Mit Furcht und Zittern

Mit Zizek mache ich gerade bis zu meiner Prüfung Anfang November Pause. Aber ich bin weiter an Zizek dran werde auch weiterhin darüber bloggen, so wie es meine Zeit erlaubt. In der Zwischenzeit einfach einige Texte und Gedankenschnipsel zum Überbrücken.

Die Unfähigkeit, in seinem eigenen Namen zu sprechen.
Der Zwang immer wieder theoretisch zu reden oder ironisch oder schlichtweg vage.
Die Furcht davor, ertappt zu sein, sich festzulegen.
Die Schwierigkeit Worte zu finden, die nicht wirken wie Umstandskleidung, die einen zu groß ist, so dass man darin zu verschwinden droht oder unförmig aussieht.
Die schwitzigen Hände, der kalte Schweiß, das Stammeln.
Die Angst vor dem eigenen Pathos, vor dem Affirmativen, davor, dass  – so ganz ohne Filter gesprochen – deutlich wird, dass das Leben auf nichts als ein paar Kalenderweisheiten aufbaut.
Der Ekel vor dieser unästhetischsten aller Sprachformen.
Der Anachronismus zu sagen, wofür man steht, ja das Unzeitgemäße überhaupt “für etwas zu stehen”.
Die Dummheit, wirklich Stellung zu beziehen (mit all den militärischen Anklängen, die das hat) oder einen Standpunkt einzunehmen (denn ist das nicht das Gegenteil von “in Bewegung sein”)?
Die Schwierigkeit “Ich” zu sagen und nicht “man”.
Der Vodka, an dem man sich festhält, während man stottert.
Und der Körper, der alles will, nur nicht dieses.

Ich weiß noch vor einigen Jahren, als ich an der Spree saß mit einer Bekannten. Wir hatten lange Jahre nichts voneinander gehört. Wir waren eine Zeit lang in dieselbe Gemeinde gegangen, nun hatte sie “damit” nichts mehr zu tun. Ihre Geschichte war recht typisch: in einer freikirchlichen Familie aufgewachsen, intensiv am Gemeindeleben teilgenommen, dann sich mit Anfang 20  davon entfernt. Untypisch war, wie gründlich sie sich damit auseinander gesetzt hatte. Sie las Bertrand Russsel und nach einigen sehr enttäuschenden Erfahrungen mit ihrer Gemeinde, schrieb sie eine Email, in der sie ihre Beweggründe darlegte, die sie über den Gemeindeverteiler schickte. Ich hörte nur zu und drückte meine Bewunderung für ihren Mut aus. Vielleicht mag in dem Respekt auch eine Spur Neid mit angeklungen sein. Doch dann geschah es. Unvermittelt fragte sie mich: “Du hast dich auch sehr verändert. Was glaubst du eigentlich?”

Ich bezweifle, dass es ganze Sätze waren, die ich herausbrachte. Ich bezweifle, dass ich überhaupt Sinnvolles sagte, so sehr überrumpelt war ich von der Frage. Natürlich stellt man sich vor, dass es für einen Theologiestudenten sehr leicht sein muss, über so etwas zu sprechen. Und in der Tat: es gibt nichts leichteres, als konzeptionell über diese Dinge zu sprechen. Es gibt nichts leichteres mit einer geborgten Sprache zu reden, die sich auf der Ebene der Weltanschauung befindet, die immer doch ein Stück Distanz ist. Doch so habe ich die Frage damals nicht verstanden. Hier ging es nicht um meine Theologie. In dieser Frage steckte die Zumutung, ja die Unverschämtheit, danach zu fragen, was man selbst bejaht, wofür man selbst einsteht, wofür man selbst Worte gefunden hat oder eben nicht. Es geht also um Entblößung. Und so hörte ich mich selbst nur von anderen sprechen: von Karl Barth, von Levinas etc. Dies alles muss man als Feigheit begreifen und als Unfähigkeit eigene Worte zu finden. Und diese Feigheit soll – zumindest in diesem Post – noch fortgesetzt werden, indem ich mir noch einmal Worte borge. Dieses Mal von Bruno Latour, einen französischen Soziologen, der in seinem Buch “Jubilieren” über die “Qualen der religiösen Rede” spricht (das ganze übrigens in der dritten Person). Dieses Buch, dass mir zufällig in die Hände gefallen war, scheint so gut auszudrücken, was eigentlich die Schwierigkeit ist, heute überhaupt das Wort zu ergreifen. Es folgt ein längeres Zitat.

“Jubilieren – oder die Qualen religiöser Rede, dazu möchte er etwas sagen, aber es gelingt ihm nicht: Ihm ist, als sei seine Zunge gelähmt; das rechte Wort stellt sich nicht ein; nichts kommt ihm über die Lippen; er bringt es nicht fertig, mitzuteilen, was ihm so lange schon derart am Herzen liegt. … Er schämt sich, daß er nicht zu reden wagt, und schämt sich, daß er trotzdem reden will. Schämt sich auch für die, die ihm die Sache nicht gerade erleichtern, die ihm den Kopf unter Wasser drücken und behaupten, ihm zu helfen, die ihm statt eines Rettungsringes Worte zuwerfen, schwer wie Ankerbojen. Bleigewichte, ja Bleigewichte haften an ihm.
Doch, er geht zur Messe, oft, sonntags, aber das will nichts heißen. Leider heißt es wirklich nichts; es kann für niemanden mehr etwas heißen. Es keine Sprache mehr für diese Dinge, keinen Tonfall, keine Tonart, kein Register für das Sprechen, das Aussprechen. Alles ist vertrackt: Er schämt sich dessen, was sonntags, wenn er zur Messe geht, von der Höhe der Kanzeln herab ertönt; aber er schämt sich auch des ungläubigen Hasses oder der belustigenden Gleichgültigkeit derer, die über die Kirchgänger spotten. Schämt sich, wenn er hingeht, schämt sich, wenn er nicht zu sagen wagt, dass er hingeht. Hört er, was drinnen gesprochen wird, knirscht er mit den Zähnen; hört er aber, was draußen gesprochen wird, schäumt er vor Wut. Ihm bleibt nur sich zu ducken, verdrossen, schafmäßig ergeben angesichts der Zerrbilder und Mißdeutungen drinnen wie der Zerrbilder und Mißdeutungen draußen; doppelte Feigheit, doppelte Scham und immer noch nicht die Worte, mit denen es zu sagen wäre, als hätten ihn zwei gegenläufige Strömungen gepackt und wirbelte ihn um die eigene Achse.
Nicht über das Religiöse will er sprechen, nicht über das religiöse Fakt. … Er will bloß dem religiösen Ausdruck wieder Bewegungsfreiheit verschaffen, diesem so einzigartigen Brauch, der im Lauf der Geschichte Wort und Sprache gewann und der ihm heute so entsetzlich gehemmt vorkommt. …
Wie soll er unter solchen Bedingungen schlicht und geradeheraus schreiben? Er will wieder von Religion sprechen, nicht an den Glauben glauben, nicht ein Ärgernis erregen. Ein solches Joch lastet auf seinen Schultern, daß er den Boden unter den Füßen verliert, in der sumpfigen Brühe um sich schlägt. Immer wenn er zu sprechen anfängt, schluckt er Wasser, speit sein Mund Kröten und klebrige Algen aus. Um nicht zu verletzen, bräuchte er Füße, die derart leicht wären, daß sie keine Spur im Sand hinterließen, Hände, die so geschickt wären, daß sie das Skalpell führen, ohne daß man es spürte, Wörter, die so gut gewählt wären, daß sie trotz ihrer Seltsamkeit stets passend wirkten. Ein Engel müßte seinen Computer bedienen. Was vermögen schon Irdische wie wir? Dennoch ist er schließlich ins kalte Wasser gesprungen; zum Zurückweichen ist es nun zu spät; er muß schwimmen oder untergehen.”

(Bruno Latour, Jubilieren – über religiöse Rede, Frankfurt a.M. 2011 , S. 7 – 13 iA)

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4 thoughts on “Mit Furcht und Zittern

  1. Daniel says:

    Das ist total großartig! Und zwar sowohl Latour als auch deine eigenen Gedanken(fetzen).
    Finde es übrigens sehr schön, dass du wieder regelmäßiger bloggst.

  2. Fabian says:

    Hab letztes Wochende jemanden der mir bis dahin Fremd war meine tieftsten Überzeugungen dargelegt(etwas übertrieben und auch nicht “ganz” ehrlich, jedoch so “dumm” ich konnte)- sie hat alles geschluckt, hat mir erzählt es gehe ihr genauso. Mit jedem weiteren Wort das mir über die Lippen kam wuchs in mir eine Angst, ich konnte nicht glauben das sie mich ernst nahm obwohl sie aussah als kämen ihr bald die Tränen, obwohl ihre Stimme fast versagte. Ich musste es für einen bösen Scherz halten. Seitdem flüchte ich vor ihr und der Möglichkeit herauszufinden ob sie irgendetwas von dem verstanden hat was ich erzählte.
    Ich fühle mich hier irgedwie gut aufgehoben

  3. arnachie says:

    Fabian, (und Daniel etwas verspätet): fühlt euch willkommen! Kommt herein, schaut euch um, machts euch bequem – unter normalen Umständen würde ich euch noch einen Drink anbieten. Gut, das jemand ähnliche Situationen kennt.

  4. Fabian says:

    Cheers!
    Der Umgangston auf diesem Blog gefällt mir wirklich gut 🙂

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