Ein Glaube, der Aufruhr heißt

Nun fühle ich mich doch dazu genötigt, diesen Text hochzuladen. Nicht, weil er mir besonders gefällt. Im Gegenteil, ich finde ihn kindisch. Ich bemängele seine theologische und theoretische Inkonsistenz, ich finde es fehlen wichtige Dinge und andere sind hoffnungslos einseitig dargestellt. Bei manchen Sätzen würden zwei, drei Sekunden tieferen Nachdenken reichen, um ihre Oberflächlichkeit zu entdecken. Vor allem finde ich ihn prätentiös: er gibt vor, irgendwie tiefsinnig zu sein und ist doch voller Halbheiten, Klischees und geborgten Worten. Dennoch: es geht mir mehr um die Geste als um den Inhalt, es geht um Selbstüberwindung und darum, sich nicht hinter Theorien zu verstecken. Außerdem stellt sich die Frage: mit welchem Recht könnte ich den Text zurückhalten, nun da er doch geschrieben ist? Es ist ein Glaubensbekenntnis, aber dezidiert kein genuin “theologisches”, es geht nicht darum darzustellen, was das historische Christentum ausmacht, sondern eher darum sich dem anzunähern, was ich selbst für mich in meine Sprache übersetzen konnte. Ich brauche nicht dazu sagen, dass dieser Text ständig überarbeitet wird. 

Ich glaube nicht an Gott, den Vater, den Allmächtigen, Schöpfer des Himmels und der Erde. Ich glaube nicht an den Gott, der ein Puzzlestück in meinem Weltbild darstellt, der dazu da ist, mir die Rätsel des Lebens aufzuschlüsseln. Ich glaube nicht an das ‘Höchste Wesen’, ‘den Gedanken, der alle Gedanken überragt’, ‘den unbewegten Beweger’, ‘Gott den Allmächtigen’, allwissenden, der uns allmählich mal erklären muss, was er sich denn genau dabei gedacht hat, als er Zecken, Mücken und HI-Viren schuf. Ich glaube nicht an den Gott, der den großen Plan hat, so dass am Ende alles einen Sinn gehabt haben wird.
Ich glaube nicht an Gott, den Erhabenen, der alles für uns ist, was wir uns selbst nicht sein können. Ich glaube nicht an den deus-ex-machina, der uns die einfachen Antworten gibt, die Stimme in unserem Kopf, die dafür sorgt, dass wir nicht unsere eigenen Entscheidungen treffen müssen.
Ich glaube nicht an den Gott des Status Quo, den Gott der Pädagogen, Polizisten und Priester, der aufpasst, dass alles seinen rechten Gang geht. Ich glaube nicht an jenen domestizierten Gott, zu dem wir uns blutleer bekennen, wenn wir unsere Steuererklärung ausfüllen. Ich glaube nicht an den Gott der Familienfeiern, der uns einen wohligen Schauer über den Rücken jagen soll, den Gott jener wohltemperierten Frömmigkeit, die besser Harmlosigkeit genannt werden muss.
Ich glaube nicht an den Gott, der uns Sicherheit, Halt und Orientierung geben soll, den Gott des Abendlandes, den Gott der CDU.

Ich glaube nicht an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herren. Ich glaube nicht an diese Figur, die mir mal fromm verklärt, mal morbide Dahinsiechend vom Kreuz entgegenschaut. Ich glaube nicht an jenen langhaarigen, sanften Hippieguru, der immer noch ein Stück Lebensweisheit hat und dem immer noch ein kluger Satz einfällt. Ich glaube nicht an den Messias, der mir wie ein ein geliebter Hund ist, der mir hilft, die Kälte der Existenz zu ertragen. Ich glaube nicht an jenen Messias, der dazu da ist mir ein Leben nach dem Tod zu versprechen. Ich glaube nicht an den Sohn, der mir beständig auf die Schulter klopft, um mir zu bestätigen, dass ich im Recht bin. Ich glaube nicht, an jene Figur der Weltgeschichte, die man gebildet bewundert, weil er ja die Feindesliebe gepredigt hat und auch ansonsten ein feiner Kerl gewesen zu sein schien.

Ich glaube nicht an den Heiligen Geist, die Heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen. Ich glaube nicht an die Kraft, die in den Kirchenmauern herumspukt, ich glaube nicht an die geheiligte Autorität der Würdenträger und charismatischen Geistverleiher. Ich glaube nicht an die Verwalter der Gnade und die Verteiler des Heils. Ich glaube nicht an Bach Kantaten und Hochkultur. Ich glaube nicht an Worship Bands und lustige Sketche.
Ich glaube nicht an Gottesdienste, Messen und heilige Feiern, die irgendwie dazugehören. Ich glaube nicht an eine Versammlung der Frommen, derjenigen, die ihr Leben im Griff haben. Ich glaube nicht an eine Institution, die für uns glaubt, für uns entscheidet und für uns lebt.

Ich glaube an Gott, den Vater, den Unmöglichen, Schöpfer des Himmels und der Erde. Ich glaube, dass das was gemeinhin als Schöpfung bezeichnet wird, ein Wagnis war, welches Gott schon nach wenigen Kapiteln bereut hat.
Ich glaube, dass alle Rituale, alles fromme Sprechen und Handeln, eher dazu da ist, uns abzuschirmen von diesen Exzess, den wir Gott nennen. Denn ich glaube, dass jede Begegnung mit Gott fatal ist: Jakob brach sich dabei die Hüfte, Saulus war danach blind.
Ich glaube nicht, dass Gott uns „Wurzeln“ und „Flügel“ gibt, ich glaube, dass er uns entwurzelt und wir unsere Flügel an ihm verbrennen. Ich glaube, es gibt keine Absicherung gegen eine Begegnung, die eine Wunde aufreißt, uns nach Leben dürstend hinterlässt oder uns in eine Trauer stürzen kann.
Ich glaube an Gott, den Unmöglichen, der uns aus den Gleichgewicht wirft, der uns rastlos macht, der den Gang der Dinge unterbricht, der uns das bisschen Orientierung nimmt, dass wir uns erarbeitet haben.
Gott ist ein Einfall, er dringt in unser Denken ein reißt uns heraus aus der Beschäftigung mit uns und unseren Plänen. Ich glaube an den Gott, der uns in unseren Grundfesten erschüttert, der unser Gespür für das, was möglich und unmöglich scheint, stört, der Gott der uns der radikalen Ungewissheit aussetzt und der uns ruft in eine unmögliche Zukunft.

Ich glaube an den Heiligen Geist, die sündige christliche Kirche, Gemeinschaft der Nervigen. Ich glaube an den Heiligen Geist, der sich nicht einsperren lässt, der immer mehr „dort draußen“ ist als „hier drinnen“. Ich glaube an das ‘pulsierende Herz der Welt’, das uns das Blut durch die Adern pumpt, das überall dort zu finden ist, wo wir auf das treffen, was ungezähmt, wild, abenteuerlich, atemberaubend kurz: lebendig genannt zu werden verdient.
Ich glaube an die Spur Gottes, an einen Gott, der immer schon an uns vorübergegangen ist, der uns – soeben – gestreift hat, der immer gerade eben noch hier war. Man betritt einen Raum, sieht, dass die Kaffetasse noch warm ist, die Zeitung liegt noch aufgeschlagen auf den Tisch und das Radio ist eingeschaltet, dennoch ist niemand mehr da.
Ich glaube an die Kirche als eine Versammlung der Stotternden und Stolpernden. Ich glaube an einen Ort, der nach anderen Regeln funktioniert. Ein Ort, an dem ein anderes Leben kultiviert wird. An einen Ort, den man sich nicht so recht ausgesucht hat. Ich glaube an eine Versammlung der Dissidenten und Aufwiegler, die an ein Morgen glauben und sich deshalb im Kampf befinden mit jedem Heute, das sich absolut setzt. Ich glaube an einen Ort, der uns verstört, der es uns unmöglich macht, uns dort einzurichten und an eine Gastfreundschaft, die alles kosten kann.
Ich glaube an eine Herberge, die nie ganz Heimat für uns ist.

Und ich glaube an Jesus Christus, den Gottverlassenen, unsern Herren. Ich glaube an den lachenden Messias, der sich immer nur mit den falschen Leuten eingelassen hat, der „Fresser und Säufer und Freund der Huren und Gangster“, der lieber mit den Sündern feierte als mit den Heiligen zu beten.
Ich glaube an den, der sich weigerte einfach ein Echo zu sein von den Stimmen, die ihn umgaben. Ich glaube an den, der die Leute bei Seite nahm und ihnen die Art von Fragen stellte, die an die Substanz gehen.
Und ich glaube an Jesus Christus, den Ätzenden, der durch bloßen Kontakt ein Leben ruinieren kann.
Ich glaube daran, dass dort, wo Jesus Christus ist, keine absolute Sicherheit sein kann.
Ich glaube an das Kreuz als den Ort jener echolosen, gottverlassenen Dunkelheit: „Eli, Eli, lama sabachtanei“ „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“.
So dass der Schwindel, der einen erfasst, wenn man ahnt, dass alles woran man glaubte und alles, wofür man lebte, sinnlos gewesen ist, der Stich ins Herz, wenn man verlassen wurde und man aufwacht und da ist niemand mehr, der Abgrund, in dem man schaut, die Bodenlosigkeit, Trostlosigkeit, Orientierungslosigkeit und vor allem: der Zweifel, kurz: die absolute Gottesferne, der Ort ist, an dem man Christus am nächsten ist.
Ich glaube an eine Gnade, die nicht bloß Begnadigung ist. An einen Ort, an dem man so sein kann wie man ist. Und an das Versprechen, dass man nicht so bleiben muss, wie man ist.
Ich glaube an dieses Leben, dass es zählt. Ich glaube an die Zweite Naivität, an ein Leben nach der Kritik. Ich glaube daran, dass das Leben mit einer Freude gelebt werden kann, die Widerstand gegen den Status Quo ist. Ich glaube daran, dass es geteilt werden muss.
Ich glaube an ein Leben, dass ohne jede Bitterkeit und Bedürftigkeit, mehr gibt als es bekommt.
An ein Leben, dass kein Zähren ist, sondern Überfließen.
Ich glaube daran, dass man so verstanden ohne sich „zu opfern oder aufzuschieben“ festen Schrittes in jede Dunkelheit und jede Hölle gehen kann, von der unsere Welt doch so viele kennt.

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18 thoughts on “Ein Glaube, der Aufruhr heißt

  1. Benni Krauß says:

    Weiß nicht, was ich dazu sagen will. Aber etwas will ich sagen, weiß nur nicht was.
    Es stößt was in mir an und macht lebendig.
    Danke für diesen Text, der dir nicht besonders gefällt. Danke fürs Nichtverstecken.

  2. timski says:

    Hat dies auf blue eyed believer rebloggt und kommentierte:
    Von Arne stammt dieser großartige Text, der mich nicht primär kognitiv erreichte- sondern viel eher wie Blues-Musik im Bauch ansprach.

  3. Frau Auge says:

    Das ist groß. Danke.

  4. Daniel Renz says:

    Dito. Und vor allem die Gemeinschaft der Nervigen merke ich mir … 🙂

  5. arnachie says:

    Danke, ihr beiden! Liebe Frau Auge, ich habe gerade auch mal ihren Blog durchgeguckt. Das ist ja hervorragend. Was machst Du denn, Du bist Pastorin?

  6. arnachie says:

    Auf jeden Fall. Wir brauchen unbedingt noch ein paar Leute, denen es wirklich auch um eine andere Ästhetik geht.

  7. Daniel says:

    … mir kam noch eine ganz ähnliche Passage bei Adrian Plass. “Ich glaube nicht an den Gott, der Opa Müller aus Halleluja-Gemeinde XY beim Einkaufen einen Parkplatz freihält und gleichzeitig Tausende Menschen verhungern lässt.” Sinngemäß. Vielleicht find’ ich’s noch …

  8. dierkschaefer says:

    so untheologisch wie sympathisch. ich fürchte allerdings, dass die meisten leser meines blogs für solche gedanken nicht erreichbar sind, weil vieles, an das der autor nicht glaubt, genau ihren erfahrungen entspricht, die sie mit leuten hatten, die meinten, theologisch korrekt zu glauben.

  9. christophfl says:

    Ich finde den zweiten Teil besser als den ersten. Und frage mich zugleich, ob man das doch noch besser sagen kann als Dotothee Sölle. Aber anders herum, ist wohl jeder von uns auch dazu aufgefodert zu sagen, woran er oder sie glaubt und woran nicht. Bei den Negationen sollte man präziser argumentieren. Und ich würde trotz allem den zweiten Teil voranstellen. Denn dann wird klar, warum Du/ich an bestimmte Formeln nicht mehr glauben kann/st.

    • arnachie says:

      Sorry, dein Kommentar ist aus irgend einem Grund im Spamfilter versackt.
      Christoph, vielen Dank für die Rückmeldung.
      Der Text ist nicht als schlichte Bestandsaufnahme meines Glaubens geschrieben, dann wäre ich tatsächlich anders vorgegangen. Vielmehr entspringt er meiner Beschäftigung mit Religionskritik (vA Nietzsche, Marx, Freud) und ist im Blick auf eine bestimmte Wirkung geschrieben. Er ist also ein wenig hyperbolisch gemeint.

  10. […] Adventliche Zugabe: Ein Glaube, der Aufruhr heißt […]

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