Žižek – Einführung

Seit einigen Wochen beschäftige ich mich mit mit dem monumentalen Buch “Less than Nothing. Hegel and the Shadow of Dialectical Materialism” vom slowenisch-amerikanischen Philosophen und Psychoanalytiker Slavoj Žižek. Žižek kennt man eher von seinen sehr unterhaltsamen Vorträgen. Diese sind meistens wie ein Feuerwerk aus politischen Interventionen, Analysen der Popkultur, Theoremen von Hegel und Lacan, obszönen Witzen und einer ganzen Menge “and so on and so on”. Ein recht typisches Beispiel ist dieser kurze Clip, in dem er von Collin Powells Begründung des Irak-Krieges (unknown unknowns) über das Unbewusste zu Toiletten als Ausdruck der alltäglichen Ideologie kommt.

Und so schaut man mit einer Mischung aus Faszination und Befremden zu, fühlt sich irgendwie unterhalten und irgendwie verscheißert und endet mit einem großen: “WTF?”. So geht ein normaler Žižek Vortrag irgendwie spurlos an einem vorüber, da man vor lauter Feuerwerk, nicht weiß wohin man zuerst schauen soll und am Ende auch manchmal das Gefühl hat, hier sei mehr ein Performance Artist am Werk als ein ernstzunehmender Denker.

Ob dem so ist will ich mit meiner Lektüre ein wenig nachgehen. In diesem Buch hat Žižek fast 1000 Seiten Platz, sein Argument zu entwickeln und es ist von Anfang an als theoretisches Buch geplant, im Gegensatz zu vielen seiner Bücher, die sich in letzter Zeit viel mit Ideologiekritik, aktuellen politischen Entwicklungen oder der Popkultur beschäftigen. Also geht es in diesem ganzen Projekt darum: ist es mehr als purer Bullshit, was Žižek hier betreibt?

Doch zunächst die Frage:  warum fasziniert mich Žižek?

Stil: 

Ich fühle mich intuitiv Žižeks Stil sehr verbunden. Die Art von Žižeks Gedankensprüngen, die sich aber auch mit sehr akribischen Analysen abwechseln können, liegt mir persönlich sehr nahe. Trotz 6 Jahre Universität konnte man mir noch nicht dieses Denken in Verknüpfungen, in Links und Beziehungen abgewöhnen. Außerdem gelingt es ihm – mal mehr mal weniger – hoch abstrakte und komplexe Zusammenhänge herunterzubrechen auf alltägliche Phänomene. Dabei ist es wichtig zu betonen, dass dies nicht einfache Illustrationen seiner Theorie sind: die Beispiele sind schon Teil des Arguments. Argument und Beispiel, Abstraktes und Konkretes haben die gleiche Priorität (sind “gleichursprünglich”). Zuletzt ist er ein provokativer Denker, der immer wieder versucht, einen herrschenden Konsens aufzubrechen. Dies versucht er nicht, wie andere Denker, durch ironische Brechung oder Distanznahme, sondern durch eine leidenschaftliche, exzessive Übertreibung seines Punktes. Das ihn das natürlich andauernd in Probleme bringt, muss vielleicht nicht extra gesagt werden.

Žižeks Projekt

Slavoj Zizeks Methode kann als die Methode der “Wiederholung” (“retrieval”) verstanden werden. Einen Denker zu wiederholen bedeutet nicht, das gleiche zu sagen, was er gesagt hat, sondern ihn in der Gegenwart neu zu lesen. Dabei geht es nicht um die alte Frage: “Was ist lebendig und was ist tot an…”, sondern darum, die gründende Geste eines Denkers heute zu wiederholen. Martin Luther zu wiederholen bedeutet nicht die abstrakte Frage “Was bedeutet die Rechtfertigung des Sünders heute?”, sondern würde bedeuten heute in einer ähnlichen Form Exzesse der Kirchen zu kritisieren und einen neuen Ansatz des Christentums vorzuschlagen. Vielleicht könnte also zB Kierkegaard als jemand verstanden werden, der Luther “wiederholt” hat.

Žižek arbeitet an einer Wiederholung von Hegel und Lacan. Georg Friedrich Wilhelm Hegel war der letzte der großen “Deutschen Idealisten”, also jener Reihe von Philosophen, die im Anschluss an Kant eine Philosophie des Subjekts und der Erkenntnis betrieben haben. Žižek liest dabei Hegel, der aus guten Gründen zur Zeit keinen sehr guten Ruf geniesst, sehr eigenwillig als einen Denker der Negativität. Einen Denker, der uns zeigen will, dass die Realität in sich mangelhaft ist, in sich einen Riss hat. Er vergleicht sie mit einem Computerspiel, das nicht ganz fertig programmiert wurde und das dem Spieler nicht erlaubt, bis an den Rand der Karte zu gehen, weil er dort entdeckt, dass die Spielwelt pixlig und unfertig ist. Genau die Erkenntnis dieses Risses kann als ein Unruhefaktor wirken, der dem Rahmen des Status Quo destabilisieren kann.

Lacan ist ein französischer Psychoanalytiker, der selbst eine “Wiederholung von Freud” vollzogen hat. In einer Zeit, in der – auch wieder mit guten Gründen – Freud eher skeptisch begutachtet wurde, wollte Lacan Freuds Intuitionen in die heutige Zeit übersetzen. Dazu übersetzte er Freud in eine neue Theoriesprache. Eine der wesentlichen Einsichten von Lacan hängt auch mit der Negativität zusammen. Nämlich die Unvollständigkeit des Subjekts. Auch wir sind in uns nicht vollständig, auch durch uns geht ein Riss , ein “konstitutiver Mangel”. Das Subjekt ist ständig auf Wanderschaft, ständig – nostalgisch – auf der Suche nach etwas, was es verloren glaubt, aber in Wirklichkeit nie besessen hat. Und – so muss man schnell dazu sagen – das Subjekt ist nichts als diese Suchbewegung.

So ist es der Kern von Žižeks Projekt, Lacan und Hegel sich gegenseitig lesen zu lassen und Lacan Hegel durch die psychoanalytische Sicht des Begehrens ergänzen zu lassen, während Hegel Lacan durch die Erkenntnis ergänzt, dass nicht nur das Subjekt unvollständig ist, sondern auch die gesamte Realität da draußen.

Den Rahmen sprengen

Žižek ist zuletzt ein Denker, der den herrschenden Status Quo auch im Politischen bemängelt. Žižek ist, obwohl er im Titoregime den Status eines Dissidenten hatte, unzweideutig ein radikaler Kritiker des Kapitalismus. Er glaubt nicht daran, dass in diesem System wesentliche Verbesserungen herbeizuführen sind. Seine Frage könnte man so stellen: warum führt all das Reden über “Wandel” und “Veränderung” nie wirklich zu Wandel und Veränderung? Trägt es vielleicht im Gegenteil sogar dazu bei, das alles beim alten bleiben kann? Žižek formuliert dabei keine Alternative, sondern er will den Raum schaffen, das so etwas wie eine Alternative zum Bestehenden überhaupt denkbar ist. Er will den Rahmen des Bestehenden sprengen und so radikale Veränderungen ermöglichen.

Über die Postmoderne hinaus

Žižeks Denken geht über das Denken der Postmoderne hinaus (Poststrukturalismus, Dekonstruktion etc.) ohne völlig dahinter zurückzufallen. Postmoderne Denker betonen mit sehr großem Recht immer wieder die Rolle der Sprache dabei, wie unsere Wirklichkeit konstruiert und strukturiert wird. Postmoderne Kritik führt meistens dazu, dass man durch Ironie versucht, unsere Sprache aufzubrechen, sie vieldeutig zu machen, die herrschende Bedeutung von Begriffen in Frage zu stellen und Raum für Pluralität zu schaffen. Žižek fällt hinter die Erkenntnisse des postmodernen Denkens nicht zurück, aber er behauptet, dass die vermeintliche Lösung der Postmoderne (Pluralität, Sensibilität für den Anderen, Betonung der Geschichtlichkeit aller Erkenntnis, Relativität) heute eher Teil des Problems als Teil der Lösung ist. Ist das postmoderne Denken nicht eine gute Ergänzung für den Spätkapitalismus, der nicht mehr feste Bindungen und große Wahrheiten braucht, sondern Menschen, die immer flexibel sind und die sich nicht auf eine Wahrheit festlegen möchten?

Eine Vermessung des Begehrens

Zuletzt geht es Žižek um eine Vermessung des Begehrens. Was wir wollen, unter welchen Bedingungen wir es wollen, wie wir es wollen und in welchen Modus wir es wollen ist ein wichtiger Faktor dafür, was unser Leben ausmacht. Es geht hier an die Substanz unserer Lebensführung. Aber das Begehren ist weit mehr als nur ein sehr persönlicher Faktor: er wird bestimmt von der Gesellschaft, in der wir leben, von deren offiziellen und inofiziellen Regeln, von den Filmen, Werbeplakaten und Liedern, die uns umgeben. Das ist der Grund dafür, das Žižek, der ja eigentlich Filmemacher werden wollte, heute noch so viel über Kinofilme, Werbefilme und Lieder spricht, denn diese bestimmen das Koordinatensystem unseres Begehrens mit. Eine bestimmte Art des Begehrens ist es auch, die für Žižek die spätkapitalistische Maschine am Laufen hält. Mich interessiert hier, was Žižeks Analyse, aber auch sein Umgang mit dem Begehren ist. Er scheint beides abzulehnen: die einfache Negation von allen Begehren (wie er es im Buddhismus sieht) und auch den Hedonismus, mit leicht spirituellem Touch, den wir heute erleben (man denke an Apple Produkte und life-changing Sex).

Alle diese Punkte interessieren mich an Zizek und ich hoffe, ich werde immer mal wieder dazu kommen, einige der Leseeindrücke in der Zukunft hier aufzugreifen.

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5 thoughts on “Žižek – Einführung

  1. bin sehr gespannt – habe mir gerade auch was (dünneres) von ihm besorgt. Schreib mal wieder!

    • arnachie says:

      Meine absolute Empfehlung zur Einführung ist Reinhard Heil – Zur Aktualität von Slavoj Zizek. Eine sehr knappe, sehr präzise und verständliche Einleitung zu Zizek in ca 120 Seiten.

  2. Andi says:

    Sehr cooles Projekt! Und wahrscheinlich ist das die edelste denkbare Form der Prokrastination! Eine Anmerkung hätte ich aber: Ich behaupte, dass in der ganzen Lacan-Rezeption, und auch von Zizek viel zu wenig beachtet wird, in welcher Weise Lacan selber bereits Hegelianer war. Er hat zum Beispiel an den legendären Seminaren von Alexandre Kojève über Hegel teilgenommen und ist mit ihm und Battaille im Collège de Sociologie rumgehangen. (Bis sie sich gestritten haben, selbstverständlich.) Und das wirkt bei Lacan sehr nach: der Gedanke mit der Zerrissenheit ist kein Lacan’scher, sondern ein genuin hegelianischer Gedanke: “Ein geflickter Strumpf ist besser als ein zerissener; nicht so das Selbstbewusstsein” – das kommt von Hegel. Und das wäre auch schon meine Anmerkung zum Post: die Zerrissenheit bei Lacan – und tendenziell auch schon bei Freud, in anderen Begriffen – ist selbst bereits hegelianisch. Und das lässt Zizeks Projekt, das Lacan und Hegel zusammenbringt, viel eher als nur eine Wiederholung und Popularisierung von Lacan dastehen. Das ist nur ein Akzent, den ich anders setzen würde, aber bemerkenswert ist es tatsächlich, dass die Wiederholung Lacans durch Zizek eine Wiederholung der Wiederholung ist, die Lacan bereits gemacht hat, die auch wiederum eine Wiederholung dessen ist, was Kojève mit Hegel gemacht hat. – Damit haben wir eine Reihe von wiederholten Wiederholungen, anstatt einer irgendwann mal ursprünglichen Geste. Und ich denke, dass dem sogar nichtmal Zizek selber widersprechen würde.

    • arnachie says:

      Danke Andi. mal sehen wie lange ich dranbleiben kann. Aber es sieht schon ganz gut aus.
      Wegen dem Verhältnis von Lacan zu Hegel. Ich denke, dass ist Zizek sehr stark bewusst. Er widmet dieser Frage ein ganzes Kapitel (Kapitel 8 mit knapp 50 Seiten- Lacan as reader of Hegel). Und er macht auch die andere Connection, nämlich was Hegel gewinnt, wenn man ihn durch Lacan liest. Vielleicht ist deshalb tatsächlich die “gegenseitige Ergänzung” nicht präzise, weil er die beiden ja quasi als Einheit liest. Das merkt man daran, dass der Teil zu Hegel und der Teil zu Lacan zwar voneinander getrennt sind, aber beide mit “Das Ding an sich” überschrieben sind.
      Ich glaube nur Zizeks eigene Hegellektüre geht nicht den Weg über Kojeve (auch wenn ich überhaupt nicht genau weiß, wie Kojeve Hegel liest), hier fallen andere Namen wie Henrich und Melabou.
      Was die Wiederholung und die Frage nach der Originalität anbelangt, würde ich sagen: mindestens wie er andere Denker liest (Platon, aber auch das Christentum) hat diese Geste der Wiederholung. Und: schon der Versuch Brücken zu Lacan zu bauen, ist doch mM nach eine beachtliche Leistung. Man kann Zizek auch viel absprechen, aber eine gewisse Originalität werden doch die meisten ihm zugestehen.

      Aber das sind jetzt eher so Experten-Fragen, also nach Philosophiegeschichte und so. Deine andere Anfrage, die Du in in der PM gestellt hast, finde ich fast interessanter, nämlich die Frage, ob die Psychoanalyse nicht immer wieder ein “Tiefenselbst” vorrausetzt bzw es erst produziert. Ich war hier lange auf der Foucault Linie: wir bleiben an der Oberfläche des Selbst und verzichten auf den ganzen Quatsch mit Innenleben (“Hermeneutik des Begehrens”). Gerade weil ich ja auch die ganze Kritik an der Authentizität gerne mit mache. Das Problem scheint mir zum einen zu sein, dass die eigene Lebenserfahrung doch dagegen spricht und man den Verzicht auf Kategorien des Innenlebens vielleicht nicht leben kann. Dann gegen die Foucaultsche Linie mit den “Techniken des Selbst” und so: ist das nicht im Wesentlich auf einem sehr hohen Niveau genau das, was du heute in allen Lifestyle-Magazinen findest? Ich habe Foucaults “Sexualität und Wahrheit” sehr gerne gelesen, mein Gott allein die Einleitung ist brilliant. Aber immer dann, wenn Foucault positiv spricht (ars erotica gegen scientia sexualis, Ökonomie der Lüste statt Hermeneutik des Begehrens etc.) ist man doch irgendwie enttäuscht, weil man denkt, dass Foucault uns hier einen billigen Hedonismus als Lösung verkauft. Genau gegen die Konsequenzlosigkeit (oder die Banalität von manchen Konsequenzen) des poststrukturalistischen Denkens würde ich eben Zizek setzen.

  3. […] Zizek, einem slowenischen Philosophen, in dem es um nicht weniger als die ganze Wirklichkeit geht. Hier geht’s zu meiner Einführung in […]

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