes oder etwas ähnlichem, um sich nicht ohnmächtig zu fühlen. An den Piraten könnte man gut zeigen, wieso das immer wieder nicht zustande kommt. Das spare ich mir. Lieber ziehe ich den Umkehrschluss: ein paar Leute, die es schaffen, sich mit Verbindlichkeit, Ernsthaftigkeit, Klarheit, Nachdenklichkeit, gesunden Beziehungen, Disziplin und Liebe zusammenzuschließen, können “auch heute noch” enorm viel bewegen. In der (Kirchen)Geschichte gibt es sowieso genügend Beispiele dafür. Den gemeinsamen Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Ohnmächtigkeit hat es zum Glück immer wieder gegeben.

    • arnachie says:

      Vielen Dank, Walter. Ich weiß Deinen Beitrag sehr zu schätzen und höre durchaus, was Du sagst. Wie Du weißt, bin ich nicht derjenige, der sich selbstzufrieden in einer Haltung einrichtet. Schon gar nicht in einer irgendwie resignativen. (Und man wird mir auch nicht nachsagen können, dass ich untätig zuhause sitze.)

      Was ja entscheidend bei Lobo ist, dass er, wie Du richtig sagst, “post-Ironiker” ist. Er bezieht an diesen Punkt seine Autorität daher, dass er durch die Ironie hindurchgegangen ist und sein Engagement ein “Engagement trotz” ist (neben der offensichtlichen Freude an der Aufmerksamkeit). Das scheint mir wichtig zu sein. Denn es gibt ab einem gewisse Punkt kein einfaches zurück mehr. Alle Appelle à la “werdet endlich erwachsen” funktionieren nicht, weil sie das Problem gar nicht wahrnehmen. Will man sich nicht bloß in irgendwelche Sinn-Enklaven zurückziehen (auch eine Form der Resignation übrigens), dann muss man bereit sein die Verunsicherung in ihrer ganzen Tiefe an sich heran zu lassen. Man sollte sich hüten vorschnell irgendwelche Scheinalternativen zu konstruieren: entweder Engagement (gut!) oder Zweifel (schlecht!); denn wie Du schon sagtest gibt es anscheinend auch den Zweifel, der die Bedingung dafür ist überhaupt Dinge ins Rollen zu bringen und es gibt Formen des zweifelsfreien Engagements, die einfach dämlich sind.

      Aber mal etwas anderes, was mir tatsächlich immer deutlicher wird. Vielleicht muss man endlich der ästhetisch-gestaltenden Arbeit den Platz einräumen, den sie verdient nämlich mindestens gleichrangig zu sein mit der Politischen oder der Arbeit am Begriff. Ich will das gerne später einmal ausführlicher entfalten, aber es geht um Plausibilitätsstrukturen. Genau das, was ich damit meine, wenn ich sage etwas sei “heute” denkbar oder undenkbar. Damit meine ich ja: das, was innerhalb einer gewissen Plausibilitätsstruktur, die ich teile, als nachvollziehbare Möglichkeit des Denkens und Lebens empfunden wird. Das Ästhetische spiegelt zum einen destilliert die herrschende Plausibilitätsstruktur wieder. Aber gleichzeitig lebt es wie kein anderer Bereich des Lebens davon, diese immer wieder zu durchbrechen, umzukehren, auszusetzen. Leider sind das oft “immanente Überschreitungen”, also solche die noch völlig im Rahmen dessen bleiben, was sie zu überschreiten meinen. Genau deshalb ist die ästhetische Arbeit, mag sie auch ganz wesentlich mit einer gewissen inneren Zwecklosigkeit, mit dem Spielerisch-ironischen zusammenzuhängen, durchaus ernst zu nehmen, da sie unsere Vorstellung davon prägen, was für ein denkbares Leben gehalten wird. Wo die Arbeit am Begriff nicht in eine reale oder zumindest symbolische Allianz mit der Arbeit an den Plausibilitätsstrukturen tritt, muss sie fruchtlos bleiben.

      • Walter says:

        Vielleicht gehen wir ja einig darin, dass sich hinter dem Begriff “Zweifel” sehr unterschiedliche Dinge verbergen können. Und es wäre sowohl intellektuell als auch praktisch-politisch wichtig, dass nicht das eine auf dem Ticket des anderen reist. Wir wollten ja eh bei Emergent ein bisschen weg von zu viel Harmonisierung (und unser Gespräch hier ist sicher ein guter Schritt auf diesem Weg).

        Dass es dabei um Arbeit an Plausibilitätsstrukturen geht, sehe ich genauso. Ich hätte diese Arbeit vielleicht eher dem Begriff “Kultur” als “Ästhetik” zugeordnet. Aber am Ende kommt es ja darauf an, was hinten rauskommt. Insofern bin ich neugierig darauf, was das bei dir am Ende konkret bedeutet. Aber egal, ob “Ästhetik”, “Kultur” oder “Arbeit am Begriff”: man wird immer damit rechnen müssen, über längere Zeit in der Minderheit zu sein.

        Und für mich wäre Snowden da tatsächlich ein guter Maßstab: welche Plausibilitätsstrukturen erleichtern es Menschen, so zu handeln, auch wenn sie mächtige Kräfte gegen sich haben, und welche hindern sie daran?

  2. arnachie says:

    Also man müsste jetzt an diesen Punkt sicher noch einmal die Begriffe klären. Also noch einmal klar die Unterschiede zwischen Ästhetik (das ja zunächst erst einmal die Wahrnehmung bezeichnet – und da wird ja sehr schnell deutlich, dass unsere Form der Wahrnehmung zB der Wahrnehmung des Fremden – nichts unpolitisches sein kann), ästhetischer Existenz (eine Lebensform, die sich selbst nach ästhetischen Kriterien gestaltet und beurteilt – hier müsste man also danach fragen: nach welchem Kriterium),
    Ästhetizismus (die Anschauung, dass in der Wahrnehmung des Schönen oder Intensiven das höchste Gut der Existenz besteht), bestimmten Sozialtypen des Ästhetischen: der Dandy, der Flaneur, etc.
    und Ironie.
    Ich habe ja bereits an anderer Stelle versucht zu skizzieren, dass es sehr verschiedene Formen des Zweifels und sehr verschiedene Funktionen desselben gibt. Dasselbe gilt für die Ironie. Neben einer unernsten-spielerischen Haltung kann Ironie auch eine den indirekten Bezug zu sich selbst bezeichnen. Wie man gerade bei Kierkegaard sieht, kann Ironie durchaus dazu führen, sich aus den herrschenden Plausibilitätsstrukturen zu lösen und kann durchaus mit einer nicht unernsten Lebensführung einhergehen. Bei Kierkegaard war ja gerade der Dispens vom Zwang im eigenen Namen zu reden, die Bedingung der Möglichkeit davon, dass er wie kein zweiter Denker völlig im eigenen Namen sprechen konnte.
    Die Frage ist doch auch: hat man sich wirklich immer für Ironie entschieden oder gibt es auch eine Ironie, die mangels überzeugender Alternativen gewählt wird? Ist nicht auch die Ironie immer wieder ihre eigene beste Kritikerin? Was auf jedenfalls nichts austrägt, ist der Appell an einfache Ernsthaftigkeit. Das landet sehr schnell bei Peter Hahne. Der Einspruch gegen einen selbstgenügsamen Ästhetizismus muss im Medium des Ästhetischen erfolgen. Möglicherweise mit der Geste der lustvollen oder doch zumindest frohen Überbietung. Der Ausweg aus kurzschlüssiger Subtilität, die eine schlechte Unendlichkeit des Denkens bezeichnet, muss in subtilen Sprachen erfolgen.
    Vor allem: die Unterscheidung zwischen ethischem Leben und ästhetischem Leben muss im Feld des Ästhetischen selbst erfolgen. Das bedeutet zweierlei: zum einen die Orte aufsuchen, in denen im Ästhetischem, dann auch besonders in der Kunst, schon Möglichkeiten anders zu leben aufscheinen. Zum anderen heißt das: Orte zu schaffen, an denen anderes erlebt und ein anderes Leben ausprobiert werden kann. Das Schaffen von solchen realen oder symbolischen Orten, bezeichnet für mich poetische Gestaltung.

    Ich bin übrigens gestern auf einen interessanten Germanisten gestoßen, der exakt mit diesen Begriffen arbeitet: Kritik der Ironie, Poetik der Existenz, Metanoia (Umkehr!). http://www.spekulative-poetik.de/buch-reihe/titel/40.html?tmpl=component&layout=abstract auch den Rest der Seite beachten: http://www.spekulative-poetik.de/

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