Sich der Wirklichkeit aussetzen

Ich bin so oft ich auf das Denken, Leben und Schreiben der Zwischenkriegszeit in Deutschland stoße, sehr fasziniert. Hannah Arendt sprach einmal davon, dass in dieser Zeit der Traditionsbruch Wirklichkeit geworden war, nicht mehr nur die Sache einiger weniger Künstler und Intellektueller. Wo immer man auch hinschaut in das Denken dieser Zeit erblickt man das Bewußtsein einer echten Krise, das Ende der Dominanz des Bürgerlichen, das für viele Denker auf den Schlachtfeldern des 1. WK gestorben war. Gleichzeitig erblickt man die Frische eines Neubeginns, die Unschuld und Naivität eines neuen Denkens genauso wie die Boden- und Uferlosigkeit eine Jugend, die die überkommenen Lebensstile nicht mehr teilen konnte ohne wirklich auf tragfähige Alternativen gestoßen zu sein. Das Rauschhafte, Dionysische und gleichzeitig so Verlorene dieser Zeit beobachte ich mit einer gewissen kritischen Sympathie.
Man kann sich sicherlich trefflich darüber streiten, ob nun in dieser Zeit vielleicht Möglichkeiten des Denkens aufgeblitzt sind, die dann später entweder eingeäschert oder nach dem 2. Weltkrieg ins Neubürgliche überführt wurden, oder aber ob nicht – wie es Levinas als Zeitgenosse 1933 schon analysierte – vielmehr die Dekadenz und das Schwere- und Substanzlose dieser Zeit die Hintergrundfolie bilden, auf dem der Aufstieg des Nationalsozialismus als eine Ernsthaftigkeit versprechende antisemitische und zugleich konservative Revolution erst verständlich wird.

Auch das (deutsche) theologische Denken der Zwischenkriegszeit zählt für mich als eines der gewagtesten und kreativsten der Theologiegeschichte. Wo man auch hinschaut, sieht man das, was heute so selten geworden ist: den Versuch, das Christentum in einer Zeit der existentiellen, intellektuellen und sozialen Verwerfungen neu zu denken, neu zu leben. Karl Barths Römerbriefvorlesung begründete 1919 die dialektische Theologie, Dietrich Bonhoeffer reflektierte diese Zeit in seinen späten Briefen aus dem Gefängnis, in denen er von der erwachsen gewordenen Welt und der Notwendigkeit eines “gottlosen Lebens vor Gott” und vom “religionslosen Christentum” sprach. Bultmann suchte in Marburg nach einer von Heidegger inspirierten “existentialen Interpretation” des Christentums als eine Religion der radikalen Entsicherung. Karl Rahner führte im Katholischen Bereich die anthropologische Wende der Theologie ein und dann war da eben auch Paul Tillich.

Ich sehe gerade meine Unterlagen aus meinem ersten Semester durch und habe gemerkt, wie sehr mich Tillich vom ersten Semester an sowohl in der Anknüpfung an ihn als auch in der Abgrenzung gegen ihn geprägt hat. Tillich ist ein Denker, der sich als religiöser Sozialist, als Philosoph und zutiefst dem Leben und der Welt zugewandter Mensch für die gesamte Wirklichkeit interessierte und der auch immer wieder breit zu verschiedenen Themen der Kunst, Architektur, Literatur, Hermeneutik, Politik und natürlich Theologie Stellung bezog. Das mag mit seiner grundlegenden Metapher zu tun haben: die Metapher der “Tiefe” oder “Tiefendimension”. Hier liegt vielleicht der Reichtum aber auch die Beschränkung von Tillichs Denken begründet. Gott ist nicht jenseitig, überirdisch, sondern in der Tiefendimension des Lebens zu finden, ja Gott ist “das Sein selbst”. Gerade diese Setzung ist natürlich höchst problematisch.

Ich habe gerade einen Aufsatz aus dem Jahr 1927 vor mir, der unter dem Titel “Gläubiger Realismus” genau dies beschreibt.
Tillich macht – ganz ähnlich wie der Levinas-Text übrigens – einen philosophiegeschichtlichen “Abriss” von den Griechen bis zu seiner Gegenwart. Während die Griechen (also hier: Platon) vor der Wandelbarkeit der Zeit in das Reich der ewigen Ideen flohen, versuchte die Renaissance mit ihrem “technischen Realismus” die Gegenwart durch Naturwissenschaft und Technik zu gestalten, was schließlich zum “ökonomischen Realismus” der Gegenwart führte, in der der Mensch selbst verzweckt wird:

“Der Mensch selbst kann zu dem werden, zu dem er die Dinge zwingt: zum Werkzeug, zur Maschine, zur Arbeitskraft. Er kann wie die Dinge entmächtigt werden, um in die neue Macht des technischen Gebildes als Glied eingefügt zu werden. Seine wahre Wirklichkeit kann in dem gesehen werden, worin er mechanisierbar, einfügbar in einen Zweckzusammenhang ist. … Das Wesen des Menschen ist grenzenloses Bedürfnis. Ihm dienen Menschen und Dinge, der ganze gewaltige Zweckzusammenhang, von dem die Welt verwandelt ist und nach dessen Sinn man nicht mehr fragt.”

Soweit die an Marx angelehnte Kritik der technisierten Ökonomie. Dem gegenüber setzt er den historischen Realismus, der sich dem Hier und Jetzt des historischen Moments aussetzt, aber in die Tiefe des historischen Moments vordringt. Es folgt ein langes Zitat:

“Das Hier und Jetzt ist nicht das Zufällige, nicht der Augenblick, sondern das, was in diesem Augenblick getragen ist vom Vergangenen, gespannt ist zum Zukünftigen….
Wir können die Tiefe der Wirklichkeit nur in dem Maße erfassen, als wir in die Tiefe unseres sozialen Seins dringen. Kein Akt unseres Geistes vermittelt uns Wirklichkeit, der nicht zugleich Ohnmachtsschichten unseres sozialen Daseins durchstößt. Unsere akademische Wissenschaft schwebt über den Wassern einer historischen Realität, von deren Existenz sie auch dann kaum etwas ahnt, wenn sie sie geschichtlich bearbeitet. Denn auch dann bleibt sie über den Wassern, taucht nicht ein in die Spannungen, die aus der Vergangenheit in die Zukunft drängen und erfasst darum immer nur den Schaum des Wirklichen, nicht seine Macht, seine gewaltige umwälzende Dynamik…
Das Unbedingt-Wirkliche, die letzte Macht des Seienden, ist nicht zu erreichen durch Weggehen von dem Hier und Jetzt, sondern durch Standhalten in ihm, durch Eingehen in seine Spannungen, durch Ergriffenwerden vom historischen Schicksal. Glaube und Realismus gehören zusammen. … Eine Theologie, die das Reale nicht sucht, kann auch das Reale nicht wandeln; sie bleibt in abstrakter Dialektik. Und wir wissen, daß dieses das Problem des Protestantismus ist. ..
An dem Maß des gläubigen Realismus gemessen ist viel kirchliches Wort Verführung zur Ungegenwärtigkeit, zum Verrat am Hier und Jetzt. Vielleicht ist unser Schicksal zu sagen: nicht: ich glaube, darum rede ich, sondern: ich glaube, darum schweige ich. Und wenn ich reden muß, so rede ich vom Sinn dieses Schweigens. Der ganz im Profanen Stehende hat manche Hilfe weniger, aber er hat auch manche Verführung weniger.”

Es ist dieser Tillich, den ich mag. Den “Denker auf der Grenze“, der immer wieder bemüht ist, sich mit der gegenwärtigen Wirklichkeit auseinanderzusetzen. Der sich also weigert von Gott als einen Tatbestand zu sprechen, den eine ekklesiale Tradition verwalten kann oder einem überhistorischen Wesen, dass freilich die Theologen mit ihrem Spezialwissen immer schon im Wesentlichen entschlüsselt haben, sondern wenn überhaupt, dann kann man nur im “Hier und Jetzt” sinnvoll davon sprechen.
Mal ganz abgesehen von der theologischen Richtung seines Denkens, scheint es mir doch überhaupt nicht verkehrt, ein Denken zu kultivieren, dass sich ganz den Spannungen und Verwirrungen der Gegenwart aussetzt, dass also nicht aus sicherer Distanz die Dinge beobachtet, sondern sie an sich heranlässt. Das sich affizieren lässt von der Gegenwart. Das führt bei ihm in der Konsequenz nun leider dazu, dass er exakt das macht, was man Hegel immer (zu recht oder unrecht) vorwarf: im Versuch die Begriffe für das Leben zu öffnen, unterwirft er das Leben den Begriffen. Er entwirft ein großes System, dass voller aristotelischer Metaphysik zwar das Ganze des Lebens “einfangen” will, aber sobald er es eingefangen hat, lässt er das Leben nicht mehr frei. Am Ende steht eine große Synthese, in der z.B. Religion immer schon die “Tiefendimension der Kultur” ist etc. Obwohl Tillich die immer wieder die Ambivalenzen und Brüche des Lebens betont, so sieht er als eine Art Allesversöhner doch Religion zu schnell auf der Seite der Ganzheit, auf der Seite der Heilung des zerbrochenen Lebens. Und damit macht er sich angreifbar für eine gescheite Verdachtshermeneutik.

Aber die Geste seines Denkens scheint mir nicht verkehrt. Den Versuch eben, nicht allgemein über Geschichte zu reden, sondern sich ganz in die Spanungen und Verwirrungen der Gegenwart hineinzugeben, “in ihnen Stand zu halten”, der Versuchung zu wiederstehen immer schon ein Schritt weiter sein zu wollen, als der Rest der Gesellschaft, sondern zunächst zu lernen, wo wir überhaupt stehen. Auch ich würde vielleicht von der Tiefe reden wollen, aber nicht um der Wirklichkeit etwas überzustülpen, ohne das sie längst zu leben gelernt hat. Nicht den “tragenden Grund der Wirklichkeit”, nicht die in sich ruhende Essenz, von der man sich entfremdet hat, nicht der Ruf zurück nach hause. Keinen Mutterschoß. Weder den metaphysischen Mutterschoß der Spiritualität noch den sozialen der Kirche. Vielmehr erwarte ich in der Tiefe Spuren von etwas das längst weitergezogen ist, etwas, das sich gut hegelianisch mit uns entfremdet hat, mit uns durch die Geschichte irrt. Nicht nur Beruhigung, sondern auch Aufruhr, nicht allein den Ruf zurück, sondern auch Fragmente einer Zukunft, die jenseits des Möglichen liegt, einen Ruf, der die Wirklichkeit für eine Ankunft, einen Advent öffnet. 

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