Rezension: “Warum ich nicht mehr glaube” oder: Warum nicht FDP wählen?

Virginia I had a dream you invited us over
You still lived on the street where you laid down for good
We all sat on the floor as my kids swam around us
You smoked cigarettes like I knew you would

We were worried about your personal salvation
Was it heaven or hell that you saw when your eyes closed?
You smiled at us floating high above the question
Like you knew something we didn’t know

David Bazan – Virginia

Dieses Lied schrieb David Bazan, der große Geschichtenerzähler, Zyniker und mittlerweile “bekennender” Agnostiker für einen verstorbenen Freund. Bazan, der einst  Frontmann der christlich geprägten Indieband “Pedro the Lion” war, lässt in dieser Traumerzählung seinen verstorbenen Freund noch einmal aufleben, der, mit den ganz eigenen Sorgen seiner ehemaligen religiösen Mitstreitern konfrontiert, einfach wissend lächelt:
You smiled at us floating high above the question. Like you knew something we didn’t know“.

Und vielleicht ist das genau die richtige Herangehensweise an das Thema der Dekonversion, nämlich: was, wenn der andere etwas weiß, was ich nicht weiß? Was, wenn er einige Dinge viel klarer sieht, als ich/als wir?

Seit letzter Woche ist das Buch von Tobias Faix, Martin Hoffmann und Tobias Künkler zum Thema “Dekonversion” erschienen, es trägt den Titel “Warum ich nicht mehr glaube. Wenn junge erwachsene den Glauben verlieren” (SCM Brockhaus, 17,95 €). Das Buch basiert auf einer qualitativen Studie, welche die drei Autoren im Frühjahr 2012 bis August 2013 zunächst mit Fragebögen über das Internet und später in 15 Interviews durchgeführt hatten.  Es ist die populäre Zusammenfassung der Ergebnisse der Studie und hat zwei unterschiedliche Zielrichtungen: zum einen will es die Gründe und Motive verstehen, die zur Dekonversion führen können, zum anderen will es Gemeinden auf krankhafte, einengende und wenig förderliche Prozesse hinweisen, die solche Dekonversionsprozesse begünstigen können. Dabei ist es kein Geheimnis, dass hier eher an Gemeinden im etwas konservativeren, soft-evangelikalen und pietistischen Spektrum mit einem eher hohen Grad an Beteiligung und Gemeinschaft gedacht wird, als an klassisch volkskirchliche Gemeinden.

Doch was bedeutet eigentlich Dekonversion? Dekonversion bezeichnet den  Verlust von Glauben und man merkt schnell, wie die Begriffe, die es für diesen Prozess gibt, allesamt etwas unzureichend sind: Dekonversion (setzt das nicht eine bewusste Konversion voraus?), das deutsche Pendant dazu: Entkehrung (ein grusliges Wort), den Glauben verlieren (was aber, wenn es nicht als Verlust erlebt wird?), ihn ablegen (was, wenn es unbewusst passiert?), alles bei genauerem Hinsehen auf ihre Weise problematische Begriffe. Diese Diskussion wird auch im Buch geführt und Dekonversion wird schließlich als ein – meist – längerer Prozess verstanden, der “sowohl ein Widerfahrnis als auch eine bewusste Entscheidung” ist.

Die beiden Zielrichtungen des Buches stehen in einer gewissen Spannung zueinander. Denn es will ja eine Diskussion über bestimmte Strukturen, über Offenheit für Zweifel, über Macht und Moral, über Aneignung und Autonomie auslösen und steht somit in der permanenten Gefahr, die Geschichten zu instrumentalisieren und sie eben nicht für sich stehen zu lassen.

So stellt auch der Mittelteil des Buches, in dem die Geschichten der “Dekonvertiten” zur Sprache kommen, auch die absolute Stärke des Buches dar. Es wird eine Typologie der Dekonversion erstellt, welche einige Leitmotive (die natürlich nie in Reinform aufkommen) anklingen, zu jedem Leitmotiv wurden zwei Typen gebildet. Beim Leitmotiv Moral zum Beispiel gab es den Typ der Eingeengten, die sich unfrei fühlten und nach größerer Autonomie strebten und den Typ der Verletzten, die an der sprichwörtlichen Doppelmoral litten und teilweise massiven physischen, psychischen und auch körperlichen Grenzverletzungen ausgesetzt waren. Diese Typologie leuchtet meistens ein, auch wenn mir zum Beispiel die Trennschärfe mancher Typen (zum Beispiel was ist noch mal der Unterschied zwischen Grübelnden und Zweifelnden) nicht immer einleuchten will.

Man merkt bei der Beschäftigung mit diesen Geschichten welch ein enormer Schritt so eine Dekonversion sein kann. Gerade bei Menschen und Gemeinschaften, die einen sehr leidenschaftlichen, engagierten Glauben leben, scheint der Glaube so eng mit der eigenen Identität, mit dem sozialen Umfeld mit dem ganzen Leben verknüpft ist, dass man da so schnell nicht ohne Verletzungen raus kommt. Einer der Teilnehmer, Patrick, sagte dazu: “Man schließt nicht einfach ab und sagt: Okay, dass ist jetzt abgeschlossen und alles andere ist jetzt wie Pfandwegbringen oder so.” Und so trägt der Schritt aus dem Glauben heraus bei manchen schon heroische oder tragische Züge. Manche schreiben Abschiedsbriefe oder erklären vor versammelter Gemeinde ihre Gründe, bei anderen scheitern die Ehe, es gibt Depressionen und Angstzustände. Bei anderen wiederum überwiegt das Gefühl der Befreiung und Erleichterung.

So berichtet Patrick von dem Gefühl, dass der “Alltag nicht mehr von einer moralischen Sinnglocke überstülpt ist. Dieses Gefühl, nicht mehr alles in den Großen Plan einbetten zu müssen. Sondern man kann einfach mal mit Freunden einen Kaffee trinken gehen, einfach nur, weil man mit Freunden einen Kaffee trinken gehen will. Alles hatte immer Bedeutung und war sehr aufgeladen.”
Doch diese Befreiung von Bedeutung macht Patrick auch zu schaffen:
Das ist ja auch was Tolles, Teil von einer großen Erzählung zu sein. Und umso nichtiger und bedeutungsloser kommt einem das Leben dann vor, wenn das dann wegbricht. […] Warum soll ich nicht auf einmal anfangen, FDP zu wählen?

Ich hätte nicht gedacht, wie nahe mir doch diese Geschichten gehen und bei manchen der Geschichten will man den Menschen einfach nur entgegenrufen: “Ihr wart vielleicht, die einzig normalen in dem ganzen Laden!”. Da gab es Geschichten, die einem die Schamesröte ins Gesicht steigen lässt, wenn da z.B. von Exorzismen im Familienumfeld berichtet wird. Da wird von einer Mutter erzählt, die eine rigide Herrschaftsstruktur zu Hause ausübt: “Die hat es wirklich geschafft, so viele Regeln aufzustellen, für jede Bewegung unseres Körpers, für die Art und Weise wie wir sprechen, wann wir auf Toilette gehen, wann wir essen.” Alles, was sie nicht selbst kontrollieren konnte, wurde dann von Gott persönlich übernommen “der ja alle Gedanken kennt”.
Man hört von unausgesprochenen Verhaltensregeln, welche Kleidung man anzuziehen hat (keine tiefen Ausschnitte etc.), man hört von Parallelwelten, von völligen Eskapismus, von der Unfähigkeit, eigene Entscheidungen zu treffen, von einen Glaube, der vor allem Halt geben soll, der kompensiert, aber man hört auch von intellektuellen Zweifeln, von Dawkins-Büchern und wie wenig Raum es eigentlich für Ambivalenzen gibt. Sehr viele Geschichten laufen darauf hinaus, dass eigentlich kein Raum zur Aneignung gegeben wird. Ines stellt fest: “Die wollen immer so radikal sein und das geht schon bei den Kindern los und dann in der Jugendgruppe weiter. Die sind noch so jung und müssen aber immer der gleichen Meinung sein wie der Pastor und plappern am besten alles nach. Aber sie entwickeln keinen eigenen Glauben, nichts Eigenes. Das finde ich fahrlässig.

Hier zeigt sich eigentlich, dass es, will man mit Bewusstsein in dieser Welt leben, kaum möglich scheint, sich naht-, bruch- und fraglos einfach in eine Traditionslinie zu stellen. So scheinen es doch auch gerade die Leute mit eigenem Kopf, die Nachdenklichen und Querdenkenden zu sein, die sich irgendwann vom Glauben abwenden. Ein Ergebnis der Studie ist dabei, dass es gar nicht so häufig intellektuelle Gründe sind, die ausschlaggebend sind.

Bewegend fand ich aber wie wenig Verbitterung in vielen Geschichten zu spüren war und wie viele auch versöhnlich auf ihre Vergangenheit blicken können. So sagt Patrick: “Das war kein Fake und keine Heuchelei, sondern da ist richtig was in meinem Leben passiert. Mein Leben war davon geprägt, auch auf gute Art und Weise.” Dabei wurde vor allem immer wieder die Gemeinschaft genannt. Selbst Gemeinden, die in den Interview schlecht wegkommen, werden im Rückblick immer noch als Orte wahrgenommen, in denen sehr schöne Dinge passiert sind. Da werden schon Jugendliche ermutigt und “ermächtigt”, indem man ihnen Verantwortung überträgt, ihnen Räume zum Ausprobieren lässt. Da gibt es eine Atmosphäre der Nachdenklichkeit, der ernsthaften Beschäftigung mit Themen, die als ultimativ erlebt werden. Da gibt es Austausch zwischen eigentlich wildfremden Menschen über höchst persönliche Themen. Gerade die Kinder- und Jugendarbeit wird im Nachhinein oft noch als intensive und teilweise sinnvolle Zeit erlebt, die sich durch eine starke Gemeinschaft auszeichnet. Dennoch hat diese Gemeinschaft eben auch spürbar Grenzen, die sehr bald sehr schmerzhaft bewusst werden können. Es gibt Anpassungsdruck, Ausgrenzung von Andersdenkenden und viel viel schlechte Musik: “Da, denke ich, kann man auch den Namen des eigenen Freundes einsetzen, weil das so inhaltslos und leer ist”.

Im letzten Drittel des Buches, werden die Erkenntnisse aus den Interview noch einmal gebündelt und zu Anfragen an die bestehenden Kirchen formuliert. Wie schon gesagt: vielleicht hätte das Buch auch ohne den Teil gut funktioniert. Auf diese Weise besteht natürlich die Gefahr, die “Schockwirkung” der Geschichten zu schnell wieder einzufangen und in eine therapeutische Handlungsanweisung zu überführen.

Die wichtigsten Themen in diesem Teil sind:

  • Macht und Moral: Hier wird aufgezeigt, wie anfällig religiöse Gemeinschaften für Machtmissbrauch sind. Wie sehr sie auf der einen Seite bestimmte Persönlichkeitsmerkmale fördern und auf der anderen Seiten auch in ihren oftmals hierarchischen Strukturen Machtmissbrauch begünstigen. Eine Tendenz ist hierbei, dass im volkskirchlichen Kontext der Machtmissbrauch in der Hierarchie stattfindet und nicht selten stärker anonymisiert ist, während im freikirchlichen Kontext, der Missbrauch mit einzelnen (teilweise leitenden) Personen verknüpft ist. Apropos Missbrauch: in einem der Interviews kam ein Fall von sexuellen Übergriffen zur Sprache. Die Autoren schreiben: “Wir wollen dies nicht weiter diskutieren, aber darauf hinweisen, dass es auch in christlichen Familien, Gemeinden und Kirchen vorkommen kann”. Ja, warum denn eigentlich nicht? Ich bin kein Statistiker, aber wenn in einer Gruppe von 15 Personen einmal dieses Thema fällt, besteht dann nicht die reale Möglichkeit, dass es sich um ein größeres Problem handelt? So wirkt das ganze doch eher abwieglerisch. Umso besser, dass die Autoren dem Thema Homosexualität einen größeren Platz eingeräumt haben und sich zur Ausgrenzung von Homosexuellen zumindest mal im Ansatz geäußert haben. Dabei werden hier eigentlich eine ganze Menge Fragen aufgeworfen, die man auch empirisch erforschen könnte: Begünstigen bestimmte Moralsysteme Formen der Ausgrenzung und des Machtmissbrauchs? Sind es eher die offiziellen oder die inoffiziellen Regeln, die als einengend erlebt werden? Sind es hier Probleme der Vermittlung oder systemische Probleme?
  • Zweifel: Es wird dargelegt, wie wichtig es ist, Räume zum Zweifeln und zum Hinterfragen zu lassen. Dabei wird erklärt, wie wichtig im einzelnen auch Zweifel für einen “erwachsenen” bzw. erwachsen werdenden Glauben haben. Hier fand ich es schade, dass die Zweifel immer noch wie ein zu überwindender Makel, wie eine Phase, durch die man durch muss behandelt werden. Das Thema Glaube und Zweifel müsste doch noch einmal grundsätzlicher gefasst werden, als es in dem Buch möglich war.
  • Aneigung: Bei der Suche nach einem mündigen Glauben wurde auch Paul Ricoeurs Zweite Naivität bemüht. Das freut mich als Ricoeur Freund natürlich sehr. Die Idee ist, dass nachdem die erste, kindliche Naivität des Glaubens verloren wurde und man sich in der “Wüste der Kritik” wiederfindet, wieder so etwas möglich sein kann, wie einzelne “post-kritische Momente”. Ich denke aber, hier wird Ricoeur sehr schnell missverstanden. Es geht auch hier nicht darum, dass nach einer kurzen Phase des Zweifels, man sich wieder den Glauben aneignet. Für Ricoeur ist sowohl im Persönlichen als auch im Kulturellen etwas unwiederbringlich verloren; die Unmittelbarkeit es Glaubens ist erst einmal weg. Es gibt auch kein Zurück hinter die Kritik, die Kritik wird mit aufgenommen und der Glaube findet sich in einer Form wieder, die kaum mehr an die “Erste Naivität” erinnert. Mir scheint das sehr wichtig zu betonen, um nicht aus Ricoeurs kurzen Skizzen zu dem Thema eine Art ideologisches Schulungsprogramm zu machen, dass einzelnen Zweiflern und Querdenkern eine kurze kritische Phase gestattet, um sie dann wieder “zurückzuholen” und einzubinden. Wenn die Unmittelbarkeit einmal zerbrochen ist, gibt es dieses Zurück meist nicht mehr und dann muss man anfangen von schmerzhaften Abschieden zu sprechen, nicht nur von ein bisschen Zweifel, der eben auch menschlicherweise dazugehört.
  • Autonomie: Das Thema der Autonomie erscheint in den Interviews als das zentrale Thema: Selber denken, selber Verantwortung übernehmen, ein eigenständiges Leben führen. Gerade für die reflektierten Dekonvertiten war dieses Thema in seinen Variationen der zentrale Faktor bei der Dekonversion. Hier merkt man dem Buch noch eine gewisse Sprachlosigkeit an. Gerade, wenn man eben nicht einen leicht spiritualisierten Individualismus das Wort reden möchte, muss man sich zu diesem Thema verhalten. Doch reicht es eben nicht, von “Vielfalt” und “unterschiedlichen Gaben” oder so zu reden. Mündigkeit bedeutet eben auch, sich seiner Wünsche bewusst zu werden, eigenständige Entscheidungen zu treffen und zu eigenen Formulierungen des Glaubens zu kommen. Es geht kurz gesagt auch um die Entwicklung einer eigenen Struktur des Begehrens. Man denke hier an Jesu Frage: “Was willst du, dass ich dir tue?”. Das hat noch überhaupt nichts mit einem atomistischen Individualismus zu tun. Viele der Vorwürfe von Heuchelei, Doppelmoral und einengenden Strukturen können eben auch darauf zurückgeführt werden, dass die Gläubigen überhaupt nicht mehr wissen, was sie wollen und dann eben auch nicht mehr selber entscheiden können. Es geht ja nicht darum, die Autonomie ungefragt als obersten Wert zu übernehmen, aber erst von einer Position der relativen Selbstständigkeit aus, kann man sich in gesunder Weise zurücknehmen und anderen Raum geben. 

Man sieht also, wie zwar die richtigen Themen angesprochen werden, aber noch nicht mit der wünschenswerten Radikalität. Das kann dieses Buch vielleicht auch nicht leisten und gilt es natürlich auch die Leserschaft im Blick zu behalten. So zeigt das Buch zumindest auf, welche Themen einmal eine eingehendere Beschäftigung verdienen.

Insgesamt finde ich es ein äußerst kathartisches Buch, das nun wirklich eine wichtige Diskussion lostreten könnte und müsste. Ich selbst habe es verschlungen und es stellte für mich eine sehr merkwürdige Reise in die Vergangenheit dar. Eine Mischung aus Nostalgie, Scham und dem Gefühl zum Glück sehr weit weg von dieser Art des Glaubens zu sein. Dennoch: zu manchen der Semantiken und Praktiken, von denen ich mich doch irgendwie endgültig entfremdet habe, habe ich beim Lesen quasi ex negativo wieder einen gewissen, wenn auch distanzierten Bezug gewonnen. Die große Stärke des Buches ist es, die Geschichten von Dekonvertiten zu erzählen und sie in den Mittelpunkt zu stellen. Die Diskussionsanregungen am Ende des Buches sind als erste Impulse zu verstehen, die unbedingt noch weiter vertieft werden müssen. Ich freue mich wirklich auf die Diskussionen, die dieses Buch auslösen könnte. Aber das funktioniert vor allem dann, wenn man mit der Möglichkeit rechnet, dass manche der Dekonvertiten in dem Buch die Dinge vielleicht klarer sehen als man selbst.

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2 thoughts on “Rezension: “Warum ich nicht mehr glaube” oder: Warum nicht FDP wählen?

  1. preachitbaby says:

    Danke für die Rezension! Ich habe mir das Buch direkt bestellt und bin gespannt, es zu lesen.

  2. […] Ersten und ging mit den Letzten) . im See baden . eine Glaubenskrise, aus der etwas Gutes wurde (dieses Buch half ein klein wenig) . neue Freunde, die einige Monate später fast 500km wegzogen . mein […]

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