Von Sesshaften und Nomaden

Etwas Atemlos ließ sich dieses Jahr an. Neben einem Umzug, einem zum Glück glimpflich verlaufenden Autounfall und Terminen einmal quer durch das Land kam ich kaum zum Nachdenken. Obwohl sich bei mir noch einige Blogposts in der Warteschleife befinden (es soll auch bald mit Zizek weitergehen), kam ich kaum dazu die Ideenfragmente weiter auszuformulieren. Hier also als Lebenszeichen ein weiterer Verlegenheitspost. 

Bei den ersten Recherchen zu meinem Promotionsthema stieß ich auf eine interessante Diskussion in der Sozialphilosophie, die sich etwas vereinfacht auf die Frage herunterkürzen lässt: Wie stehen wir zu dem Ort, den wir bewohnen? Die Art und Weise des Wohnens, der Bindung an einen Ort, eine Landschaft, eine Sprache, eine Gemeinschaft, einen “Menschenschlag” prägt doch sehr schnell auch die Art und Weise, wie man mit Menschen umgeht, die nicht dahin gehören. Neben der Wiederkehr einer gewissen Heimatverbundenheit findet sich auch weiterhin die Romantik des Aufbrechens, des Auf-den-Weg-Seins,  bei dem gerade die Bindungen an einen Ort gelöst werden, wie das bei folgenden Lied von Frank Turner zum Ausdruck kommt.

To the east, to the east, the road beneath my feet.
To the west, to the west, I haven’t got there yet.
To the north, to the north, never to be caught.
To the south, to the south, my time is running out.
Ever since my childhood I’ve been scared, I’ve been afraid,
of being trapped by circumstance, of staying in one place,
and so I always keep a small bag full of clothes carefully stored,
somewhere secret, somewhere safe, somewhere close to the door.
Well I’ve travelled many countries, washed my feet in many seas,
I’ve drunk with grifters in Vienna and with punks in old DC,
and I’ve driven across deserts,
driven by the irony that only being shackled to the road could ever I be free.

Mia san Mia – die Rückkehr der Provinz

In den letzten Jahren lässt sich vermehrt so etwas beobachten wie eine Rückkehr des Provinziellen. Man verzeihe mir die etwas platte Aufzählung von tausendfach Gehörten: Umso mehr die Globalisierung nun tatsächlich als ein Faktor im Leben spürbar wird, umso mehr der Arbeitsmarkt zu Flexibilität in der Ortswahl zwingt, umso mehr Kontakt mit anderen Lebensformen und -Entwürfen die eigenen Selbstverständlichkeiten in Frage stellt und umso mehr Krisen ganze Flüchtlingsströme in Bewegung setzen desto mehr wird das Regionale (nicht nur beim Einkaufen) wieder sexy. Da wären natürlich zuerst jene ganz abstrusen Formen der kitschigen Verklärung von regionalen Brauchtum, die allerorts wieder salonfähig geworden sind. So entdeckt man in der Heidelberger Altstadt touristische Läden, in denen bayrische Dirndl verkauft werden. Nichts drückt diese Stimmung besser aus als der Slogan “Mia san Mia”, der als trotzige Selbstbehauptung allen anderen, gegenüber die eben nicht “Mia sin” noch eine Spur von dem verrät, was Kierkegaard der Versuch “verzweifelt man selbst sein zu wollen” bezeichnete. Doch auch in der Politik werden seit neuestem wieder Überfremdungsängste geschürt: Man warnt vor der Migration in unsere Sozialsysteme, spricht wieder davon, dass das Boot voll sei, hetzt gegen eine vermeintliche “Multi-Kulti-Ideologie”, die das Ureigenste zu gefährden scheint und führt symbolpolitische Autobahnmäute ein.

Doch tritt diese Rückkehr der Provinz nicht nur so plump auf und ist keineswegs ein rein politisch konservatives Phänomen. In den Gentrifizierungsdebatten der großen Städte (allen voran Hamburg und Berlin) zeigt sich doch durchaus so etwas wie linke Heimatgefühle. Das Großkapital, die Hipster, Banker und sonstige vertreiben die Alteingesessenen, machen, dass die Lieblingseckneipe schließen muss und von einem Sushi Restaurant ersetzt wird, treiben die Mieten in die Höhe und vernichten alles, was den rauhen und authentischen Charme des eigenen Kiezes gerade ausmachte. Außerdem kommen Schwaben und machen, dass die Schrippen nun Weckle heißen und verdrängen mit ihrer Kehrwoche noch den letzten Rest liebevoll-chaotischer Verplantheit, den die Stadt noch zu bieten hat. So richtig die Analysen im Einzelnen sein mögen, so wenig kann man ihnen eine gewisse bornierte Verklärung des eigenen ach so authentischen Kiez-Lebens nicht absprechen, das wohl als neoromantische Rückkehr der Provinz im Urbanen bezeichnet werden muss.

Und da ist dann noch die Idylle des Wohnens, der eigenen vier Wände, die Wiederkehr des Bausparens, die Träume von Behaglichkeit und Geborgenheit. Niemand konnte das besser zur Sprache bringen als der französische Philosoph Gaston Bachelard in seiner Poetik des Raumes. Für ihn soll das Haus, das eigene Heim zum Träumen einladen, zum imaginären Abschweifen. Das Haus, dass immer wieder das geborgene Wohnen der Kindheit aufrufen soll, weckt Gefühle der Geborgenheit des Schutzes. Diese Behaglichkeit des “drinnen” wächst in dem Maße, wie die Naturgewalten von außen gegen das Haus dringen. Je heftiger der Wind, die Feuchte und Kälte gegen das Haus schlagen, je stärker der Regen gegen das Fenster prasselt (wie soeben beim Verfassen des Posts), desto behaglicher wird es drinnen. Diese Behaglichkeit des Wohnens geht für Bachelard mit den modernen, isolierten Häuser der Städte verloren. Überhaupt ist für ihn das Wohnen nichts als Idylle, Nostalgie und (erinnertes) Glück.
Er vergisst das Erstickende und Beengende des Wohnens, das potenziell Zwanghafte dass dem Wohnen anhaftet, wenn einem “die Decke auf den Kopf fällt”, er vergisst dass aus jeder noch so behaglichen Wohnung ein Gefängnis werden kann. Auch hier stellt sich die Frage: Wie wohnen wir? Wie verwurzelt sind wir an einem Ort?

Der Förster und der Überlebende – der philosophische Hintergrund

Möglich wurde diese Frage nicht zuletzt durch die Philosophie Heideggers. Während sich das Denken vorher im “Nirgendwo” abspielte, in der Abstraktion vom konkreten Ort, kann man Heideggers Denken als sehr erdverbunden, verwurzelt beschreiben. Der Mensch ist beheimatet im Sein, Heidegger spricht mehrmals vom Haus als Metapher. Andere Lieblingsmetaphern tragen forstwirtschaftliche Züge: die Lichtung, der Holzweg, der Blitz der die Berge kurz erhellt etc. Gegen die Entfremdung des Menschen in der verwalteten Welt bestimmte Heidegger den Menschen als “In-der-Welt-Sein”. Kaum ein Philosoph ging vehementer mit der Technik (und ihrer Tendenz zur Entwurzelung) ins Gericht und kaum einer betonte mehr, wie sehr der Mensch ursprünglich eingebettet ist, in eine Umwelt. Es ist der Kampf gegen Descartes, der den Menschen – verkürzt gesagt – als ein denkendes Ding beschrieb, dass der Welt distanziert gegenübersteht, der Heidegger dazu veranlasst zu betonen, dass vor aller distanzierten Reflexion der alltägliche Umgang mit einer Welt steht. Der Mensch ist ursprünglich (eine zentrale Vokabel aller Phänomenologen) Teil einer Welt, mit der er selbstverständlichen und unreflektierten Umgang hat, erst im zweiten Schritt kann der Mensch sich von dieser Welt distanzieren und ihr reflektierend gegenüberstehen.

Ein Dozent der hiesigen jüdischen Hochschule nannte Heideggers Philosophie einmal einen großen Heimatfilm. Heidegger, der auf seiner Hütte im Schwarzwald philosophierte, hätte auch die Rolle eines Försters mit braunen Janker und natürlicher Autorität sicher gut gestanden. Dieser Protest gegen Heidegger wurzelt in der Philosophie von Emanuel Levinas, der eigens von Litauen nach Straßburg und Freiburg ging, um “bei Heidegger zu hören”, den damals der Status eines Propheten anhaftete. Doch sehr bald arbeitete er sich an seinen Meister ab und sein ganzes Werk kann als Einspruch gegen Heidegger verstanden werden, so wie Kierkegaards Philosophie ein Protest gegen Hegel ist (und beide also in ihrer Weise von ihren Antagonisten abhängig bleiben). Heideggers Rektoratsrede, in der sich den Nazis anbiederte war für Levinas kein Ausrutscher eines politisch ungeschickt handelnden Philosophen, sondern tiefer Ausdruck von Heideggers “Heimatphilosophie”. Levinas schreibt mit unversöhnlicher Häme über Heideggers Philosophie sie wolle “die verlorene Welt wiederfinden, sich dem Licht der großen Landschaften, der Faszination der Natur, den majestätisch hingelagerten Bergen öffnen, man will wieder auf den Pfad achten, der sich durch die Berge schlängelt, die Gegenwart des Baumes spüren, das Helldunkel der Wälder, das Geheimnis der Dinge, eines Kruges, etc.”

Die Suche nach einem Ort, einer Heimat, die fraglose Verwurzelung, die Suche nach Verbundenheit und Bindung, das einfach Hier-wohnen-wollen ist Levinas suspekt geworden. Levinas schreibt als jüdischer Philosoph dieser Philosophie den Titel Heidentum zu. Heidentum ist „Eingepflanztsein in eine Landschaft, die Verbundenheit mit einem Ort, ohne den das Universum bedeutungslos würde und kaum existierte“.
Je mehr die Verbundenheit mit einem Ort betont wird, desto wahrscheinlicher wird auch die Spaltung in Einheimische und Fremde (“Neigeschmäckte”). Dieses Heidentum kennt keine freudliche Aufnahme des Fremden, kennt keine Verantwortung für den, der nicht dazugehört, die Wärme nach innen wird mit einer Indifferenz nach außen bezahlt. Jeder Fremde droht die Idylle zu stören. So ist Levinas Philosophie u-topisch im Wortsinne: sie geht von einem Nicht-Ort aus, von einem Anderswo, aus dem jederzeit der Fremde (der ja immer auch der Nächste sein kann) auftaucht und unsere Welt durch seine Fremdheit durcheinanderbringt.
Im Judentum erblick Levinas das Prinzip der Entwurzelung (“Geh weg aus deines Vaters Haus!”), hier sieht er das umherwandernde Gottesvolk, dass keinen echten Ort, keine eigentliche Bleibe hat. Es kann für Levinas nie ganz seßhaft werden, es haust unter Vorbehalt, ist immer ein wenig fremd, immer etwas deplaziert, wird sich nie ganz heimisch fühlen.
Ein Beispiel dafür ist die Altneu-Synagoge in Prag. Eine Synagoge von der sich erzählt wird, dass sie mit einem Grundstein aus dem Jerusalemer Tempel errichtet wurde. Der Name Altneu-Synagoge wird hergeleitet aus dem Hebräischen “al tenai”, was “unter der Bedingung dass” heißt. Sollte eines Tages der Messias wiederkommen, der ja den Tempel neu errichten muss, wird sie zerstört werden, um an den Grundstein heran zu kommen. So lässt sich alles Wohnen als “unter der Bedingung dass” verstehen.
Auch wenn Levinas Einordnung des Judentums den zweiten Teil der Berufung Abrahams (“und geh in ein Land, dass ich Dir zeigen werde”) geflissentlich übersieht und die Spannungen, die damit einhergeht, einfach ausblendet, so bleibt doch seine Kritik von fraglosen Wohnen, von ungebrochenen Heimatgefühlen immer noch stark. Modifiziert würde ich sagen: Jedes Zuhause-Sein, jedes Wohnen muss sich daran messen lassen, wie es mit den Fremden umgeht.

Und dann das Nomadentum

So wiederholen Geistes- und Sozialwissenschaftler auch sehr schnell die Kritik an aller Heimatidylle und manche lassen sich dazu hinreißen, vom Nomadentum als neuer Tugend zu reden. Sie träumen von einem Zusammenbruch der Seßhaftigkeit, nachdem es keine sesshaften Kulturen mehr gibt, “sondern nur unbehauste, dezentrierte Energien”. (Edward Said). Man lobt das Kosmopolitische, das Ungebundene und ewig-Offene einer nomadischen Existenz, die nur auf den Flughäfen dieser Welt beheimatet ist. Das Jetsettertum und der Lifestyle-Nomadismus, in denen jede Festlegung der Identität unterlaufen wird, in der alles jederzeit wieder neu zur Verhandlung stehen kann drückt doch auch die klaustrophobische Angst aus, die Angst vor der Festlegung, die Angst einfach stehen zu bleiben und damit auch die Angst vor dem Wirklichen, dass immer das Mögliche beschränken muss. In dieser “Topophobie”, dieser Angst vor dem Ort oder die Sehnsucht nach dem “Woanders” steckt mit Kierkegaard auch “die Verzweilfung ein anderer sein zu wollen”. Also die Flucht vor dem eigenen Leben. Doch passt es auch zu den Anforderungen des flexiblen Arbeitsmarktes, den Richard Sennet in “der flexible Mensch” so gut beschreibt, in dem es gilt ständig unterwegs zu bleiben, sich ständig nach Neuem umzuschauen, keine Bindung so ganz und gar einzugehen. Denn, wer ewig an einem Ort bleibt, der lebt prekär. Am Ende ziehen vielleicht alle anderen weiter.

So scheint auch das Nomadentum kein Ausweg zu sein. Diesen Zwang zur Wanderung, das sich zur Disposition stellen, heißt auch nirgends wirklich da zu sein und damit auch: für niemanden wirklich da zu sein. Dort wo alles im Fluß ist, kann auch der Fremde keine freundliche Aufnahme finden, weil alle damit beschäftigt sind, woanders zu sein. Die Sprache der Flexibilität, Mobilität und Fluidität von Lebensentwürfen verbirgt in sich einen tieferen Zwang (nämlich exakt mobil und flexibel sein zu müssen und allem Festen und Festgelegten zu entsagen).

Denn Verantwortung verortet. Auf den Ruf Gottes antwortete Jesaja: “Hier bin ich, sende mich.”. Darin wird eine Doppelung von Präsenz und Bereitschaft zum Weitergehen deutlich. Eine Präsenz, die sich nicht nach außen abschirmt, sondern gerade geöffnet wird durch einen Ruf von außen. Und ein Weitergehen, dass nicht einfach aus der Angst vor Festlegung und einer Flucht vor jeder Präsenz und Identität entspringt, sondern einfach der Ruf in eine andere Präsenz und eine andere Identität ausdrückt.

So gesehen wäre ein solches Wohnen nie ein völlig eingerichtetes, selbstzufriedenes Wohnen, und solche Heimat nie eine nach außen abgeschlossene. Sondern es geht um einen Wohnen, dass sich immer schon dem Anderen verdankt, dass dem unerwarteten Gast immer schon eine Bleibe einräumt und eine Heimat, die sich gerade darin erweist, dass sie sich aus der Begegnung mit dem Fremden speist.

Und dafür gibt es einen Namen: den Namen der Gastlichkeit.

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4 thoughts on “Von Sesshaften und Nomaden

  1. Andi G. says:

    Schön, mal wieder! – Aber kannst du mir mal noch schnell verraten, worauf du Levinas’ Heimatkritik genau stützt? Ich könnte das für mein Kapitel über die Wüstenwanderung des israelischen Volkes ganz gut gebrauchen.

    Grüße!

    Andi

    • arnachie says:

      Die Zusammenstellung der Zitate (und mehr darüber hinaus) findet sich bei Burkhard Liebsch – Für eine Kultur der Gastlichkeit, besonders im Kapitel “gegen ein heidnisches Denken?” S. 88 – 94. Darin wird genannt Levinas – Schwierige Freiheit S. 174, Totalität und Unendlichkeit zB 56 , 433. Das In-Der-Welt-Sein bezeichnet Levinas als wiederrechtliche Inbesitznahmes eines Ortes auf Kosten Anderer; Und Leben als Selbsterhaltung im Sein ist verdächtig den Anderen auszzschließen, heimatlos (!) zu machen; etc. (Totalität und Unendlichkeit, S. 250). Ich könnte noch mit etwas Aufwand noch mehr Stellen raussuchen, aber vielleicht reicht das schon. Was ich bei Levinas übrigens unsäglich kitischig fand, war seine Betonung der “Weiblichkeit”, die ja das Haus für den Gast immer schon öffnet. Also doch ein wenig das “Heimchen am Herd”.

  2. arnachie says:

    PS: am deutlichsten und frühesten findet man die Kritik in “Über die Philosophie des Hitlerismus” aus dem Jahre 1933.

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