Žižek – Wenn das Denken überbordet

Was sind die drei besten Dinge im Leben?

Der Drink davor und die Zigarette danach.

Schenkelklopfend beginnt  Žižeks Buch schon mit dem Inhaltsverzeichnis. Žižek versucht einen Rundumschlag durch die gesamte Geistesgeschichte abzuliefern von Platon und den Vorsokratikern über Hitchcock zur Quantenphysik. Das Zentrum des Buches sind zwei große Teile zum “Ding an sich” (also Hegel und Lacan), was von einem 200-seitigen Vorspiel (“The Drink before” über Platon, das Christentum und Fichte) eingeleitet wird, bevor man den Abend mit einer Zigarette danach (über politische Philosophie und Terror, Heidegger und Quantenphysik) ausklingen lässt.

Doch schon die Einleitung hat es in sich. Auf 23 Seiten findet schon ein Rundumschlag statt wie er größer nicht sein könnte voller Einzelstudien zu Akte X, den Buddhismus, den deutschen Idealismus, 3 Arten der Dummheit, jüdische Witze, Freud, Hegel, dem Universum und den ganzen Rest.

“Einmal hin alles drin” sagte neulich ein Freund über Žižek. Und richtig, er liest sich wieder so überbordend, übersättigt, übertrieben wie man es von seinen mündlichen Vorträgen kennt. Ein absoluter Exzess des Denkens, bei dem sich die Frage stellt, ob er diesen Exzess jemals wieder argumentativ einfangen kann. Vielleicht steckt in der Einleitung der Nukleus seiner gesamten Argumentation und vielleicht hat er auch einfach ein weiteres Mal den Faden verloren, wir werden sehen.

Ein besonders schiefes Bild hat mich dabei irgendwie gefesselt, auch wenn es, wie gesagt, wenig nachvollziehbar scheint. Er bezieht sich auf die Geschichte von Galilei, der seine Theorie vor der Inquisition widerrufen musste, dass sich die Erde um die Sonne dreht und später gesagt haben soll (was natürlich historisch eher unwahrscheinlich scheint): “eppur si muovo” (Und sie bewegt sich doch).  Diesen Trotz, an einem Gedanken festzuhalten, der untersagt wird, möchte Žižek weiter spinnen. Er interpretiert das “und sie bewegt sich doch” als einen Drang und einen Trotz, der sich auch darin zeigt, wenn man eine tiefere, symbolische Wahrheit gegen den Augenschein der Fakten festhält. Žižek eigenes Beispiel ist der Gedanke an Gott. Er betont immer wieder ein Atheist zu sein, aber dennoch liegt etwas an diesen Gedanke, der Bewegung verursacht.

Dieser Trotz, dieses “und es bewegt sich doch” ist für Žižek in uns allen vorhanden. Dies ist der Faktor, der für eine unendliche Kreativität, für ein endloses Streben, für den Exzess des Denkens oder für viele Arten von Leidenschaft verantwortlich ist. Dieses Element in uns durchbricht die Balance unseres Lebens, stellt alles auf den Kopf, kann dafür sorgen, dass alles, was uns wichtig schien, zurückgestellt wird, weil sich da etwas bewegt, obwohl dort nichts ist. Denn die Realität ist ja für Žižek nicht durch eine Fülle gekennzeichnet, eigentlich ist sie mangelhaft, eigentlich ist sie “weniger als Nichts”. Doch da gibt es etwas, dass uns diese Leerstelle umkreisen lässt.

Žižek spricht in einer Dokumentation davon, dass er von einer ständigen Aufregung umhergetrieben wird, dass die Leute entdecken könnten, dass er nichts zu sagen hat, dass er nur blufft etc. Und vielleicht – das ist jetzt eine Spekulation, die von ihm selbst nahegelegt wird – ist so auch seine große, hysterische Produktivität zu erklären, in der er jedes Jahr 2 Bücher herausbringt. Er kreist um dieses Nichts und produziert dabei sehr viel. Der Abgrund (das das Publikum herausfinden könnte, das er nichts zu sagen hat) wirkt so gesehen als Antrieb unendlich viel zu reden und zu schreiben, damit die Leere verdeckt wird. Und vielleicht lässt sich Žižek auf verquere Weise selbst als Renaissance Mensch wie Galilei verstehen, der ja selbst etwas von diesen exzessiven Streben hatte. Und um noch einen verqueren Gedanken zu äußern: ist nicht dieses “eppur si muovo”, als eine Geste des trotzigen, leidenschaftlichen Behauptens von Wahrheit gegen den Augenschein (und des Umkreisens der Wahrheit) in irgendeiner Form vielleicht Žižeks Gegenentwurf zum “Heureka, ich habs” als einer Geste mit der für gewöhnlich Wissenschaft betrieben wird?

Vielleicht ist diese Verbissenheit, dieses Fieber, dieses Ungleichgewicht, dieser Exzess eine Art Vorbedingung für Kreativität. Nicht weil es da draußen Genies gibt, die so von kreativen Gedanken voll sind, dass sie überborden, sondern produktiv in diesem Sinne sind Menschen, die eigentlich nichts besonderes an sich haben, die sich aus der Bahn werfen lassen und immer wieder eine Leerstelle umkreisen, die sie antreibt. Leidenschaftliche Kreativität bedeutet so gesehen nicht, etwas zu erreichen, sondern es geht um die Dinge die man tut, während man dieses “schwarze Loch” umkreist.

Der Name für diesen Drang ist bei Lacan (Todes-)Trieb (was vielleicht nichts mehr mit Freuds Idee des Triebes zu tun hat, der ja eher biologistisch-urtümlich ist) Das ist dieser Drang, der nicht etwa den eigenen Tod will, sondern eher beständig das ruhige Leben unterbricht, der beständig für Bewegung sorgt und uns ständig anstachelt, etwas zu tun, irgendetwas. Er nennt es das “untote Element” und man sieht darin auch etwas zwanghaftes, zombie-mässiges. Doch wie der Trieb genau zu verstehen ist, wird hier nur angedeutet. Was mich daran fasziniert hat, ist der Charakter der Unruhe und des Ungleichgewichts, den man bei jedem Žižek Vortrag und selbst in seinen Texten spürt und vielleicht eine gute Beschreibung seiner Art zu denken ist. Diese Unruhe ist ein so großer Drang, dass sie sogar das eigene Wohlbefinden und Glück zurückstellen lässt.

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One thought on “Žižek – Wenn das Denken überbordet

  1. […] niemals verzweckt, es bringt Neues hervor aber nicht um Neues hervorzubringen, sondern aus einem inneren Drang heraus. Das Denken ist, so verstanden, eine Erfahrung. Weil das Denken immer wieder Fragen des […]

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