Rückschau auf’s Emergent Forum 2013

Der Zwischenraum ist ein Ort jenseits aller Orte.
Er ist ein undefiniertes Niemandsland zwischen zwei oder mehr fest umgrenzten Zonen.
Zwischenräume sind immer “weder hier noch dort” oder “sowohl ein bisschen hier als auch schon ein wenig dort”.
Ein solcher Zwischenraum ist für mich das Emergent Forum, dass sich auch in meinem Leben seit einigen Jahren als eine – wenn man das sagen darf – “feste Institution” eingebürgert hat. Seit Jahren arbeite ich bei Emergent Deutschland mit. Wenn ich es recht überlege, ist es das Engagement, dass ich am beständigsten und ausdauerndsten verfolgt habe. Doch fällt es mir nach so vielen Jahren immer noch nicht so leicht, zu beschreiben, was wir denn dort eigentlich machen.
Denn wie soll man ein Niemandsland beschreiben? Wie kann man einen Ort jenseits der Orte beschreiben?

So lud ich einen guten Freund aus Basel nach Berlin ein, den das Thema “Spiritualität” interessierte – ein Begriff, mit dem ich eher meine Probleme habe. Und wie Corinna und ich es taten, reiste er schon am Donnerstag in Berlin an.
Am Abend kamen wir dann ins Gespräch: “Was ist denn nun eigentlich dieses Emergent?” – eine Frage, die ich grundsätzlich nicht ohne ein Bier (und nach dem chinesischen Essen – einen Verdauungsschnaps) beantworten kann.

So erzählte ich ein wenig von der Geschichte, darüber, wie es 2006 (?) eine sehr lebendige Bloggerszene gab, die mal ein Treffen organisieren wollte, dass sich mit der Frage beschäftigt, welche Chancen und Herausforderungen gesellschaftliche und kulturelle Umbrüche der Gegenwart für das gegenwärtige Christentum stellen. Schnell wurde aus diesen Treffen ein Sammelbecken für alle möglichen Menschen, die jeweils ihre sehr eigene Geschichte und ihre eigenen Zweifel und Fragen mit in den Dialog brachten. Und so entwickelte sich ein Ort, an dem Denkverbote aufgehoben werden sollte (natürlich wie jeder weiß nie ohne neue Denkverbote zu schaffen), an dem auch kein “Praxiszwang” herrschen soll, sondern Menschen ihren Glauben durchdenken und durchzweifeln dürfen, an dem aber auch Ordinierte und Gemeindepraktiker aller Art ihren Platz haben sollen. Kurzum: ein Ort, der eher mit einer bestimmten Art von Erfahrung verbunden ist und in dem durch eine Form des Austausches, die es so nicht sehr oft gibt, Dinge in Bewegung kommen, die man so nicht planen kann. Ein kreativer und schwer zu definierender Zwischenraum, an dem Dinge “emergieren” – an dem nicht Planbares entsteht. So ungefähr sollte wohl meine Antwort am Donnerstag ausfallen, auch wenn es mir kaum gelungen sein dürfte, das so geschliffen vorzutragen.

Nachdem dann der Freitag voll war mit Tätigkeiten des Aufräumens, Aufbauens, Organisierens, begann dann am Abend das Emergent Forum in der Reformationskirche in Moabit.

Der Pilger in der Besenkammer und Tee trinken mit Obdachlosen – der Ort

Stimmungsvoll wurde der Einzug in den zentralen Ort des Forums inszeniert und man bekam auch Zeit, ein Gespür für die Refo-Gemeinde in Moabit zu bekommen.

Nach einem Brand im angrenzenden Gemeindehaus vor einigen Jahren und einer kirchlichen Umstrukturierungsmaßnahme wurde die Kirche aufgegeben und dieses wunderbare Kirchengebäude mitsamt der angrenzenden Gemeinderäume, einer Kita und einer Tiefgarage stand leer. Da fand sich eine Gruppe von ungefähr 20 – 30 Leuten, die diese Räume für ihren Traum von Kirche (unter dem Dach der Evangelischen Landeskirche) nutzen wollten: keine festangestellten Pastoren, sondern basisdemokratische Entscheidungen, die Verbindung von sozialen, kulturellen und spirituellen Engagement etc.
Bei der Tour durch die Räumlichkeiten fiel dann folgender Satz: “Hier in dieser Kammer wohnt unser Pilger”.
Man kann sich keinen perfekteren Satz ausdenken, der mit möglichst wenig Worten möglichst viele Fragen aufwirft. Es war wohl tatsächlich so, dass Derrick, ein durch die Welt tourender Engländer, plötzlich vor der Tür stand und sagte, dass ihm seine Intuitionen dorthin verschlagen hätten und das er bis aufs weitere gern dort wohnen und bei allen praktischen Aufgaben dort mit anpacken wollte – so lange bis er wieder weiter ziehen muss.
Die Welt ist voller Geschichten.

In der Refo-Gemeinde hat sich mittlerweile ein ziemlich gutes Jugendtheater etabliert, das mit Ghetto-Kids (und der Name scheint mir nicht völlig übertrieben zu sein) Kulturarbeit betreibt, während es regelmäßig Jazzkonzerte in den Räumen gibt. Als ich in der Küche des wunderschönen “Wald-Cafés” stand (einem gemütlichen kleinen Cafe in den Räumlichkeiten dort, das von einer alten 80er Jahre Baumtapete geprägt wird) um Vorbereitungen für meine Cocktails zu treffen, die ich auf dem Forum anbot, kam ein obdachloser Jugendlicher herein. Wir kamen ein wenig ins Gespräch und er sagte, dass die Refo einer der wenigen Orte ist, an dem man unkompliziert sich einen Tee machen kann, man auch das W-Lan nutzen kann und ob ich denn noch solche Angebote in Berlin kenne.
Diese zwei Eindrücke neben dem wunderschönen Kirchengebäude hinterließen einen sehr positiven Eindruck von der Gemeinschaft, die das Forum beherbergte. (Hier gehts zum Link)

Fahrradfahren und Freibier – zum Thema

Wie schon gesagt, weiß ich gar nicht unbedingt immer etwas mit dem Begriff Spiritualität anzufangen. Ist es nicht ein Container-Begriff für alles mögliche? Geht es um Meditation und Gefühle von Erleuchtung, Einssein mit dem All und Harmonie? Mit all diesen Dingen kann ich wohl eher weniger anfangen und ich weiß nicht, ob ich mich als “spirituellen Menschen” sehe.
Sehr viel konnte ich jedoch mit dem zentralen Referat am Samstag morgen von Sandra anfangen. Auch sie sprach über die Schwierigkeiten, eine funktionierende Definition von Spiritualität zu finden. Besonders, wenn man Spiritualität nicht auf ein Set von “spirituell” genannten Handlungen einengen möchte. Vielleicht müsste man also Spiritualität als eine Art der Wahrnehmung begreifen, die in alltäglichen und weniger alltäglichen Erlebnisse und Handlungen etwas anderes verspürt. Wie man dann dieses “andere” wiederum definiert ist dann eine Frage der Theologie – kommt das in etwa hin?

Sandra betonte vor allem das Prozesshafte der Spiritualität. Sie ist kein Zustand oder ein Modus, für den man sich entscheidet, sondern eine Bewegung, eine Geschichte in der man sich befindet, die nie Stillstand ist, die nie zu Ende erzählt ist. Sie zitierte dabei Luther:

Das Leben ist nicht ein Sein, sondern ein Werden,
nicht eine Ruhe, sondern eine Übung.
Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber.
Es ist noch nicht getan oder geschehen,
es ist aber im Gang und im Schwang.

Außerdem erzählte Sandra von Madeleine Delbrêl, einer französischen Mystikerin der Gegenwart, die sich in den 30er Jahren zusammen mit Kommunisten gegen den Faschismus engagierte und die eine alltägliche Spiritualität der Straße leben wollte, die sich eben nicht vom Leben zurückzieht, sondern im Engagement, in der Auseinandersetzung mit anderen Menschen und der Kultur steht.
Sie benutzt dabei vor allem das Bild des Fahradfahrens: es gilt bei der Spiritualität eine Spannung aufrecht zu erhalten zwischen Aktivitäten und dem nicht Produzierbaren, zwischen Offenheit und Bestimmtheit, zwischen dem Besonderen und dem Alltäglichen etc., diese Spannung lässt sich nur durch Bewegung aufrecht erhalten. Nur wer unterwegs bleibt fällt nicht um.

Ein Bild, das mir dabei besonders gefallen hat ist die Metapher des Fahradfahrens bei Nacht:

„Du willst uns keine Landkarte zur Orientierung geben.
Unser Weg soll durch die Nacht führen.
Kommt eine neue Strecke, leuchtet ein Licht auf,
wie die Lampe eines Signals.
Oft ist das einzige, was sich sicher einstellt,
eine regelmäßige Müdigkeit aufgrund derselben Arbeit,
die täglich zu leisten ist, desselben Haushalts,
der immer wiederkehrt, derselben Fehler,
die zu bekämpfen sind, derselben Dummheiten,
die wir vermeiden sollten”

Ich selber habe noch einen etwas anderen Weg gewählt, um mich dem Thema anzunähern und habe einen Workshop zum Thema “Spiritualität der (Un-)Ruhe gehalten. Dazu werde ich später einmal etwas schreiben.

Kreislauf(-probleme) – der Rhythmus und die Gestaltung

Schön war, dass sich bei diesem Forum das Thema besonders gut in der Gestaltung niedergeschlagen hat. Rhythmus war eines der zentralen Begriffe, die immer wieder fielen. Scheinbar hat Spiritualität etwas damit zu tun, dass man in bestimmten Rhytmen lebt, dass das Leben nicht gleichförmig gestaltet ist, sondern Phasen hat, in denen etwas Besonderes passiert und man Raum hat über das was einen passiert nachzudenken. Überhaupt möchte ich das Nachdenken als eine zentrale “geistliche Übung” verstehen (was nicht bedeuten soll das nur der spirituelle Mensch nachdenkt).
Es zog sich ein Rhythmus durch die Tage, der sogenannte HerZschlag: immer wieder kamen wir zusammen und über Boxen wurde das Geräusch eines Herzschlages abgespielt, dann wurde im Wechsel ein Psalm gesprochen und ruhige Musik abgespielt. Dieses sehr einfache Ritual hatten einige schon bis zum Ende des Forums so verinnerlicht, dass jemand nach dem Forum twitterte: “Was fehlt: HerZschlag”.
Aber es gab auch Leute, die Probleme damit hatten. Jemand schrieb, dass ihm das laute Geräusch eines Herzschlages Kreislaufprobleme bereitet hat und anderen brachte das aufwühlende Erfahrungen in Erinnerung. Hier zeigt sich dann doch, wie wirkmächtig (und ambivalent) Rituale sind.

Ich fand es eines der ausgeglichensten Foren, welches die Balance zwischen partizipativen Formen, Referaten, Möglichkeiten um ins Gespräch zu kommen, sich zurückziehen und nachzudenken anbelangt. Es war für verschiedene Frömmigkeitsstile, Gemütslagen und Bedürfnisse sehr verschiedene Angebote da: Workshops über Spiritualität und Körperlichkeit, über Psalmen, aber auch über philosophische Themen.

Was auffiel: dieses Jahr war die “Frauenquote” (und damit meine ich Frauen am Mikrophon) viel höher als sonst. Ich hasse es zu sagen, aber es scheint wohl immer noch eine sehr wirkmächtige unausgesprochene Arbeitsteilung in diesen Kreisen zu bestehen: während den Männern fatalerweise das Theoretische überlassen wird, sind dann die Frauen eher für “Spirituelles” und “Praktisches” zuständig.
Ein Zustand, der sich unbedingt ändern muss. Nur leider kann man für das Theoretische keine Quotenregelung treffen. Ich bin da immer noch ein wenig ratlos.

“Ich hatte einen Hot Buttered Rum und dann ist mir Gott begegnet” – Gespräche

Was jedoch das Emergent Forum ausmacht, ist nur zum Teil das Thema. Vielmehr sind es doch immer wieder die Begegnungen mit sehr unterschiedlichen Menschen aus sehr unterschiedlichen Ecken. Dabei scheint eine gute Mischung wichtig zu sein: für mich ist es die Mischung aus “Heimatgefühlen” und “heilsamen Irritationen”. Es gibt da diese Handvoll Leute, auf die ich mich schon ein ganzes Jahr freue, die Leute mit denen man sehr schnell auf einer Wellenlänge liegt, von denen man sich irgendwie verstanden fühlt und die den gleichen abseitigen Humor teilen. Zum anderen gibt es immer mindestens 1,2 dieser Momente bei den Forum in der einem dieses innerliche “Whaaat the fuck” durch den Kopf geht. Menschen, die aus einer ganz anderen Tradition kommen oder viel eher: Menschen, die aus exakt der selben Ecke kommen und Dinge sagen, die man wohl früher so gesagt hätte. So ist aus Emergent immer noch keine saturierte, geschlossene Gruppe geworden, auch wenn das schnell so scheint. Es verirren sich so unterschiedliche Leute zu dem Treffen, dass der einzige gemeinsame Nenner der Austausch zu sein scheint.
Hier wäre auch mein einziger richtiger Kritikpunkt: in der Betonung des Dialogs und des “voneinander lernen” sollten Kontroversen nicht glattgebügelt werden. Es gibt reale Unterschiede und es gibt Spannungsfelder, die nicht mehr auf ein Gemeinsames zu reduzieren sind und diese müssen zur Sprache kommen dürfen. Denn darum sollte es doch gerade gehen: um Begegnungen jenseits von Konsens, in denen das Irritierende auch irritierend bleiben darf.

Sehr gut ist, dass immer sehr viel Aufwand in das Essen und Trinken gesteckt wird. Es gibt fast immer großartiges Essen und  abends gibt es gute Dinge zu trinken. Ich habe dieses Jahr Grapefruit Gin Tonics und Hot Buttered Rums gemacht (Rezept). So war auch abends die vielleicht wichtigste Zeit am Tag, an denen die Begegnungen stattgefunden haben, für die man den weiten Weg auf sich genommen hat. Man konnte sich dann die Luxus leisten mit einem kalten Bier in der Hand sich auf den beheizten Boden der Refo-Kirche zu legen, den Klängen des Roemer Collectives zu lauschen und das Leben im Allgemeinen sehr knorke zu finden. (Übrigens: zwischen ihren Songs machten sie die Ansage, dass ihnen der gestrige Hot Buttered Rum zur Gottesbegegnung wurde. Wie sagt man so schön: Putting back the “Spirit” in “Spirituality”). Oder man ging an die Bar und führte bis spät abends Gespräche darüber, ob nun Wittgenstein den 2. Weltkrieg ausgelöst hat, weil er mit Hitler in die gleiche Klasse ging und darüber, ob Heidegger nicht überflüssig war (Was wieder an den wunderbaren Heidegger-Song erinnern lässt)
Auch hierbei ist das Schöne, dass hier das Hochgeistige genauso Platz hat wie das Banale und das dieses Forum eben weder das Akademische reden weder bevorzugte, noch es verbot, sondern auch hier einen guten Zwischenraum bot zwischen der Ebene der grundsätzlichen Auseinandersetzung und der Ebene des alltäglichen (gemeindlichen oder individuellen) Handelns.

Was ist denn nun Emergent? Prozesse

Heute nach einem Tag habe ich meinen Freund gebeten mir zu sagen, was er nun jemanden antworten würde, der fragt, was denn Emergent sei. Seine Antwort war so gut, dass ich sie hier einfach veröffentliche:

“Die (Antwort, was Emergent ist) würde wahrscheinlich nicht sehr anders ausfallen als vor dem Workshop. Aber mit einem grossen Unterschied: Ich hätte durchaus eine Ahnung in mir und bereichernde Erfahrungen allerdings einige Probleme diese treffend in Sprache zu hüllen. Und damit bin ich gar nicht mehr von eurem langjährigen Kern entfernt.  Experte für “Emergentes” scheint es für mich höchstens in Bezug auf die Historie der Bewegung zu geben aber nicht in Bezug auf den Prozess- der braucht mehr als einen Experten. Über Emergentes zu schreiben oder zu referieren ist für mich im Moment wie ein theoretischer Vortrag über einen Bungee-Sprung. Sehr weit weg vom Erlebbaren. Emergent ist für mich vielleicht das nicht extern eingeleitete beabsichtigte “Passierende”, das (scheinbar?) ohne Wurzel/ohne einen klaren ersten Beweger auskommt. Vorher hätte ich gesagt: Boa klingt mir das schwammig. Heut würde ich sagen: Ja, das ist es auch (aber genau darin kann sich für den Moment Neues ereignen). Wobei es schon so etwas wie einen Beweger gibt. Aber nicht des Prozesses, sondern der Personen sich dem emergenten “hinzugeben” übrigens habe ich auch den Eindruck, dass ein emergenter Prozess nicht zielführend sein muss. Der Prozess ist bereits Ziel.”

Dem kann ich nichts hinzufügen.

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6 thoughts on “Rückschau auf’s Emergent Forum 2013

  1. Cedric Weber says:

    Vielen Dank Arne für diese sehr lesenswerte Zusammenfassung vom #EF13. Ich werde sicher darauf verweisen und zitieren ;-).

  2. […] Arne Bachmann – Rückschau auf’s Emergent Forum 2013 (sehr ausführlich – inkl. Definition von »Emergent«!) […]

  3. […] @Arnachie: RÜCKSCHAU AUF’S EMERGENT FORUM 2013 […]

  4. johanna says:

    Danke, wirklich gelungener Rückblick!

  5. preachitbaby says:

    Ein sehr interessanter Bericht!

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