Žižek – die Revolution ist nicht sexy

Femen-Aktivistin vor Putin auf der Hannover Messe

Man achte auch auf Putins Reaktion

Bevor ich zu dem anstrengenden und trockenen Teil von Žižeks Auseinandersetzung mit Platon und seinem Begriff der Wahrheit komme, ist mir noch etwas eingefallen. Zunächst muss noch erklärt werden, warum Žižek die “postmodernen” Formen des Denkens und der politischen Aktion ablehnt, obwohl er ihnen zumindest teilweise Recht gibt. Dies sind vor allem zwei Formen, die eng miteinander verwoben sind: Zum einen die lustvolle Grenzüberschreitung, zum anderen die ironische Lebenshaltung.

Beide lassen sich als inhärente Überschreitung kennzeichnen, als eine Überschreitung, die im Rahmen dessen bleibt, was sie eigentlich zu überschreiten meint.

Beginnen wir mit FEMEN. Das Bild oben ging durch die Presse: ein paar FEMEN-Aktivistinnen kämpfen sich zu Putin auf der Hannover Messe durch und protestieren gegen Putins quasidikatorischen Regierungsstil – barbusig.

Das erinnert ein bisschen an Orwells 1984, in dem der totale Überwachungsstaat auch gerade die Sexualität völlig unterdrückt. Der Charakter der Julia verkörpert in 1984 die rebellische Überschreitung der repressiven Gesellschaft. Sie will “Regeln im kleinen Einhalten, um sie im Großen zu übertreten” (2. Teil, 3. Kapitel). Und im Großen bedeutet: im persönlichen Sexleben. Hier lässt sich dann eine Linie ziehen, zu solchen großartigen Projekten wie “Fuck for Forest” oder         “I love my vagina“. Außerdem muss man an verschiedene Aktions- und Protestformen der letzten Jahre denken, von Slutwalks, Flashmobs, Cultural Jamming etc., denen gemein ist, dass sie durch Tabubrüche, Störungen und Unterbrechungen die Ordnung stören und zum Nachdenken anregen möchten. Das Problem ist, – und ich hoffe, ich muss das hier nicht ausbuchstabieren – diese Dinge sind nicht nur nicht-revolutionär, sondern sie sind oftmals Teil des Systems, das sie zu bekämpfen glauben. Denn die Dinge sind nicht so einfach wie bei Orwell. So ist es schade, dass es einen Teil des Feminismus und andere an sich begrüßenswerten Bewegungen gibt, die sich mittlerweile viel lieber von Putin auf den Busen starren lassen als die langweiligen und harten politischen Auseinandersetzungen zu führen, die vielleicht viel eher nötig wären.

Der Tabubruch ist längst Teil “des Systems”. Das kann man speziell auf den Spätkapitalismus anwenden, der ja das Verschieben von Grenzen zum Teil des Wertschöpfungs- bzw. Konsumprozesses gemacht hat. Mehr noch: exakt die Forderungen nach Freiheit, Kreativität, Abstreifen von alten Werten und Normen, Traditionsbrüchen und Überschreitungen, die mit Teilen der 68er in Verbindung gebracht werden, bilden heute den Kern der kapitalistischen Versprechen: Freiheit ist Marlboro, Kreativität ist Apple etc.

Aber Žižek würde sagen, dass jedes Gesetz einen “perversen Kern” hat. In jedes Gesetz ist die Grenzüberschreitung schon eingebaut (wie das Paulus im Römerbrief schon dargestellt hat). Die Aktionen, die wir für widerständig halten, sind möglicherweise immer schon Teil dieser eingebauten Überschreitung. Man denke an Karneval im Mittelalter. Dort durfte man sich für ein paar Tage austoben. Die symbolischen Grenzen und Hierarchien wurden ein paar Tage ausgesetzt, damit die Leute auch in der Fastenzeit etwas zu büßen hatten. Der Karneval als Aufhebung der sozialen Ordnung ist genau das Ventil, das man braucht, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. Oder man denke an Bordelle, die nicht selten als ein Supplement zur “bürgerlichen Ehe” funktionieren. Ein Gesetz stellt Regeln auf, aber es produziert auch ungeschriebene Regeln, wie man mit diesen umzugehen hat. So kennzeichnet es gerade den Außenseiter, dass er sich 100%ig an Regeln hält, an jeder Ampel wartet etc. Wer wirklich “dazugehört”, weiß, wann er Regeln brechen kann und sogar brechen muss. Die väterliche Autorität funktioniert dann am besten, wenn sie gezielt wegschaut und Freiräume zur kontrollierten Überschreitung lässt.

Nun müssen wir unbedingt über 90er Jahre Partys reden.

90er Jahre Partys sind für mich ein zwar bereits angestaubtes, aber dennoch gutes Beispiel für die postmoderne Ironie, die sich von früheren Formen der Ironie und von Ironie als bloßem Stilmittel unterscheidet. Bei 90er Jahre Partys kleidet man sich im Stil der 90er, redet wie in den 90ern, tanzt zur Musik der 90er, alles unter dem Vorbehalt, dass man es natürlich nicht ernst meint. Die ironische Haltung ist eine Form der Distanzierung von dem, was man tut und von den Rollen, in die man schlüpft. Es ist eine Form des Experimentierens mit verschiedenen Ausdrucksformen, eine humorvolle Verweigerung jeder Form der Festlegung, ein spielerischer Umgang mit verschiedenen Identitäten. Bei der postmodernen Ironie handelt es sich um eine Lebenshaltung, die auch von Philosophen wie Richard Rorty als eine kritische Haltung gesehen wird. Wer sich selbst und die Dinge, die er tut nicht ernst nimmt, lässt sich nicht vereinnahmen, er verrennt sich nicht in Ideologien und Fundamentalismen, er bleibt grundsätzlich offen. Ironie verhilft dabei, sein sogenanntes wahres Ich zu verbergen. So gesehen wäre die Ironie auch die Form der Authentizität im Moment ihres Scheiterns. Wer ironisch lebt, hält sich aber auch irgendwie raus aus seinem Leben. So kann einerseits die zwanghafte ironische Brechung jede Form von Engagement, von Politik, von Handlungsfähigkeit im engeren Sinn untergraben.

Denn es gibt keine ironische Leidenschaft.

Andererseits unterschätzt auch die postmoderne Ironie die Funktionsweise von Ideologien. Ideologien funktionieren nur, wenn man sich nicht völlig mit ihnen identifiziert. Man ist als Soldat im Krieg und verübt irgendwelche Gräueltaten, eine dazu distanzierte Haltung hilft dabei. So betont man, dass man nicht einfach nur in der Rolle des Soldaten aufgeht, das man eigentlich ein treusorgender Familienvater ist usw. oder man wird zynisch und greift zu einem derben Humor oder man wählt einen spirituellen Ansatz, um sich von dem zu distanzieren, was passiert. Man macht sich lustig über DJ Bobo, während man zu ihm tanzt, man lacht mit Martin Sonneborn über die ganzen Idioten da draußen und verhält sich dann selbst wie einer. Kurz: die Form der ironischen Brechung erlaubt es uns ohne schlechtes Gewissen (und sei es nur unser ästhetisches Gewissen) an einer Handlung teilzunehmen, hinter der man eigentlich nicht steht.

Doch: wer zu DJ Bobo tanzt, der tanzt zu DJ Bobo.

Und: Wer seine Brüste zeigt, der zeigt wirklich nur seine Brüste.

Und einen habe ich noch: If you can dance to it, it’s probably not a revolution.

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8 thoughts on “Žižek – die Revolution ist nicht sexy

  1. Andi G. says:

    Zum perversen Kern des Gesetzes möchte ich was anmerken, zu dem ich ein wenig ausholen muss. Das wurde nämlich bereits mal zum Kern einer religiösen Bewegung gemacht: in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts trat eine für die jüdische Religion extrem folgenreiche Gestalt auf: Sabbatai Zwi, der von vielen, vor allem chassidischen Juden, als Messias verehrt wurde. (So richtig als Messias, nicht so wie Dieter Bohlen als “Messias des Pop” bezeichnet werden könnte, sondern ein richtiger, ernstgemeinter Welterlöser.) Das Problem an Zwi war, dass er 1666 plötzlich zum Islam konvertierte. Zwar definitiv unter Druck, aber egal in welcher Form, es ist immer scheiße bei einem Messias, wenn er mitten in seinem Job die Religion wechselt. – Und da ist nun besonders die Reaktion der polnischen Chassiden interessant, da sich ein Teil davon nach Zwis Tod dem mehr oder weniger selbsternannten Nachfolger Zwis anschloss: Jakob Frank. Die Theologie die um Frank entwickelt wurde, ist nun für die Überlegung zu einem “perversen Kern des Gesetzes” extrem aufschlussreich. Dort wurde nun nämlich die Konversion Zwis als die heiligste Tat des Messias überhaupt betrachtet, was sich in der Formel der “Erfüllung eines Gesetzes durch seine Überschreitung” zeigte. Dem wurde dann ein äußerst spannender kabbalistischer Unterbau gegeben, aber de facto hieß es, dass die Anhänger Franks – so das, was von ihnen erzählt wird – alle rituellen und moralischen Gesetze zu brechen versuchten, um das endgültige Kommen des Messias herbeizuführen: um Jude zu sein, muss man Moslem sein, und Christ, und nichts davon, und alles, alles andere auch. Das erinnert ein wenig an die Schauer- und Pornogeschichten, die von biederen Theologen über jede einzelne mittelalterliche Häresie verbreitet wurden, aber es hat in seinem Kern, dass von den Frankisten eben das Moment des Perversen im Gesetz bis in sein Extrem geführt wurde, und dieses Extrem trägt keinen anderen Namen als den des Nihilismus; und zwar des praktizierten, dreckigen Nihilismus im Namen höchster Religiosität und Geistigkeit. Wenn Zizek mit der Beobachtung eines “perversen Kernes in jedem Gebot” also recht hat, muss die radikale Konsequenz aus diesem Gedanken in einem solchen selbstzerstörerischen Exzess _gleichzeitig_ der strengsten Religion und des wildesten Nihilismus enden. Die Praxis, die Zizeks Theorie also konsequenterweise vorschlägt, ist – ich überspitze hier ein wenig – die des fanatischen Exzesses des Gesetzes und ebenso seines Bruches, gewissermaßen eines dauernd neu aufgerichteten Totalitarismus und seines ebenso permanenten Umsturzes. Und das ist irgendwie einfach eine arg massive und unhandliche These, um mit ihr im Kopf Flüchtlinge im Mittelmeer zu retten, Nazis in Thüringen zu den stecker zu ziehen und kriminelle katholische Priester, Polizisten, Drohnen und Banken zu stoppen, die Fundis und ihre Theologien des globalen Amoklaufs zur Räson zu bringen und dem Pfandflaschensammler von vorhin zu helfen. – Ich hätte nicht erwartet, mich mal auf der Seite zu finden, die nach mehr Praxisbezug ruft, und ich mag den Gedanken Zizeks, bzw. Lacans mit der Perversion des Gesetzes auch unheimlich gerne – halte ihn sogar für eine ganz wesentliche Erkenntnis -, aber so ein Bissl sperrig ist er ja schon, oder?

    (Anstatt einer Fußnote: Zur Geschichte Sabbatai Zwis und Jakob Franks muss man Gershom Scholem lesen: entweder sein großes Werk zu Zwi, oder, in unheimlich scharfsinnigen und hervorragend formulierten kleinen Texten in den Bänden seiner Judaica das noch viel mehr zur Geschichte und Philosophie des Judentums.)

    • arnachie says:

      Danke Andi, wie immer: nicht nur “spannend” (das ist akademisch für “hab ich zur Kenntnis genommen”), sondern unterhaltsam. Und in der Tat: wenn dein Messias 1666 die Religion wechselt, dann solltest du wissen, wes Geist Kind er ist :-D.
      Dennoch lass mich zwei Dinge zu Zizeks Lacan sagen.
      Du sprichst vom “perversen Kernes in jedem Gebot” ich glaube, so weit geht Zizek nicht. Er sagt nicht: Gesetze sind nichts als Perversion. Natürlich: das Aufrichten eines jeden Gesetzes ist immer ein Willkürakt, aber er sagt ja nicht: Gesetze sind nur dazu da um übertreten zu werden. Hier kommt man natürlich in Ur-Theologisches Gewässer. Er sagt: das Gesetz hat Leerstellen, die es erlauben gezielt das Gesetz zu übertreten, um sich dann minutiös an den Rest zu halten.

      Der wichtigere Einwand: auch wenn man es Zizek zutrauen würde, aber für ihn ist Perversion gar keine Option, nicht mal ein bisschen. Die wahre revolutionäre Haltung ist nicht die Überschreitung/Perversion, sondern die Überidentifikation mit dem Gesetz, die Hysterie. Literarisch muss man natürlich an den braven Soldaten Schwejk denken, der durch wortwörtliches Befolgen der Befehle die gesamte militärische Ordnung durcheinander bringt. Oder – etwas gehaltvoller – an Kafkas “Vor dem Gesetz”, also an das hysterische Fragen von dem Idioten vom Lande. Dadurch wird dann der Mangel in der symbolischen Ordnung aufgedeckt. Zizeks Ethik setzt hier noch gar nicht ein, sondern erst nach der “Durchquerung des Phantasmas”, mit der dann die symbolische Ordnung als mangelhaft entlarvt worden ist. Hierbei kommen mir dann auch zahlreiche Fragen, zB was denn so schlimm an der symbolischen Ordnung an sich ist, ob es sich ohne Großen Anderen wirklich besser lebt und woher denn dieses Begehren kommen soll, dass man nach der Durchquerung des Phantasmas bitte festhalten soll. Und vor allem: ist das nicht am Ende doch einfach das Aufwärmen vom alten Topos der Authentizität und Autonomie und ob Lacans Mikrowellen-Ethik wirklich gegen zB Levinas anstinken kann. Aber die Fragen sind in meinem Kopf erst einmal zurück gestellt, bis ich soweit komme.

      • Andi G. says:

        Wahrscheinlich hast du schon recht. Allerdings würde ich weiterhin behaupten, dass das Gesetz seinen Gesetzesbruch unbedingt braucht: um das Gesetz überhaupt zu formulieren oder denken zu können, muss die Übertretung mindestens phantasiert, also ebenso in eine symbolische Ordnung eingelassen oder aus ihr abgeleitet werden.

        Nebenbei noch zur Überidentifizierung mit dem Gesetz ein weiteres Beispiel neben Kafka und Schweijk: ich musste mich grade nochmal sehr mit der Sündenfalls-Geschichte auseinandersetzen. Dabei bin ich mit Hilfe des Raschi-Kommentars über folgendes gestolpert: Als die Schlange Eva fragt, wie es denn jetzt aussieht, ob Gott wirklich verboten hat, von den ganzen schönen Bäumen hier zu essen, antwortet Eva: “Nein, wir dürfen von allen Bäumen essen, außer von dem einen da. Den dürfen wir nichtmal berühren.” Dieser letzte Satz, das Berührungsverbot, so bemerkt Raschi sehr richtig, kommt nicht von Gott. Das hat Eva selbst erfunden. Das bedeutet für Raschi, dass der Sündenfall schon durch diese Hinzufügung eines Gebotes geschehen ist; das kann man jetzt auch so sehen oder nicht, viel wichtiger ist, dass man damit bei Eva eine massive Überidentifizierung mit dem Gesetz diagnostizieren könnte. – Und das im Zusammenhang mit genau dem Gesetz, dass wahrscheinlich so willkürlich war wie keines mehr hinterher in der Menschheitsgeschichte: Gott stellt mitten im Zimmer eine Schüssel Süßigkeiten auf und verbietet sie, dann überidentifiziert Eva sich mit dem Gesetz, bricht es trotzdem, und Gott führt die auf den Gesetzesbruch stehende Todesstrafe dann nicht mal aus, sondern schmeißt Eva und ihren lethargischen Freund nur raus. – Da ist noch so manches aufzuarbeiten in dieser Geschichte, die könnten alle mal zu einer Gruppenanalyse, Lacan’sch oder nicht. 😉

        PS: Zu Zizek und der Levinas’schen Ethik hab ich vor langer Zeit mal folgende für Internet-Verhältnisse erstaunlich sauber und klug geführte Diskussion gelesen:
        http://jdeanicite.typepad.com/i_cite/2006/03/zizeks_critique.html

  2. arnachie says:

    Moin,
    lass mich erstmal sagen: zur Anwendbarkeit (ich rede jetzt nicht von “Praxisbezug”) von Zizek. Also für ich ist es schon erstaunlich, dass mir Zizek das theologische Langweiler-Thema schlechthin gerade schmackhaft macht, nämlich “Gesetz und Evangelium”. Immer wenn Leute keine Ahnung haben, was sie in Kirchengeschichte, NT oder Systematik schreiben sollen, machen sie irgendwas über Gesetz und Evangelium, über den tertius usus legis etc. Allein das ist doch schonmal etwas.
    Naja weiter.
    Ich würde Dir bei Eva widersprechen. Das Aufrichten von künstlichen Schutzzonen ist doch ein Kennzeichen von Perversion in Reinform: es ist nicht nur das Essen das problematisch ist, sondern schon das Berühren, vielleicht sogar schon das Anschauen, vielleicht sollte man eine Sperrgürtel mit Minen um den Baum legen oder gar den Baum ganz fällen. Und das ist die Heuchelei jedes konservativen Rigidismus, weil er über den Zaun schielt, den er gerade errichtet hat, weil er neidisch ist auf die, die sich ohne Skrupel dem Verbot nachgehen. Für empirische Belege: geh einfach mal aufs Jesus.de Forum.
    Auf der anderen Seite tut es der Hedonismus auch nicht, weil ja bei Lacan der Genuss die Forderung des Über-Ichs darstellt: du musst dein Leben geniessen, du darfst keine Chance verpassen, du musst dich verwirklichen. Und je mehr du auf’s Über-Ich eingehst, desto schuldiger wirst du. Du hast immer nicht genug genossen, der Genuss bleibt immer schal, weil: verordnet, du hast immer Chancen verpasst, bist immer gerade auf der Party, die langweiliger ist als die anderen, du hast nie genug aus deinem Leben gemacht. Und genau aus diesem Versagen zu genießen speisen sich die Gadgets, Moden und Hypes des Spätkapitalismus.
    So und wenn man jetzt noch Römer 7 dazu nimmt, wird die Sache vielleicht spannend. Da kommen so Sätze wie: “Das Gesetz entfacht die Leidenschaften.” Oder “Gäbe es kein Gesetz, dann hätte die Sünde keine Macht”. Klingt doch irgendwie verdammt nach dem “perversen Kern des Gesetzes”. Und die Lösung besteht für Paulus, dass man einfach für das Gesetz nicht mehr ansprechbar wird. Das Gesetz hat keine Geltung für Tote und deshalb müssen wir Zombies werden für das Gesetz: “Doch jetzt sind wir vom Gesetz befreit, denn wir sind mit Christus gestorben und der Macht des Gesetzes nicht länger unterstellt. Deshalb können wir Gott von nun an in einer neuen Weise dienen – nicht wie früher durch Einhaltung jedes einzelnen Buchstabens des Gesetzes [das ist: durch Perversion], sondern durch den Heiligen Geist.” (Röm. 7, 6)

    • Andi G. says:

      Hm, stimmt: absolute Schutzzonen sind pervers. Aber ich kann mir nicht helfen: absolute Schutzzonen, die aber genau eine knallrote Möglichkeit zum Vergehen lassen, und die ist auf den Tod verboten – das hat einen nochmals ganz anderen, besonders perversen und fast experimentellen Charakter. Deswegen ist auch das Beispiel mit jesus.de nicht so ganz passend: die schielen alle nach außen, über die Mauer, die ihren Garten eingrenzt. Der Baum wäre eher so was wie ein großer roter Knopf in der Mitte des Forums, den keiner drücken darf, weil sonst sein Account sofort gelöscht und seine IP gesperrt wird; man darf nicht mal allzu lange mit dem Mauszeiger in der Nähe sein, sonst wird das als die persönliche Ausschluss-Sünde gesehen. – Und eben diese Willkürlichkeit ist es, die mich am Baum stört: er ist artifiziell in etwas hineingestellt, das ansonsten eine Schutzzone sein soll. Wenn eine Schutzzone eine Perversion ist, dann ist die künstliche Ausnahme vom Schutz eine doppelte Perversion.
      Wenn gated communities eine Perversion sind, dann ist eine caritative Arbeit für Slumbewohner durch einen Verein oder eine Gemeinde innerhalb der community die letzte Steigerung des Perversen, wenn gedankenlos Kaffee zu trinken ausbeuterisch und böse ist, dann ist Kaffee, der eine drei-Cent-Spende an arme Drittweltbauern beinhält, das absolut Böse. Gesetze sind die eine Perversion, aber das Management der Ausnahmen vom Gesetz, die Ökonomie der Berührung mit dem verbotenen, seine symbolische Präsentmachung und Verwaltung, das ist wirklich der Abgrund.

      • arnachie says:

        Lustig ist ja, das für Zizek das Judentum völlig frei ist von der Logik der Perversion. Ich könnte die Passagen mal raussuchen (wird in Adam Kotskos – Zizek & Theology ausführlich dargestellt). Allerdings sieht Zizek den Kern des Judentums nicht in Genesis, Moses oder David, sondern in der Gestalt des Hiob. Aber das was du beschreibst ist natürlich das was Zizek/Lacan die “männliche” Logik als die Logik der konstitutiven Ausnahme beschreibt und die er der “weiblichen” (hysterischen) Logik des Nicht-Allem entgegensetzt. Im Hiob hat das Judentum einen Einblick gewonnen in die Unvollständigkeit der symbolischen Ordnung, aber wie gesagt: wenn du magst, kann ich die Passagen mal die Tage nachlesen.

        Aber mal zu Genesis. Vorne weg: ich liebe dieses Buch und halte es zusammen mit Kohelet (der ja vielleicht lediglich eine Auslegung der Flüche in Genesis darstellt) als die für mich relevantesten Bücher in der Hebräischen Bibel. Deshalb will ich das Buch mal stark machen. Erst einmal kommt es ja drauf an, wie du Genesis lesen willst. Als eine Ätiologie oder strukturell. Ich erinnere mich an Westermanns Ausspruch: Genesis will nicht zeigen, was passiert ist, sondern was passiert. Man kann sich drüber streiten, aber das halte ich für eine sehr fruchtbare Lesart von Gen 1 – 11, bei der man allerdings zugeben muss, dass die Stammtafeln ein wenig stören. Wenn du es ätiologisch lesen möchtest, dann musst du glaube schon den Zustand vor dem Fall fundamental unterscheiden von der Struktur des Begehrens “nach dem Fall”. Von der Logik der Geschichte wird eigentlich nahe gelegt, dass es weder Sexualität noch Arbeit oder “das Begehren” eine Folge des Falls sind. Alle drei Aspekte gibt es definitiv schon vorher. Wobei das Begehren doch in der fehlenden Rippe repräsentiert ist: der Mensch (und damit ist zugegebener Maßen vor allem an Adam gedacht) ist in sich unvollständig und bedarf eines Gegenübers. Und ist das nicht witzig: auch vor dem Fall ist der Mensch konstitutiv mangelhaft (genau wie die Schöpfung!): der Mensch braucht den Anderen, er braucht die Schöpfung und er braucht Gott. Die Schöpfung braucht wiederum den Menschen, sie ist noch nicht “perfekt” also vollständig, sondern völlig zukunftsoffen und muss entfaltet werden. Der Baum hätte in dieser Lesart die Struktur einer Frage: “Kannst du damit leben mangelhaft zu sein? Bist du bereit für die “wahre Unendlichkeit”, die immer die freiwillige Selbstbegrenzung beinhaltet?”. Oder wie auch immer du es formulieren willst, aber die Logik der Perversion ist “post-lapsarisch”, also erst denkbar nach dem Sündenfall. Es wird hier ja nahegelegt, dass sich das Begehren nach dem Fall verändert: es wird konnotiert mit Herrschaft und Unterwerfung, Gewalt und Kampf um Ressourcen. Wenn man so will ist das Begehren, dass immer schon “Hunger nach Leben” war, Suche nach Ergänzung, nun auch konnotiert mit der Angst etwas zu verpassen, aus der sich dann vieles von Kains Mord bis hin zum babels Totalitärem Projekt vieles herleiten lässt. Während das Begehren die Struktur hatte, durch die Anwesenheit des Anderen die eigene Unvollständigkeit zu vergessen, war erst nach dem Fall die Struktur des “was verboten ist, macht uns gerade Spaß” da. Die Logik der inhärenten Überschreitung ist erst nach dem Fall denkbar und darf – wenn man die Geschichte ätiologisch lesen will – nicht auf den Zustand vor dem Fall projiziert werden. Der Baum wurde durch die Schlange phantasmatisch aufgeladen: das Erlangen einer eigenen autonomen Identität durch Erkenntnis. Der Baum repräsentiert den Traum, niemanden mehr brauchen zu müssen. Der Baum repräsentiert das Objekt a, dass diese erste Wunde der Menschheit nicht nur temporär in einem Netz aus Beziehungen verdecken, sondern ganz schließen soll.
        Ich gebe zu dass das jetzt keine ausgereifte und kohärente Lesart von Genesis darstellt, aber das sind so die ersten Gedankenfetzen, die mir kommen, wenn ich mit Lacan auf die Genesis gucke.

  3. timski says:

    Ich liebe deine Beobachtung mit der Ampel. Endlich traut sich das mal jemand zu sagen! 🙂

    • arnachie says:

      Ja wobei ich ja ein großer Fan des “An einer roten Ampel stehen und warten, selbst wenn kein Auto kommt” bin. Max Goldt hatte mal einen Text dazu geschrieben, warum einen das den Gang zur Domina ersparen kann.

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