Žižek – Perverts Guide to Ideology

Acht Jahre ist es inzwischen her, dass Slavoj Žižek, der ja früher eine Karriere beim Film plante, zum ersten Mal so richtig auf der Kinoleinwand auftauchte, um in Überlänge (wie auch sonst) seinem Publikum die Filmgeschichte mit Hilfe seiner Theorien oder wohl doch besser anders herum: die Psychoanalyse mit Hilfe von Kinofilmen zu erklären.
Während es damals vor allem um die dunkle Welt des Begehrens, um die psychoanalytischen Motive wie Angst, Lust, den Blick, Phantasien etc. ging, widmet er sich in seinem 2012 produzierten neuen Kinofilm ganz den politischen Fragen (die bei ihm natürlich nie von Fragen des subjektiven Erlebens zu trennen sind).
Nun ist Žižeks “The Perverts Guide to Ideology” auf DVD erschienen (bisher nur in den USA).

Hier der offizielle Trailer:

Ideologie ist kein Wort, dass wir noch sehr oft hören. Scheint es sich doch ähnlich zu verhalten wie mit Begriffen wie Propaganda: jeder Gebrauch des Begriffs kann selbst als ein Akt der Ideologie oder eben ein Akt der Propaganda verstanden werden. Leben wir nicht heute in einer post-ideologischen Zeit? Haben wir nicht mit dem Fall der Mauer alle großen Geschichten hinter uns gelassen? Hat sich nicht herausgestellt, dass allen großen Weltentwürfe, alle Meta-Narrativen unglaubwürdig geworden sind? Sollten wir uns nicht mit unseren kleinen Geschichten zufrieden geben? Sollten wir uns nicht in einem Pluralismus einrichten, in dem jeder irgendwie recht und damit auch jeder irgendwie unrecht hat?

Der politische Strang von Žižeks Werk kann als Intervention gegen diesen post-ideologischen Konsens gesehen werden. Er möchte zeigen, dass wir gerade dort, wo wir uns pragmatisch und ideologiefern geben, verstrickt sind in Ideologie und den Status Quo fortschreiben.
Doch was ist eigentlich Ideologie? Für Žižek treten heute Ideologien meist nicht mehr als explizite Weltentwürfe auf, sondern sie sind in unsere Alltagswelt verwoben, gerade, wo sie nicht mehr als solche ausformuliert, sondern nur angedeutet werden, werden sie allgegenwärtig, schwer fassbar und somit besonders wirkmächtig.

Ideologien sind eben keine Theorien, die uns von außen erreichen, sondern Subjektivierungsformen. Žižek greift dabei vor allem auf Althusser zurück. Der stellt die Urszene der Ideologie als Anrufung dar:
Ein Polizist ruft einen Menschen von hinten zu “Hey, sie da!” und dieser dreht sich um.
Was dabei stattfindet ist ein Tausch: der vorher namen- und gesichtlose Mensch, der in der Masse zu verschwinden drohte, bekommt den Status eines Sub-jekts (hier als Untertan und gleichzeitig als Handlungsträger): das Indivdiduum wird jemand, es wird erkennbar, identifizierbar in der symbolischen Ordnung, es gewinnt Identität für den Preis der Unterwerfung unter gesellschaftliche Zwänge. Die Frage ist nun wie wir angerufen werden. Dies war bei Althusser klar: durch gesellschaftliche Instanzen wie der Schule, der Bürokratie, dem Arbeitgeber werden wir als gehorsame, pflichtbewusste Individuen angerufen, die sich den gesellschaftlichen Zwängen unterwerfen.
So einfach ist es nun aber für Žižek nicht mehr: im Spätkapitalismus werden wird als “Subjekte der Lustbefriedigung” angerufen: wir sollen unsere Träume verwirklichen (und das bedeutet auch die Spirale des Konsums weiter anheizen), sollen uns von überkommenen Zwängen frei machen etc. Genau dieses Argument versucht er im Film zu entwickeln.

Der Film selbst:

Während “The Perverts Guide to Cinema” noch sehr verschachtelt, sehr schwer verständlich, sehr “dunkel” blieb, zeichnet sich The Perverts Guide to Ideology durch ein sehr klares Argument aus, dass sich zuweilen als etwas stark vereinfacht darstellt.
Žižek tritt weiterhin als großer Welterklärer auf, der sich in die Filme einzeichnet und sie quasi von innen heraus erklären möchte. Witzig ist dabei, wie er in mal mehr und mal weniger aufwendig rekonstruierten Kulissen der Filme auftritt: bei Titanic im Rettungsboot, bei A Clockwork Orange in der Milchbar, bei Leni Riefenstahls “Triumph des Willens” in einem alten Flugzeug und natürlich – sein Markenzeichen – auf einer Toilette bei Full Metal Jacket. Das ganze kann auch mal die Grenze zum Slapstick überschreiten und wirkt manchmal wie eine Neuauflage von Karl-Eduard von Schnitzlers “Der schwarze Kanal“, bei der im DDR Fernsehen Ausschnitte des Westfernsehens gezeigt und “ideologisch erklärt” wurden.
So geht es Žižek auch zumeist um das ideologische Element in den Filmen. Er tritt also mit der typischen Geste der Ideologiekritik auf, bei der er erklärt, worum es “in Wirklichkeit” geht. Dabei spitzt er meistens die Filme zu, um entweder ihren “emanzipatorischen Gehalt” oder ihr eigentlich ideologisches Moment freizulegen. Ein Beispiel: Während Titanic bei oberflächlicher Betrachtung als Gesellschaftskritik wirkt, sieht Žižek darin ein zutiefst konservativen Topos am Werk. Den Topos der gelangweilten Dame aus der Oberschicht, die einem flachen Eskapismus verfällt, sich einen Jungen aus der Unterschicht zur Revitalisierung sucht, um dann schlußendlich doch wieder in ihre Schicht zurückzukehren. So wirkt der Eisberg als Rettung nicht als Katastrophe: er erlaubt es die Liebschaft als eine authentische, ewige Liebe zu verklären und sie vor der Banalität des Alltags zu retten. Dumm nur, dass dabei der Partner sterben muss.

Wie gewohnt überzeugt die Auswahl der Filme, welche fast die gesamte Filmgeschichte abdecken und so manche unbekannte Perle beinhalten. Von Filme aus der Gegenwart wie I am Legend und The Dark Knight über Klassikern wie Full Metal Jacket und unbekannteren tschechischen Filmen analysiert er auch Filme aus der Nazi-Zeit und dem Stalinismus wie Triumph des Willens, der ewige Jude und der Fall Berlins.
Doch darüber hinaus hat Žižek sein Inventar erweitert: er bezieht nun vermehrt Werbespots mit ein (so erklärt er mit Hilfe des Kinder-Überraschungs-Eies die Theorie des Warenfetischismus und mit Hilfe von Coca Cola Werbespots die Verbindung von Pflicht und Genuss). Außerdem analysiert er Beethovens 9. (natürlich: unter der ideologischen Oberfläche eine ideologiekritische Kehrseite) und ein Konzert der Band Rammstein (wieder einmal: oberflächlich gesehen Nazisymbolik, unter der Oberfläche: Emanzipation). Doch neben diesen teilweise etwas berechenbar geratenen Passagen wird sein Argument schlagkräftig, wo es sich auf gegenwärtige Ereignisse bezieht. Er analysiert den Arabischen Frühling, Breiviks Gewalttaten und die London Riots und gibt dem Zuschauer das beruhigende und sehr gefährliche Gefühl, dass da draußen wenigstens einer den Überblick in unübersichtlichen Zeiten behalten hat.
Zentral für sein Argument ist die Analyse der London Riots: für kurze Zeit wird die soziale Ordnung ausgesetzt, alle Spielregeln suspendiert und was machen die Leute? Sie plündern Elektromärkte. Hier setzt er ein: Ideologie sind nicht einfach die sozialen Zwänge, Ideologie sind unsere Träume davon, was passierte, wenn diese Zwänge ausgesetzt werden. Ideologie besteht nicht in einer alles überformenden Wirklichkeit, sondern in unseren geheimen Fluchten davon; sie besteht in unserer beschränkten Sicht von alternativer Wirklichkeit, unsere Unfähigkeit zu wirklich gefährlichen Träumen.

Ideologie und Geniessen

So unterdrückt Ideologie nicht einfach das freie Genießen, sondern besteht immer schon aus heimlichen Genüssen. Bei “The Sound of Music” wirkt der katholische Glauben als eine Aufforderung sich seinen Lüsten hinzugeben, um anschließend durch seine Schuld noch ansprechbarer für die Erlösungsmechanismen zu bleiben. Bei Full Metal Jacket zeigen sich an der Unterseite des harten militärischen Drills perverse Gesänge, kleine Lüste mit denen die Soldaten bestochen und verführt werden. In Jaws und den Nazi Filmen zeigt sich die Tendenz, alle Ängste einer Gesellschaft auf eine Gruppe von Menschen zu bündeln, der unterstellt wird, dass sie sich Genüsse erlauben, welche die Einheimischen sich versagen. So beobachte ich immer wieder im linken Spektrum die Tendenz, wenn man jemanden diskreditieren möchte, dass man ihm ein geheimes Genießen unterstellt: “Ich habe gehört der und der hat eigentlich eine Yacht oder schnelle Autos und so weiter.”

Žižek stellt sehr klar und einfach einige seiner wichtigsten Konzepte vor: den Großen Anderen, das Christentum als Moment des Kollaps des Großen Anderen und die Hysterie als subversive Form der Subjektivität. Das ganze wirkt viel klarer und durchdachter als der Perverts Guide to Cinema, aber auch ein wenig abgeklärter und berechnender.

Wirklich bedenkenswert finde ich seine nicht-konservative Abrechnung mit dem hedonistischen Liberalismus. Sehr schön deutlich wird die bei seiner Behandlung des Films “Der Mann, der zweimal lebte” (Engl.: Seconds). Hier wird die fast parabelhafte Geschichte eines Bankkaufmannes erzählt, der ein Angebot einer dubiosen Firma erhält, sein langweiliges, entfremdetes Leben zurückzulassen. Er zahlt eine große Summe Geld, es wird eine Leiche, die ihm ungefähr entspricht gefunden, die dann zur Inszenierung eines Unfalls benutzt wird und ihm wird ein neues Aussehen und ein neues Leben besorgt. Dieses wirkt als der dyonisische Wunschtraum der 68er Generation: Freiheit, Kreativität und Zwanglosigkeit. Er bekommt alle seine Träume erfüllt: er lebt das Leben eines Künstlers in einer Villa, feiert berauschende Orgien und fühlt sich doch fremd in seinem neuen Leben. Als er sein altes Leben zurückmöchte, spricht ihm ein alter Mann, der wie eine Verkörperung des Über-Ichs wirkt ins Gewissen: er wirft dem Protagonisten vor, seine Träume nicht leben zu können, versagt zu haben, sein Leben zu genießen und lässt ihn dann zur erneuten Operation fahren. Festgeschnallt auf dem Bett, dass sich dem OP nähert erfährt er dann die Wahrheit: sein Körper soll schließlich als Unfallopfer für die nächsten Klienten dienen. So zeigt sich die Grausamkeit einer vermeintlich offenen, hedonistischen Kultur, die unter der toleranten Oberfläche noch unerbittlicher wirkt. Außerdem zeigt sich wie falsch so viele dieser Fluchten sind und wie wenig sie den Rahmen des Bestehenden wirklich überschreiten.

Žižek betont, dass das Subjekt verantwortlich für seine Träume ist und es in radikaler Weise zwischen falschen Träumen, die es an die herrschende Ideologie binden, und wahren, emanzipatorischen Träumen unterscheiden muss: “The way to change reality is to change the way you dream”.

Žižeks Perverts Guide to Ideology ist gut geeignet, um in Žižeks politisches Denken einzuführen. Er wirkt wesentlich verständlicher als der erste “Perverts Guide” und wesentlich konzentrierter im Argumentationsgang als viele seiner Vorträge und Bücher. Argumentationsgang ist ein gutes Stichwort: es handelt sich nicht im eigentlichen Sinne um die Präsentation von Kunst um ihrer selbst willen. Žižek nutzt sie viel mehr um an ihr etwas zu zeigen oder mit ihr etwas zu zeigen. Wie schon gesagt wirkt das ganze stellenweise sehr verführerisch: Žižeks Analysen sind in der Regel mit einer solchen Wucht vorgetragen und beeindrucken durch ihre konter-intuitiven Pointen, dass sie einen doch schnell das eigene Nachdenken abnehmen können. Ich selbst habe mich eine Zeit lang dabei ertappt, als ich tagespolitische Ereignisse nicht einordnen konnte, überlegt habe “Was denn der Žižek jetzt dazu sagen würde”. Wenn man dieser Falle, die ja der Figur des öffentlichen Intellektuellen ein wenig eingeschrieben ist, entgeht, wirkt dieser Film sehr anregend, er wirft die eigenen Perspektiven durcheinander und lässt uns dann doch (zum Glück!) im entscheidenden Moment allein. Er lässt uns nämlich allein mit der Frage: Wie sähen denn wirklich gefährliche Träume aus? Gibt es ein Ausbruch aus dem Status Quo, der nicht bloß falscher Eskapismus ist? Wie sieht eine Alternative zwischen Konservativismus und lizenziösem Liberalismus aus? Was in meinen Träumen und Wünschen ist bloß ideologisch? Und von welcher Position aus soll man feststellen, was Ideologie und was Emanzipation ist?

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