Denkwürdige Begegnungen oder: denken ist sexy

Ich möchte gerne noch einmal auf Hannah Arendt zurückkommen und ihrem von Heidegger kommenden (und eigentlich auf Sokrates zurückgehenden) emphatischen Begriff des Denkens. Phantasmatisch aufgeladen sieht man dieses “Denken in Aktion” im Hannah Arendt Film in Szenen, in denen man sie in langen Sequenzen auf dem Sofa liegen sieht und mit geschlossenen Augen rauchen. Doch ist dies nicht der Phantasie der Regisseure und Autoren entsprungen, sondern ihre gute Freundin Mary McCarthy berichtet davon: “Hannah Arendt ist der einzige Mensch, dem ich jemals beim Denken zugeschaut habe. Sie lag dann regungslos auf einem Sofa oder einem Ruhebett, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, die Augen verschlossen.”

Denken ist für Arendt nicht das Gegenteil der Praxis, es ist eine Tätigkeit des lebendigen Geistes: “Denken und völlig lebendig sein ist dasselbe, und daraus folgt, daß das Denken immer wieder neu anfangen muss”. Denken ist hier also Ausdruck der höchsten Spontanität und Vitalität des Menschen, das freilich immer wieder das Handeln des Menschen unterbricht.


Dieses lebendige Denken ist etwas völlig anderes als bloße intellektuelle Tätigkeit, ist etwas anderes als theoretische Arbeit (die schnell zu einer völligen Gedankenlosigkeit verkommen kann). Denken hat nichts mit der Menge der Bücher zu tun, die man gelesen hat und noch weniger mit den Theorien, empirischen Beobachtungen oder Messergebnissen, die das Denken absichern sollen. In diesem Sinne spricht man bei Arendt von einem “Denken ohne Geländer”: es bedarf der Absicherung nicht. Doch das wichtigste für Arendt: das Denken produziert nichts, es bringt nichts Greifbares hervor. Es ist nicht auf einen Zweck außerhalb seiner selbst gerichtet. Das Nachdenken ist wie das Erleben in bestimmter Weise Selbstzweck. So wie das Leben bzw. das Gefühl lebendig zu sein keiner Begründung außerhalb seiner selbst bedarf, so braucht das Nachdenken auch nicht die Rechtfertigung durch irgendwelche Resultate. Hier würde ich einfügen: auch wenn das Denken solche Resultate nicht zur Rechtfertigung benötigt, so bringt es sie doch dennoch als “Kollateralnutzen” hervor, auch wenn dies für einen lebendigen Geist meist nur Zwischenergebnisse sind, die jederzeit revidiert werden können. Der Unterschied ist also jener, dass das Denken zwar schöpferisch ist, aber niemals verzweckt, es bringt Neues hervor aber nicht um Neues hervorzubringen, sondern aus einem inneren Drang heraus.
Das Denken ist, so verstanden, eine Erfahrung. Weil das Denken immer wieder Fragen des Sinns aufwirft, hat es einen de(kon)struktiven Zug: es negiert mehr als es produziert. Es löst – und hier ist Arendt doch schon sehr nahe an der Dekonstruktion – feste Sinngehalte immer wieder auf und versetzt “Gefrorenes” in Bewegung. Hier führt Arendt tatsächlich immer wieder Sokrates als ein Beispiel an: Sokrates sprach mit den Leuten, die feste Vorstellungen vom Leben hatten und dachten, sie hätten ihr Leben auf Gewissheiten aufgebaut und er stellte durch sein Fragen diese Gewissheiten immer wieder in Frage. Nicht im Hinblick auf neue Gewissheiten und auch nicht um des bloßen Zertrümmerns willen, vielmehr suchte er die produktive Verwirrtheit (Aporie), die im Gegensatz zu allem Nihilismus mit dem Fragen und dem Suchen und dem Probieren nicht aufhören kann:

“Gefrorene Gedanken, scheint Sokrates zu sagen, kommen so leicht daher, daß du sie in deinem Schlaf benutzen kannst; aber wenn der Wind des Denkens, den ich jetzt in dir erregen werde, dich aus dem Schlaf gerissen und ganz wach und lebendig gemacht hat, dann wirst du sehen, daß du nichts weiter in Händen hast als Perplexitäten, und das Äußerste, was wir tun können, ist, sie miteinander zu teilen.”

Diese Bestimmung und Umschreibung von der Tätigkeit des Denkens finde ich immer noch sehr anregend. Aber mit einem Teil der Bestimmung will ich nicht so recht übereinstimmen: Für Arendt ist das Denken notwendigerweise einsam. Denken ist für sie in Anschluss an Platon ein inneres, tonloses Zwiegespräch eines Menschen mit sich selbst. Ein innerer Monolog, nein eher ein Dialog.
Ich denke, wir müssen aus dieser Beschreibung des Zwiegesprächs des Denkens eine andere Schlussfolgerung ziehen, als zu sagen, das denkende Ich sei einsam. Ja, die Tätigkeit des Denkens kann einsam machen (das sollte Arendt selbst erfahren), das Nachdenken wird natürlich auch besonders begünstigt, durch eine äußere Einsamkeit oder besser: dem Alleinsein, und natürlich ist man auch schlussendlich einsam im Denken (so wie wenn man sagt: am Ende muss jeder allein leben, allein entscheiden und allein sterben). Aber dieses “schlussendlich”, das ja die ultimative Kategorie der Existenzphilosophie darstellt und immer das einsame Individuum vor Augen hat, kann schnell dazu verführen, eine Qualität des Denkens zu übersehen, die auch der einsamste Denker kennt: das Denken ist bevölkert, dialogisch, libidinös geladen und relational. Es ist nie einsam im Sinne von monadisch.

Denken, das lebendig genannt zu werden verdient, ist immer bevölkert von verschiedenen Menschen. Dabei stellt es nur den äußerste Fall dieses “bevölkerten Denkens” dar, wenn man tatsächlich im Kopf “Dialoge mit Abwesenden” führt. In diesem etwas verschrobenen Fall, den sicher viele kennen, wird nur explizit, was jedes lebendige Denken implizit immer schon ist: es ist relational und steht unter dem Eindruck von mehr oder weniger konkreten Begegnungen, relationalen Prägungen und dem Begehren. Die Griechen sprachen auch immer wieder davon, wie das Denken in einem bestimmten Sinne “erotisch” ist: es findet in der lustvollen inneren Auseinandersetzungen mit virtuell Anwesenden anderen statt.  Wobei “lustvoll” hier vielleicht an Lacans jouissance denken lässt: es ist eine Lust, die Schmerzen bereiten kann. Eine zwanghafte, repetitive Lust, die nicht unbedingt etwas schafft und hervorbringt, sondern im Gegenteil unser eigentliches Handeln immer wieder durchbrechen will und sich genau dann unserer bemächtigt, wenn wir doch eigentlich Besseres zu tun hätten. Außerdem sehnt es sich nach einem fruchtbaren, inspirierten Wechselspiel mit dem anderen. Und in diesem Sehnen als Ausstrecken-nach-dem-Anderen expandiert das Denken, das sich nun auf ein anderes einlassen muss und durch Anziehung und Abstoßung verändert wird. Hier darf man natürlich nicht ausschließlich an ein konkretes Gegenüber denken, sondern natürlich auch an den virtuellen anderen, der mit in Büchern und Texten als Abstraktum begegnet.

Doch wer jemals die Aufregung und Euphorie erlebt hat, wenn etwas, das jemand schreibt oder sagt entweder den eigenen Erfahrungen die Worte zu geben scheint, die man selbst nie gefunden hätte oder gerade durch seine Fremdheit einen ganz anderen, aufregenden Erfahrungsraum eröffnet, der weiß, das “Erotik” nicht völlig das falsche Wort ist.

Das Denken findet also unter dem Eindruck von konkreten Begegnungen statt, wird immer angezogen, erregt, abgestoßen, umgestoßen und in Unruhe versetzt durch ein anderes Denken. Das sollte doch gerade am Beispiel der sokratischen Dialoge klar werden, die eben Dialoge sind, aus denen man – zumindest in ihrer Frühphase – keine konkrete Lehre destillieren kann. Denken wird verkompliziert durch die Anwesenheit der anderen, aber auch erst ermöglicht von ihnen. Erst, wo ein Denken auf ein anderes trifft, tritt ja die Notwendigkeit der Artikulation zutage. Bevor sich das Denken an die Rätsel der Welt macht, wird es immer wachgerüttelt durch die Begegnung mit dem Rätsel des Anderen (auch eine Erfahrung, von der man annehmen kann, dass sie Arendt gemacht hat).

Hier muss man auf Levinas Konzeption des Begehrens zurückgreifen, dass ja zentral mit der Metapher der Schlaflosigkeit dargestellt wird: “Einem Menschen zu begegen heißt von einem Rätsel wachgehalten werden”. Dabei gilt es die Schlaflosigkeit (die ja interessanterweise in den Arendt-Zitat weiter oben schon angesprochen wird) als eine doppelte Erfahrung zu begreifen:
Zum einen die Erfahrung der Passivität, die Erfahrung von etwas, das einem widerfahren ist, das einem nachgeht, für das man keine festen Begriffe finden kann und um das das Denken deshalb nachts kreist.
Zum anderen muss man die Schlaflosigkeit als ein ethisch-ästhetischen Moment der äußersten Gespanntheit der Wahrnehmung begreifen. Diese Wachsamkeit lässt sich durch die Forderungen zusammenfassen: “Du darfst nicht dem Schlaf verfallen! Du darfst nicht zum Stillstand kommen! Du darfst nicht den anderen in deine Kategorien einordnen! Darfst ihn vor allem nicht immer schon eingeordnet haben, ihn immer schon verstanden haben!”.
Hier zeigt sich, dass es vielleicht nicht primär das Erlebnis des gegenseitigen Verstehens, der “Horizontverschmelzung” ist, dass das Denken anregt – auch wenn dies punktuell eine sehr kraftvolle Erfahrung ist – sondern zuerst das Enigmatische einer jeden Begegnung, die “zu Denken gibt”. So sind Begegnungen anstößig, sie rütteln mich wach, reißen mich aus dem immer schon Gedachten heraus und bringen mich dazu neu anzufangen mit dem Denken. Und dieses Kreisen um den anderen, dass nie zu einem Begriff gerinnt und diese absolute Wachsamkeit und Gespanntheit scheint mir doch eine gute Metapher des Denkens zu sein.

So ist Denken nicht nur die Erfahrung der eigenen höchsten Lebendigkeit und Wachheit, sondern auch eine Tätigkeit, die unter dem – oftmals schwer zu bennenden – Eindruck des anderen geschieht und das einen Zug dahin hat, die eigenen “Perplexitäten zu teilen”. Und dies ist der Name für eine zweite Tätigkeit, die dann schon Handeln genannt zu werden verdient: die Tätigkeit des Sprechens.

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5 thoughts on “Denkwürdige Begegnungen oder: denken ist sexy

  1. Benni Krauß says:

    Denken ist also sexy, die Revolution aber nicht? Ist Denken also konterrevolutionär?

    • arnachie says:

      Hehe das kommt wohl auf die Art von Revolution an. Oder aber ich habe das Wort “sexy” (das im Text nicht vorkommt) nur benutzt weil mein letzter Beitrag mit den Wort “sexy” im Titel besonders viele Clicks bekommen hat. Wie heißt es noch gleich:
      “Seid schlau wie die Schlangen aber arglos wie die Tauben”? 😀

  2. lotharson says:

    Und glaubst du, dass dieses Denken als rein physikalische Prozesse verstanden werden kann?

    Ich persönlich bezweifle es : aufgrund des subjektiven Aspekts.

    Liebe Grüsse aus Lothringen und England.

    • arnachie says:

      Lotharson,
      sagen wir so: die Frage stand jetzt nicht im Fokus. Aber stimmt, ich teile mit Dir eine intuitive Abneigung gegen Reduktionismen aller Art. Um mal eine reduktionistische Erklärung des Reduktionismus zu geben: das Denken in “Disziplinen”, die durch undurchlässige Grenzen voneinander geschieden sind, könnte leicht zum Reduktionismus verführen. Ob sich nun gerade der Reduktionismus anhand eines einfaches Syllogismus entkräften lässt, sei dahingestellt.

      • lotharson says:

        Sowieso ist das ein toller Blog!
        Es gibt leider zu wenige deutschsprachige Blogs über solche Themen.
        Ich persönliche schreibe auf Englisch und Lothringisch (Rheinfränkisch).

        Hoffentlich werden wir in der Zukunft dazu kommen, weiter zu interagieren :=)

        Übrigens mag ich sehr deine persönliche Interpretation des Verses über die Einfalt der Taube 😉

        Liebe Grüsse.

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