Žižek – Warum dein Facebook Profil doch nicht lügt

Man weiß es nicht, ob es als “practical joke” gemeint war oder allein als Marketinggag als Bryan Cranston, seines Zeichens Darsteller des Breaking Bad Hauptcharakters Walter White, auf der Comic Con auftrat. Auf dieser Messe, auf der sich nicht mehr nur die Comic Nerds, sondern auch Serienfans zu Duzenden tummeln und dabei gerne durch mehr oder weniger originelle Kostüme auffallen wollen, scheint es kaum möglich als Seriendarsteller ungesehen durch das Publikum zu schreiten. Doch Cranston hatte einen genialen Einfall: er verkleidete sich mit einer Maske seines Charakters Walter White und ging so durch die ahnungslosen Massen an Serien-Nerds und heimste Komplimente für sein originelles und professionelles Kostüm ein. Nur um dann am Ende auf dem Podium seine Maske abzunehmen und dahinter war: er selbst.

Bryan Cranston und seine Maske

Man könnte auch sagen: Cranston hat mit den Erwartungen der Leute gespielt. Während die Leute dachten: wer so viel Zeit und Energie darein steckt, seinem Serienidol täuschend ähnlich zu sein, der muss vermutlich ein einsamer Nerd mit zu viel Zeit und keiner Freundin sein. Hinter der Maske steckt sicher ein armes Würstchen, der sich in seine Fantasiewelt zurückzieht. Aber in Wirklichkeit war die Maske realer, als was dahinter war. Die Maske hat nichts verborgen. Die Täuschung der Maske bestand allein darin, dass sie vorgab etwas völlig anderes zu verbergen, während hinter der Maske nur das auf uns wartete, was die Maske ja schon andeutete: die Person des Bryan Cranston.

Und damit sind wir mitten in Žižeks erstem Kapitel, das sich mit Platon auseinandersetzt und das sich viel um Fragen von Schein und Sein, Wahrheit und Täuschung, Masken und was sich dahinter (nicht) verbirgt, dreht und auch passender Weise mit “Vacillating the Semblances”, also in etwa: das Scheinbare/die Täuschungen zum Schwingen bringen, überschrieben ist.

Wenn wir Facebook aufrufen, stoßen wir – das sollte nicht verwundern – auf solche Masken. Wir stoßen auf Fiktionen, auf idealisierte, stilisierte, aufpolierte Bilder von Menschen, die sich auf gewisse Weise inszenieren und so eine Geschichte über sich erzählen. Die Bilder der wilden Parties scheinen immer irgendwie aufregender als die Party selbst. Man lässt sich im Museum fotografieren, um Bildung zu zeigen, man postet Food Porn um sich als bewussten Genießer zu inszenieren, man postet Bilder aus anderen Städten um sich eine kosmopolitische Aura zu geben oder man postet Links zu Blogposts um irgendwie klug da zu stehen.  Wir sind eingebettet in ein Universum aus Fiktionen, aus Geschichten, die wir über uns erzählen, die andere über sich erzählen, Geschichten, die “man” uns erzählt und das heißt: die großen Geschichten, in die wir eingebettet sind.

Doch Žižek will nun nicht einfach, wie das so üblich ist, dazu anregen hinter diese Geschichten zu schauen um zur Wahrheit zu gelangen. Ganz im Gegenteil: mit Lacan sagt er:

Die Wahrheit hat die Struktur einer Fiktion”. 

Wahrheit, und ich werde an anderer Stelle noch einmal genauer umreißen, was er eigentlich mit diesem großen Wort meint, hat die Form einer Erzählung, einer Täuschung, einer Maske. Wahrheit ist nicht einfach Faktizität, hat nichts damit zu tun, dass man die Dinge beschreibt “wie sie eigentlich sind”. Wahrheit hat nicht zuerst die Form des Begriffs oder der Zahl, also eines Lehrgebäudes oder einer Statistik.

Nach dem Zweiten Weltkrieg geisterte eine Zeit lang die Frage durch die Welt der Künstler und Literaturtheoretiker ob es noch möglich sei, Gedichte zu produzieren, ob es im Angesicht des Schreckens noch möglich sei Poesie und Fiktion zu produzieren. Žižek merkt an, dass es nicht die Fiktion ist, die Unmöglich geworden ist, sondern die prosaische Dokumentation. Die -etwas paradoxe – Frage lautet also viel eher: ist es möglich nach Ausschwitz einen Dokumentarfilm zu drehen? Der Schrecken von Auschwitz lässt sich für Žižek ausschließlich als Fiktion verarbeiten. Die traumatische Wahrheit wird durch den nüchternen Versuch die Fakten zu reproduzieren eher verdeckt (was natürlich nicht bedeutet, das man es nicht dennoch tun muss).

Dabei ist nicht nur unsere persönliche Identität eingebettet in Geschichten, die ganze Realität wird strukturiert von Fiktionen, die uns erlauben, die Realität auf eine bestimmte Weise zu erleben. Es gibt keine Möglichkeit, hinter diese Fiktionen einfach zurückzugehen. Die Wahrheit liegt nicht hinter diesen Illusionen, sondern mitten in ihnen. Platon hat immer wieder versucht, zwischen Wahrheit und Fiktion, zwischen Logos und Mythos und zwischen Sein und Schein zu unterscheiden. Was er dabei nicht erkannt hat: die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Fiktion muss IN der Fiktion selbst getroffen werden.

Ein Zitat dazu:

“Die menschliche Sprache als solches funktioniert nur, wenn die Fiktion als mehr gilt, als die Realität, wenn da mehr Wahrheit in der Maske ist als in der bescheuerten Realität hinter der Maske, wenn es mehr Wahrheit in unseren symbolischen Titeln (Vater, Richter…) gibt als in der Realität des empirischen Titelträgers. Deshalb behält Lacan Recht, wenn er aufzeigt, das eine platonische, übersinnliche “Idee” eine Nachahmung einer Nachahmung darstellt, die Erscheinung der Erscheinung – etwas, das auf der Oberfläche der substantiellen Realität erscheint.  …. So kann man die Täuschung als einen Schleier verstehen, der nichts verhüllt – seine Funktion besteht darin, die Illusion zu kreieren, dass da etwas hinter dem Schleier ist. Dies bringt uns zu einer Geschichte, die Lacan gerne erzählt über Zeuxis und Parrhasius, zwei Maler aus dem alten Griechenland, die darum wetteiferten, wer die überzeugendere Illusion erschaffen kann. Zeuxis erschuf ein so realistisches Bild von Weintrauben, dass die Vögel versuchten, sie zu essen. Doch Parrhasius gewann indem er auf eine Wand in seinem Zimmer einen Vorhang malte, der so realistisch war, das Zeuxis bat, ihn zurück zu ziehen, damit das Bild dahinter zum Vorschein kommt”.

Anders gesagt: Die Wahrheit liegt außen. Die Wahrheit liegt in der Heisenberg Maske, sie steht mitten auf deinem Facebook Profil, sie zeigt sich in den Versprechen der Werbung und sogar in Kolumnen der BILD-Zeitung. Die Maske ist realer als das, was dahinter ist. Wir wissen doch ganz genau, dass wir uns inszenieren auf Facebook und tun dies mit einem Augenzwinkern: “Um mich jetzt auch mal als Food Porn Idiot zu outen, poste ich jetzt dieses Bild” blabla. Wir wissen ja, dass wir eigentlich nicht so sind, wie wir uns zeigen. Das unser wahres Ich eigentlich ganz anders aussieht. Das wir hier nur in eine Rolle schlüpfen. Aber Žižek fragt, was ist, wenn diese Fiktionen doch mehr über uns verraten als wir zu glauben bereit sind? Was wenn die Geschichten die wir erzählen auf einer zweiten Ebene genau so funktionieren, dass sie wie ein Schleier sind, der nichts verhüllt? Es ist wie der alte Marx Brothers Witz, den Žižek dazu gerne zitiert: “Ich mag zwar aussehen wie ein Idiot und mich verhalten wie ein Idiot, aber lass dich davon nicht täuschen! Ich bin ein Idiot”. Für Facbook mag dazu parallel gelten: “Ich mag zwar posten wie ein Hipster und Hipster-Dinge liken, aber lass dich nicht in die Irre führen: ich bin nichts als ein Hipster!”.

Wir halten uns für clever. Wir sind es gewohnt, die Dinge durchschauen zu wollen, hinter die Fassade zu blicken, wir wollen dechiffrieren und uns keinen Illusionen hingeben. Wir wollen keine Geschichten, wir wollen Fakten, wir wollen kein Gelaber, wir wollen auf den Punkt kommen. Doch weil die Fiktionen unsere Realität strukturieren, können nicht einfach aus den Fiktionen ausbrechen. Wir können nicht einfach die Illusionen beiseite legen. Wir können auch nicht – zum Beispiel in der Wissenschaft – unsere persönlichen Ideologien hinter uns lassen, um nun objektiv zu forschen.

Es ist wie mit Wahlplakaten. Viel wurde in den letzten Tagen über die Inhaltslosigkeit der Wahlplakate geredet. Da werden keine politischen Botschaften mehr transportiert, sondern lediglich ein Lebensgefühl angesprochen etc. Und das ist so richtig wie beunruhigend. Es gibt eine Ausnahme: die Wahlplakate der LINKEN. Sie versuchten die politischen Fiktionen beiseite zu schieben und sich auf den Kern des Politischen zu konzentrieren: auf das Aufstellen von Forderungen. Doch so gut gemeint das war, in dem Versuch die Ebene der Fiktionen zu umgehen und direkt zum Politischen vorzustoßen haben sie das Politische verfehlt. Ihr Problem ist nicht, dass die Plakate zu unrealistisch sind, wie viele sagen, nein sie sind zu realistisch und damit für uns nicht mehr wahrnehmbar. Gerade im Versuch direkt zu kommunizieren versagt die Kommunikation.

Lacan bringt das auf den Satz: Les non-dupes errant.

Die, die meinen nicht getäuscht zu sein, irren. 

Wer die Ebene der Fiktionen überspringt, landet nicht in der Realität, sondern im kompletten Realitätsverlust. Die großen Demaskierer, die Abgeklärten, die meinen, sie seien würden das Netz der Lügen da draußen (Die Medien erzählen uns…. blabla) durchschauen, die Verschwörungstheoretiker und Zyniker, sie täuschen sich. Denn sie unterschätzen die Kraft der Fiktionen, der Stories. Und wer die Fiktionen hinter sich lässt, verliert die gesamte Realität. (Auch hier wieder wäre der Film Memento ein sehr gutes Beispiel). Wer die “ungeschönte Realität” mit einem “unverstellten Blick” sehen will, sieht gar nichts mehr.

Wir sind unentrinnbar eingebettet in ein Netz aus Fiktionen und Phantasmen, Wunschbildern und Projektionen. Und in diesen Projektionen und mit diesen Projektionen lässt sich Wahrheit finden. Das ist dann auch ein sachlicher Grund, warum sich Žižek so viel mit Filmen, obszönen Witzen, Liedtexten, Opern und Werbefilmen beschäftigt. Weil sich durch diese Medien die heutige Ideologie am klarsten zeigen lässt und man in der Auseinandersetzung mit ihnen die Struktur der symbolischen Ordnung beschreiben lässt. Jeder Versuch, die reine Wahrheit zu destillieren und in eine von Fiktionen befreite Begriffssprache zu bringen, ist fehlgeleitet.

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2 thoughts on “Žižek – Warum dein Facebook Profil doch nicht lügt

  1. Sehr anregend (auf das Merkelwort “spannend” verzichte ich neuerdings lieber). Auf die Gefahr, als Vulgärrealist zu erscheinen: Lässt sich bei den verschiedenen Fiktionen (bzw. natürlich auch Behauptungen und Wahrheitsansprüchen), die alle ihre eigene Realität erzeugen, noch irgendwie zwischen mehr oder weniger legitimen unterscheiden?

  2. arnachie says:

    Dankeschön! Ja es kann ein wenig missverständlich wirken, wenn man sagt: Wahrheit hat die Struktur einer Fiktion. Er ist, so wie ich das bisher sagen kann, kein radikaler Konstruktivist, der sagt “es ist alles nur Konstruktion, wir können nicht über die Wahrheit sprechen”. Zum einen gibt es bei ihm ja den Begriff des Realen, das ist dasjenige, was traumatisch in die symbolische Ordnung einbricht und nicht mehr symbolisiert werden kann. Dieses Trauma des Realen kann eben nicht mehr begrifflich aufgearbeitet werden, sondern in Form der Fiktion. Zum anderen spricht er ja von Wahrheit. Die Wahrheit ist nicht einfach die Überprüfung von Satzwahrheiten, sondern die Erscheinung einer “Idee” im Ereignis, das die Koordinaten von “wahr-falsch” “gut-böse” etc. über den Haufen wirft. Alle Unterscheidungen von Satzwahrheiten werden ja auf Grundlage einer bestimmten symbolischen Ordnung getroffen, Wahrheit ist sozusagen ein Ereignis (wie einer Revolution oder das Kreuzesgeschehen), dass diese Ordnung radikal neu gestaltet. Aber das soll eigentlich das Thema des nächsten Posts werden.

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