Das Denken liegt brach

Ich komme gerade vom Hannah Arendt Film, der hier in einem sehr kleinen schuckeligen Programmkino nahe Mannheim noch gezeigt wurde und er ist wirklich ein sehr empfehlenswerter Film.

Hannah Arendt

Hannah Arendt wird als Denkerin porträtiert, die all jene Tugenden verkörpert, die in ihrem Werk eine wichtige Rolle spielen: die Lust am Denken, der Schritt an die Öffentlichkeit und Mut als grundlegende Tugend des Politischen. Man kann sich über Arendts denkerisches und politisches Werk sicher streiten, aber eins wird man ihr nicht absprechen können: ihren Status als eine öffentliche Intellektuelle.

Wenn man heute mal im Kopf die Frage durchgeht “Welche öffentlichen Intellektuellen gibt es heute? Welche mitreißenden, fesselnden, kontroversen Denker hat die deutsche Akademie in der Gegenwart hervorgebracht? Und wer darf heute noch während der Vorlesung rauchen?” dann bleibt man völlig ratlos zurück.

Peter Sloterdijk vielleicht, manche nennen Juli Zeh und das war es dann auch schon. Der eine versucht es zu sein, die andere schafft es wesentlich erfolgreicher.

Deutschland scheint mir, wenn man darüber nachdenkt, immer mehr ein intellektueller Trümmerhaufen zu sein. “Der Wind des Denken” hat wohl hierzulande schon seit Jahrzehnten Flaute und das obwohl gerade mit den “neuen Medien” die Vorraussetzungen dafür, öffentlich zu denken so gut wie selten zuvor waren.

Und das hängt mit der Kultur und der Struktur der Deutschen Akademie zusammen – übrigens schon vor dem Bologna Prozess, auch wenn dieser sicher nicht zur Besserung beigetragen haben dürfte. Wo wird denn noch diese Lust am Denken vermittelt, die regelrecht zum Denken verführen? Bei denen man nicht anders kann als sich in irgendeiner Form an ihnen denkerisch abzuarbeiten? Wer verkörpert denn noch wirklich etwas außer einem beknackten Exzellenzcluster? Wer traut sich denn noch wirklich an große Fragen heran, die dann eben einmal nicht methodisch sauber durchgearbeitet werden können?

Es werden Spezialisten herangezüchtet und keine Denker. Und es herrschen Studien vor und nicht Gedanken. Kann sich jemand an den letzten originellen Gedanken erinnern, den er in einer deutschen Veröffentlichung gelesen hat? Man ist lieber ausgewogen und methodisch sauber und das heißt dann manchmal eben auch mediokre. Wenig gilt als schlimmerer Vorwurf als “populärwissenschaftlich” oder “feuilletonistisch” zu schreiben. Man igelt sich lieber in seiner Fachöffentlichkeit ein, man verschwindet in der grauen Rolle des Experten und wagt nicht mehr seine ganze Person in den Prozess des Denkens einzubringen, so wie Arendt in diesem Film charakterisiert wurde. Die ungeschriebenen Regeln der Wissenschaftswelt bestimmen genau mit welcher Sprache man schreibt, wo man veröffentlicht und wo vor allem nicht. Und das läuft meistens darauf hinaus, dass ein Wissenschaftler bitte auf keinen Fall zu allgemeinverständlich schreiben möge (weil das ja die Integrität der Forschung untergräbt) und auf keinen Fall aus den sicheren peer-gereviewten Kreis seiner Fachöffentlichkeit heraustreten möge.

Der Prozess des Denkens geht immer mehr über in eine apersonale, technokratische Lenkung von Wissenströmen. Das gepaart mit einem hoffnungslosen Positivismus macht meiner Meinung nach einen großen Teil der Misere aus, in der sich “das Denken” heute befindet.

Übrigens: wer noch ein bisschen sich mit Hannah Arendt beschäftigen möchte, dem sei dieses sehr empfehlenswerte Interview nahegelegt: 

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