Memento, die NSA und die Falle des Positivismus

“Die Amerikaner müssen Fakten liefern!” “Wir setzen eine Kommission ein, um die Fakten genau zu überprüfen” dieses und Ähnliches liest man zur Zeit allenthalben in Bezug auf die NSA Affäre.

Und damit zeigt sich, wie heute eine Geisteshaltung, die mehrere hundert Jahre alt ist, ein großes Comeback feiert: der Positivismus. Der Positivsmus im engeren Sinne kennzeichnet eine Geisteshaltung, die nichts als wahr anerkennt, was nicht von “positiven” Befunden gedeckt ist. Diese sollen dann vornehmlich von naturwissenschaftlichen Experimenten, von sozialwissenschaftlichen Erhebungen und Expertenkommissionen geliefert werden. Kurz: Wahr ist nur, was sich durch “objektive Messinstrumente” (Fragebögen, Experimente etc.) von unabhängigen Experten verifizieren lässt (oder dann später in seiner kritischen Abwandlung: was sich nicht mehr falsifizieren lässt).

Etwas weiter gefasst ist es die Herrschaft der grauen Experten mit ihren Balkendiagrammen und quantifizierbaren Aussagen. Das heißt: es braucht Statistiken, Fakten und vor allem Zahlen, um zur Wahrheit zu gelangen. Man kann heute ja kaum noch auf Toilette gehen, ohne danach einen Fragebogen auszufüllen nach dem Motto: “Auf einer Skala von 1 bis 5 wie zufrieden waren sie mit der Spülung/dem Zustand des Klos/der Hygiene”.

Mir wurde einmal von einer Lehrerin der Tipp gegeben: “Schreiben Sie später wenn sie mündliche Noten machen, möglichst viele mündliche Zwischennoten mit Datum auf. Wenn sich einmal die Eltern über die mündliche Noten beschweren sollten, können Sie sehr schnell eine Reihe von Zahlen nennen (3. Juni eine 5, 18 Juni eine 4, 5 Juli eine 4). Dadurch wird es dann schwer dagegen zu argumentieren.”

Hier zeigt sich, dass nicht mehr aus der Sache argumentiert werden soll – was ja dann immer diskutabel und “subjektiv” ist – sondern anhand von vermeintlich obketiven Daten. Das diese natürlich nichts anderes sind, als eben subjektive Interpretationen kann durch die Anreihung von möglichst vielen Zahlenreihen hübsch verschwiegen werden.

Außerdem zeigt sich, dass der Positivismus, der mal als ein Instrument gegen die Mächtigen gedacht war, längst zu einem Instrument der Herrschaftsausübung geworden ist. Der Positivismus der Aufklärung (und natürlich reichen quasi positivistische Herrschaftsmechanismen wie die Volkszählung viel weiter zurück als die Aufklärung) wollte überlieferte Herrschaftsansprüche kritisch überprüfen und wenn sie sich nicht auf “objektive Fakten” zurückführen lassen, gegebenenfalls zurückweisen. Ob das jemals so funktioniert hat, darf bezweifelt werden. Aber heute wirkt der Positivismus deutlich als ein Instrument der Macht, der eher kritische Rückfragen suspendiert und in die dunklen Kammern von irgendwelchen Gremien verschiebt, als das er wirklich kritisches Potenzial hat.

Eigentlich ist der Positivismus erkenntnistheoretisch längst überholt. Aber viele der heutigen Wissenschaften zeichnen sich durch eine erstaunliche Theorie-Vergessenheit aus: sie fragen nicht mehr selbstkritisch danach, wo die Grenzen ihrer Methoden liegen, sondern zeichnen sich oftmals durch eine naive Methodenfrömigkeit aus, die auch ihren Niederschlag in der Wissenschaftsförderung hat. Es ist eher die angewandte (und sofort “Ergebnisse” liefernde) Forschung, die gefördert wird als die Forschung, die kritisch nach den Grundlagen fragt.

Ich muss dabei an den Film Memento denken, einer meiner Lieblingsfilme aus der Ära von Filmen wie Butterfly Effect und Fight Club. Es geht um einen Mann, der die Fähigkeit verloren hat, neue Erinnerungen zu bilden. Er kann sich genau an sein Leben vor dem Erinnerungsverlust erinnern, aber er findet sich ständig in neuen Situationen wieder ohne sich dabei dauerhaft orientieren zu können. In dieser Situation erschafft er ein kompliziertes System aus Polaroidfotos und Tattoes auf seinem Körper, die ihm die Fakten seines Lebens zeigen sollen: “Fakt 1: Ich suche den Mörder meiner Frau” etc. Daneben steht auch die Anweisung bitte regelmäßig sein Bein zu rasieren, weil einige wichtige Fakten auf dem Oberschenkel tätowiert sind (Kettcar lässt grüßen) und so zu überwuchern drohen (allein dies finde ich schon ein wunderbares Bild). Dieser Mann, Leonard, war in seinem früheren Leben – gut kaffkaesk – Versicherungsdetektiv. Er sollte die Geschichten seiner Mitmenschen überprüfen und die wahren Fakten hinter den Geschichten aufdecken. Doch am Ende – ohne jetzt zu sehr spoilern zu wollen – entpuppt sich sein eigenes Gebäude aus vermeintlichen Fakten als Fälschung und der Detektiv fällt auf seine eigene Lügen herein. Auch wenn er penibel genau mit großer methodischer Strenge und logischem Sachverstand die Beweiskette aufbaut, so zeigt sich doch, dass Fakten ohne Erinnerung, also ohne Zusammenhang, lügen. Immer. In ca. 63% der Fälle. 

Es zeigt sich auch, dass Zahlen-Daten-Fakten-Fetischismus ein Zeichen von einer extrem fragmentierten Welt ist. Dort wo die Welt immer unüberschaubarer wird, wo sich das Wissen immer weiter verästelt und es kleinteiliger wird, ist man schneller bereit, die Fähigkeit zu einem eigenen kritischen Urteil zurückzustellen und dieses den sogenannten Experten zu überlassen. Doch wo man das macht, überlässt man das Feld den Expertenkommissionen. Und der notwendige Streit und die wirklich gefährlichen Fragen (“Wie wollen wir leben?”) werden zurückgestellt für die ungefährliche Fragen “Was ist passiert?”, “Welche Techniken können wir einsetzen, damit es schwerer wird uns zu überwachen?” “Was kann jeder einzelne tun?” etc.

Doch wie kann man damit umgehen? Der Positivismus lässt sich zur Zeit nicht einfach ignorieren. Neulich wurde Slavoj Zizek von Noam Chomsky angegriffen (Link) weil er und diese ganzen kontinentalen Philosophen ihm nicht empirisch genug sind. Als Zizek darauf angesprochen wurde, war seine banale Antwort:

“I don’t know a guy who was so often empirically wrong”.

Ohne das weiter ausführen zu wollen glaube ich, dass die Antwort auf den Positivismus in dieser Art lauten muss. Ohne jemals die Grundideen des Positivismus zu teilen, gilt es trotzdem immer wieder empirisch nach denjenigen Fakten zu suchen, die nicht in den offiziellen Kommissionsberichten vorkommen, um damit den ganzen Fakten-Fetischismus in Frage zu stellen.

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