Zweifel und Affirmation

zweifel

Es folgt ein etwas unsauber gedachtes, unfertiges Gedankenfragment zum Thema Zweifel und Affirmation. 

Eine der beliebtesten Gesten in akademischen Diskussionen aber witzigerweise auch im Internet ist die Geste des Desengagements. Die Geste der distanzierten Beobachtung. “Wir möchten nicht selbst einen Standpunkt beziehen, sondern nur beschreiben”.
Der Begriff der “desengagierten Vernunft” kommt von Charles Taylor und beschreibt eine für das abendländische Denken sehr eigentümliche Figur, nämlich die Figur des (wissenschaftlichen) Beobachters, der in der Distanznahme, im Rückzug von der Welt, die Welt erkennen will.
Und auf dem ersten Blick scheint das ja die wissenschaftliche und philosophische Geste schlechthin zu sein: der Versuch einen möglichst von eigenen (Vor-)Urteilen und Werten ungetrübten Blick “von oben” die Dinge aus der Distanz zu betrachten. Oder anders: sich selbst herausnehmen aus dem Gang der Dinge, sich wenn man so will entweltlichen, sich aus den vielfachen Bezügen und Beziehungen zu lösen und sich in der Distanz zum Geschehen der Welt als unabhängiger Beobachter zu konstituieren.
Der (Geistes-)wissenschaftliche Betrieb lebt davon, dass er die sokratische Geste wiederholt, in der die landläufigen Meinungen angezweifelt und umgestoßen werden. Heidegger spricht sogar davon, die Philosophie “nichts (ist) als Kampf gegen den gesunden Menschenverstand”. In der Geschichtswissenschaft funktioniert das so: “Zwar denken alle, dass Luther 95 Thesen an die Tür der Schloßkirche zu Wittenberg geschlagen hat, aber ist das wirklich so? Gibt es verlässliche historische Beweise dafür? etc.”. Das scheint die übliche Art des Fragens zu sein, die im wissenschaftlichen Diskurs vorherrschen: Fragestellungen, die systematisch die Position des Fragestellers ausklammern und die – durchaus pathetisch und engagiert – das eigene Desengagement und die eigene kritische Distanziertheit feiern.

Wie ich im letzten Beitrag schon schrieb, scheint es eines der herausragenden Merkmale des lebendigen Denkens zu sein, dass es Fragen stellt. Das es also anzweifelt und alle Begriffe, die so selbstverständlich zu sein scheinen, verflüssigt. Doch gilt es hier schon eine Unterscheidung einzuführen: die Unterscheidung eines desengagierten Fragens, dass aus der Distanz anzweifelt und sich selbst dabei aus dem Spiel nimmt, und einen engagierten Zweifel, der mit den Dingen ringt, der zu einen produktiven Nichtwissen, einer Ratlosigkeit führt, die den Fragesteller selbst unmittelbar betrifft. Der Fragesteller weiß dabei, dass er in vielfachen Bezügen zur Welt steht. Es geht hier um eine Art der Zugehörigkeit und der Verbundenheit, die nicht Verstrickung, nicht totale Zugehörigkeit ist, sondern Raum lässt für kritisches Denken. Mit dieser Art des engagierten Zweifels wird der Prozess des Suchens nicht beendet, sondern er wird erst richtig eingeleitet.
Ein einfaches Beispiel dafür ist Augustinus in den Confessiones:
Was also ist »Zeit«? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; will ich es einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht.”

Der engagierte Zweifel nimmt sich selbst nicht aus, sondern er wird vielmehr von der Frage selbst mit angesprochen und in Unruhe versetzt. Der engagierte Zweifel zeigt nicht die Distanz, sondern gerade die Nähe zu dem Gegenstand an. Es gibt die Art von Verwirrtheit, die sich nur einstellt, wenn man tatsächlich auf der richtigen Spur ist und nur wer nicht verwirrt ist, kann sich einer Wahrheit sicher sein: dass er wirklich auf der falschen Spur sein muss. So sind mir Leute sympathischer, die nicht mehr wissen, was die großen Wörter, wie z.B. Liebe, bedeuten sollen, die damit ringen, was es bedeutet zu lieben und die bezüglich dieses Wortes das Schweigen oder zumindest doch das Stammeln vorziehen, als solche, die- unter Theologen sehr beliebt – mit großer Geste der Welt mal eben zu erklären, was Liebe ist und dieses Wort so vorschnell im Munde tragen. Und vielleicht sind die engagierten Zweifler, die mit den Dingen ringen, diesen Dingen auch oft näher, als diejenigen, die niemals Fragen stellen und damit auch die Chance verpassen, die Dinge für sich zu Eigen zu machen oder die anderen die zwar fragen, aber als vorgeblich neutrale Beobachter, die nie persönlich angesprochen sind. Und wie sagte Biermann so schön: Der reine Beobachter sieht nichts. 

Doch möchte ich noch einen weiteren Gedanken äußern. Gründet nicht jedes Zweifeln – egal ob engagiert oder desengagiert – auf grundlegenden Affirmationen, also auf Annahmen über das Leben und die Welt, auf Dingen, die man bejaht? Ist nicht die Affirmation die ursprünglichere Geste, die immer jeden Fragen und Zweifeln unausgesprochen und oftmals wortlos grundiert? Und ist nicht das große Problem mit der Geste des Desengagements, dass es das ursprüngliche Engagement, in dem es immer steht, verschleiert? Ich denke, diese prinzipielle Affirmation liegt nicht immer in den Worten oder Anschauungen, sondern oftmals in der Geste des Zweifelns, des Fragens selbst – ja selbst in der Geste des Desengagements. So liegt doch dem Desengagement unausgesprochen die Annahme zugrunde, dass es besser ist, die Dinge wertneutral zu sehen. So liegt doch dem Zweifel insofern er geäußert wird, die Annahme zugrunde, dass es sich lohnt Zweifel zu äußern, dass es besser ist, zu hinterfragen als die Dinge unhinterfragt hinzunehmen. Und vor allem: die Geste des neutralen, desengagierten Fragens ist eine Geste, die in einer ganz bestimmten geistegeschichtlichen Tradition steht und alles andere als selbstverständlich ist. 

Anders gesagt, was passiert, wenn man den Zweifel bezweifelt? Was passiert, wenn man das Fragen hinterfragt? Ist dies nicht die beste Definition der “Postmoderne”? Als einem Moment, in dem der methodische Zweifel der Aufklärung umkippt, sich gegen sich selbst wendet und sich die Aufklärung somit über sich selbst aufklärt? Kein Wunder, dass sich nahezu alle “postmodernen Denker” explizit oder implizit an Descartes abgearbeitet haben, als denjenigen, der den Zweifel in seiner domestizierten Form und mit ihm den Zwillingsbruder des domestizierten Zweifels, der unumstößlichen Gewissheit, zum Zentrum seines Systems erhob.

Doch selbst der radikalste Skeptizismus hat für Taylor noch dieses Element der Affirmation, über die er keine Auskunft mehr geben kann, weil der Skeptiker dies vielleicht nie verbalisiert hat. Am Beispiel von Foucault zeigt er, dass noch im radikalen, antihumanistischen Zweifel ein Moment der Affirmation steckt. Dieses sieht er in einem Heroismus, der das heldenhafte Individuum betont, dass stark genug ist, ohne metaphysischen Trost und ohne jegliche Absicherung in der Welt zu leben, seine suizidalen Leidenschaften verfolgt und – jede Festlegung auf ein kohärentes Subjekt hinter sich lassend – sich in viele unzusammenhängende Lüste stürzt.
Das ist dann auch das Problem mit vielen postmodernen Denkern: selbst wenn man ihre Kritiken und Anfragen an die metaphysische Tradition teilt, werden sie schal und nicht selten banal, wenn sie dahin kommen “positiv zu sprechen”, weshalb sich viele genau davor auch scheuen.

Zu diesem Thema ist mir ein Video von Jaques Derrida – der doch selbst wie kein zweiter durch seinen Schreibstil die Geste des affirmativen Sprechens scheute – in die Hände gefallen, der genau diese Anfrage an das Fragenstellen heranträgt.

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5 thoughts on “Zweifel und Affirmation

  1. Bei Heidegger hat das ja zeitweise super funktioniert, den gesunden Menschenverstand auszuschalten…

    • arnachie says:

      Tja wie Hannah Arendt sagte: er ist seinen eigenen Einfällen auf den Leim gegangen. Hier war es wohl gerade sein “Engagement”, was das Problem darstellte. Und vermutlich ist das die Gefahr bei den Denkern: das sie sehr schnell dabei sind – wie man im Englischen sagt- “rationalisations” zu finden.

  2. lotharson says:

    Es ist die Frage, ob alles begründet werden kann, oder ob es grundlegende Überzeugungen gibt, die keine weitere Rechtfertigung brauchen.

    Manche christliche Philosophen argumentieren, dass Gottes Existenz eine solche grundlegende Überzeugung (basic belief) wäre, wobei ich skeptisch bleibe.

    Sonst bezweifle ich auch die Epistemologie der Aufklärung http://lotharlorraine.wordpress.com/2013/08/22/does-the-absence-of-evidence-mean-evidence-of-absence/ .

    Dennoch erscheint mir Derrida, weltfremd zu sein, und seine Haltung ist selbst widersprüchlich.

    Liebe Grüsse.

    • arnachie says:

      Lotharson,
      ich glaube weder das alles begründet werden kann noch da es Überzeugungen gibt, die selbstverständlich und universal sind.
      Aber ich glaube, dass es Überzeugungen gibt, die sehr grundlegend und für uns nicht mehr hinterfragbar sind, die unserem Denken und Zweifeln unthematisch zugrunde liegen, das heißt: die wir nicht ohne weiteres benennen und begründen können. Diese haben für mich aber die Stuktur des Wagnisses: es gibt keine Absicherung, keine Sicherheit, nur das Wagnis.

      Derrida spricht hier und anderswo sicherlich sehr voraussetzungsreich. Er spricht ja mal eben über die gesamte Philosophiegeschichte und ihm ist eben die gesamte alltäglich, vor allem die wissenschaftliche, Sprache metaphysisch vorbelastet, deshalb ist er enorm unzugänglich. Ob ihm das weltfremd macht, wage ich nicht zu beurteilen. Das seine Haltung widersprüchlich ist mag sein, das aber mit Methode: es geht ihm ja gerade darum, sich immer wieder selbst ins Wort zu fallen und mit den Dingen zu “ringen”. Auch das wiederum macht ihn nicht gerade einfach zu lesen.

  3. […] Ein zentrales Leitmotiv unserer Dekonversionsstudie war „Intellekt & Zweifel“. Wie gehe ich mit meinen Fragen, Anfragen, Zweifel und Verzweiflung um? Seien es rationale Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Bibel oder emotionale Zweifel am (Nicht)Handeln Gottes. Was mache ich mit diesen Gedanken, die sich in meinem Hirn eingenistet haben und hartnäckig und regelmäßig sich auch ungefragt zu Wort melden? Keine leichte Situation und es gibt keine einfache Lösung. In unserer Studie gab es, bei aller Unterschiedlichkeit im Umgang mit Zweifeln, eine Gemeinsamkeit: Die Zweifelnden haben sich alleine gefühlt, mit kaum jemand gesprochen und sich mit ihren Zweifeln zurückgezogen. Manche, weil sie nicht verstanden wurden, manche, weil sie mit schnellen Antworten abgespeist wurden und manche, weil sie sich ihrer Zweifel geschämt haben. Aber dieser Rückzug war meines Erachtens genau das verkehrte. Zweifel sind nicht zum Schämen, sondern zeigen eine selbstständige Auseinandersetzung mit Gott, der Bibel und dem Christsein. Ja, Zweifel sind notwendig um einen reflektierten Glauben zu bekommen. Und dennoch, Zweifel sind gefährlich, wenn sie die Macht über das eigene Denken und den eigenen Glauben bekommen. Deshalb braucht der Zweifelnde einen vertrauten Raum, in dem die Zweifel ausgesprochen werden können, ohne dass man geringschätzig angeschaut oder geistlich ermahnt wird. Zweifel müssen ausgesprochen werden, diskutiert und geteilt werden, erst dann werden sie fruchtbar für den eigenen Glauben. Eine praktische Möglichkeit dies einzuüben sind Hauskreise oder sonstige Kleingruppen, sowie Mentoringbeziehungen, ein tolles methodisches Hilfsmittel ist das gestern erschienene Buch von PeterRollins „Der orthodoxe Häretiker und andere unglaubliche Geschichten.“ Der englische Philosoph und Theologe versteht es in diesem Buch neue, oftmals provozierende Gleichnisse und Geschichten zu erzählen, die einem Helfen eigene Zweifel ernst zu nehmen und zu formulieren. Seine Erläuterungen helfen dies didaktisch einzusetzen und machen es somit zu einem wunderbaren Lese- und Arbeitsbuch für die genannten Gruppen. Hier ein Auszug aus dem Vorwort meines Kollegen Tobias Künkler und mir: „Ich stutze, lese den Satz noch einmal, er stimmt, ich überlege, lächle, ach so, jetzt verstehe ich….“ So in etwa ging es uns beim Lesen dieses herausfordernden Buches von Peter Rollins. Der irische Philosoph, Autor und Redner ist ein Provokateur und Querdenker, der seine Mitchristen und sich selbst immer wieder durch gewollte Irritationen zum Nachdenken zwingt. Nicht immer endet es mit einem Lächeln, manchmal ärgerten wir uns auch über seine Geschichten und Parabeln, aber sie brachten uns immer ins Nachdenken über unseren eigenen Glauben. Schon in der ersten Geschichte dieses Buches wird klar, Rollins geht es nicht um die ‚Religion Christentum‘, sondern um einen Blick hinter die Kulissen. Die folgenden Geschichten und Parabeln werden irritieren, in dem sie Gewohntes in Frage stellen, wohlbekanntes verfremden und vorhandene Widersprüche aufdecken. Doch transformative Lernprozesse, aus denen wir verändert hervorgehen und ohne die Nachfolge nicht möglich ist, sind nicht möglich ohne Irritation oder gar das Empfinden der Krise. Lernen, so die Lerntheoretikerin Frigga Haug „bedeutet das Verlassen einer als sicher aufgefassten Position […] und damit eine Verunsicherung.” Lernen im Sinne eines Umlernens, geht notwendig mit einem Verlernen, d.h. mit einem Verlust einher. Solche Lernprozesse werden erfahren, so Haug, „als Unsicherheit, als Unruhe, als Zweifel, als Bruch, eben als Umsturz, als Veränderung von Gewohnheit, Gültigem, für sicher und richtig Gehaltenem, als etwas Neues, das einen auch zwingt, anders zu leben.“ Arne & seine philosophisch-theologische Auseinandersetzung zum Thema ‘Zweifel’. […]

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