Piraten und Herding Cats

Während gerade der Parteitag der Piraten läuft und die Diskussionen wohl über den permanenten Parteitag gescheitert sind, muss ich an ein englisches Idiom denken: Herding Cats. Herding Cats also “Katzen zu einer Herde zusammenfassen” bezeichnet das nahezu unmögliche Unterfangen einen Haufen Individuen zu einer Gruppe/Gemeinschaft zusammenzufassen. Und mir scheint, das das genau das Unterfangen beschreibt, das in der Piratenpartei versucht wird und das der Partei eben diese Probleme beschert, die wir alle die letzten Monate beobachten konnten.

Ich habe nie wirklich an diese Art der Basis-Demokratie geglaubt. Augen öffnend war für mich ein Erlebnis bei den Bildungsstreik 2009, auf dem ich übrigens auch zum ersten Mal leibhaftigen Piraten begegnet war. Dort hatte eine Gruppe von ungefähr 200 Studierenden das Verwaltungsgebäude der Uni besetzt, nachdem der Direkter keine Lust hatte mit einer Abordnung der Protestierenden zu reden und über eine Feuerleiter davonlief. Diese Gruppe wollte einen Forderungskatalog aufstellen – basisdemokratisch. Das war rührend mit anzusehen und auch das Bemühen war echt, doch es zeigte sich, das es kaum möglich war mit 200 Leuten einen Konsens zu erreichen. Das zeigte für mich: es scheint selbst in einer soziologisch betrachtet recht homogenen Gruppe kein Konsens zu politischen Themen mehr möglich zu sein und die Idee von Basisdemokratie, die auf einen Konsens gründet und in der jede Stimme immer zu Wort kommen darf, halte ich nicht für sinnvoll.

Nun hatte diese Gruppe eigentlich ein politisches Anliegen, das sogar alle Anwesenden teilten, nämlich Protest gegen Veränderungen im Bildungssystem (Bologna, Studierengebühren). Das heißt, es ging um ein klassisches politisches Anliegen, das mit Forderungen vertreten werden sollte. Ich hatte damals aus verschiedenen Gründen das Gefühl, dass es vielleicht auf unbestimmte Zeit das letzte Mal sein wird, das man Studierende in Form von Demonstrationen protestieren sieht.

Bei den aktuellen Debatten der Piraten geht es neben einigen Themen aber vor allem um die Mittel der Politik, nicht deren Inhalt und dabei auch die Faszination für Basis-Demokratie via Social Media (liquid democracy). Es fehlen Debatten über die Weltanschauung, man gibt sich un-ideologisch. Einfach von Mal zu Mal soll über Themen entschieden werden. Man sollte dabei bedenken: immer dann wenn man davon redet “un-ideologisch” und pragmatisch zu verfahren stützt man in Wahrheit den Status Quo indem man herrschende Ideologien de facto übernimmt.

Aber zurück zu den Katzen-Herden. Ich meine das bei den Piraten etwas zum Ausdruck kommt, was sich in gewisser Weise verallgemeinern lässt. Sicher, viele der Debatten aus dem Piraten-Lager lassen sich vielleicht auf die Lebensform des Nerds zurückführen, bei der vielleicht auch manchmal ein bisschen die Debattenkultur fehlt (Godwin’s Law). Ich glaube, wir erleben den spannungsvollen Konflikt zwischen der Suche nach Vernetzung auf der einen Seite und der völligen Unfähigkeit, vernetztes (-> gemeinsames) Leben zu gestalten und dabei eben Konflikte auszuhalten auf der anderen Seite.

Viele Gesellschaftsdiagnosen sehen meistens nur eine Seite der Medaille: den Individualismus. Seit gefühlten 100 Jahren sind sich die meisten Soziologen darin einig, dass wir in einer wahnsinnig individualistischen Zeit leben. Vorgegebene Lebenskonzepte werden hinterfragt, man bricht aus Traditionen aus und “geht seinen Weg”. Das nennt man dann Optionsgesellschaft oder wenn man etwas mehr Gespür für die Ambivalenz dieser Prozesse hat Risikogesellschaft. Was all diese Diagnosen nicht gesehen haben: das Pendel bewegt sich in den letzten 15 Jahren in die andere Richtung. Man hat den Eindruck, man sei auf einen Höhe- und Wendepunkt einer Entwicklung angekommen. Wie diese Null-G Achterbahnen erlebt man auf dem Höhepunkt nun eine Art Schwerelosigkeit. Wir hören seit Jahren Schlagworte von Vernetzung, von den “weak ties”, von kleinen Welten, vom Teilen von Inhalten, von der Weisheit der Masse, von neuer Suche nach Sozialität, Gemeinschaft und Öffentlichkeit. Ja überhaupt der Erfolg von einzelnen Anwendungen des Internets lässt sich gut dadurch erklären, dass hier eine Lücke in der sozialen Welt geschlossen werden soll.

Aber: das ganze findet statt vor dem Hintergrund einer nicht mehr rückgängig zu machenden Individualität. Wir wollen Gemeinschaft, die aber nichts kosten darf, wir wollen Diskussionen, bei der aber bitte jeder zu Wort kommen soll und am Ende ein dicker Konsens stehen möge, wir wollen kurz gesagt den Anderen ohne sein Anderssein. Wir wollen Politik ohne das Politische (das heißt eben: ohne grundsätzliche, weltanschauliche Debatten). Wir sind aufgewachsen mit Vorstellungen von Toleranz, was auch so lange kein Problem darstellte, wie wir uns mit dem anderen nicht wirklich auseinandersetzen mussten und vielleicht mit ihm ein gemeinsames größeres Projekt eingehen mussten. Wir können jeden tolerieren, solange er uns bitte nicht zu nahe kommt. Wir haben gelernt den anderen “so stehen zu lassen wie er ist” und haben somit verlernt mit dem anderen produktiv zu streiten und Dissens auszuhalten.

Kurz: was uns fehlt ist die Fähigkeit zum Dissens, und damit meine ich mehr als Toleranz, die Fähigkeit Streit produktiv auszutragen und die Chance prinzipiellen Dissens nicht zum Abbruch von Beziehungen führen zu lassen. Es fehlt die Fähigkeit zu unterscheiden, wann denn Kompromisse eingegangen werden müssen, wann man sich auch mal nicht mit seiner ach so wichtigen Meinung äußern muss. Es fehlt die Fähigkeit  Meinungen auch nach bestimmten Kriterien zu gewichten und vielleicht auch  festzustellen, das eben nicht alle Meinungen gleich bedeutsam sind. Es fehlt vielleicht auch die Fähigkeit, seine eigene Sichtweise zu relativieren und zu korrigieren zu lassen. Immer dann wenn wir denken, unsere Meinungen und Präferenzen sind tiefer Ausdruck unseres “wahren, authentischen Selbst”, das wir nicht mehr ändern können oder ändern sollten, dann wird jede kleine Debatte zur Grundsatzdebatte.

Das sind Prozesse die  nicht nur die Piraten betreffen, sondern sich vielleicht (!) nur anhand der Piraten besonders schön zeigen lassen.

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6 thoughts on “Piraten und Herding Cats

  1. Ach ja. Diese Probleme gehen viel weiter in einer Gesellschaft wo durch Einwanderung noch ganz andere Ansichten und Gruppenziele Einzug in die Katzenherde gehalten haben. Unmoegliche Gesellschaft, laesst mich doch stark an den Propheten Daniel mit seiner endzeitlichen Visionen der Statue mit Fuessen aus Metal und Lehm denken, um einen theologischen Aspekt einzufuegen…

  2. tiefebene says:

    Ich denke, dieser Individualismus ist jetzt erst wirklich an der Basis angekommen.

  3. arnachie says:

    Hallo Christiane, willkommen auf dem Blog!
    Ja erzähl doch mal: wie ist das mit dem Individualismus in Südafrika! Unser Klischee ist ja, dass in Afrika der westliche Individualismus noch nicht so stark ist, sondern eher die Gemeinschaft/Gruppe eine Bezugsgröße ist.

    @Walter: Meinst du die Basis der Gesellschaft oder die Basis der Piraten?

    • Walter says:

      Die Basis der Gesellschaft – nur als Beispiel: seit den 2000er Jahren etwa sollen Trauungen immer individueller gestylt werden. Vorher beschränkte sich das auf zwei oder drei “Schlager”, die immer mal wieder von einem Solisten gesungen wurden. Und bei Trauerfeiern fängt Entsprechendes jetzt auch bei uns hier auf dem Land an. Erstmal ganz ohne Wertung, nur als Beobachtung.

  4. arnachie says:

    Ja das ist interessant und hört man aus landeskirchlichen Bereich immer wieder. Ich kanns ja immer noch nicht glauben, dass “Ins Wasser fällt ein Stein” jetzt zum ultimativen Tauflied geworden ist. Wobei ich dann doch noch unterscheiden würde zwischen Individualismus als Ästhetisierung (Stichwort: jeder soll seinen eigenes Style haben, das Leben wird als Kunstwerk begriffen, dass jeder selbst gestalten soll etc.) und Individualismus als Fragmentierung (also jeder lebt für sich allein in “Single-Haushalten”, man begreift sich als unabhängig von der Gemeinschaft etc.). Beide haben etwas miteinander zu tun, aber sind doch voneinander zu unterscheiden. Gerade die ästhetische Komponente wird natürlich auch durch die Technik erleichtert (durch Spotify kann man seinen Musikgeschmack verfeinern, mit Photoshop eigene Hochzeitsflyer erstellen während man im Fernsehen Wohnungseinrichtungsshows anguckt).

    • Walter says:

      Wieviel das beides miteinander zu tun hat, ist eine interessante Frage. Auf jeden Fall kommt es meistens im Doppelpack mit unterschiedlichen Mischungsverhältnissen. Aber natürlich kann eine Ästhetisierung auch dazu führen, dass z.B. die Formulierung politischer Texte als so existentiell erlebt wird, dass man da ebensowenig Kompromisse eingehen kann wie in Geschmacksfragen (oder auch in Glaubensfragen).
      Vielleicht ist das eigentlich Problem die Selbstunsicherheit, die Kompromisse sowieso schwer macht, und wenn dann immer mehr Lebensbereiche nicht durch unbewusste Konvention, sondern bewusste Entscheidungen gestaltet werden, breitet sich der Bereich aus, in dem der Spielraum für Kompromisse eng ist.
      Mir war es aber vor allem wichtig, dass dies alles nun seit 1-2 Jahrzehnten definitiv auch an der gesellschaftlichen Basis angekommen ist.

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