Žižek – So etwas wie Wahrheit

Leute, die zu viel von Wahrheit reden, sind uns nicht geheuer oder wir halten sie für unreflektiert. Es scheint uns naiv, wenn Menschen die Dinge, die sie meinen oder glauben einfach wörtlich nehmen, so keinerlei Distanz haben zu dem, was sie für die Wahrheit halten. Sie vernachlässigen für uns die Pflicht zum Zweifel, die Pflicht zur Selbstirritation, die Pflicht, sich selbst in Frage zu stellen.

Doch, so lautete ja das Argument im letzten Blogpost, scheint die postmoderne Ironie und Unverbindlichkeit ihre eigenen Probleme mit sich zu bringen. Wer dauernd zweifelt, ist handlungsunfähig, wer sich ständig hinterfragt und ironisch lebt, verliert die Fähigkeit für eine Sache zu leben und bleibt gefangen im Kreislauf von Arbeiten, Konsumieren und den kleinen falschen Eskapaden, die wie gesagt zum Kreislauf gehören.

Wir befinden uns immer noch mitten in Žižeks Kapitel über Platon, dass unter anderem im Zeichen der Frage nach Wahrheit steht. Dabei bezieht sich Žižek auf seinen Freund Alain Badiou, der selbst Lacan Schüler war und als einer der ersten dieser verrückten französischen Philosophen von Wahrheit in einem bestimmten Sinn sprach. Man sollte erst einmal das postmoderne Denken nicht karikieren: es war zu keinem Zeitpunkt einfach ein Relativismus, in dem es keine Wahrheit mehr gibt. Es geht den meisten “postmodernen Denkern” (also Poststrukturalisten) darum zu zeigen, wie Wahrheit immer ein Produkt von sprachlichen, institutionellen und historischen Umständen ist. Das entwertet Wahrheiten nicht völlig, aber es setzt sie in einen historischen Kontext. Badiou nennt dieses Denken “demokratischen Materialismus” und er spitzt ihn auf den Satz zu “Es gibt nichts außer Körper und Sprache.” Und er möchte diesem den Satz hinzufügen: “Und Wahrheiten”. Und das ganze nicht als Idealist, der an eine Welt hinter dieser Welt glaubt, sondern als Materialist. Es geht nicht um Aussagewahrheiten, um Sätze, die man durch kritisches Nachprüfen oder durch Glauben für wahr hält. Für Badiou hat die Wahrheit die Struktur eines Wahrheits-Ereignisses. Wahrheit passiert, sie geschieht uns, packt uns, nimmt uns in die Pflicht und verändert uns. Es ist das alte Klischee: nicht du hast die Wahrheit, sondern die Wahrheit hat dich. Die Wahrheit hat etwas traumatisches an sich, sie sprengt unseren Horizont und stellt unser ganzes Realitätsempfinden auf den Kopf.

Ein Wahrheits-Ereignis kann aber auch ungehört verhallen, es kommt darauf an, das sich Menschen darauf einlassen. Doch dann verändert es sie. Es macht aus Individuen, die um sich und ihre unmittelbaren Bedürfnisse kreisen, Subjekte, die sich einer Sache mit Haut und Haaren verschrieben haben.

Dabei ist es  für den Atheisten Badiou paradoxer Weise Paulus, der die Logik dieses Wahrheits-Ereignisses am besten verkörpert. Bei seinem Damaskus Erlebnis gibt sich Paulus dem “Christus-Ereignis” hin und widmet diesem Ereignis sein Leben. Doch worin besteht das Christus-Ereignis? In einem Wahrheits-Ereignis zeigt sich immer etwas Partikulares (hier: Jesus von Nazareth) als etwas Universelles. Paulus drückt das aus im Galaterbrief: “Hier ist weder Jude noch Grieche, weder Knecht noch Freier, weder Mann noch Frau, sondern alle sind eins in Christus Jesus” Gal 3,28. So ist das Christus-Ereignis paradigmatisch für alle Warheits-Ereignisse. Man kann an Revolutionen denken, in denen Diejenigen auftreten, die bisher kein Gehör fanden und ihre Anliegen als universelle Anliegen formulieren.  Aber auch – ich hoffe das ist nicht zu gewagt – an Auschwitz, als ein Ereignis, an dem sich der absolute Schrecken offenbart und das einen auch in die Pflicht nehmen kann.

Soweit zu Badiou. Aber jetzt fragt sich doch: ist das überhaupt wünschenswert? Ist das nicht schon die Definition von Verblendung? Wenn man bei Youtube “Wahrheit” eingibt, dann landet man entweder bei dummen Verschwörungstheorien oder fundamentalistischen Predigern. Ist es also nicht gefährlich ohne äußeren Kriterien von Wahrheit zu sprechen? Gibt es nicht verdammt gute Gründe, warum uns das ungeheuer ist?

Doch funktioniert für Žižek Wahrheit eben nicht wie bei Platon, dass es eine “wahre Welt” hinter den Erscheinungen gibt. Die Wahrheit besitzt keine Substanz, sie ist nichtig, eben “less than nothing”. Žižek schreibt dazu: “Aber dieses “Nichts ist nicht die Orientalische (Nirvana) oder mystische Leere, sondern es ist das Nichts eines reinen Risses  (eines Widerspruchs, einer Spannung, eines Antagonismus), die reine Form der Verwerfung, ohne das etwas verworfen wird.” Platon hatte einen Spalt zwischen der materiellen und der immateriellen Welt postuliert, doch ist eben für Žižek die Wahrheit nicht der Bereich hinter dem Spalt, sondern der Riss selbst. Ein Wahrheits-Ereignis ist eine reine Offenbarung, ohne das etwas offenbart wird. Es ist eine reine Bewegung, eine Verwerfung, ein Widerspruch, eine schöpferische Leere. Wahrheit ist eine Art schwarzes Loch, das alles bestehende in Frage stellt. Sie hat keinerlei positive Substanz, lässt sich nicht in Satz-Aussagen abbilden.

Seit Kant wissen wir, dass wir das “Ding an sich” nicht erkennen können, wir wissen sozusagen, dass wir immer eine Brille aufhaben, die die Realität verzerrt. Für Žižek ist im Anschluss an Hegel nicht unsere Wahrnehmung gestört, sondern die Realität als solches. Der Riss, der uns vom “Ding an sich” trennt, liegt nicht in unserem Erkenntnisvermögen (epistemologisch), sondern in der Realität als solcher (ontologisch) begründet. Unser Scheitern zur Wahrheit zu gelangen ist ein Indikator der Wahrheit selbst. Die Wahrheit ist also für Žižek kein unmögliches Objekt, sondern die perspektivische Verzerrung als solche. Der Spalt der verhindert, dass wir die Realität ungefiltert sehen können, ist schon die Realität, die ja in sich widersprüchlich, mangelhaft, inkosistent ist. Oder um es ein wenig blumig zu sagen: die Suche ist ein Zeichen dafür, dass man etwas gefunden hat. Wenn man es dialektisch formulieren will: Der naive Glauben, die Wahrheit zu haben ist die These (Position), der postmoderne Widerspruch dagegen und die Behauptung, dass man Wahrheit nicht in solcher Weise haben kann, ist die Antithese (Negation) und schließlich Žižeks Behauptung, dass die Wahrheit in sich mangelhaft ist, ist die Synthese (Negation der Negation), die freilich eben nicht eine Versöhnung, sondern eine Vertiefung der Gegensätze darstellt.

Žižek präsentiert uns hier eine Metaphysik, die uns zwischen den Fingern zerrinnt. Die etwas spinnerten und verstiegenen Ideen, die vermutlich erst im Hegel Kapitel richtig ausbuchstabiert werden, sollen zweierlei leisten: Žižek will gleichzeitig gegen die Unverbindlichkeit der Postmoderne von einer Wahrheit sprechen, die einen in die Pflicht nimmt, aber er will auch  gegen die falsche Selbstsicherheit der Moderne betonen, dass diese Wahrheit keine Substanz hat. Die Wahrheit ist kein System von Aussagen, sondern eben gerade das Scheitern eines solchen Systems, seine “Inkonsistenz”. Bei mir stellen sich zu diesem Zeitpunkt zahlreiche Fragen und Anfragen und ich bin nicht sicher, ob mich dies wirklich überzeugt, aber zunächst soll es ja einmal nur darum gehen, Žižeks Sicht der Dinge überhaupt mal verständlich zu rekonstruieren.

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9 thoughts on “Žižek – So etwas wie Wahrheit

  1. […] Arne Bachmann hat in einem Post über Zizek und Badiou jüngst einen ähnlichen Gedanken beschrieben: “In einem Wahrheits-Ereignis zeigt sich immer etwas Partikulares (hier: Jesus von Nazareth) als etwas Universelles.” Palmer verweist an dieser Stelle auf Martin Buber, der die tiefere Dimension der Wirklichkeit als Ich/Du-Verhältnis beschrieb. Und er fügt gleich hinzu: Ein solches Verständnis von Wahrheit als Beziehung bedeutet nicht, dass Christen das Wissensmonopol besäßen. Denn wenn Wahrheit persönlich ist, dann ist sie auch (nicht nur, aber auch) in jedem Menschen anzutreffen, egal welchem Glauben er angehört. […]

  2. Andi G. says:

    Schön ist, dass das, was du “ein wenig blumig” nennst, also als eine fast zu freie Redewesie, Zizeks Lacan enorm treu ist. Lacan hat die Psychoanalyse, und mit ihr die ganze Wissenschaft als genau so ein Suchen nach dem bereits Gefundenen bezeichnet, mit allen religiösen Anklängen darin. Zitat: “You would not seek me if you had not already found me [the truth]. The already found is already behind, but stricken by something like oblivion. Is it not, then, a complaisant, endless search that is then opened up?” (Lacan: Seminar XI.)

  3. Andi G. says:

    Und ich möchte hier auch noch mit ‘nem anderen Video antworten, das spannenderweise von VICE gedreht ist und in dem die ganzen “Fucks” und Stalin-Bekenntnisse nicht rausgeschnitten sind. – Und das ist auch ein Punkt, der mich an ihm stört: wieso der Stalin-Quatsch? Ist das Ironie? Bei Z sicher nicht nur. Ist es irgendeine Illustration eines großen Anderen für ihn? Das wäre arg simpel? Ist Stalin eine Wahrheit? Wahrscheinlich, aber was für eine ist es dann?

    http://www.vice.com/vice-meets/slavoj-zizek

    • Arne says:

      Naja das ist tatsächlich der ein bisschen alberne Versuch damit ein bisschen zu kokettieren und sich in ein Licht zu rücken. Ich glaube, das geht vor allem an sein amerikanisches Publikum. Außerdem ist es glaube so ein mysterium tremendum für ihn, wie für manche es vielleicht Ausschwitz darstellt: Im Stalinismus wird für ihn die Urkatastrophe des 20. Jhs sichtbar, die es heute unmöglich macht, eine andere Welt zu denken. Er arbeitet sich immer wieder am Stalinismus ab und ist dabei unzweideutig was seine Ablehnung angeht. Wenn man sich wirklich Sorgen machen wollte, dann sind es eher sein Schriften über Lenin und “on violence” in der es über die Gewalt in der Politik geht. Er hat dort sicher einen ganz anderen Gewaltbegriff aber dennoch, ist das sicher problematisch.

  4. Andi G. says:

    Hm, es fragt sich eben immer, ob ein Kokettieren – das, was ich mit ironisch meinte – bestimmte verwendete Zeichen einfach ihrer Konnotationen entleert. Ist Stalin nur ein Schachtelteufel, mit dem er immer wieder die Leute erschrecken will und von dem man weiß, dass ihm irgendwann die Feder lahm wird? – Eher nicht, dazu sind Zizeks Bezüge darauf zu konsistent: Wahrscheinlich ist Stalin wirklich etwas wie ein mysterium tremendum für ihn, aber eben eines, auf das er sich als Linker positiv beziehen kann, statt, wie die ganzen anderen Linken, dauernd Auschwitz als negatives tremendum vor sich her tragen zu müssen. Ein Differenzkriterium zwischen ihm und den Linken, die Lacan nicht begriffen haben und über die er folglich schimpfen kann: er bezieht sich auf die linke Tradition noch dort, wo sie am finstersten ist, und damit ist er gleichzeitig politisch extrem orthodox und ebenso extrem unorthodox – eine Position, die ihm gefällt.
    Damit wäre Stalin aber innerhalb von Zizeks symbolischer Ordnung tatsächlich der Punkt, der dem Realen der Gewalt, der echten, blutigen, dreckigen revolutionären Gewalt am nächsten kommt: dann wäre das – ich traue mich, hier vielleicht ein wenig zu übertreiben – so etwas wie der Herrensignifikant seines Denkens: der Punkt, an dem sowohl die vollste Fülle der Bedeutung wie ihre absolute Leere besteht. Stalin bedeutet dann absolute und rücksichtslose Entschlossenheit für eine Richtung, die als wahr anerkannt wurde und Stalin steht auch gleichzeitig für fahlen, fassadenhaften Kitsch, hinter dem die Leichen rotten: er ist die Gewalt, von der Zizek in dem Video spricht, die dreckige revolutionäre Gewalt, die man gegen sich selbst wenden muss, die man dem eigenen Denken anzutun hat, wenn man nach Zizek’schen Begriffen die Welt begreifen will. – Das war eine lange Argumentation, nur um zu behaupten, dass Stalin nicht nur eine Fledermaus ist, der er bei seinen Konzerten auf der Bühne den Kopf abbeisst, sondern eine ernst zu nehmende Referenz grade in Bezug auf Zizeks Gewaltbegriff.

  5. Arne says:

    Ich denke hier wäre es interessant, Zizeks Verhältnis zu Badiou nochmal genauer anzugucken, denn sie sind soetwas wie Brüder im Geist und doch haben sie sich zuletzt genau über die Frage des neuen “Herrensignifikanten” verkracht. Badiou habe sich – so Zizek – zuletzt für einen neuen “Diskurs des Meisters” ausgeprochen, einen neuen Herrensignifikanten. Und Zizek meinte dazu nur: “Ok ich bin zwar selber verrückt, aber das ist selbst mir zu viel”. Hier muss man manchmal Zizek vor seiner eigenen Inszenierung in Schutz nehmen. Für ihn gibt es kein zurück mehr zu einen neuen “großen Anderen”.

  6. Andi G. says:

    Würde ich ja auch sagen, für Zizek gibt es keinen großen Anderen mehr: und deswegen Stalin. Weil er als großer Anderer so schön abzulehnen ist, und gerade dadurch, als eine so dialektische Figur so gut taugt, den Mechanismus von erscheinemdem und abgelehntem Anderen zu illustrieren.

    Kannst du mir sagen, wo du die Details über Badiou und Zizek her hast? Ich wusste nur, dass sie sich nicht mehr so nah sind wie sie’s mal waren, aber nichts über den konkreten Anlass. – Und ein Streit über den Herrensignifikanten ist ein hell of an Anlass.

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